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Neujahr in Russland
© Oksana Fedotova

Das Neujahr ist in Russland das Hauptfest des Jahres – das schönste, das langersehnte Fest.

Der Weihnachtsmann, der Tannenbaum und Geschenke gehören bei uns zum Neujahr. Das Fest hat eine reiche Geschichte, obwohl es ziemlich “jung” ist. Gegen das Ende des Jahres 1699 hat unser Zar Peter der Erste (Peter der Grosse) einen Erlass veröffentlicht, wo er befahl, das Neujahr am 1.Januar zu feiern und dazu alle Häuser mit Fichten-, Tannen- und Wacholderzweigen zu schmücken. Bisher begann das neue Jahr am 1.September, an dem Tag, an dem alle Tribute und Geldabgaben gesammelt wurden. Die Tannenbäume erschienen etwas später, sie wurden zuerst mit Holzspielzeugen, Nüssen, Obst und Süssigkeiten geschmückt, seit ungefähr 1850 wurde der Glasschmuck Mode. Nach der Revolution 1918 wurde das Fest aufgehoben, der 1.Januar wurde zu einem Arbeitstag und alles, was zu diesem Fest gehörte, wurde verboten. 1937 wurde die Tradition der Neujahrsfeier wieder ins Leben zurückgerufen, die erste sowjetische Jolka (so klingt das Wort “Tanne” auf Russisch) wurde in Moskau aufgestellt und im Fernsehen gezeigt. Und im nächsten Jahr wurde das Fest schon überall im Lande gefeiert. Aber erst 1947 wurde der 1.Januar für arbeitsfrei erklärt, wie es vor der Revolution war. Unsere heutige Regierung ist noch weiter in ihrem Wunsch gegangen, den Einwohnern Freude zu machen. Seit vorigem Jahr haben wir richtige Neujahrs- und Weihnachtsferien (Weihnachten ist bei uns am 7.Januar) - der 30.Dezember ist der letzte Arbeitstag des Jahres und zur Arbeit müssen die meisten Russen wieder erst am 10.Januar gehen. Man hat also genug Zeit zum Feiern!

Die Vorbereitung auf das Neujahr beginnt schon Mitte Dezember. Die Strassen, die Geschäfte, die Büros werden geschmückt, in der Stadt sind schon Mitte Dezember viele geschmückte Tannen zu sehen. In fast jeder Stadt wird die Haupttanne auf dem Hauptplatz aufgestellt, in der Regel ist es die grösste und die schönste Tanne der Stadt. Dazu kommen noch Schnee- und Eisfiguren und verschiedener elektrischer Schmuck.

Weihnachtstanne, Mirny, Russland © Oksana Fedotova

Haupttanne der Stadt Mirny 2006 (Waldtanne).
© Oksana Fedotova, 2006

 

Weihnachtsdekoration Mirny, Russland © Oksana Fedotova

Verwaltungsgebäude Mirny mit Neujahrsplakaten.
© Oksana Fedotova, 2006

 

In Russland gibt es an sich keinen Weihnachtsmann, zu Russen kommt Ded Moros (Vater Frost oder Väterchen Frost), von ihm bekommen die Kinder die Neujahrsgeschenke. Ded Moros ist ein alter Mann mit langem weissem Bart und Schnurrbart. Er trägt einen langen roten Mantel mit gesticktem traditionellem Muster und Besatz aus Schwandaunen, eine rote Mütze, weisse Handschuhe, weissen Gürtel und rote Stiefel (das ist eine traditionelle Beschreibung). In einer Hand hält er immer einen Stab mit einem Stern auf seinem Gipfel. Und natürlich hat er auch einen riesigen roten Sack mit Geschenken.

Ded Moros kommt nicht allein (was in keinem anderen Land der Fall ist!), seine Enkelin Snegurotschka ist immer dabei. Snegurotschka ist ein junges Mädchen aus Schnee (“sneg” heisst “Schnee”), weiss/blau gekleidet und hilft Ded Moros bei der Bescherung.

