SAGEN.at >>Informationen, Quellen, Links >> Dokumentation >> Anton Renk, Kraut und Ruebn.

   
 

Die Grotte.

An den dornigen Sträuchern glühten die roten Hetschepetsch (Hagebutten) am Wegrande und erzählten von der gestorbenen Wildrosenpracht. Die Beiselbeeren (Berberitzen) trugen ihr grelles Korallengeschmeide und noch andres purpurnes Gehäng leuchtete an den Zäunen.

Im Ländle reimen sie davon:

Pfaffakäpple rosarot,
Inwendig sidagehl' (seidengelb)
Un wenn ma uf de Kerne kommt,
So händs a bittres Mehl.

Kardinalpurpurn hängen die Trauben vom Gestäud herab. Auch Eschen säumen den Weg, von denen die Bauern das Gilblaub für die Ziegen abnehmen. Hinter den Zäunen aber breiten sich braungelbe Felder, in denen da und dort noch eine trotzige Distel gar nicht sterben will, oder ein irres, halberfrorenes Himmelsschlüsselchen, das ein später Herbstsonnenstrahl herausgelockt hat, sich nicht zu helfen weiß und zitternd fragt: -- ist denn nicht Frühling? Stoppeläcker wechseln mit den Wiesen ... in ihnen stehen einige dunkelblaue, starre Kornblumen, so tot, als wären sie von Papier gemacht, welche bald erblassen im Herbstfrost. Ueber die Aecker schwebt ein von Erdäpfelkrautfeuern herrührender Rauch und das langsame Läuten ruhig weidenden Herdenviehs.

Das alles ist auf einer Hochebene über der Felsenschlucht, welche die Sill durchtost. Manchmal irrt aus der Tiefe ein Eisenbahnpfiff als Mahnung, daß auch in diesen Felsengründen der wollende Mensch sein Machtwort gesprochen. An der Bergseite sehen wir die sanfte Linie des dunkeln Heiligwasserwaldes, welcher uns das tonsurierte Haupt des Patscherkofels verdeckt. Unsern Blicken gegenüber starrt die mächtige Kalkalpenkrone in die Höhe und trägt einen einzigen Krondiamanten, den Firn am Grunde des höchsten Zackens, der Zugspitze, von zwei dreigiebeligen Seitenaltären Serlos und Saile eingefriedet, schauen wir den silberschimmernden mächtigen Hochaltar der Stubaier Ferner, von einem leichten, wehenden Weihrauchdunst umzogen.

Und über alles ein unendliches Blau und in ihm stolz und ewiglich, als wollte sie wieder Leben wecken, die heilige Sonne.

Die Sonne lügt nicht ... sie weckt auch jetzt Leben, sie weckt immer Leben; aber jetzt arbeitet sie in jenen geheimen Tempeln der Natur, in die wir Sterbliche nicht eintreten dürfen. Eine schlanke Kirche, von einem engen Gottesacker umfriedet, von einem steilaufgebauten Dorfe, an dessen oberster Häuserfront die alte Römerstraße vorbeizieht, umgeben, ragt auf. Das ist das Dorf Patsch.

In der Kirche selbst erzählt uns Barock seine silbernen und goldenen Märchen und Legenden.

So auch die vom heiligen Donatus, dem Märtyrer und Bischof von Arrezzo, welcher den Zeitpunkt seines Aufdieweltkommens dermaßen ungünstig gewählt hatte, daß sein Wirken in die Zeit fiel, als Julian der Abtrünnige die alten Göttersitze in neuer Pracht erstehen ließ. Der heilige Donatus aber machte zerbrochene Kelche ganz, erflehte vom Himmel Regenwetter nach langer Trockenheit und ging selber, ohne naß zu werden, durch dasselbe in sein Haus zurück. Er erweckte eine tote Frau, welche einen Schatz in Kriegszeiten vergraben hatte, damit sie die Stelle verrate, wo er liege; — er rief einen Mann, der eine Schuld getreulich einem ungetreuen Freunde bezahlt hatte, aus dem Todesschlafe zurück, daß er Zeugnis ablege und bekehrte auf solche Weise eine erkleckliche Anzahl von Heiden. Dies mißfiel dem heidnischen Prätor so, daß er dem Heiligen mit Steinen ins Gesicht schlagen und ihn dann enthaupten ließ. Also die Legende des Schutzheiligen von Patsch.

