SAGEN.at >>Informationen, Quellen, Links >> Dokumentation >> Anton Renk, Kraut und Ruebn.

   
 

Die Betschwestern.

Die Beratung.

Die Fräul'n Philomena saß auf dem grünen Kanapee und neben ihr lag ein schmutzigweißer, asthmatischer Pintsch, der sich durch das Stricknadelgeklapper in seinem Geschnäuf nicht stören ließ. Vernehmlich tickte die alte, alabasterne Stockuhr, die aus der Empirezeit stammte. An den Wänden des gelblich ausgemalten und mit weißen, ölangestrichenen Doppeltüren versehenen Zimmers hingen vier schwarz eingerahmte Gemälde, die mit nichts zu wünschen übriglassender Deutlichkeit Frühling, Sommer, Herbst und Winter darstellten. Die durch das Uhrgetick nur gesteigerte, fühlbar gemachte Stille wurde durch ein Klopfen unterbrochen.

„Ah, die Fräul'n Pepi", sagte die Strickende, als nun eine unverkennbare alte Jungfer eintrat. Sie hatte ein bleiches, eckiges Gesicht, eine Hackennase und von den Wangen zogen zwei Rinnen an den Mundwinkeln vorbei, welche wohl Schönheits-grüberln von anno dazumal vorstellen sollten. Das Gesicht kam aus einem schwarzen mit Moireeseidenbändern gezierten, von allerlei Linien durchgesteppten und mit schwarzen Glasperlen besetzten „Kapuschon" heraus und die Finger entrannten der Haft gestrickter Halbhandschuhe. Die übrige Kleidung, ein „Mantlett" und ein dunkler Rock, obwohl altinnsbruckerisch gehalten, paßte besser zur Mode der Zeit.

Die Fräul'n Pepi saß kaum auf dem „Fotell", als sie schon zu jammern begann:

„O mein Gott! Es nutzt nix. Grad daß i mi no verfeindet hab a no."

Was nichts nützte, wußte die Fräul'n Philomena schon — drum hörte sie auch nicht auf zu stricken. — Die Fräul'n Pepi hatte nämlich einen Witwer, der fünf Kinder und ein dazu im verkehrten Verhältnisse stehendes Einkommen hatte, im Kopf. Trotzdem aber die Fräul'n Pepi von einer alten Tant erst vor kurzem geerbt hatte, wollte der

Herr Andreas Neunteufel die Reize, die vielleicht im Jahre achtundvierzig beim Empfang des Kaisers Ferdinand unter den Ehrenjungfrauen geblüht hatten, nicht gebührend anerkennen, das heißt, er tat nicht „hearewärts".

Aber das von der Beleidigung verstand die Fräul'n Philomena nicht, drum rückte sie unruhig am Kanapee hin und her, daß eine Feder knackte und der Pinsch, der eine so rücksichtslose Behandlung nicht gewohnt war, entrüstet und keuchend auf den Boden sprang, wo er über einen Racheplan nachdachte.

„Ja, wen hab'n S' denn beleidigt?" lautete die Gegenfrage, während der Pinsch in nicht mißzuverstehender Weise ein Verlangen nach der frischen Luft zeigte, weshalb ihm aus begreiflichen Gründen die Tür geöffnet wurde.

„A, es ist g'scheider, mir reden d'rüber gar nit. Zu was denn!"

„Geteiltes Leid ist halbes Leid", warf die Fräul'n Philomena feierlich und eilig ein, denn sie' durfte doch ihre Freundin, mit der sie die Bande alter Familienbekanntschaft und einer wohlkonservierten Jungfräulichkeit verbanden, nicht mit einem Geheimnis fortgehen lassen.

Aber die Pepi wollte nicht mehr heraus mit der Sprache.

„Oh, i hab' heut' an Tram g'habt ..." meinte die Strickerin.

„Ja, verzähl'n S'!"

„Z'erst müess'n Sie mir verzähl'n, wen Sie beleidigt hab'n . . . ."

Das Mittel wirkte.

„Ja, i trau mi' fast nimmer bei der Johanneskirchen vorbei."

Die Johanneskirche steht am Innrain, man gelangt zu ihr durch eine Allee schöner Wildkastanienbäume. Die Fräul'n Pepi wohnt ganz in der Nähe, auch am Innrain, dort beim Ursulinenkloster, mit dessen Oberin Kleopha sie eng befreundet war.

„Ja warum denn?"

„Wissen Sie, i bin alleweil zur Muettergottes von Johannes gangen — weil's do mei' Nachbarin ist — wissen Sie — daß sie mir hilft mit mein Andreas. Und wie sie halt gar nicht hearewärts g'schaugt hat, wissen Sie, da bin i zu der von Lurd gangen, von der man iez gar so viel redt. Es nutzt aber a nix, und i moan, iez hab' i alle boade beleidigt."

„Ah, deswegen!" meinte die Philomena und eilte zur Türe, an welcher ein Kratzen anzeigte, daß der Pinsch die ihm geschehene Unbill vergessen und verziehen habe und wieder im Kreise von Gebildeten zu verkehren wünsche.

„Ja, wie wär's denn, wenn Sie a Wallfahrt machen wollten?"

„Ja wohin denn?" meinte die verzagte Heiratskandidatin, indem sie aus ihrem tiefen Sacke ein Stückel Zucker hervorholte und es dem Kanarienvogel Hiesele gab, der in einer laubgesägten Steige sich bis dahin ruhig verhalten hatte und auf diese unerwartete Mahlzeit hin augenblickliche Tonfolgen produzierte. Hiesele hieß er, weil das Jugendideal der Fräul'n Philomena auch so geheißen hatte.

„I kann Ihnen zwar koan Rat geben", begann diese, „weil i ja selber no im ehrsamen Stand der christlichen Jungfrau bin — mei i trag's halt Gott z'lieb — aber i moan halt, i bin a nit, wie i no solle Gedanken hab' g'habt — 's ist lang her — i bin a nit zu der richtigen Muettergottes gangen. Man mueß nit alleweil so weit aweck wölln. Zu was hätt' denn die Muettergottes in unserer Gegend soviel Wunder g'wirkt? Daß mir a in der Nächn a G'legenheit hab'n für unsre Anliegen! Dös Wunder mit die Ochsen in Heiligenwasser und erst 's Absamer Wunder, wie's Marienbild auf der Fensterscheib'n erschienen ist."

Jetzt hat die Fräul'n Philomena in der Aufregung eine Maschen fallen lassen.

Das sieht auch die Fräul'n Pepi ein, aber nach Heiligwasser will sie doch nicht wandern, weil die Auffindung eines Ochsen mit der Gewinnung eines Bräutigams ihr doch nicht vergleichbar schien. Einem unbefangenen Beobachter der Reize des Fräulein Pepi wäre dieses Bedenken allerdings kaum aufgestiegen.

„Ja so geh'n mir halt nach Absam, da hängen die Brautkränze bis zum Ueberboden auffi und g'heiratet wird da unten schon alle Tag a paarmal, so daß die Bauern die Kirch'n Heiratsfabrik hoaß'n. Die Muettergottes werd's ihnen wohl verzeich'n, die Bauern versteh'ns ja nit besser."

„Ja, gangeten Sie mit und taten mir a a paar Gegrüßtseistdumaria leich'n?" fragte die ahnungslose, manderleutige Jungfrau.

