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Tatarisches Totenritual in einem Dorf in der Nähe von UFA in Baschkirien
© Johann Liebhart

Das Gespräch wurde mit Dorfleuten in Baschkirien (Baschkortostan) im August 1993 geführt.

Religionsbekenntnis: Islam.

Geht ein Leben zu Ende wird der Mulla (Priester) gerufen. Der Mulla hat ein Buch den Kurgan (ich denke es ist der Koran gemeint) genannt wird, worin alle Rituale und Gebete, ja sogar der Zeitpunkt wann der Mensch stirbt, festgeschrieben sind. In der Regel nach drei Tagen Gebet. Wie es im Kurgan festgeschrieben steht. Der Mulla ist solange anwesend bis der Tote begraben ist. Er bestimmt wann der Tod eingetreten ist und wie die Zeremonien abzulaufen haben. Für diese Dienste wird er bezahlt.

Der Mulla tritt in das Zimmer des Sterbenden, sieht ihn an und gibt konkret Anweisungen. Der Mulla stellt sich hinter das Bett am Kopfende des sterbenden und beginnt aus dem Kurgan zu beten. In einer Hand hält er eine Gebetskette (ähnlich dem Rosenkranz). Der Sterbende sollte vor seinem Tod unbedingt ein paar Worte sprechen. Für die Hinterbliebenen ist das eine große Erleichterung. Das bedeutet, dass es der Sterbende in einem anderen Leben (Himmel) besser haben wird.

Hat der Mensch das Leben zurückgelassen, wird seine Sterbekleidung (neue Kleidung) angezogen. In alter Tradition wurde ein Brett in das Bett eingelegt und darauf der Tote aufgebahrt. In neuer Tradition wird der Tote in einen Sarg aufgebahrt. Die Spiegel werden mit weißen Tüchern verhängt. - Der Tote soll die Trauer im Hause nicht sehen - Zwischen Kinn und Brust wird ein dicker Lappen gelegt damit der Mund geschlossen wird und sich nicht mehr öffnen kann. Die Hände werden auf die Oberschenkel gelegt. Der Tote wird mit einer Decke zugedeckt.

Nur die Verwandte und sehr gute Bekannte dürfen sich von den Toten verabschieden. Dabei wird die Decke zurückgeschlagen dem Toten in das Gesicht gesehen und man sagt zu ihm „schlaf ruhig“.

Hatte man mit dem Toten ein in letzter Zeit Differenzen, so bittet man ihn um Entschuldigung und um Verzeihung.

Normalerweise bleibt der Verstorbene drei Tage im Haus, außer bei Krebskrankheit - da nur zwei Tage. Der Verstorbene darf nie alleine gelassen werden. Es müssen immer Leute anwesend sein, am besten die Kinder. Es sollte immer gebetet werden.

Das Essen für die Totenfeier darf nicht zu Hause gekocht werden. Solange der Verstorbene zu Hause ist, muss der Ofen kalt bleiben.

Am Begräbnistag wird der Tote gewaschen. Der Verstorbene wird mit dem Brett aus dem Bett gehoben und auf zwei Stühle oder ähnliches gestellt. Der Verstorbene wird, der Vater vom Sohn, die Mutter von der Tochter und den nahen Verwandten ausgezogen. Unter dem Totenbrett steht ein Eimer, der das Waschwasser auffängt. Das Wasser - aufgewärmt - (es sollten 2 Eimer voll sein) sollte aus einer Quelle aus einen reinen Bach oder Fluss sein. Der Verstorbene wird von Kopf nach unten sowie rückwärts gewaschen.- jeder Finger und jede Zehe werden einzeln gereinigt -. Das Wasser aus dem Eimer muss vollständig verbraucht werden. Das gesammelte Wasser wird an einer Stelle des Hauses geschüttet wo niemand darauf treten kann und mit Erde bedeckt.

Der Tote wird mit großen Flecken von Mullbinden vom Hals bis zu den Knien bedeckt und mit Faschen eingewickelt. In der Zwischenzeit nähen die Verwandten einen weißes Kleid (Umhang) Dieser Umhang darf nur mit der Hand genäht werden.

Ist die Waschung fertig wird der Verstorbene angezogen. Mit dem Umhang und die Frauen mit einen Koftuch. Anschließend mit einer großen weißer Decke eingewickelt und auf das Brett oder in den Sarg gelegt. Jetzt darf den Toten keiner mehr sehen.

Nach der Reinigung beginnt das Begräbnis. Es gibt keine Kränze sondern nur Blumen.

Die Frauen begleiten den Toten nur durch das Dorf und gehen zurück. Schwangere dürfen auch das nicht tun.

Es ist üblich, daß die Frauen den Friedhof nicht betreten. Will eine Frau ihre Mutter bis zum Grab begleiten so muss sie das Einverständnis des Mullas einhohlen.

Am Friedhof angekommen wird der Sarg neben dem Grab abgestellt. Der Mulla liest aus dem Kurgan. Die Männer nehmen die Kopfbedeckung ab und neigen den Kopf. Dann folgt die letzte Verabschiedung.
Man spricht zu den Toten "schlaf ruhig – es sei dir die Erde ein Federnbett".

Anschließend steigen zwei Männer in das Grab hinein dass in - L - Form ausgehoben wurde. Der Verstorbene wird in das Grab gehoben in die Nische gelegt und mit Bretter abgedeckt. Es soll keine Erde direkt auf dem Toten fallen Die Männer steigen aus dem Grab und zeigen es den Mulla den Verwandten und Anwesenden. Es wird von den Anwesenden kontrolliert, ob alles in Ordnung ist. Sind alle zufrieden wird das Grab von Verwandten zugeschüttet. Der Mulla liest noch 15 Minuten lang ein Gebet. Nach dem Gebet wird an den Trauergästen (inkl. Kinder) Geld verschenkt (gespendet?) Gleichzeitig werden auch persönliche Sachen des Toten (Kleider Schuhe) an die Leute verschenkt.

Alle Anwesende werden zum "3 Tage Essen" zum Totenmahl eingeladen.

Zu Hause liest der Mulla wieder Gebete und an den Anwesenden werden wieder Sachspenden und Geld verteilt, die der Tote schon zu Lebenszeit gespart und gesammelt hat.

Es darf kein Alkohol getrunken werden. Übliche Speisen sind: Nudelsuppe, Brot, Gemüse, Tee, und Fleisch nur in der Suppe (kein Schweinefleisch)

Die wichtigsten Totenfeiern Pominki (Gedenktage) sind der 9. 40. 52. Tag und der Jahrestag. Diese Totengedenktage (Pominki) müssen gefeiert werden. Wird Pominki nicht gefeiert so ist es eine Missachtung des Toten und man nimmt Sünde auf sich. Die allerwichtigste Pominki Feier ist der 40.Tag und der 52. Tag wo an die komplette Auflösung (Zerfall) des Toten gedacht wird. An diesem Gedenken sollte auch der Mulla anwesend sein.

Gedanken der Bevölkerung

- Die Seele des Toten geht nicht gleich weg. Denn 3 Stunden nach der Beerdigung wird der Tote (Seele)
wieder lebendig. Die Seele kommt aus dem Grab und weint.

- Nach 3 Tagen geht die Seele zurück ins Grab und kommt nicht wieder.

- Wenn man von einen Verstorbenen träumt und er kann reden, ist es ein gutes Zeichen.

- Wenn der Verstorbene dir im Traum etwas gibt, ist es etwas Gutes.

© Johann Liebhart, 2006. Alle Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt!
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