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Die Gründung von Archangelsk. Die Archangelsker Gasthöfe, Teil 1
© Oksana Fedotova

Die Gründung von Archangelsk, Teil 2

Die Gründung von Archangelsk, Teil 3

Im 12.Jh wurde am Kap Pur-Nawolok (Пур-Наволок, „Nebelkap“ aus dem Ugro-Finnischen), am rechten Ufer der Nördlichen Dwina und 40 km weit von ihrer Mündung ins Weiße Meer, von den Nowgoroder das Erzengel-Michael-Kloster (Михайло-Архангельский монастырь) gegründet. Dazu kamen noch eine Siedlung und eine Anlegestelle für Fischerboote.

Um das Erzengel-Michael-Kloster wurde 1583-1584 auf Erlass des Zaren Iwan IV. eine Stadt errichtet. Als Gründungsdatum der Stadt zählt der 4.März 1583 – das Datum des Zarenerlasses.

Die Gründung der Stadt erfolgte sehr feierlich (diese Feierlichkeit war traditionell für die Gründungen aller russischen Städte). Am Ufer versammelten sich Bauleute und Ingenieure, Heerführer und Geistliche. Mit Pfeilern wurden die Linien der Mauer und Türme gekennzeichnet, ein Geistlicher folgte den Bauleuten und besprengte die Anlage mit dem gesegneten Wasser.

Die neue Stadt wurde in einem Jahr errichtet und stellte eine hölzerne Festung dar, die das Kloster umgab. Die Mauer von der Flussseite war eine doppelte Mauer, mit Steinen und Boden gefüllt. Die Hauptelemente der Festung waren die Türme mit aufgestellten da Kanonen.

Die Stadt wurde die Neue Stadt (Новый город) oder Nowocholmogory (Новохолмогоры -  die Neuen Cholmogory) genannt. Die Stadt Cholmogory war seit dem 15.Jahrhundert das Handelszentrum der Nowgoroder in der Dwina-Region, und 200 Strelitze1 (стрельцы) aus Cholmogory wurden zu den ersten Einwohnern der Neuen Stadt. Später kamen dazu noch 130 Familien aus verschiedenen Dwinadörfern. Nach 5 Jahren zählte die Stadt schon 138 Häuser und 1588 wurde dort die erste hölzerne Kirche mit einem Glockenturm gebaut.

Der offizielle Name der Stadt „Nowocholmogory“ war bei ihren Einwohnern nicht beliebt, sie nannten die Stadt Archangelsker Stadt, nach dem Namen des Klosters, um das die Stadt entstand. Darum wurde der von der Regierung gegebene Name bald nicht gebräuchlich und die Stadt erhielt 1613 Verwaltungsselbständigkeit und den heutigen Namen – Archangelsk (Erzengelstadt).

 

Archangelsk, die hölzerne Stadt

Archangelsk – „die hölzerne Stadt“. Der Ausschnitt aus der Karte von Gerits Gessel, 1613.
Die erste bekannte Schilderung von Archangelsk. Die Skizze  wurde nach der Natur im Sommer 1609 vom holländischen Kaufmann und Diplomaten Isaak Massa gemacht. 
(Ausstellungssaal des Archangelsker Heimatkundemuseums)


Allmählich wurde die „Stadt-Festung“ zu einer wichtigen Handelsstadt. Mit jeder Navigation legten immer mehr englische Handelsschiffe in Archangelsk an: 1604 – 29, 1618 - 43, 1621 – 67. Das bedingte die Errichtung am Flussufer von Handelsspeichern, 80 von denen waren für die russischen Kaufleute bestimmt, und noch 30 – für die Ausländer.

Hier waren auch die Räume zum Wiegen von Waren, Badestuben, eine Kneipe. All diese Einrichtungen befanden  sich um den Handelsplatz herum. Und all das wurde zum ersten Gasthof in Archangelsk.