„Freilich, freilich, vielleicht gar am nächsten Sonntag. Jez, wo a so a schön's Frühlingswetter ist — i bin a froh, wenn i amal a paar Stund' außikimm .... auf'n Kalvariberg können mir a auffi geh'n, das schöne heil'ge Grab von alten Giener anschaugn und a paar Grallelen [Perlen vom Rosenkranz] fallen lassen. Und a paar Osterglogg'n blüh'n g'wiß a am Roan, i woaß die Platzl‘n schon. Der heilige Antoni in der Ecken hat a scho lang koane Blüem'ln mehr geseh'n."

Also meinte die Fräul'n Philomena und versprach im Stillen dem heiligen Antoni in der Ecke einen Strauß Osterglocken und dem wunderbaren Gnadenbild bei den Franziskanern, das einmal nicht verbrannt ist, ein paar Kerzen — wenn . . . ."

Wenn die alte Schachtel, die Pepi, no oan kriagt, noar kriag i a oan, dachte die Philomena, i bin halt nur zur falschen Muettergottes gangen, und den Antoni, der das G'schäft hat, hab' i ganz vergessen,

Dem heiligen Antoni sagt man nämlich nach, daß er für Verbindung von Personen beiderlei Geschlechtes auf legitimem Wege kräftigst Sorge trage. Man nennt ihn deshalb den Kuppeltoni.

Jetzt konnte die Philomena vielleicht das Versäumte nachholen und in Absam auch ihr Anliegen anbringen. Also begann in ihr das grüne Reis der Hoffnung zu blühen. Das Wort Hoffnung bitte ich bei einer christlichen Jungfrau nicht mitßzudeuten.

Sie war Jungfrau, aber wehmütig kam ihr doch das alte Volkslied zu Sinn, das da lautet:

O Gott, schick mir decht zua,
Um was i bittn tun,
Tun mi derheara.
I seufz' mit lauter Stimm,
Bis i an Mann bekimm:
I kannt grad reara.

Alleweil lödig sein,
Mein Oad ischt a it fein,
Tuat mier it tauga.
Es war halt no so rar,
Wann i's verheirat war,
I kunns it laugna.

Jungfrau sein war schua recht.
Aber i, — i mecht halt decht,

Keine Nebengedanken, bitte, es heißt weiter:

A Mandl kriaga.
Wenns nuar tat oaner sein,
I schlieget allzeit ein
Mit viel Vergniaga.

In einem Bergneste des Oberinntales hatte sie das Lied einmal gehört. Und sie gab ihm recht und freute sich auf die sonntägliche Wallfahrt, von der sie sich Erfolg versprach.

„Iez müess'n Sie aber no' an Kaffee trinken, Fräul'n Pepi."

„Na, na, machen's meinetwegen koane Umständ, es geht eh auf fünfi und i mecht no' zu die Serviten in Rosenkranz."

„O, a Schalele geht schon no', i bin glei' wieder da, gel'ns, Fräul'n Pepi."

Eine Weile verstrich, dann begann der Kaffee seine bekannten Wirkungen auf die weiblichen Sprechmuskeln und die christliche Nächstenliebe. In Rücksicht auf letztere schließt dieses Kapitel.

Die Wallfahrt.

Marta! — Nun hören wir gewiß etwas von einem netten Unterinntalerdianl — so denkt Ihr, weil Ihr mich und meine Vorliebe für diese Primaerzeugnisse der Schöpfung, für diese Moidelen, Franzelen, Annelen, Vronelen und Monelen schon kennt. Aufgesessen!

Das nette Unterinntalerdianl kommt erst später und heißt Lisai und ist von Niederndorf - die Maria aber ist vom Zillertal heraus, woher sag' ich nicht.

Also um ein Zillertalerdianl handelt sichs — meint Ihr, das ist fast dasselbe. Aber wieder seid Ihr im Unrecht, denn erstens ist zwischen einem Zillertaler- und einem UnterinntalerdianI ein ganz gewaltiger Unterschied und zweitens mein' ich gar nicht die obbenannte Zillertaler Maria, sondern — 's Lisai — oha, hab' sagen wollen, Marta. Aber weil's Lisai halt so a vertoifelt nett's Dianl ist, liegt's mir halt in Kopf und Herz und auf der Zungen. Ich werd's Euch schon noch vorführen — jetzt sag' ich nur, daß 's ein schwarzes Miederleibl anhat und ein rosenrot's Busentuch, an dem zur jetzigen Langeszeit meistens Platenigeln stecken, die ihr ein waxer Bursch von einem Schrofen geholt hat.

Jetzt reden wir aber nimmer von Lisai, sondern von Marta. So, jetzt sollt Ihr's wissen: Marta ist überhaupt kein Dianl, nit vom Unterland und nit vom Zillertal, sondern ein Wort, das aus den fünf Anfangsbuchstaben der zwischen Innsbruck und Hall liegenden Dörfer: Mühlau, Arzl, Rum, Thauer, Absam zusammengesetzt ist. Wenn der Innsbrucker den diese Dörfer verbindenden Weg benützt, so sagt man: über die Dörfer nach Hall geh'n. Diesen Martaweg machten nun an einem sonnenschönen Sonntagnachmittag die beiden Wallfahrerinnen.

Als die Philomena bei der Franziskanerkirche, also auch bei dem in Heiratssachen so bewanderten heiligen Antonius vorbeiging, konnte sie nicht anders, als einen Sprung in die Kirche zu tun. Aber die schwarzen Mander, die metallenen Heldenstatuen eines Theodorich oder Gottfried von Bouillon konnten noch so ernst dreinschauen, der Philomena wollte es heut' mit den guten Gedanken und mit dem Gebet gar nicht recht gelingen, es fielen ihr immer wieder Strophen dieses Altjungfernliedes aus dem Oberinntalerdorf Fendels ein:

Wenns nur grod oaner war
Und war er alt und star
Und no viel schlechtar,
War er buggelt, blind und krump
Und wars der gröschte Lump:
I mecht'n dechtar.

Hatt er koa ganze Pfoad
Und a koan Bissen Broad,
I gab eahm z' lüba.
Und kunnt i a nuit verbian,
Wött' i gearn bötla gian
Und eahm alls göba.

Und wenn er alls versuff
Und andern a nachluff
Und mit tat bluia.
Und schliag er mi ganz blob,
I singat decht Gottlob,
Mi tats it ruia.

Unterdessen hatte die Fräul'n Pepi schon einige G'satzeln gebetet und war ganz erstaunt, daß die Philomena — der eben immer das Lied im Kopfe surrte — mit dem Gebet schon fertig sei und sich zum Aufbruche rüstete.

