SAGEN.at >>Informationen, Quellen, Links >> Dokumentation >> Anton Renk, Kraut und Ruebn.

   
 

Heiligwasser.

Der Frühling ist da! Die Gentianen schreiben den Satz mit dunkelblauen Buchstaben in's Grün der Steilwiese, ihre vertrautesten Freunde, die Mehlprimeln, mühen sich mit demselben Satze in zierlichen, rosenroten Lettern und die lilafarbene Waldrebe schlingt sich am Fichtenbäumchen empor und flüstert ihm die gleiche Kunde vor. An dem schmelzenden Schneefleck erzählen sich's die letzten zitternden Eisglöcklein mit ihren Kinderstimmen und ahnen nicht, wie bald sie sterben müssen. Das Fettkraut und der Alpenlattich haben die Botschaft auch schon vernommen; sie lachen den gelben Zitronenfalter, welcher ihnen damit eine Neuigkeit zu sagen glaubte, wacker aus, geben ihm aber doch als Botenlohn süßen Blütenhonig.

Also ist das Blütenleben auf der Steilwiese unter dem "heilig Wasser" und am Waldrande. Damit uns aber die weltliche Frühlingsfreude nicht allzusehr die Gedanken von unserer ewigen Bestimmung abziehe, stehen weißgetünchte Kapellen am Wege, in welchen sich die Stationen des bitteren Leidens unseres lieben Herrn Jesu Christi sich befinden. Daraus wird jeder in Tirol Kundige entnehmen, daß der Weg nach einem Wallfahrtsorte führe. Daß er mit dieser Vermutung recht hat, bezeugt das weiße Kirchlein über der Wiese und der sich daran anschließenden, abgeholzten Halde. Ebenso wird jeder Kundige annehmen, es sei nicht in allzu weiter Entfernung von der Wunderstätte ein Wirtshaus ... und wenn dieser Kundige nun gar weiß, daß dieses Wirtshaus dem behäbigen Kloster Wilten gehört und daß die guten Patres desselben in weißem Habit nicht ungern auf die ausblick- und gnadenreiche Berghöhe wallfahrten, so wird er ohne besonders verzwickte Anwendung von Logik daraus schließen, daß die Keller des Wirtshauses kein übel Weinlein bergen.

Das ist also der Wallfahrtsort "unserer lieben Frau zum heiligen Wasser", ein Kirchlein an den waldigen Böschen des Patscherkofels. Auf den Bänken zwischen Kirche und Wirtshaus ist es gar prächtig zu sitzen, eine glänzende Talschau, von den Felsriegeln des Oberinntales bis zu dem in leichtem Violett verschwimmenden Kellerjoche, dehnt sich vor dem glanzgeblendeten Auge und hat als sein Zentrum die Landeshauptstadt Innsbruck.

Das Plätzchen ist durch mancherlei berühmt geworden - durch das Heiligwasserwunder, durch den Heiligwasser-Esel und durch die Heiligwasser-Nanni, durch das Heiligwasser-Wasser, durch die Heiligwasserknödel und durch den Heiligwasserwein.

Letztere drei guten Dinge lassen sich nicht wohl beschreiben, sondern müssen einfach verkostet werden, d'rum will ich nur von den ersteren drei erzählen.

Es war zu Anfang des 17. Jahrhunderts, als die beiden Tiroler Bauernbüblein Johann und Paul Mair 12 und 14 Jahre alt waren. Diese beiden wanderten gar betrübt durch den Hochwald empor, denn es war am vorigen Abend ein halb Dutzend Rinder verloren gegangen, welche sie jetzt suchen sollten. Aber plötzlich hielten die Knaben erstaunt stille, denn sie sahen eine blendende Helle um sich und sahen Gestalten aus dem Walde treten, welche einen ganzen langen Wallfahrerzug bildeten. Zuvörderst wurde eine rote Fahne getragen. Die Hirtlein wußten wohl, daß durch dieses "finstere Gesträuh" kein Weg führe und nirgends eine Wallfahrt im Hochwalde sei.

Sie stiegen also staunend empor und kamen endlich an den Platz, wo heute die Kirche steht. Hier sollten sie noch viel Wunderbareres erleben. Es stand eine schöne Frau in blauem Mantel und braunrotem Rocke, welche ein schneeweiß gekleidetes Knäblein, das die kreuzbesteckte Weltkugel trug, an der Hand führte. Auf dem Haupte der Himmelskönigin lag eine Krone, von welcher alles Licht ausströmte, und zu ihren Füßen sprang eine frische, singende Quelle, welche früher nicht dagewesen war. Nun fragte die Frau die Kinder, was sie hier suchten und wies auf deren Antwort nach einem "erhabenen Gebirgspunkt", wo die Rinder, von der Sonne grell beleuchtet, weideten. Ferner trug sie den Knaben auf, sie sollten den Priestern im weißen Habit, welchen sie begegnen würden, verkünden, daß man ihr zu Ehren hier bei den Taxen eine Kapelle bauen möge. Sie neigte sich noch mit ihrem Kinde über die neuerflossene Quelle und beide segneten diese mit ihren "schneeweißen Händen". - Die Brüder fanden nun die Rinder und sahen auch beim Abstiege die beiden Seelsorger, sagten aber denselben nichts. Erst als
nach fünfzig Jahren der eine derselben mit einem fünfjährigen stummen Knaben den Ort der Erscheinung besuchte und dort ein neues Wunder - der Knabe fing plötzlich an zu sprechen und begrüßte die Muttergottes - geschah, wurde die Sache bekannt, eine Kapelle erbaut, ein altes Bild aufgestellt und mannige Wallerscharen zogen nun bergaufwärts, insbesondere als ein Kreuzweg gebaut wurde und Papst Pius VII. einen Ablaß ausschrieb.