 

Der russische Kaufmann

Der russische Kaufmann. Deutscher Stich des 16.Jahrhunderts.
(Ausstellungssaal des Archangelsker Heimatkundemuseums)

Im Laufe des ganzen 17.Jahrhunderts blieb Archangelsk der einzige Handelshafen Russlands, das Zentrum des internationalen Handels. Jeden Sommer stand der Handel in anderen Städten, auch in Moskau, still, denn alle Kaufleute fuhren mit ihren Waren nach Archangelsk, wo ein reger Handel von Juli bis Oktober getrieben wurde. Die Engländer durften in Russland zollfrei handeln und kauften darum gerne Leder, Flachs, Hanf, Teer. Ein besonderes Interesse hatten sie natürlich an kostbaren Rauchwaren. Und sie selbst brachten als Handelsartikel Seidenwaren, Metall, Waffen. Im Herbst gingen diese Waren Richtung Moskau.

 

Der englische Kaufmann

Der englische Kaufmann. Der deutsche Stich des 16.Jahrhunderts.
(Ausstellungssaal des Archangelsker Heimatkundemuseums)

Um die Bedeutung des Hafens zu erhöhen, befahl der Zar Alexej Michailowitsch, dass sich der ganze internationale Handel in Archangelsk konzentriert. Dies hatte als Folge, dass im Jahre 1664 der Gewinn vom Handel nur der Archangelsker Stadt allein zwei Drittel des russischen Staatshaushaltes bildete.

 

Ausladung der Schiffe in Archangelsk, D. Hodowezkij

Die Ausladung der ausländischen Schiffe in Archangelsk. Der Stich von Daniel Chodowiecki, Anfang des 18.Jahrhunderts.
(Ausstellungssaal des Archangelsker Heimatkundemuseums)

Nach den Engländern kamen auch die Holländer nach Archangelsk, das zu einem von den Holländern am häufigsten besuchten Hafen wurde.

Das folgende Bild stellt die Archangelsker Reede mit vielen Segelschiffen dar. Im Vordergrund steht eine große Fregatte, deren Heck mit dem Wappen von Amsterdam geschmückt ist.

Die Schiffe der Archangelsker Reede 1712

Die Schiffe auf der Archangelsker Reede, 1712. Vom Stich des holländischen Malers des 18.Jahrhunderts A.Salma.
(Ausstellungssaal des Archangelsker Heimatkundemuseums)

Mit der Zeit ließen sich viele Ausländer in Archangelsker Stadt nieder. Sie wurden erlaubt, die Wohnhäuser im ganzen Delta der Nördlichen Dwina zu bauen. Vor allem wurden es Engländer, dann Holländer und später die Deutschen. Die unternehmungslustigen Ausländer bauten Spinn- und Seilfabriken, Mühlen, Schmieden. Die erste Apotheke in Archangelsk wurde 1710-1711 vom Ausländer Kasper Weiß eröffnet.

Am Anfang des 17.Jahrhunderts wies die Stadt eine eigenartige Struktur auf: das eine Zentrum war die Festung mit dem Kloster, die Militär- und religiöse Funktionen ausübten. Das andere selbständige Zentrum neben der Festung war der Gasthof. Um diese 2 Zentren herum bildeten sich die Wohnviertel – Sloboda („слобода“ auf Russisch, veraltet – bedeutete eine Wohnsiedlung bei der Stadt). Diese Wohnviertel wurden nach den Beschäftigungen der Einwohner oder nach ihrer Herkunft besiedelt: Strelitzensloboda (Стрелецкая слобода), Deutsche Sloboda (Немецкая слобода) u.a. In der Deutschen Sloboda wohnten die Ausländer, damals wurden alle Ausländer „Deutsche“ genannt.

Glocke Archangelsk © Oksana Fedotova


Die Glocke mit der Aufschrift: Gloria in excel sis deo anno 1619.
(Ausstellungssaal des Archangelsker Heimatkundemuseums)

 

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