Man ging den pappelbesetzten Rennweg entlang und sah am Inngelände Schloß Büchsenhausen, wo das Bienenweibele, die Gemahlin des Staatskanzlers von Tirol, weil sie in Gottvermessenheit in den Fallbach gesprungen war, geistern muß bis auf den heutigen Tag. Noch weiter oben erhob sich die Weyerburg, das Jagdschloß weiland Kaisers Max, des letzten Ritters, welcher seine touristischen Erstersteigungsversuche an der Martinswand hätte bald büßen müssen, wäre nicht im letzten Augenblicke ein Engel mit Bergführer-Autorisation erschienen, der ihn gerettet. Im Schloßweiher soll eine glänzende Schlange sein, die einen Schatz hütet, und von einem rotbärtigen Schloßherrn, namens Veit Langenmantel, erzählt man sich, daß er seine fünf Frauen nacheinander abgemurkst habe. Man zeigt heute noch das Bild des liebenswürdigen Ehemannes,

Der Fräul'n Pepi fiel die unheimliche Sage wohl ein, aber sie dachte, der ehrsame Witwer Andreas Neunteufel ist trotz seines bösartigen Namens kein solcher Wüterich, wie der grausame Schloßherr, der gute Herr Andreas hatte erst eine Gemahlin hinter sich und diese war selbsttätig, nachdem sie ihm fünf Kinder geboren hatte, und selig in Gott verstorben. Also darum keine Besorgnis!

Die Fräul'n Philomena aber brachte noch immer das Lied nicht aus dem Kopfe. Wenn das so weiter geht, wird's mit dem Beten heut' schlecht ausschauen.

Und i i wött so fein
Und Freundla mit eahm sein,
Wias si's tat schicka,
Mein allergrüschte Freud,
Und halbe Seligkeit
Wars Hosaflicka.

0 du mei lieber Gott,
's war decht der grüschte Schpott
Gar nuit beküma,
I dian' dir gar lang schua,
Schick' mir an Mann zan Lua (Lohn)
Der mit tuat nöhma.

So waren die beiden zur Kettenbrücke gekommen, überschritten dieselbe und wanderten über Mühlau hin an der Sternbachschen Villa, die ein mitten ins Alpenland versetztes Stück Italien bedeutet, vorbei. Die Fichten vertreten dabei die Stelle der Zypressen. Nur zur Höhe schauen darf man nicht, denn da baut sich die Gigantenmauer der Kalkalpen auf, und die Arzler Mur zieht sich wie ein Siegesweg des Todes zur grauenhaft öden Karscharte.

Nun zieht die Fräul'n Philomena einen Rosenkranz, der in Rom vom heiligen Vater Pius IX, geweiht wurde, heraus und beginnt vorzubeten, während die Fräul'n Pepi die Rolle des Widerhalls übernimmt. In der Natur ist das Echo gewöhnlich etwas schwerer verständlich als der eigentliche Hall — hier konnte man im Zweifel sein, ob das "Gegraschtseischtumaria" der einen oder das "Schapstermsamm" der anderen in lautlicher Beziehung der deutschen Muttersprache näher stehe.

Die beiden kamen in das obstbaumumstandene Dorf Arzl, unterbrachen die Rosenkränze und beteten die Stationen und erreichten nach vierzehn Vaterunsern und ebensovielen Gegrüßtseistdumarien die am Hügelgiebel stehende Kirche. Vor der in geschnitzten Figuren dargestellten Szene aus dem Leiden Christi entzündeten sie gegen Erlag einiger Kreuzer ein paar rote Kerzeln und beteten weiter.

Der erste Frühling war im Land. Blauseiden flimmerte ein regungsloser Himmel nieder und wollte kaum das Tal umfangen, welches sich zu weiten schien, um all das kommende Blühen aufnehmen zu können. Weiche, warme Luft floß fast ohne Bewegung über den Rain, als fürchte sie, den ersten aus dem Boden springenden Blütenknospen wehe zu tun. Aus silberglänzenden samtenen Faserhülsen drangen die violetten Blätter der Osterglocken hervor - aber siehe, auch ein Frühlingsfalter, ein braunschwarz gezeichneter Fuchs hatte die Blumenosterkunde schon vernommen und gaukelte über den Blüten.

Nun traten die beiden aus der Kirche und richtig gewahrte die Fräul'n Philomena die blauen Frühlingsaugen, als sie sich ihres Versprechens an den heiligen Antoni besann und dessen Erfüllung durch „Blumenbrock'n" in Tat umsetzte.

Hinter dem Dorfe Arzl fand das Rosenkranzbeten seine Fortsetzung und wurde auch im Dorfe Rum nicht unterbrochen, obwohl ein paar Studenten den frommen Wallerinnen vorgingen und ein herzkräftiges Gaudeamus igitur in den sonnigen Frühling sandten, ohne sich stören zu lassen. Früher waren die jungen Leute doch anders, dachte die Fräul'n Pepi, während die Fräul'n Philomena vorbetete.

In Thauer [Thaur] aber setzten die beiden mit dem Beten ein wenig aus, ja, der Fräul'n Pepi kam sogar der Gedanke, a bißl zum „Stangl" zu geh'n, weil dort a so a gueter Wein sein soll. Diese sündhafte Zumutung wies aber die Begleiterin mit Entrüstung zurück, „dös war a nette Wallfahrt, vor der Kirch'n ins Wirtshaus geh'n! Dös kannt nacher was nutzen!"

Ueber Thauer steht eine verfallene Herrenburg und nicht weit davon ein Einsiedelkirchlein, von dem allerlei fromme Erzählungen geh'n. So vom heiligen Romedi, dem ein Bär sein Rößlein zerrissen und der dann auf dem Bären nach Trient zum heiligen Vigili geritten war. In Trient sollen die Glocken von selber angefangen haben zu läuten, als der Heilige einzog. — Droben im Kirchlein ist ein Brett mit einer eingebrannten Hand zu sehen. Diese glühende Hand gehörte dem büßenden Geiste eines Pfarrers an, der drei bezahlte Messen nicht gelesen hatte, und die Hand zum Beweise seines Leidens abdrückte. Er ist erlöst. Diese Holzbrandtechnik stammt aus 1660. — Auch von einer schatzhütenden schönen Frau und von einem Zauberpfarrer wissen die ältesten Leute des Dorfes zu erzählen.

Gleich hinter Thauer in den Feldern begannen die beiden wieder ihre Beterei, es war auch gut so, denn heute hatte offenbar Satan die Hand im Spiel, weil es mit dem stillen Beten und Beschaulichsein der Philomena heute halt gar nicht gelingen wollte. Waren ihr doch in dieser kurzen Gebetspause schon wieder zwei Strophen von diesem unvertreiblichen Liede eingefallen. Die surrten noch immer nach — und stießen wie eine wilde Hummel im Gras zwischen die einzelnen G'satzeln hinein.

Z'ammgfolla bin i schua,
Vin numma patzat,
Mei Grint ischt o schua grau,
Kua schwarzes Haarl drau,
Bin o schua glatzat.

0 mei, i siegs, i siegs,
I muan es ischt für nix,
I mag woll reara; —
Und wenn i gar kuan kriag,
Mueß i ganz mißvergnüag
Betschwöster weara.

Also schritten die beiden durch die Felder der Pfarrkirche von Absam zu, welche, ein stattlicher Bau, aus dem behäbigen, obstbaumreichen Wallfahrtsdorfe aufragt.

Um Absam zieht ein verschollenes Klingen, kinderreines Saitenklingen, als ob Rafaels schönste Engel über die Saiten strichen, aus längst vergangener Zeit, das nicht zu bannen ist. Gestorbene Geigenklänge hängen geisterhaft in der blaßblauen Luft — sie stammen aus der Zeit, als noch ein Mann mit seinem Hammer an die Fichten des Waldes klopfte, um zu hören, in welchen unschuldreine Kinderseelen klingen. Nur solche reine Klänge konnte er brauchen, er - der Vater der deutschen Geige, der Absamer Jakob Stainer.