Das kalte Eisen hat das Leben dieses wundertätigen Bischofs beendigt — vielleicht hatte ein Blick zum Deckengemälde, welches die Enthauptung Donati darstellt, ein Bäuerlein zu folgenden Grabversen veranlaßt, die sich im Friedhofe finden.

Der Tod sucht alle Greise
Auch die Jugend
Ruft er fort, er
robt sie wie das kalte
Eise, wie man es nicht verhofft.

Und weil wir nun grad im Friedhof sind, schauen wir noch schnell an den Grabkreuzen nach. Da heißt es:

Das Sterben ist der Menschen Los
Der blasse Tod raubt klein und groß
Und jung und alt, läßt niemand frei,
Fragt nicht, ob es gefällig sei.

Und auch die Stunde weißt du nicht,
Wenn dieser Gast bei dir einspricht,
Drum sei zum Sterben stets bereit,
Denk' oft an Tod und Ewigkeit! —

Ein unverweißter (jäher) Tod ist etwas Schreckliches. Das kann man auf Tausenden von Grabtafeln in Tirol lesen. Nicht bloß, daß die Aussicht auf ein warm's Platz'l in der Ewigkeit bei einem unverweißten Tod äußerst gering ist — nein, auch Menschen, welche durch eigene Unvorsichtigkeit zu früh in der Gefahr umkamen, müssen solange geistern, bis ihre Lebensuhr abgelaufen ist. Soll ich davon eine Geschichte erzählen?

Da war einmal ein Bauernknecht im Winter unter eine Lawine gekommen. Man fand ihn, grub ihn im Friedhofe ein und vergaß ihn, so lange noch die dichten Flocken vom Himmel sanken, denn Menschentreu' vergeht oft schneller als Schnee. Und an einem solchen Winterabende wars, daß die Ehhalten grad bei surrendem Spinnrad und knisterndem Kien in der Stube saßen und der Nähne alte Geistergeschichten erzählte, welche die alles besser wissenden Jungen nicht mehr glaubten. Aber plötzlich wurde die Jungdirn windelweiß und sagte nichts, als: „Dort schaugt's!" Als die Leute hinblickten, sahen sie den Knecht hinter dem Ofen sitzen und bitterlich weinen. Der Oberknecht war der mutigste und redete den Geist an, fragte ihn, was ihm fehle und ob man ihm durch Gebet helfen könne. „Mir kann niemand helfen", war die Antwort. „Ich bin vor der Zeit durch eigenen Leichtsinn verunglückt und muß jetzt so lang auf der Welt umgeh'n bis meine Lebenszeit um ist: dann kann ich erst gerichtet werden. Zündet mir doch ein Licht an, mehr könnt's Ihr nicht tun für mich, daß es nit gar so finster ist in der kalten Winternacht . . . ."

Das wär' schon schrecklich ... ja und wie viel geh'n aus Unvorsichtigkeit z'grund'! ... Da könnt' man lang umgeistern! . . . Da ist's schon am besten, daß man sich den Herrgott und die Muttergottes und den Kirchenpatron und die anderen Heiligen gut warmhaltet, daß sie doch eine kleine Fürweilung spendieren und ja kein unverweißter Tod eintritt.

Alles aber kann der heilige Donatus auch nicht dermachen, dachte sich der Herr Pfarrer Hilarius aus dem Chorstift Wilten am Kirchtagmorgen und er sann nach, auf welche Weise man den Beistand des Himmels in aller Fahr und Gefahr für die Gemeinde Patsch sichern könnte.

 

Auf einmal sagte der Hochwürdige hinter den Geraniumstöcken erleichtert: „Jez hab' i's g'funden. Dös ischt's Richtige ..." und er ging in die Kirche, um die Kirchtagspredigt zu halten, in der er vom unverweißten Tod sprach:

