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Die "Züchner" im Zillertal.
von H. W. (Dr. Ludwig von Hörmann).

Hoch droben auf den Bergen und Alpen Zillertals, wo die Fichte und Tanne nur kümmerlich oder gar nicht mehr fortkömmt, wächst der Zirmbaum (Zirbelkiefer, pinus cembra), oder, besser gesagt, er kömmt dort noch vor; denn junge Stämme wachsen, so viel ich aus meiner eigenen Anschauung weiß, keine mehr nach oder doch nur sehr vereinzelt. Man trifft nur hie und da noch alte Bäume, selten größere Strecken mit solchen bedeckt, Zirmwälder. Es ist dieser Baum, dessen Holz so nützlich und tauglich zu Schnitzarbeiten, dessen Läden so schön und gesucht sind zu Getäfel von Zimmern und Wohnstuben, im Zillertal leider im Aussterben begriffen, und nicht mehr viele Jahrzehnte dürften vergehen, so wird er von den Höhen und Alpen Zillertals gänzlich verschwunden sein.

Die Ursachen davon sind mehrere, eine der verderblichsten aber ist das "Züchnern" *), das Sammeln der großen, blauen kegelartigen Zapfen, Tschurtschen, "Züchen" genannt, welche die gesuchten und auf dem Markte häufig verkauften Zirmnüßchen bergen.

") Wohl aus "Zirmnern" entstanden mit dem im Zillertal eigentümlichen Übergang des r in ch oder sch z. B. Wicht und Wirscht für Wirt; wenn es nicht mit dem althochdeutschen Wort zuoc = Zweig, Zacken eines Baumes zusammenhängt.

Von Mitte bis Ende September wird das "Züchnen" am Stärksten betrieben; denn vor dieser Zeit sind die "Züchen" noch voll Pech und deshalb sehr schwer zum Tragen. Sie lassen sich auch nicht gut "ausbratschen", d. h. die Nüßchen unter den schuppenartig über einander liegenden Deckchen herauslösen. Sie sind noch nicht "in der Bratsch", sagen die Züchner. Deswegen werden auch solche unreife "Züchen", wenn hie und da von einem Älpler einige den Kindern nach Hause gebracht werden, im Feuer "gebraten", das Pech herausgesotten, oder sie werden, um abzureifen, im Heu eingegraben, "gemaugget". Es lassen sich dann in beiden Fällen die Nüßchen leicht herauslösen.

Die eigentlichen Züchner, die das Züchnen als Erwerb treiben, gehen um die obengenannte Zeit auf jene Jöcher und Alpen, wo die meisten und schönsten Züchen wachsen. Es sind dies im Zillertal die Jöcher und Alpen gegen Sonnenaufgang. Dort quartieren sie sich in einer Alpenhütte ein. Während des Tages bei schönem Wetter werden die Züchen von den Bäumen herunter genommen und in einem Rückkorb zur Alpenhütte getragen. Abends und bei Regentagen werden die gesammelten Züchen beim Hüttenfeuer "abgebratscht", "abgerübbelt" und die so gewonnenen Nüßchen in einen Sack gegeben. So ein Züchner bleibt oft acht Tage und darüber auf der Alpe bei seinem Geschäft und kehrt dann mit seinem Gewinn, der oft in mehreren Staren Zirmnüßchen besteht, nach Hause. Er trägt sie, wenn es ihm möglich ist, oder zieht sie auf einer Schleife nach Hause. Sie werden entweder an die Krämer verkauft, oder, wenn sie in bedeutender Menge sind, zum Ölschläger gegeben und daraus das sog. Zirmöl bereitet. Auch Älpler, besonders die "Putzer", die am wenigsten Lohn haben, machen hie und da mit den Zirmnüßchen ein Nebengeschäft. Diese, die das Züchnen als Erwerb betreiben, sind aber nicht die einzigen Züchner. Leute, die sonst gerade nicht viel zu tun haben, Kinder, Knaben und Mädchen, Knechte, und Mägde an einem Bauernfeiertag, z. B. Mathäus 26. Sept,, Michaeli 29. Sept., wandern oft in ganzen Karawanen den Jöchern zu, jedes, auch das Kleinste, mit einem Rückkorb versehen, um Züchen zu holen. Zehn - zwölf Personen gehen oft mitsammen.