Sie hatten ihm auch ein Denkmal gesetzt, nachdem sie ihn lange genug vergessen hatten, und als sie es enthüllen wollten, wehrte sich der Pfarrer dagegen, weil zwei nackte Engelsbübchen dabei zu sehen sind — wohlgemerkt, nur der Oberleib — die sein zartbesaitetes Schamgefühl arg verletzten. Natürlich, was sollten denn die frommen Pilgerinnen denken von einer Wallfahrt. —

Sehen wir uns nun die Geschichte dieser Wallfahrt näher an. Es war einmal — so beginnen die Märchen alle. Das ist aber kein Märchen, sondern ein Wunder.

Ja so — aber so dachte man nicht allemal, insbesondere nicht im Jahre des Geschehnisses 1797, als Tirol den Bund mit dem göttlichen Herzen schloß. Nicht einmal der gelehrte Jesuit Zallinger glaubte, daß an dem „Fensterschwitzbild" etwas Wunderbares sei.

Fangen wir also getrost an: Es war einmal.

Es war einmal in Absam ein Bergarbeiter, namens Puecher, welcher eine erwachsene Tochter hatte. Diese nähte am 17. Jänner in der Kammer, als plötzlich an einem Fenster ein Madonnenbild mit tränendem Antlitz sichtbar wurde, welches früher nicht dagewesen war. Nun glaubten die Mutter und Tochter, es sei das eine böse Fürweilung, daß dem Vater, der im Salzbergwerke war, ein Unglück geschehen. Das Bild verschwand und kam wieder. Der Vater aber kehrte wohlbehalten aus dem Berge zurück. Die Kunde von dem wunderbaren Ereignis und von dem in überirdischer Art hergestellten Bilde, verbreitete sich schnell im Dorfe. Ueber dieses Bild schreibt der Sohn des Puecher: „Ja, wo ist denn der Künstler, fragt man billig, der imstande ist, so etwas zu machen, das weder in das Glas eingegraben, noch erhaben, noch geschliffen ist, sondern dem Glase gleich, das schwitzt, und darüber gezeichnet wird." Da der Zulauf immer größer wurde, ordnete der Dekan von Thauer eine Untersuchung des Wunders an, bei welcher trotz der Beteuerung eines rechtschaffenen Haller Glasermeisters, er habe das Fenster vor Jahren mit tadellosem, reinem Glase eingeglast, der gelehrte Jesuit Franz von Zallinger, obwohl er das Erscheinen des Bildes nicht erklären konnte, nicht an eine wunderbare Entstehung glauben wollte. Er und die anderen Sachverständigen stimmten damit überein, daß das Bild ein verblaßtes Glasgemälde sei, da sich Teile wegätzen ließen und nicht wieder erschienen. Man hielt es nach dem Grundsatze: Was durch Menschenhand gemacht wurde, kann auch durch diese zerstört werden. Das Volk aber sagte, das sei vermessentliches Vertrauen und bedeute so viel, als von Gott ein neues Wunder zu verlangen. Das Volk brauchte seine Heiligen, brauchte seine Wunder, um in seiner Not und Gefahr Hoffnung zu fassen. Eine Tierseuche hatte gewütet, eine Menschenepidemie war ausgebrochen, der Feind stand zwölf Stunden vor Innsbruck — das waren die Zeiten, da die Tiroler daran dachten, sich mit dem Herzen Jesu gegen Napoleon zu verbinden.

In diesen Zeiten voll Flammen und Blut, Angst und Fanatismus, Mut und Verzweiflung, Krankheit und Armut wollte das Volk Wunder und deshalb "nahmen sie das Bild und trugen es im Triumphe mit den Worten: wo die Mutter ist, muß auch der Sohn sein! in die Kirche."

Der Pfarrer hätte die Rebellion im Dorfe gehabt, wenn er sich nicht dem Volkswillen gefügt hätte. Das Gubernium zu Innsbruck verbot die Verehrung und der Bischof von Brixen gestattete diese nur ungern, dem Zwange der Dinge folgend, und verwarnte deutlich: "Die allenfalls durch Mariens Fürbitte erhaltenen Guttaten ohne Untersuchung und Gutheißung des Ordinariates sind nicht sogleich als Wunder auszupredigen, gewinnsüchtige Absichten und abergläubische Meinungen sind zu vereiteln." So war's anno dazumal — und heute? Der Dekan ließ das Bild vom Tabernakel weg an den Seitenaltar übertragen, wo es als Andachtsbild, nicht als Wunderbild seine Stelle haben sollte. So war's anno dazumal — und heute? Heute ist das Bild ein Wunderbild, und zwar wohl das berühmteste von ganz Tirol. Der Sagenkreis erweitert sich fortwährend, die abergläubischen Meinungen sind ebensowenig zu vereiteln, als die gewinnsüchtigen Absichten, welche in Stoltaxen, Andenkenbildern, Rosenkränzen, Gebetbüchern, Hochzeitsschmäusen zutage treten.

Nur noch etwas möchte ich aus jener Zeit anführen, das ist eine Stelle aus dem „Bericht von dem Bilde der Gottesmutter in Absam" 1801. Da heißt es: "Es verdienet hier wohl noch angemerkt zu werden, daß sich diese eben erzählten Begebenheiten des Marienbildes nur einige Monate nach jenem zugetragen hatte, was sich in Italien an verschiedenen Heiligenbildern, benanntlich der göttlichen Mutter zu Ankona (25. Juni 1796) zu Rom und anderswo im Angesichte vieler Tausender Zeugen mit Wendung oder Zuschließung der Augen ereignete."

Hieraus ist zu ersehen, daß das Absamer Wunder nur eine schwache Kopie einer italienischen Erfindung ist ... Da möchte man es fast glauben, daß der Mesner von Absam, als ihn ein Herr fragte, was sie denn täten, wenn das Bild verschwinde, blinzelnd geantwortet habe: "Mier hamm schon a neu's."

