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Rund um Archangelsk - Ljawlja - Die Nikolauskirche In der Umgebung von Archangelsk gibt es noch Dörfer und Siedlungen mit alten Denkmälern der Holzarchitektur. Ein solcher Ort befindet sich nur etwa 35 km südlich von Archangelsk. Das ist die alte Siedlung Ljawlja am Ufer des kleinen Flusses Ljawlja, nicht weit von der Stelle ihrer Einmündung in die Nördliche Dwina. Heute versteht man unter Ljawlja eigentlich eine Vereinigung von 5 kleineren Dörfern. Sie sind nicht besonders interessant, da gibt es keine alten traditionellen Holzhäuser, nur modernere Häuser oder Datschas (russische Landhäuser). Ljawlja ist aber für ihre größte Sehenswürdigkeit bekannt – die Nikolauskirche, eine der ältesten (in manchen Quellen steht: die älteste) bis heute erhaltenen Holzkirchen solchen Typus in Russland. Diese Gegend war schon seit uralten Zeiten besiedelt. Der Fluss war reich an Fischen und der Wald an Tieren, der Boden war für Ackerbau sehr gut geeignet. Seit dem 14. Jahrhundert begann der Kampf zwischen Nowgorod und Moskau um dieses fruchtbare Land. Gerade in diese Zeit fällt die Gründung des Entschlafung-der-Gottesgebärerin-Klosters *) in Ljawlja, mit dem die Geschichte der Nikolauskirche eng verbunden ist. *) Entschlafung der Gottesgebärerin / Entschlafung der Gottesmutter – ein Fest der russisch-orthodoxen Kirche, entspricht der Mariä-Himmelfahrt in der katholischen Kirche.
Es gibt keine Beschreibungen des Klosters in Ljawlja aus dem 14.-16. Jahrhundert. Es ist nur bekannt, dass alle Klosterbauten damals aus Holz waren. Das ist natürlich, wenn man daran denkt, dass die Stadt Archangelsk selbst erst 1584 gegründet wurde und für viele Jahre eine Holzstadt blieb. Die heute in Ljawlja existierende Holzkirche gehört in das Ende des 16. Jahrhunderts. Ihr Aufbau begann 1581, und nur drei Jahre später, 1584, wurde sie dem Fest Entschlafung-der-Gottesgebärerin zu Ehre eingeweiht.
Das war eine etwa 40 m hohe Holzkirche mit einem Zeltdach. Das Holzbau und die Dekoration der Kirche wurden mit einfachen Instrumenten – Axt und Handbeil – angefertigt. Im Grundriss der Kirche liegt ein "wosmerik" *, vom Westen und Osten wird er durch zwei gleiche "tschetweriki" ** ergänzt, abgeschlossen durch das Element "Fass" ***. Im östlichen "tschetwerik" befindet sich der Altar, im westlichen – ein "pritwor" ****. Ursprünglich gab es noch eine den „wosmerik“ von drei Seiten umlaufende überdachte Außengalerie auf Konsolen mit Bänken, wo sich die Kirchengänger erholen konnten, denn in den russischen orthodoxen Kirchen gibt es traditionell keine Stühle oder Bänke, so dass die Menschen während des Gottesdienstes stehen müssen. *) Wosmerik, Pl Wosmeriki – in der russischen Architektur ein im Bauplan achteckiger Bau oder sein Teil; vom russischen Wort „wosem“ – „acht“. In der russischen Kirchenarchitektur (zuerst in der Holzarchitektur, später auch im Steinbau) war die Konstruktion „wosmerik auf tschetwerik“ sehr verbreitet. Der untere Teil der Kirche ist ein viereckiges Balkengefüge, darauf stellt man ein achteckiges Holzwerk. Oben können noch ein oder zwei kleinere „wosmerik“ sein, mit Endung in Form von einem Zelt oder einer Kuppel.