„Mensch! Wenn vom Himmel ein Blitz niederfahrt und Dein zeitlich's Dasein abschneidet, kannst Du hintreten vor den göttlichen Richterstuehl, ohne zu fürchten, daß nit in den Herzen a paar schieche (häßliche) Fleck sein, die dem Teufel 's Recht geben auf die Seel' z' passen? Niemand kann das für g'wiß sagen, und wenn einen der Teufel einmal in der Hand hat,, nachher laßt er nimmer lugg (los), nit nach einer Stund', nit nach einem Tag', nit nach einer Wochen, nit nach einem Jahr! In der Höll' hängt kein Kalender, in dem man umblatt'ln kann und nachrechnen, wie viel Tag' es bis zum Kirchtag sein, der bei uns heroben nach der Arbeitsplag kommt! In der Höll' gibt's kein' Kirchtag und kein' Kalender. In der Höll' steht nur in Flammenschrift ein riesengroßes Heut', und das Heut' hört gar nimmer auf und gar nimmer auf, und wenn Du tausend Jahr' lang drauf hinschaust, heißt's alleweil noch heut', und nach zweitausend Jahr' grad so, und wenn die Welt schon hunderttausend Jahr' untergangen und's jüngste Gericht längst schon vorbei ist, heißt's auch noch Heut', und es ist Heut' bis in die Ewigkeit. — Amen!"

So war der Schluß der Predigt des Pfarrers von Patsch am Tage des Schutzheiligen Sancti Donati.

Und nun wißt Ihr auch, warum ich Euch die Lebensgeschichte des Bischof-Märtyrers erzählt habe — aber die Hauptgeschichte fangt jetzt erst an — die spielt aber nimmer in der Kirche, sondern hauptsächlich nicht weit davon — im Wirtshaus.

Nach der Nachmittagsvesper verabschiedete der Pfarrer seine hochwürdigen Festgäste aus der Umgebung, welche gekommen waren, die Kochkunst seiner Häuserin zu versuchen — nein, zu bewundern, hatte dieselbe bei der letzten Firmung ja der Bischof selber bewundert — und ging hinauf ins Dorfwirtshaus, vor dem die Blechmusik spielte.

Denn am Kirchtage mußte der Hirt bei der Herde sein — schon auf daß das leidige Tanzen nicht allzu früh beginne! Ganz abschaffen konnte man diese Satanserfindung leider nicht und der Vorschlag, daß Buben mit Buben und Mädeln mit Mädeln tanzen sollten, fand auch keinen guten Boden.

In dem auf die Straße ragenden Erker, der an seiner Außenseite mit einem Bilde der Krönung Mariens mit zwei lilienbehafteten Staffage-Franziskanern geschmückt war, war auch schon für den Hochwürdigen ein Platz neben dem Vorsteher Jodokus eingeräumt — ein ziemlich breiter, behaglicher Platz, denn das lieben die Wiltener Chorherren, zu deren Sprengel Patsch gehört, aus gewissen Gründen sehr und nennen es "die Freiheit der Kirche"

So saßen also der Pfarrer Hilarius und der Vorsteher Jodokus nebeneinander und der Herr Pfarrer hat alleweil dem Jodokus eingeschenkt, wenn er sich nicht selber eingeschenkt hat, und der Vorsteher hat alleweil dem Herrn Pfarrer eingeschenkt, wenn er sich nicht selber eingeschenkt hat —und wenn gar einmal ein Glasl leer gestanden ist — was bei dem System gar selten vorkam — so ist gleich die Balbina, die Kellnerin, kommen und hat's vollgeschenkt und, damit sie nicht zweimal laufen muß, sagte sie zum Teil, der noch nicht ausgetrunken hatte, „Trink'n S' aus!" Das heißt zum Vorsteher „Du" und zum Pfarrer „Sie".

Und der Vorsteher hat alleweil mit dem Herrn Pfarrer angestoßen und nachdem hat der Vorsteher getrunken und der Pfarrer auch.

Die Sonne ging immer mehr gegen die hohe Munde zu und vergoldete sie, durchs Fenster quoll immer mehr Gold herein und die jungen Burschen sagten den Mädeln in's Ohr: "Wenn nur der Pfarrer oamal gang."

Aber dieser hatte mit dem Vorsteher gar Wichtiges zu tuscheln. Endlich aber griff er doch nach seinem Weißen Hut und begann sich zu verabschieden. „Also, gell, Jodokus, dös machst?" „Ja, ja, Herr Pfarrer, dös wear i schon machen", meinte der Vorsteher drauf.

„Sie hamm schon überall oane, war decht a Schand, wenn mir koane hatten."