Ded Moros, Snegurotschka © Oksana Fedotova

Die Schneefiguren von Ded Moros und Snegurotschka an der Haupttanne Mirny 2006.
© Oksana Fedotova, 2006

Seit 1998 residiert Ded Moros in der Stadt Velikij Ustjug. Das ist eine altrussische Stadt, 1147 gegründet, 1100 Kilometer nordöstlich von Moskau.

Seine Residenz befindet sich 11 km entfernt vom Stadtzentrum. In der Stadt selbst hat Ded Moros einen Thronsaal, wo er die Gäste empfängt und sich mit ihnen fotografieren lässt, und auch seit ein paar Jahren ein eigenes Postamt. Alle Besucher können von hier Urlaubs- und Grusskarten mit dem Poststempel von Ded Moros und seinem Autogramm schicken. Und hier kommen auch jährlich etwa 700000 Briefe von allen Ecken des Landes, auch ohne genaue Anschrift, an. Ded Moros hat viele Helfer und alles wird gemacht, damit kein Brief ohne Antwort bleibt. In den letzten Jahren hat man bemerkt, dass Kinder dem Väterchen Frost Briefe schreiben, nicht nur um sich Geschenke zu wünschen, sondern auch um ihm etwas mitzuteilen, ihn um einen Rat zu bitten, er ist für Kinder schon zu einem guten Freund geworden.


Velikij Ustjug, Sommer 2002
© W. Kerber, 2002

“Velikij Ustjug – Heimat von Ded Moros” ist eigentlich ein grosses Projekt. Im Ramen von diesem Projekt existiert eine “Akademie von Ded Moros”, wo die Fachleute auf die Arbeit mit Kindern ausgebildet werden. Schulolympiaden und Sportwettbewerbe für den Preis von Ded Moros und Snegurotschka finden statt. Kreative Wettbewerbe und Ausstellungen werden veranstaltet und vieles andere mehr.

In diesem Jahr hat Ded Moros auch selbst in seinem Wald die Haupttanne des Landes ausgewählt, die nach Kreml (Moskau) transportiert wurde.

Post, Ded Moros © W. Kerber
Das Gebäude mit Thronsaal und der Post von Ded Moros, Velikij Ustjug, Sommer 2002.
© W. Kerber, 2002

 

In allen Kindergärten werden für die Kinder Ende Dezember Feste veranstaltet. So ein Fest wird auch “Jolka” genannt, das soll wohl heissen, dass der geschmückte Tannenbaum (“Jolka”) einer der wichtigsten Teile des Festes ist. In einem grossen Raum wird ein Tannenbaum aufgestellt und geschmückt. Die Kinder kommen schön verkleidet dazu, traditionell sind die Knaben als Häschen und die Mädchen als Schneeflöckchen verkleidet. Heute sind natuerlich auch Spiderman und andere moderne Personen zu treffen. Es gibt gewöhnlich eine Aufführung, wo die märchenhaften Personen, Ded Moros und Snegurotschka handeln (z.B. wird Snegurotschka von einer bösen Person gestohlen, die will, dass das Neujahr zu den Menschen nicht kommt, und Ded Moros mit anderen guten Personen und den Kindern retten sie), am Ende wird im Reigen um den Baum getanzt und gesungen.

Neujahrsreigen © Oksana Fedotova

Foto aus dem Familienalbum. Neujahrsreigen im Kindergarten 1985.
© Oksana Fedotova

Das berühmteste Neujahrslied "Das Tännchen" 1) wird dieses Jahr 103 Jahre alt, es wurde von einer Lehrerin geschrieben und erzählt von einer kleinen Jolka, die im Walde geboren wurde und am Ende zu den Kindern kommt, um ihnen Freude zu machen. Alle Kinder bekommen von Ded Moros und Snegurotschka Geschenke, traditionell sind das bunte Tüten mit Pralinen, Nüssen und Mandarinen. In vielen Firmen und Betrieben war es so (und bleibt auch jetzt), dass die Mitarbeiter, die Kinder haben, jedes Jahr für sie solche Neujahrsgeschenke bekamen.