Also am rechten Seitenaltar ist das "wundertätige Bild", eine schwarze Glastafel, auf der man nichts sieht. — Der Altar ist von einem dunkelroten Baldachin überdacht und mit goldenen Blumenstöcken, Leuchtern und anderem Schmuck reich geziert. Ein paar zopfige, ebenfalls in Gold gehaltene Heilige verrenken ad maiorem dei gloriam ihre hölzernen Glieder. Nahe dem Altar öffnet ein Opferstock schamhaft seine Lippen und steht auch ein Kerzenständer, auf welchem mehrere Wachskerzeln brennen. Diese haben unsere beiden, jetzt in Andacht versunkenen Jungfrauen gespendet. Wir wollen sie aber in ihren, ein einzufangendes Mannsbild betreffenden Herzensangelegenheiten nicht stören, sondern uns die Kirche beschauen. Die Wände derselben sind mit Ex voto-Tafeln verkleidet — ein hölzernes und papierenes Mosaik mit einer Geschichte menschlichen Unglücks, menschlicher Hoffnung, menschlicher Hilflosigkeit und auch menschlicher Dummheit aus einem ganzen Jahrhundert. Anno domini 1822 zeigt eine bettlägerige alte Frau mit gefalteten, rosenkranzumschlungenen Händen, der ihr Herz, aus dem eine rote Flamme schießt, davonfliegt, dem Muttergotteshaupte zu, das oben hereinschaut. Auch ein heiliger Antonius mit Lilienstengel ist — wie noch auf mehreren Votivtafeln zu sehen, 1834 wurde eine Weibsperson vom Zittern auf wundersame Weise geheilt, eine Tafel von 1845 zeigt auf einem Altäre fünf auf der Spitze stehende Herzen, deren Flammen zum Muttergotteshaupte und zum heiligen Antonius auflodern. 1863 wurde eine gelähmte Pettneuerin von ihrem Leiden plötzlich befreit, 1888 lernte einer der „nicht mehr schlünden konnte", diese im Leben so notwendige Kunst wieder. Ein ganz absonderlich schwieriger und wundersamer Fall, bei welchem auch der obengenannte Bärenreiter, der heilige Romedius seine Zauberkraft mitspielen läßt, passierte aber im Jahre des Heils 1891 und ist durch ein Gemälde versinnbildet. Dieses trägt die Inschrift: "Am 27. Oktober 1891, 8 Uhr abends, verunglückte ich, Romeo Plant, k. k. Salzbergarbeiter aus Thauer ... am Haller Salzberge, indem sich plötzlich eine 200 Kilogramm schwere Gebirgswand loslöste und mir auf Kopf und Rücken fiel und mich zu Boden drückte, wobei ich in meiner Angst noch die heiligen Namen Maria und Romedius nannte"..... Guet is gangen, nix is g'schech'n — das steht zwar nicht auf der Ex voto-Tafel, aber es ist wahr und bildet den Schluß dieser Zweihundertkilotragödie. Also, wo solche Wunder geschehen, wird wohl auch noch eine Gnade für liebesbedürftige Jungfrauen zu erhoffen sein!

Bei dieser Wanderung sind wir an den Hintergrund der Kirche gekommen, an welchem eine Wand mit Wachshänden, -Armen, -Füßen, -Ochsen, -Poppelen und Gebetbüchern überkleidet ist. Auch viele Krücken bezeugen, daß so mancher in Absam die Krücken für den gebrechlichen Leib weggeworfen hat — ob aber sein Geist ohne Krücken schreiten kann, davon erzählt dieser Kirchenwinkel nichts. — Auf dieser Seite der Kirchenrückwand befinden sich also die Andenken an die übrigen körperlichen Leiden - während die andere Seite einem speziellen gewidmet ist, nämlich dem Ehestande. Da hängen in gläsernen Kästchen Brautkränze an Brautkränze bis zum Ueberboden hinauf. Neben dieser Myrtendekoration steht in sinniger Weise der Taufstein. Vielleicht aber dürfte manches Wachspoppele von der anderen Seite besser hierher passen, denn man nennt den Jungfernkranz im Volke nicht umsonst den: Lugner.

Besonders symbolisch wirkt ein Stücklein auf dieser Seite. Da sind nämlich sämtliche Marterwerkzeuge unseres lieben Herrn Jesu Christi dargestellt — alle aber krönt gleichsam als höchstes und schrecklichstes Torturmittel ein — Brautkranz, Ob ein dankbarer Gatte nach dem Hinscheiden seiner innigstgeliebten Gemahlin diese sprechende Grabschrift nach Absam gestiftet hat, wage ich nicht zu entscheiden, ebensowenig, ob er Grund dazu hatte.

Aber die Tiroler erzählen sich halt eine G'schicht, die der Schreiber dieser Zeilen in Reim gesetzt hat.

Der Michel ischt zun Pfarrer bschied'n,
Weil mit 'n Weib er nie hat Fried'n.
Der Bauer hat woll tüchtig klagt,

Der Pfarrer aber hat eahm g'sagt:
„Geah' Michel, schau 'n Herrgott an,
Was habn sie den nit Beases tan?
Löst du da öppes von an Gstritt?"
Na sagt der Michel: „Gwiß, dös nit!"

Der Pfarrer drau: „Bluet hat er gschwitzt,
Die Doarnen waren saggrisch gspitzt,
Er ist woll gschlag'n und kreuzigt wor'n,
Und ninderscht löst man von an Zorn,"

Ja sagt der oa: „Ghabt hat ers schlecht,
Und hat 'n Fried'n g'halt'n decht,
Hab'ns Nachsicht mit mir, denn i bitt:
Verheirat war der Herrgott nit."

Der Absamer Seppl hat an großen Hof g'habt und viel Viech - er ist auch schon dreißig Jahr alt gewesen und hat no alleweil keine Bäuerin ausgesucht. Warum? — „Mit dreiunddreißig Jahr hat unser Herr sei' Kreuz auf sich genommen - brauch' i's a nit früher z'tuen" — meinte der Seppel und starb. — „Lediger g'storb'n ist a nit verreckt", behauptet ein Tiroler Sprichwort, — als Bue im zweiunddreißigsten Jahre. — Dafür ist aber keine Ex voto-Tafel gestiftet.

Jetzt haben unsere Jungfrauen ihre mannsbildbezüglichen Auseinandersetzungen mit der Absamer Muttergottes beendigt, zünd'n noch ein paar Kerz'n an, verspritzen ein paar Tropfen Weichbrunn, machen ein paar Buckerln, werfen ein paar sehnsüchtige Blicke zu den Brautkranztapeten neben der Türe und gehen in's Wirtshaus.

Im Wirtshaus.

Es war so sonnenwarm und lenzmild, daß beim Bogner die Leute im Garten saßen und die prächtige Aussicht genossen . . . Hinter glänzenden Frühlingsschleiern schimmerten wie märchenhafte Silberschlösser die Firne des Stubaitals.

Auch 's Lisai — aha, jetzt kommt's Lisai, denkt Ihr; aber ich werde Euch nicht gar so viel vom Lisai erzählen, vielmehr von der Fräul'n Pepi und der Fräul'n Philomena... wer das Alter nicht ehrt, ist die Jugend nicht wert, denn das, was vom Lisai zu erzählen ist — das ist unser Geheimnis. — Gelt, Lisai?

's Lisai ist also im Miederleibl und spürt auch schon den Frühling, von dem es selber ein wundernettes Stück ist. Es hat schon goldgelbe Platenig'ln am rosenroten Busentuch. Heut' hat's erstemal die Unterländertracht wieder an.

Wenn man so 's Lisai und die eben eintretende Fräul'n Pepi neben einander anschaut, da muß man schon glauben, daß es Wunder gibt. Ein Wunder ist es, wie es der Herrgott zusammengebracht aus deni ganz gleichen Stoffe ein Lisai und ein Fräul'n Pepi zu machen. Und andrerseits möcht' man wieder an ihm zweifeln und ihn fragen, warum er denn nicht lieber gleich zwei Lisai gemacht habe?

„Geh'n mir in Garten oder ins Zimmer?" "Ich moan, man derleidet's schon im Garten." "Ja, es ist recht fein "eut' in der Sonnen." „Es ist zwar der Frühlingssonnen, wissen Sie, nie recht zu trauen, man kriegt sov'l leicht 's Rheumatische", meinte die Fräul'n Pepi.

„Ja wenn Sie lieber ins Zimmer geh'n, das Rheumatische - oh dös kenn' i a, in die Zänd und erst in die Ohren, da ist halt a heißes Bamöl — so heiß Sie's derleiden, 's allerböschte. Das Mittel hat meiner Muetter an alt's Bettelweibl g'sagt und es hat alm no g'holfen. — Also geh'n mir in die Stuben — mir ist's gleich ... ja eigentlich lieber . . ganz wie Sie wölln."