Gleich folgte die Beipflichtung: „Schämen mueßt'n mir uns wie die Bett-" — das letzte Wort verschluckte Jodokus, er tat, als hätt's ihm aufferg'stoßen; aber das Wort hätte sich neben Hochwürden denn doch nicht geschickt. —

„Mit dem Kirchtag bin i z'frieden", dachte sich der Pfarrer, während er zum Widdum ging — im Wirtshause aber wachte zu gleicher Zeit ein leises Tönen auf, das immer lauter und freudiger wurde, bis endlich das erste Schnaderhüpfel durch den Haus= gang, der ausgeräumt worden war, surrte:

Fürs Dianl, dös liebi.
Für dös gib i alls,
Gibs Füdal (Federl) am Huet
Und in Flor (Halstuch) um an Hals.

 

So singt der Egidy.

Und die Emma hat die Antwort auch schon fertig:

Dort ob'n auf'n Bergl
Tuets Labl rausch'n,
Und i tue mit koan Dianl
Mein Buebn tausch'n.

Und die beiden sind im Tanz und die Blechmusik hildert und die Röck' fliegen und die Füß‘ strampfen und die Jodler jauchzen und die Lied'In singen und die Gesichter werden rot vor Lust, und da hat oaner gar einen brennenden Frosch (Feuerwerkskörper), der mit Pistolengepaff losgeht, unter die Tanzenden geworfen, und die Weiber schreien und ein Lärm ist, daß der Pfarrer nicht einschlafen kann.

Als der Hochwürdige endlich schläft und grad von der Erfüllung seines Wunsches anfangt zu träumen, beginnt im Wirtshaus eine ganz andere Art von Schnaderhüpfeln.

Der Streithansel:

So weit daß i auffischau.
Ist der Wald grüen,
Und i laß zu mein Dianl
Koan andern Buben giehn!

Aber der kennt die Wabi schlecht — die laßt seine Hand aus und singt:

Wegn oan Buebn trauern,
Dös war a Schand,
Da drahn i mi um,
Gib an andern die Hand.

Und geht zum Schmids Rochus, der's Anzwidern (foppen) nicht lassen kann:

Mit der Lieb ists a Plag,
Bei der Lieb ist die Sag,
Wie der oane Bua geht,
Kimmt der andre z'weg — — —

 

Und nun ....

Die armen Stühl' und Bänk' wissen nicht, warum sie jetzt auf einmal auf drei oder gar nur zwei Füßen stehen sollen, und der Herr Pfarrer wird wieder aus'm Schlaf geschreckt.-----------

Aber es wird wieder ruhig unten auf der Erde. Ueber den Sternen oben aber sagt der heilige Bischof Donatus zum heiligen Bischof Ulrich, er sei müd' von dem Kirchtag und sein Kollega möge nun die weitere Leitung der Kirchnachtfreuden übernehmen. "Das wird schon besorgt, das Geschäft kenn' ich schon", lachte der heilige Ulrich. Sankt Donatus aber sagte noch: "Du, morgen mußt Du mir erzählen, wie Du zu der appetitlichen Amtstätigkeit gekommen bist. Gute Nacht!"

Am nächsten Tage mußte die Hausdirn Emerentia auf den Fußböden die Spuren, wie Sankt Ulrich seines Amtes gewaltet hatte, aufspülen. Manche Gattin hatte dieselbe Arbeit.

Ein paar Tage darauf hatte der Vorsteher Jodokus eine Gemeinderatssitzung einberufen, „von wög'n oaner höchst wichtig'n Ang'Iegenheit, daß ja alle Mander kömmen."

Und sie waren auch alle gekommen:

Der Bachgartl Naz, der erste Gemeinderat und seines Zeichens Bäck,
Balduin, der zweite Gemeinderat und „oberer Wirt".
Der schienglete (schielend) Baltasar, Bauer und Kirch. Propst.
Der Kuitabak (Kautabak)-Vinzenz, der Viehdoktor.
Der Schmid Peregrin. Und die andern alle.

Der Vorsteher hatte eine Rede einstudiert, was nur bei den feierlichsten Gelegenheiten vorkam.