Ein Wallerlied besagt:

Wenn der Himmel lang geschlossen
Und noch Tau, noch Regen flössen.
Wo war wohl eu'r Zufluchtsort?
Bei den heft'gen Regengüssen,
Wer half euch die Wolken schließen,
Als Maria durch ihr Wort?

Solches verzeichnet ein Wiltener Chorherr anno domini 1805.

Also Wunder über Wunder!

Und wirklich! Man kommt aus den Wundern völlig nicht heraus. Der tiefblaue Frühlingsenzian ist kein kleineres Wunder, als die versteinerte Riesenkönigin Frau Hitt, die gerade uns gegenüber in die strahlende Bläue ragt. Doch wer wollte an einem Frühlingstage in der Hochwelt droben die Wunder zählen?

Wohin das Auge sah, das lichtentzückte,
Noch überall ein Wunder es erblickte.

Und jetzt kommen die Knödel auf den Tisch, deren Größe sich völlig zu den Wundern zählen läßt. Mein Freund wundert sich, daß er schon das vierte Viertel feurigen Tirolers trank, und die Kellnerin wünscht "an g'segn't'n".

Aber nun läßt sich noch etwas vernehmen. Freundlich, verbindlich, immer Zustimmend, wie ein österreichisches Delegationsmitglied, läßt ein lautes Jah der berühmte Heiligwasser-Esel vernehmen. Dieses Jah wird zu unserer Tafelmusik. Der alte Grauhaar ist noch "g'sund auf der Brust", sonst könnte er nicht mehr die schweren Botengänge in's Tal unternehmen. Von diesem integrierenden Bestandteil des Heiligwassers weiß der Schweizer Dichter Balthasar Hunold etwas zu erzählen. Er schrieb:


Ja, der Heiligwasser-Esel!
- - - - - - -
Doch die schönste der Geschichten
Bleibt uns ewig unvergessen,
Wie er einem Herr Professor '
Einst vom Tisch das Brot gefressen
Und wie dieser, lamentierend,
Bitter den Verlust beklagte,
Dann ein gar zu feiner Witzbold
Tröstend zum Beraubten sagte:
Herr, verzeiht doch das Verbrechen,
Das der Esel heut' begangen;
Dieses Stücklein Brot - es wäre
Seinem Schicksal nie entgangen!

Also das ist vom Esel zu vermelden.

Und nun noch ein Stücklein von der Heiligwasser-Nanni, die jetzt auch den Löffel weggelegt hat. Sie, die einst so viel von der Erde in Blüten unter sich gesehen, hat jetzt ein Häuflein Erde mit ein paar armseligen Blümlein über sich.

Die Heiligwasser-Nanni war eine alte, fromme Person, die während der Kirchzeit keinem Wanderer Labung bot. Schneeweißes Haar bedeckte ihren Scheitel. Aber sie war bis an ihr Ende rüstig und auch lustig, nur in Sachen des Geldbeutels verstand sie wenig Spaß. Auch der Heiligwasser-Nanni war es aufgegangen, daß für Tirol eine andere Zeit beginne, seit die vielen, vielen Fremden von überall her in die Täler zogen. Sie sah nun ein, daß der steile Weg zum Wallfahrtsorte, steinübersät und wurzelüberzogen wie er war, wohl ein prächtiges Sündenabbüßungsmittel für schwerbeladene Pilger sei, sah aber auch, daß der Pilger immer weniger wurden und der Fremden immer mehr, daß die Fremden den Geldbeutel weiter aufmachten als die Pilger, und sie ebenso viel mehr dem Heiligwasserwein als dem Heiligwasser-Wasser zusprachen, wie die frömmsten Wallfahrer aus dem braven Oberinntale.

Die alte Heiligwasser-Nanni sah ferner, daß die guten Patres im weißen Habitus, denen die Natur meist eine bedeutende Körperfülle verliehen hatte, sich auf dem holperigen Wege gar hart taten. Die Heiligwasser-Nanni tat selber gern ein gutes Werk und sah es auch mit Freude, wenn andere sich desselben Zieles befleißigten. D'rum dachte die Heilig-Wasser-Nanni: "Jetzt bau' ich mir einen Staffel in den Himmel", und ließ, als sich im Frühling der Besuch des Wallfahrtsortes mehrte, den Weg neu herrichten, damit Hochwürden und Laie, Beamter und Bürger, Bauer oder Handwerker je nach Belieben der Kirche oder dem Wirtshause, dem Wasser oder dem Weine bequemer zusprechen könnten.