„Oh, bitt' schön, Fräul'n Philomena, nach mir brauchen S' Ihnen nicht z'richten — ganz nach Ihrem Belieben."

Der Fräul'n Pepi war nämlich eingefallen, warum in Tirol die Luft so rein und gut ist. Warum? Ja, weil die Bauern die Fenster nicht aufmachen ....

„Aber drinn da ist oft so a schlechte Luft und Pfeifenrauch und an die Sonntag gar."

„Ja, nachher probieren mir's doch heraußen, es ist ja recht fein warm, heut' sein mir schon sicher vor'n Rheumatisch'n."

„Ja, Sie hab'n recht, Fräul'n Philomena", pflichtete jetzt die Begleiterin bei und dachte sich im Stillen, „jetzt krieg ich g'wiß weg'n der alten Gans, die nur heraußen bleibt, daß sie wer anschaugt, no 's Rheumatische. Dö werd si' aber schneiden - wo woll'ns denn hinsitzen?"

„Dort unten rechts war' ein kommod's Platzl."

„Ja, da mein' i, tuet's ziech'n — aber wegen mir"

„Oder beim Sommerhäusl dort?"

„Oh, dort scheint die Sonne grad hin, der Frllhlingssonnen ist nit z'trauen, da kriagt man sov'I leicht Kopfweh."

„In SommerhäusI drein?"

„Da ist der Tisch nit abg'raumt — da sein Bratenbröck'ln auf die Teller und wissen Sie, wenn i dös siech, da hab' i scho' g'fress'n. — Da vergeht mir der ganze Appetit. Dö Kellnerin tat a g'scheider die Tisch abräumen als in dem Hutleg'wand um-einanderlaffen. Dö Gans. Na wie heut' die jungen Leut' sein! War'n Sie a in so aner Maschgera gangen?"

„Oh na — dös hat's zu unsrer Zeit nit geb'n." „Dös Tischl, wo die Studenten sitzen dort, dös war a fein's."

„Frag'n mir halt, ob's ihnen nit gleich war," „O mei, Fräul'n Pepi, da kennen Sie die Welt schlecht - mir sein freilich aufgestanden und haben einer g'standern Person gern Platz g'macht, weil mir no' eine Achtung vor'n Alter g'habt hab'n — aber heut' ist die Jugend ganz verroht. I hear sie schon sag'n: Was denen alten Schachteln einfallt!" Auf einen seltsamen Blick korrigerte sich die Fräul'n Pepi: „So sagt nämlich die Jugend und nit i — i woaß schon, daß die Fräul'n Philomena in den besten Jahren sein?"

Man wählte also nach dieser längeren und gründlichen Debatte den ganz zuerst in Aussicht genommenen Tisch, wo es zog und das Rheumatische zu befürchten war.

„Also setzen S' Ihnen, Fräul'n Pepi." „Oh, nach Ihnen, i mueß nit die erste sein." „Sitzen Sie lieber da oder da?" — „Ganz wie's Ihnen recht ist." „Gehn's, machen's keine Umstand'." Endlich saßen die beiden auf den zu diesem Zwecke bestimmten Platteilen - ich sage absichtlich Platteilen - und Fräul'n Pepi dachte sich ergrimmt im Stillen: Jez hat sich die unverschämte Person richtig dorthin gesetzt, wo's weniger ziecht. — Ja, iez ist mir morgen 's Rheumatische so g'wiß wie's Amen im Gebet.

„Kellnerin!"

Die Lisel hatte den Ruf überhört.

"Ah, da werd man schon Fräulein sagen müessen", brummelte die Fräul'n Philomena, „sonst hört sie nix. Mit die Dienstboten werd's a alleweil schlechter. Hatt' not, da man zu oaner Stalldirn Gnädige saget. Und mit'n Lohn alleweil auffi. I bin froh, daß i koane brauch' — meine alte Vonundzugeherin tuet mir die harte Arbeit und selber tuet man ja a, was man kann,"

„Ja, es ist am feinsten alloan."

„Lieber, als so a Putznock'n in Haus, lieber gar nix —"

Arme Lisel — jetzt bist Du schon einmal in die Mäuler der zwei hineingeraten, jetzt kannst schauen, wie Du wieder herauskommst.'

„Fräul'n — sitzen Sie auf die Ohren?" Mit diesen Worten begann das Martyrium der Lisel.

Die Weiber im Wirtshause sind der Schreck sämtlicher Kellnerinnen, ob diese nun zutiefst aus einem Firnenwinkel Nordtirols, oder vom schwäbischen Meer, oder von den Nebenleiten des Burggrafenamtes stammen mögen, 's Lisai war halt noch gar so blutjung und stand mit einem blutübergossenen Unterländerköpfel da, als wäre letzteres ein glühendes Zwiefeläpfele. Nun stand das Dianl da und meinte, es werde nun ang'frimt; aber da hatte es sich freilich getäuscht . , .

„Was trinken denn Sie, Fräul'n Pepi, Bier oder Wein?"

„Mir ist's gleich, was Sie trinken!"

„Ja, a Bier vielleicht?"

„Aber auf'n Land ist's mit'n Bier a hoakle Sach —-"

„Da hab'n Sie recht, da kann man a nette Lack'n kriag'n!"

„Fräul'n, ist's Bier frisch?"

„Grad ang'schlag'n!" meinte die Lisel.

„Ja, mein Gott, das sagt aniede, dadrauf ist koa Verlaß, es ist überhaupt koa Verlaß auf der Welt."

Mit dieser philosophischen These wußte die Lisel nichts anzufangen, zumalen die Studenten den jetzt besonnten Tisch verließen und ins Sommerhäusl mit dem schönen Liede: „Schier dreißig Jahre bist Du alt", einzogen. Alsbald erscholl ein kräftiges: Bier, Lisel!, dem die Angerufene, da sich die beiden Wallfahrerinnen noch nicht entschieden hatten, auch Folge leistete. Die Lisel mußte noch den Tisch abräumen und versäumte daher folgendes Zwiegespräch:

„Die jungen Laffen wurns woll derwartcn, bis die andern Leut' bedient sein."

„Ja, und die dumme Gredl muß ja glei' hinlaffen."

„Wie mir a so jung g'wesen sein, hab'n mir no nit an die Mannsbilder denkt."

„Die Muetter hätt's uns schon geb'n."

„Ja, kam hab'n sie's letzte Kindsmus g'schpieb'n, geaht iez bei die jungen Mädeln schon 's Karessieren an,"

„Da derf man si' nit wundern, wenn alleweil mehr ledige Fratzen ummer sein, — Sein eh nix z' leiden, die armen Hascherin."

„Ja, neulich hat mir der Pater Benizi a vorklagt über die ledigen Kinder."

Ob über seine eigenen oder über die fremden habe ich überhört, denn ich sah ein hübsches Kind, das auch noch ledig war, die Lisel, wieder auf den Tisch zukommen.

"Wissen's,'Fräul'n, wer z'erst da ist, mahlt z'erst. Das können's Ihnen merken, mir hamm Ihnen z'erst grieft und soll'n a z'erst bedient wern."

„Schaff'ns also a Bier oder an Wein?"