Die Entschlafung-der-Gottesgebärerin-Kirche war nicht der einzige Kultbau des Klosters. Daneben gab es noch eine andere Holzkirche – die Nikolauskirche – und einen Glockenturm. So ein Dreier-Ensemble (zwei Kirchen und ein Glockenturm) war im Russischen Norden sehr verbreitet. Leider konnte im Laufe der Geschichte dieses Kirchenensemble nicht erhalten werden. Der Glockenturm ging bis Anfang des 19.Jahrhunderts verloren und die beiden Kirchen waren in einem beklagenswerten Zustand.
* Cholmogory – eine Siedlung im Archangelsker Gebiet im unteren Flusslauf der Nördlichen Dwina, heute das Zentrum des Cholmogorskij Bezirks. Die Siedlung ist seit dem 14.Jahrhundert bekannt uns spielte eine wichtige Rolle im Norden Russlands vor der Gründung von Archangelsk, das zuerst den Namen Nowocholmogory (=die Neuen Cholmogory) hatte.
* Lemech – eine besondere Holzdeckung russischer Kirchenkuppeln. Die Holzschindeln wurden meistens aus Espenholz angefertigt. Dieses Holz bekommt mit der Zeit eine schöne silberne Farbe und die Kuppeln der Holzkirchen spielen dann in der Sonne wie Silberschuppen.
Die 1804 daneben aus Stein gebaute Kirche wurde auch als Entschlafung-der-Gottesgebärerin-Kirche geweiht. Ihr äußeres Aussehen hat sich seit dem Bau nicht sehr stark verändert. Vor ein paar Jahren hatte diese Kirche noch eine schöne rosa Farbe, jetzt kann man es sich nur vorstellen, wie schön es von der Strasse ausgesehen hatte: eine dunkle Holzkirche und eine rosa Steinkirche.
Etwas hangabwärts befindet sich hinter der Holzkirche eine Wasserquelle. Die Geschichte der Heiligen Quelle oder des Heiligen Brunnens, wie man sie noch nennt, beginnt schon in den 1580-90-er Jahren. In den alten Zeiten wurde über der Wasserquelle ein Holzhaus mit zwei getrennten Abteilungen für Frauen und Männer gebaut, da haben sich die Gläubigen mit dem Wasser aus der Heiligen Quelle übergossen. Man erzählte von vielen Heilungsfällen. In der Sowjetzeit wurde die Quelle verschüttet, heute ist der Heilige Brunnen wieder da und über der Quelle steht noch eine kleine Holzkapelle. Das Wasser aus diesem Brunnen wird von den Einwohnern und Pilgern nicht getrunken, man wäscht sich nur das Gesicht und die Hände damit.
Die Fachleute von der „Archangelsker Geologischen Förderung“ haben vor einigen Jahren die Quelle untersucht und Folgendes festgestellt – das Wasser kommt aus einer 18 - 20 m tief liegenden Sandlinse, die vom Oberwasser durch eine große Schicht vom blauen Ton getrennt ist. Das Wasser in der Quelle ist immer sauber und klar.
Nicht zufällig wurde noch ein Seitenaltar in der Entschlafung-der-Gottesgebärerin-Kirche den Märtyrern der Neuzeit geweiht. In Ljawlja befand sich in den 1930-er Jahren die Verwaltung der Nördlichen Sonderlager (USELON). Das war eine Etappenstation, hier wurden die inhaftierten Kulaken *) aus der ganzen Region Archangelsk gebracht und von hier aus weiter in die Sonderlager von Pinega, Kuloj usw. geschickt. *) in Russland nach der Revolution 1917 die Bezeichnung für ländliche Groß- und Mittelbauern. Im Rahmen der Kollektivierung der Landwirtschaft seit 1928 wurde den Kulaken ihr Eigentum enteignet und sie selbst, oft mit Familienangehörigen, wurden in die Arbeits- und Sonderlager geschickt.
Alle Fotos: 12.Juni 2009, Ljawlja, Archangelsker Gebiet, Russland. Für Fragen und Vorschläge benutzen Sie ausschliesslich das Thema Russland in unserem Forum.
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