„Schaugt's ummi in die andern Dörfer, wie sie's schien g'macht haben, mit lauter Tropfstoan und Epheu [Efeu] und allerhand Muscheln und Leuchter und im Hintergrund steaht die Muattergottes, au und au weiß mit oan blauen Flor um die Mitt'n. Um 'n Kopf hat sie an goldenen Schein und auf die nacketen Füeß goldene Rosen. Und unter die Füeß kimmt dös wundertätige Wasser außer, was für alle Kranketen hilft und dös man flaschlweis bei die Serviten in Innsbruck z' kaffen kriagt: 's Lurdwasser. Und davor knielt dö Hirt'ng'söllin, wo die Muattergottes z'erscht gsech'n hat. Schien ist a so a Lurdgrott'n und die Lurdmuettergottes ischt gar a b'sunders wundertätige — o wie oft ischt die Fisol'nzenzl (Bohnenkreszenz) mit ihrem grantigen Zandweah (Zahnweh) nach Heiligwasser (Marienwallfahrt bei Patsch) auffi — nix hat's g'nutzt, aber a Flaschl Lurdwasser, und weck ischt der Wehtoan (Schmerz) g'wes'n, wie weckg'wischt."

Da wurde er aber vom Kirchpropst, dem schiengleten Baltasar, unterbrochen:

„Die Heiligwasser-Muettergottes laßt mir unkeit (in Ruhe). Wie i mein Ochsen verloren hab' g'habt bei der Patscher Ochsenhütt'n, hab' i glei eppes zu ihr betet und glei hab' i 'n Ochsen a g'funden."

„Nit wahr ischt's", meinte der Kuitabak-Vinzenz. „Der Ochs Di."

Und der Vorsteher fuhr fort:

„Und der Hear Pfarrer moant a, mir müess'n a Lurdgrotten hab'n, weil alle oane hab'n und weil's sunst ausschaug'n tat, wie wenn mir gar koane recht'e Chrischt'n war'n — jez gar, wo die Sozi und die Nazi (Sozialdemokraten und Deutschnationale) a so schiech tien in ganzen Land, da müess'n mir unsern Glab'n bekennen und zoag'n, daß mir no a so sein wie die Alten, dö in die Franzos'n und Boarn die Grint (Köpfe) eing'schlagen haben, für Gott, Kaiser und Vaterland!"

Aber mei, nicht einmal mit dem Leibsprüchel der „Tiroler Stimmen" kann man's den Leuten mehr recht machen — der Bachgartl-Naz, der in der Schweiz gewesen ist, meint trocken:

„Wenn der Pfarrer a Lurdgrott'n will, mueß er halt selber 's Geld hergeben. Dös geaht die Gmoa nix an,"

„O mei, red'st Du dumm daher! — Woher nehmen und nit stehl'n? Wo der Pfarrer erst die vorig' Wochen sov'I Geld hat fortg'schickt für die schwarzen Heidenkinder", meinte entrüstet der Vorsteher.

„Ja — gar a polnische Gräfin hat's mitg'nommen", sagt der Kirchpropst.

„Was geht mi dö hearg'loff'ne Gräfin an", schreit der Naz, „hätt' der Pfarrer 's Geld da lassen, nacher hätt' er jez oans."

„Recht hast, Naz", pflichteten einige Bauern, die vom Zahlen nichts wissen wollten, eifrig bei.

„So, seids ös epper a schon unter die Los von Rom-Buab'n kommen? Lest's epper gar 'n "Scherer"? O ös luthrischen Zipfel! Und dö viel'n schwarzen Mohrenkinderseel'n, dö für die himmlische Glückseligkeit g'röttet wearn, dö gelten enk nix?" Also eiferte Jodokus.

Balduin, der obere Wirt, hat das höchste Hausdach. Was Wunder, daß wenn sich so a Storch in die Gegend verirrt, er dort Wohnung nimmt. Und so war er schon dreizehnmal gekommen. Drum schrie Balduin ziemlich aufgeregt:

„Uns geahn die schwarzen Mohrenbangger Bankert (Kinder) gar nix an. Mir müess'n für unsre Kinder sorgen. I moan, Du hattest a gnueg solle Wüzl (kleine Kinder) z'Haus, Vorsteher, — Unsre Kinder brauchen jez z'erscht a ordentliches Schulhaus, nit daß sie mit der Keuchhusten hoamkemmen und der Leahrer gar derfriert."