Wie gesagt, ist das Neujahr das beliebteste Fest bei uns, besonders bei den Kindern. Es ist vor allem auch ein Familienfest, man feiert das meistens im Familienkreis. An den letzten Dezembertagen wird ein Tannenbaum besorgt und im Wohnzimmer aufgestellt. Man kann ihn auf den Tannenmärkten kaufen, die Ende Dezember veranstaltet werden. Viele bevorzugen, sich selbst im Walde einen passenden Baum auszusuchen, zuerst muss man aber eine Erlaubnis dazu kaufen. In der letzten Zeit werden die Neujahrstannen aus Kunststoff immer mehr verbreitet. Der geschmückte Tannenbaum steht traditionell bis zum 14.Januar, nach dem alten Kalender feierte man das Neujahr in der Nacht vom 13. auf den 14.Januar, wir nennen das “das alte neue Jahr” (und es wird auch mit Freunden und in den Familien gefeiert!). Einige Tannenzweige sind aber wünschenswert, wenn der Baum selbst aus Kunststoff ist – das Neujahr muss doch nach Nadeln duften. Der moderne Tannenbaum wird reichlich geschmückt – dazu gehören bunte Glaskugeln mit Flitter, Glas- oder auch Plastikschmuck in Form von Zapfen, Häuschen, märchenhaften Personen, Lametta, elektrische Beleuchtung, Girlanden. Auf dem Wipfel ist auch ein Schmuck, der in der sowjetischen Zeit immer einen fünfzackigen Stern darstellte. Die Neujahrsgeschenke werden unter die Tanne gelegt. Dort stehen auch oft die Figuren von Ded Moros und Snegurotschka.

Es gibt bei uns auch Ded Moros-Dienst, man kann für sein Kind Ded Moros und Snegurotschka bestellen, dann kommen die am Abend, schenken dem Kind ein Geschenk, zuerst muss aber das Kind ein Gedicht aufsagen oder ein Liedchen singen, das es extra dafür gelernt hat. In vielen Familien verkleiden sich die Väter oder jemand aus der Verwandtschaft selbst als Ded Moros und Snegurotschka und kommen zu ihren Kindern.

Es wird bei uns geglaubt, dass man das Neujahr in nagelneuer Kleidung feiern muss. Dann wird man sich auch im ganzen Jahr neue Kleidung leisten können. Man muss vor dem Neujahr auch alle Schulden zurückzahlen.

Der bekannteste Spruch in Russland lautet:

"Wie man das neue Jahr beginnt, so wird man es auch verbringen."

Darum gibt man sich Mühe, mit Familie und Freunden viel Freude und Geselligkeit zu haben.

Jedes Jahr gibt es auch in allen Medien Tipps, wie man das neue Jahr “richtig” beginnen muss, damit es glücklich wird (Farbe der Kleidung, Anzahl der Speisen, was auf dem Festtisch unbedingt sein soll etc.).

Ein wichtiger Teil der Feier ist auch das Wünschen, während die Uhr 12 schlägt. Man glaubt, die sehnlichsten Wünsche, an die man in der Neujahrsnacht denkt, werden im neuen Jahr in Erfüllung gehen. Die bekannte Variante, die 100% die Erfüllung eines Wunsches garantiert, wäre, dass man den Wunsch auf einen kleinen Zettel aufschreibt, ihn verbrennt, die Asche in einem Glas Sekt vermischt und das trinkt. Das alles muss aber unbedingt gemacht werden, während die Uhr 12 schlägt!