„Ja richtig, was trinken denn Sie?"

„Ja, a Wein werd fast besser sein", meinte die Philomena.

„Mei, mit'n Wein in an Sonntag — da tuet der Wirt gern taff'n. Vielleicht an Kaffee? Ja, a Kaffee —"

„So wie dahoam werd er ia nit sein ..."

„Aber wenigstens a guete Milch hab'ns auf'n Land —"

„Oh mei, Fräul'n Mene — ah nimmer — o die Bauern heutigstags, i sag's Ihnen . . ."

„Lisel, bring amal a Bier!" rief's vom Sommerhäusel her.

„Dö wern's woll derwart'n — also bringen's zwei Portionen Kaffee und a bißl aufdeck'n kannt'ns auf'n Tisch da schon a", entschied endlich die Fräul'n Mene, während die Fräul'n Pepi meinte — „da wern mir a Lack'n kriag'n. Vielleicht hätten mir do' g'scheider an Wein trunken."

Vom Studententisch herüber klangen immer keckere Weisen. Die Lisel kam, deckte den Tisch, brachte den Kaffee.

„Dös ist wenig gnue . . . ."

„Und, ja, i hab's ja g'sagt!" brüstete sich — so weit von Brust die Rede war — die Pepi.

„Da trinken mir an andern Kaffee!"

„Ja, Fräul'n Mene, Ihner Kaffee, dös mueß Ihnen der Neid lassen, der Kaiser trinkt koan bessern," —

„Das Zeug bringt man nit abi", belferte die Mene und trank die ganze Schale aus. Der Zorn über den Kaffee verrauchte aber gar bald, um einem andern, einer Art heiligen Zornes Platz zu machen, denn was die beiden jetzt sahen, war entsetzlich. Da klang es:

Und es spricht das schöne Weib:
Hast ja noch ein Herz im Leib,
Lass es mir zum Pfande,
Was geschah, ich tu's euch kund:
Auf der Wirtin rotem Mund
Heiß ein andrer brannte!

Und da klang ein regelrechter Schmatz herüber — ein Füchslein war aufgesprungen, hatte die hochaufhorchende Lisel um die Mitte genommen und ihr ein Bussel aufgedrückt. —

„So ll dumme Gans!"

„Dö werd's no' weit bringen!"

„Die Leut' hab'n koa Schamg'fühl mehr."

„Und er a, der junge Laff' — iez kenn' i'n erscht, der ischt ja aus oaner gueten Familli! — Von der Inspekterin Zwölfer ist's der Bue . . . . daß er sie nit schämt, mit oaner söll'n?"

„Na, in den Haus werd er nit Guet's lernen. -— Er soll ja gar nix glabn und s i e, die Frau Inspekterin, war a Köchin. Der Apfel fallt nit weit vom Stamm." — Also schloß die Fräul'n Pepi ihre Philippika gegen den Kuß als primäre Erscheinungsform des Lasters der Unkeuschheit. „Mir grabt der Kaffee in Magen." „Mir a", erwiderte die Meine.

„Aber da bleib' i Ihnen nimmer - wenn die Studenten b'soffen sein, hab'n nit amal mir mehr a Rueh", befürchtete die Pepi — eine etwas grundlose Befürchtung.

„Geh'n mir do ins Zimmer, es werd kalt, denn öppes hab'n mueß i no' auf den Kaffee auffi."

„Sie, Fräul'n, raumen's da ab — mir geh'n ins Zimmer — dort decken Sie uns auf, nacher bringen Sie uns mitnander a Viertele Wein und zwoa Glasln."

„Und mir a Hallertürtele. — Mir wölln Ihnen da heraußen nit stör'n mit die Herr'n Studenten."

Das Lisele wurde blutrot und ging.

„Sie, Fräul'n, hab'n Sie dös nit g'merkt, daß der Tisch naggelt, da wern Sie schon müessen öppes unterlegen", das war der Introitus in die Gaststube.

„Wie schmeckt Ihnen der Wein?"

„Ja, mein Gott, gegen so a Hausweinl kimt er freilig nit auf, wissen Sie, wir hab'n an von an Girlaner Bauern, den der Pater Venizi guet kennt, 16 Kreuzer 'n Liter."

„Geln Sie, da derf's an nit wundern, wenn die Wirt reich wer'n, um an Sechser kriagt man fast koa Viertele mehr — der ist zwar ganz guet, a bißl sauer . . . Kellnerin!"

„Was kostet denn der Wein?"

„Zwölf Kreuzer."

„Seh'n Sie, i hab's Ihnen g'sagt, Fräul'n Mene", triumphierte die Pepi und drehte die aus den Halbhandschuhen hervorgequollenen Daumen umeinander.

„Wenn i nur mei' Strickzeug mit hätt'", lamentierte die Mene: „Man sollt' eigentlich alm was mitnehmen. I bin's Nixtuen nit g'wöhnt. Schaugn Sie,

kannt iez dös Madl da nit, wenn sie nix z'tuen hat, a bißt stricken - sie wur' froh fein später."

„A mei, dö, dö war mir die rechte . . ."

„Wo sie nur scho' wieder bleibt? — Wieder bei die Studenten! I mecht no' a Hallertürtel — das ist wirklich guet g'wesen."

„Ja, die alten Zuckerbäcker! Aber die iezigen Konditor — Asank — Asank — mi' graust, wenn i dran denk'", beteuerte die Fräul'n Pepi.

Die Tür ging auf und 's Lisai kam ins Zimmer.

„Sie, iez kümmern's Ihnen um uns a a bißl, Geln's! Mir mecht'n no' a Hallertürtel."

Die Lisel ging.

Als sie das Verlangte brachte, meinte die Pepi: „Auf oanFueß kann man nit steh'n — iez trink'n mir grad no' a Viertele Wein mitnander. Geln Sie, Fräul'n Mene?"

„Wenn Sie no' mögen, i für meine Person - i bin's nit g'wöhnt. Sie Fräul'n, koan Wein mehr."

Fünf Minuten später mußte die Lisel doch wieder ein Viertele bringen. „Der Wein zehrt", meinte die Fräul'n Mene, „i hab' völlig a bißl Hunger. Mögen Sie nix?"

„I — na — grausen tat mi — höchstens an Absamer Zwiebach, wenn er nit z' hart war'."

„Frauen, an Absamer Zwiebach — an Apostelsohl'n . . ."

Der Zwieback wurde angebrochen und zu hart befunden.

„Den hat wohl der heilige Petrus selber no' tragen . . ?"

„Und a Luft ist da herinnen! — Sie, Fräul'n, wann hab'n S' denn das letztemal g'Iüftet?"

Draußen sank rotglühender Abend und heftete seinen Schimmer auf die Silberzinken der Berge. Glutstrom auf Glutstrom quoll und verblaßte und von den Türmen von Hall dröhnten die Glocken den Abendgruß. Die beiden Wahlfahrerinnen beteten denselben stehend. —

„So, jetzt wär's eigentlich die Zeit zum Abendessen, nit wahr?"

„Amei, was werd man denn da am Land krieg'n?"

„Ja, der Zwiebach liegt mir in Magen, i mueß do' no' etwas drauf essen", jammerte die Pepi und rief der Lisel, was es zu essen gebe.