Da kam er aber an den Rechten:

„O mei, mit dear Schuel! Der Bauer braucht's nit sov'l im Kopf, der braucht's mehr in die Hand' und Füaß! Bei den Schuelgeh'n wearn die Kinder nur faul zu der Arbet. Ueberhaupt hat der Papst dö neumodische Schuel, weil sie gar sov'I unchristlich ischt, no gar nit amal derlabt, und kamm (käme) eigentlich anieder in Kirchenbann, der einigeaht."

„Was D' nit sagst, Jodokus?" sprach mit offnem Maul der schienglete Baltasar — „wer hat denn dös g'sagt?"

„Der Pfarrer, also ischt es wahr!" lautete die Antwort. Da schaug'n die Mander freilig a bißl dasig drein — aber Schmids Peregrin, der Vater vom Rochus, hilft ihnen aus der Patsche (Verlegenheit).

„Ueberhaupt brauch'n mir a a Geld für an neue Feuerspritz'n. Seit's alleweil die Erdäpfel über'n Winter einitan habt's, ischt sie hin. Wenn bei uns a Brand auskamm, kannt'n mir nit mit der alten Ragglmaschine (Latrinen-Reinigungsmaschine) nix mach'n und es gab a schrecklig's Unglück."

Der Vorsteher kam mit dem Gottvertrauen:

„O geahts, es brinnt nit ... Beten mir halt fleißig zu'n heiligen Flori, der ist sov'I guet, der werd uns schon behüat'n."

„Hear mir mit'n heilig' Flori au, dös ischt a rechter!"

„Hast denn gar koa Vertrau'n mehr, Peregrin?"

„I nit — seit er mir mein Stadl abbrennen hat lassen, bin i in der Assikiranz. Und drum bin i a dafür, a Feuerspritzen mueß hear, und weil mei Bue drei Wochen in der gneatigsten Zeit in Tisel (Fieber) g'habt hat — a g'sund's Schuelhaus mueß a hear!"

Ja — ja, a Feuerspritz'n und's Schuelhaus mueß verreniviert wer'n, wollten viele Bauern,

„Und mir wöll'n a Lurdgrott'n. Die himmlische Gnad' ist uns notwendiger. Was nützt uns a Feuerspritz'n gegen 'n Hagel und a Schuelhaus gegen die Klauenseuch'?"

"Für die Klauenseuch' bin i da und sonst neamat", schrie der Kuitabak-Vinzenz in Heller Wut.

"Und ös habt's in der letzten Predig wieder alle g'schlafen, sunst hättet's es g'hört von unverweißten Tod und von der Ewigkeit, dö nimmer auheart. Für'n unverweißten Tod ischt koa Viehdoktor und koa Menschendoktor. Da hilft nur die Kapell'n. Der Pfarrer moant's a, und drum wöll'n mir die Kapell'n, weil mir no eppes glab'n."

„Dös tien mir a!"

„Oes seids gar koane recht'n Chrischt'n", eiferte der schienglete Baltasar.

„Oes seids koane! Hoaßt's nit: Gott ischt barmherzig", brüllte der Schmid Peregrin.

„Was? Mir koane?" . . .

Und es war nahe daran, daß die Beweise für's Christentum mit Stuhlfüßen geführt werden sollten, deshalb entschied der Vorsteher:

„Jez ischt guat. Jez ischt g'redt gnua. G'sech'n hammer, was mir für Leut' da herinnen hab'n. — Mander, g'stritten werd nit! Aso geaht's nit weiter! Mir tien iez abstimmen. Wer für die Lurdgrott'n ischt, der hebt die Hand au. Die oan lass'n sie unten. I hoff' zur Ehr' von der Gmoand, es wer'n nit viel sein, dö sie unten lassen, denn wer a rechter Patscher (Tollpatsch) ischt, der baut die Lurdgrotten." — — — —

***

Als ich an jenem Herbsttage nach Patsch kam, suchte ich vergeblich nach der Lourdesgrotte. Die rechten Patscher waren also augenscheinlich in der Minderheit geblieben; der heilige Donatus muß weiter gegen unverweißten Tod, Hagelschlag und Maul- und Klauenseuche sorgen und der Herr Pfarrer muß warten, bis die rechten Patscher in der Mehrzahl sind.

Quelle: Anton Renk, Kraut und Ruebn. Kleine Geschichten aus Tirol. Linz 1904, S. 175 - 194
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Helene Wallner, September 2005.
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