Sie entbot deshalb zu den Bauernburschen der umliegenden Dörfer Vill, Igls, Lans und Sistrans, damit ihr diese beiden Zugänge von Igls und Sistrans - letztere die steinerne Stiege genannt - besser in Stand setzten.

Also klang Spaten, Pickel und Schaufel eine ganze Woche lang am Kreuzweg wie an der steinernen Stiege und mancher Schweißtropfen fiel auf die Erde. Steine wurden ausgehoben, Löcher ausgefüllt, Rasen ausgestochen, Wurzeln abgehackt und ausgegraben, bis der Weg fast das typische Aussehen eines solchen, der in den Himmel führt, verlor.

Am Sonnabend Abends vor dem hohen Festtage wurde endlich die Arbeit beendigt, so daß am nächsten Sonntag, wenn in Heiligwasser "'s Fescht ischt", die frommen Waller auf dem neuen bequemen Wege zum Gnadenorte gelangen.

"Die Heiligwasser-Nanni wird wohl zufrieden sein, daß wir zur rechten Zeit fertig geworden", dachten sich die Burschen und stiegen noch am Sonnabend abends zur Höhe empor, um die Tagschichten in Empfang zu nehmen.

Aber die Burschen kannten die Nanni schlecht, die war eine fromme Person, dachte an den Spruch, "was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewänne, an seiner Seele aber Schaden litte", und schätzte ein gottgefälliges Werk bedeutend höher, als die bezahlte Arbeit.

Deshalb sagte sie zu den Wochenlohn heischenden Burschen: "Die Muttergottes weard schon zahl'n" -

Hei, das war ein Fest! Da ging's hoch her. Die Herren vom Stift waren zahlreich vertreten, Bürger und Beamte von Innsbruck ebenfalls und die Burschen von Vill, Igls, Lans und Sistrans hatten gar eine Musikkapelle mitgebracht. Getanzt durfte freilich an einem so ehrwürdigen Orte und an einem so heiligen Tage nicht werden, dafür aber drückten die Heiligen beim Weintrinken und Knödelessen die Augen zu. Es war aber auch aufgetragen, daß sich die Tische bogen, Knödel, Bratl'n, Kraut, Krapfen, Torten und Wein.

Am lustigsten ging's bei den Burschen her, und manchmal mußte die Nanni mit allem Ernste dazwischen fahren, wenn sie gar zu unchristliche Schnaderhüpfeln sangen, wie dieses:

Beicht'n bin i gangen
Bei an Klosterpatta
Und die Bueß hun i bett.
Auf da Gasstloata.

Die Sonne ging den Bergen zu, die Herren aus Innsbruck stiegen langsam abwärts, die Chorherren im weißen Habit saßen noch mit ein paar Bauern zusammen, sie brauchten sich ja nicht zu eilen, denn sie schliefen zumeist heroben. Endlich gingen auch sie und die älteren Bauern; - g'rad die Bueb'n wollten gar nicht vom Fleck und saßen, als ob sie Schusterpech an den Hosen hätten. Da sie schon getrunken hatten, als ob sie alle die Leber auf der Sonnseiten hätten, lärmten sie so, daß der Nanni um den gesunden Schlaf der Hochwürdigen bang wurde.

Aber alles Zureden half nichts - die Burschen sagten: "Mir hamm Dir a den Weg g'macht, geah Nanni, gib uns no an Liter." Also brachte die Nanni noch einige Liter, bis sie endlich, weil der Schlaf der Geistlichen und die Reputation des Hauses auf dem Spiele stand, unerbittlich wurde und geduldig wartete, bis die Gläser leer wurden. Denn das Trockensitzen liebten weder die Burschen von Vill, noch die von Igls, noch die von Lans, noch die von Sistrans.

Endlich waren die Gläser leer und der Starchenhannes sagte: "Iez giahn miar hoam, Bueb'n."

Nun atmete die Nanni erleichtert auf, kam aus dem Ofenwinkel heraus und sagte zum Hannes: "Du hascht zwoa Liter und a Bratl, macht oan Guld'n und zwanz'g Kreuzer."

Der aber ging ruhig zur Tür und sagte: "Die Muttergottes werd schon zahl'n..." "Die Muttergottes werd schon zahl'n, die Muttergottes werd schon zahl'n", scholl es lärmend aus aller Mund, und auf einmal war die Stube leer.

Tausend Sterne standen am Himmel. Leuchtende Stille lag über dem Tale, zur halbohnmächtigen Nanni aber tönte der Ruf: "Die Muttergottes werd schon zahl'n!" empor.

Ob es gescheh'n, hat die Nanni nie erzählt, d'rum weiß ich auch nichts mehr vom heiligen Wasser zu verkünden.

Quelle: Anton Renk, Kraut und Ruebn. Kleine Geschichten aus Tirol. Linz 1904, S. 39 - 50.
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Helene Wallner, September 2005.
© www.SAGEN.at