„Schweinsbraten, Kalbsbraten, Kitzbraten, a Bachens, Schnitzel, Rostbraten, a Hanswurst mit Kraut —"

„O, dös mag i all's nit, grausen tat mi'."

„Schinken, Speck, Salami, Kas."

„Oh, nix kalt's, dös gang mir grad no ab für mein schlechten Magen . . . Also bringen's halt a Portion Bachen's mit Zweschben und Salat. Aber in Salat ordentlich waschen, nit daß die Schnegg'n dran sein! Sie essen do' a mit?" fragte die Pepi — „alloan deriß i 'n nit — also zwoa Teller . . ,"

„Und die Lampen kannt'n S' iez a anzünd'n, daß man siecht, was man ißt — ist nimmer z'früah."

Die Lisel stieg auf einen Stuhl und entzündete die Lampe.

Nach einiger Zeit vernahm man: „Die Lamp'n riecht ja ... a riechende Lamp'n ist mir's Aergste, was mir passier'n kann. Ihnen nit a, Fräul'nPepi?"

„Freilich, der ganze Appetit vergeht oan!"

Das Bach'ne kam . . .

„O je, die Teller sein ganz kalt ..."

„Und 's Schmalz — dös döbelet."

„Und was haben denn dö für ein Oel zum Salat? Na wissen Sie ..."

Es verschwand aber der Salat und die Zweschben und nachdem die Fräul'n Mene das letztemal behauptet hatte, daß sie gewiß nicht mehr möge und daß ihr nit mehr gut tat, rief die Fräul'n Pepi:

„Fräul'n, hab'n Sie koa Stück! Papier, dös Bach'ne einz'machen?"

„Wer werd denn 'n Wirt was schenken?" lautete die Erklärung, während das Papierpaket in den Ridecule verschwand.

***

Und jetzt — o heilige Muttergottes von Absam! — Du wirkst Deine Wunder schnell! Jetzt ging die Türe auf und herein trat niemand anderer als der Herr Landschaftsbeamte — Andreas Neunteufel.

„Ah, der Herr Neunteufel, ah, dös ist g'scheid! Jez haben mir grad giehn woll'n. Setzen's Ihnen nur a bissei her. Sein a wallfahrten gangen? — Ja, ja, mit fünf Kinderln ohne Mutter." Also wurde der Herr Neunteufel empfangen und genötigt, zwischen den zweien Platz zu nehmen, und die Fräul'n Pepi wurde vor Verlegenheit und jungfräulicher Scham bald rot, bald blaß und wepste auf ihrem Stuhl hin und her. Und jetzt —

Erzähle ich nichts mehr. Über Liebesgeheimnisse plausch' ich nichts aus . . . Nur so viel kann ich verraten, daß Glühwein auf den Tisch kam und daß alle drei immer heiterer wurden und daß die Fräul'n Mene mit ihrer Gockelstimme zuletzt das ganze Lied von der alten Jungfer anstimmte, zum nicht geringen Gaudium des Herrn Neunteufel, der in den letzten Viertelstunden zum Herrn von Neunteufel taxfrei avanciert war. Ja, so a Glühwein hat a wunderbare Kraft; es hätt' nit viel g'fehlt, es hätte der Herr von Neunteufel und die Fräul'n Mene, die ganz ausgewechselt war, gar noch getanzt, doch dem Ansinnen machte die Pepi, deren Verlegenheit mit der Abnahme des noch vorhandenen Weinquantums fortwährend wuchs, dadurch ein Ende, daß sie mahnte, zum Zug zu gehen.

„Geben Sie der Kellnerin a Trinkgeld?" fragte die Mene.

„Na, g'wiß nit. Dö hat si' nit ang'strengt — dö Gans hänget's do' nur an den Putz —"

Wir nehmen nun von der erlösten Lisel mit einem herzhaften Handschlag Abschied und folgen den dreien zum Haller Bahnhof. — Vielleicht kann ich einmal erzählen, wie die Lisel in Absam kopuliert worden ist.

„Jessas, iez hab' i mein' Ritterkiel vergessen", jammert am halben Weg die Pepi.

„Ja, wenn's recht laffen, derholen Sie ihn schon no'", meint kaltblütig der Herr Andreas Neunteufel. Die Pepi hatte doch gehofft, er werde so ritterlich sein, sie zu begleiten. Doch er ging mit der Mene zum Bahnhof, während die Pepi durch die Nacht nach Absam zurückeilte.

Als sie zum Bahnhof kam, grellte ein Pfiff und der Zug fuhr aus . . . Die beiden andern hatten in rücksichtsloser Weise nicht gewartet, und sie hatte nun zu wenig Geld mit und mußte doch in Hall übernachten! Die Uhr in Versatz lassen? — Oh, das hätt' sie sich g'schämt, und so wanderte sie denn traurig durch die kalte, finstere Lenznacht auf der pappelbesäumten Landstraße nach Innsbruck und fürchtete sich fast zutode vor Räubern und Mördern und Männern, die es auf die Keuschheit abgesehen haben. Diese aber waren alle anderswo beschäftigt, und so kam sie nach fast dreistündiger Wanderung zwar lebend, aber halb erfroren und verängstet und todmüd' in Innsbruck an.

„An diese Wallfahrt werd' ich mein Lebtag denken", sagte die Fräul'n Pepi, aber dafür wird sie auch etwas helfen. Die Muttergottes, die so augenscheinlich den Herrn Neunteufel nach Absam geführt hatte, wird schon weiter wissen. Und so schlief die arme Pepi mit glücklichen Gedanken an Herrn Andreas Neunteufel und den Traualtar und fünf Kinder und andere Begehrenswürdigkeiten der Welt sanft ein und hatte wundersame Träume von Myrtenkranz und Kerzenglanz,

Um diese Zeit befestigte Fräul'n Mene die Osterglocken, die sie eingefrischt hatte, am Bilde des Antonius und ihr kam vor, als ob der Heilige milde gelächelt habe. Und noch etwas kam ihr vor, daß sie nämlich nicht mehr recht fest auf den Füßen stehe.

***

Und die Absamer Muttergottes hatte das Wunder gewirkt und hatte geholfen! Als am Sonntag nach drei Wochen nach der Predigt der Geistliche von der Kanzel verkündigte: Zum heiligen Sakrament der Ehe haben sich entschlossen Andreas Neunteufel und Philomena Gschwendtner — da meinte die Fräul'n Pepi, sie müsse aus dem Kirchstuhl fallen.

„Jez hat 'n die Mene . . . und dösmal hab' ich die falsche Muttergottes erwischt — i hätt' sollen zur Heiligwassermuttergottes geh'n, die die Ochsen sucht. Denn dös werd woll ein Ochs sein, wenn er d ö mag. Und im Landhaus ist er a. — Derselbig' Bauer hat wohl recht g'habt, der amal a Fuder Heu ins Landhaus g'führt hat, weil lauter Ochsen drein sein. — Dös werd woll a Ochs sein, wenn er dös alte Scheit mag — und die Muttergottes kannt a bißl besser aufpassen."

Noch drei Wochen später war die Trauung in Absam und beim Festmahl bediente 's Lisai. Die Fräul'n Pepi aber hatte die Einladung ausgeschlagen und mit der Freundschaft war's aus. –

Quelle: Anton Renk, Kraut und Ruebn. Kleine Geschichten aus Tirol. Linz 1904, S. 195 - 239
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Helene Wallner, September 2005.
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