Alles startet ungefähr um 23h, man beginnt zu essen und zu trinken, etwa 15 Minuten vor 12 hebt man ein Glas mit Sekt auf und trinkt auf das alte Jahr, “man verabschiedet sich vom alten Jahr”. 5 Minuten vor 12 kommt die Neujahrsansprache von unserem Präsidenten im Fernsehen und Radio, der allen Einwohnern zum Neujahr gratuliert. Danach kommt das Bild vom Spasskaja-Turm (Erlöser-Turm) mit der Turmuhr in Kreml, während die Uhr 12 mal schlägt, stehen alle um den Tisch mit Sekt bereit und sobald die Uhr das zwölfte Mal schlägt, ertönt unsere Nationalhymne, alle stossen mit Sekt an, zünden bengalisches Feuer an und gratulieren einander zum Neujahr. Und endlich kommt die Bescherungszeit! Danach kann man noch weiter zu Hause feiern, in jedem Fernsehkanal sind die ganze Nacht festliche Sendungen mit viel Musik und Tanz. Diejenigen, die vor Kälte keine Angst haben, gehen zum Tannenbaum, der auf dem Platz steht, da wird auch gewöhnlich eine Aufführung mit Musik veranstaltet, man kann zuhören, mitsingen, tanzen und auch Bekannte treffen und ihnen zum Neujahr gratulieren. In manchen Städten gibt es am Ende (gegen Morgen schon) noch ein schönes Feuerwerk.

Es gibt natürlich auch Menschen, die das Neujahr in verschiedenen Lokalen feiern, wenn man sich aber dafür entscheidet, muss man die Plätze schon Ende November bestellen. Die Reisebüros haben auch viele Angebote zur Neujahrfeier, dadurch sind viele Menschen zu Neujahr im Ausland oder in anderen Städten. Aber die meisten Russen feiern das Neujahr doch mit ihren Familien.

Die Schulen haben bei uns 2 Wochen Winterferien, die gerade am 30.Dezember beginnen. An diesen Tagen werden im Fernsehen sehr viele Kinderfilme (vor allem Wintermärchen) und Trickfilme gezeigt. Die Kinder geniessen diese Zeit – spielen neue Spielzeuge, sehen fern, machen Schneemänner im Hof, spielen Schneeballschlacht und essen den ganzen Haufen Süssigkeiten, die sie zum Neujahr bekommen haben.

 

In Mirny (Archangelsker Gebiet) werden jedes Jahr auf dem Hauptplatz kleine Rodelbahnen fuer die Kinder aufgebaut und die ganzen Ferientage kommen da Eltern mit ihren Kindern.

Hauptplatz Mirny © Oksana Fedotova

Auf dem Hauptplatz Mirny, Januar 2006
© Oksana Fedotova, 2006

 

 

Rodelbahn, Mirny © Oksana Fedotova

Die Rodelbahn in Form von einem Hund, Hauptplatz Mirny 2006
© Oksana Fedotova, 2006

 

Rodelbahn, Lenin-Denkmal © Oksana Fedotova

Die Hund-Rodelbahn. Im Hintergrund das Offizierhaus mit Lenin-Denkmal, Mirny 2006
© Oksana Fedotova, 2006

 

Weihnachtstanne, Archangelsk © Nikolaj Detkov

Haupttanne Archangelsk 2006 (dieses Jahr Kunstbaum), vorne die Luftfiguren von Ded Moros und Snegurotschka.
© Nikolaj Detkov, 2006

Schneemänner, Archangelsk © Nikolaj Detkov

Schneemänner auf dem Hauptplatz Archangelsk.
© Nikolaj Detkov, 2006

Schneemänner, Archangelsk © Nikolaj Detkov

Schneemänner auf dem Hauptplatz Archangelsk.
© Nikolaj Detkov, 2006

 

Die Neujahrsfeiertage sind eine sehr schöne Zeit, an die man sich dann noch lange erinnert!

1)

Ёлочка

В лесу родилась ёлочка,
В лесу она росла,
Зимой и летом стройная,
Зелёная была.

Метель ей пела песенку:
«Спи, ёлочка, бай-бай!»
Мороз снежком укутывал:
«Смотри, не замерзай!»

Трусишка - зайка серенький
Под ёлочкой скакал.
Порою волк, сердитый волк,
Рысцою пробегал.

Чу! Снег по лесу частому
Под полозом скрипит;
Лошадка мохноногая
Торопится, бежит.

Везёт лошадка дровеньки,
А в дровнях мужичок,
Срубил он нашу ёлочку
Под самый корешок.

Теперь она, нарядная,
На праздник к нам пришла,
И много, много радости
Детишкам принесла.

(Р. Кудашева)

 

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