Frühmorgens gegen zwei Uhr wird schon aufgestanden, Suppe und Nocken gegessen, Schnaps und Brot für Mittag eingepackt, dann begibt man sich in das bezeichnete Haus, wo alle zusammen kommen sollen. Dann wird unter Singen und Jauchzen aufgebrochen. Ist die Nacht dunkel, so nimmt man mehrere Fackeln, Bucheln genannt, mit; oft ist jeder mit einer solchen versehen, so daß man oft zehn und mehr flammende Fackeln den Berg hinaufwandeln sehen kann. Die Leute haben dabei ihren größten Spaß, sie stehen mit den brennenden Spänen im Kreise zusammen, verfolgen einander damit oder schwingen sie im Kreise herum etc. Diese Züchner sind auch sonst noch üble Morgenvögel. Bei den Berghäusern und Höfen, an denen der Weg vorüberführt, wird oft mit dem Rufe: "Auf, auf, es brennt!" ein Höllenlärm gemacht, und wenn dann die Hausleute erschreckt aus dem Morgenschlummer emporfahren, die Fenster öffnen und fragen, wo es brenne, so heißt es: "Da, siehst nicht, die Bucheln brennen!" Natürlich zieht sich der so Gefoppte mit einem Brummer wieder vom Fenster zurück, denn in ein Wortgezänk mit den Züchnern will sich niemand einlassen. Auch die Obstbäume weiden oft hart mitgenommen. Auf den Jöchern bekommt man keine Äpfel und Birnen, und doch schmecken dieselben gerade dort droben besonders gut. Vorzüglich haben es die Züchner auf solche Bauern abgesehen, die als geizig und knauserisch bekannt sind und das Obstbäumeschütteln bei Nacht gar nicht goutieren. Auch andere tolle Streiche werden ausgeführt, "Tück' tun", sagen die Bauern. Es wird z. B. eine Holzlage umgeworfen, die Haustüre verrammelt, der Brunnen abgekehrt und Ähnliches. So geht es hinauf, bis sie zum "Tück' tun" keine Gelegenheit mehr haben. Kommt man in die Nähe der Almhütten, so wird gejohlt und gejuchzt, daß es eine Freude ist. Von oben herunter wird erwidert. Die Älpler sehen nicht ungern die Ankömmlinge aus dem Tal, denn auf der Alpe ist man froh, wenn man wieder hie und da einen Menschen aus dem Tale sieht. Die Züchner erzählen Neuigkeiten, bringen dem Senner und Hirten einen Gruß vom Diendl, sei er aufgetragen oder nicht; bekommen einen Schluck Schnaps u. s. w. Recht wohl tut es oft so einem Älpler, wenn er unter den Züchnern ein paar frische Diendln zu sehen bekommt, denn so lange und nie ein so holdes Angesicht! - Deßwegen heißt das Liedl:

"Gen Alm geh' i nimma
I waß schu warum:
Weil ku Hochzeit nit ist
Und ku Diendl weitum."

Man erkundigt sich bei den Älplern, wo am meisten Züchen zu finden seien, wobei sie der Älpler freilich auch manchmal blau anlaufen läßt. Dann geht es wieder weiter.

Ist man am Ziel der Wanderung angelangt, so verteilt man sich in einzelne Partien, nachdem man zuvor ausgemacht, wann und wo man wieder zum Nachhausegehen zusammentreffen will. Gewöhnlich ist dieser Punkt die Almhütte. Die Buben müssen nun auf die Bäume steigen, um die Züchen herunter zu pflücken, die Mädchen sammeln sie auf. Gewöhnlich ist man so verteilt, daß jeder seine Sammlerin hat, der er aber dafür auch dem Korb voll herunterpflücken muß. Bevor die Buben auf den Baum steigen, macht jeder ein Kreuz und spricht ein kurzes Gebet, denn das Züchenpflücken ist eine gefährliche Arbeit, weil die Äste sehr leicht brechen, besonders wenn es alte Bäume sind. Schon Manchen, der lustig und munter den Berg hinauf wanderte, hat man als Leiche oder als Krüppel nach Hause getragen. Doch Furcht scheint bei den Züchnern nicht viel vorhanden zu sein; wie Eichkätzchen kletterten sie auf die Bäume und schicken droben einen Juchzer um den andern in die frische freie Bergesluft Diese Züchner sind nun der größte Schaden für die Zirmbäume, sie reißen Gipfel und Äste ohne Barmherzigkeit ab, wenn sie einen Züchen mit der Hand nicht erreichen. Er muß herunter, da hilft nichts. Manche nehmen sogar Beile mit um die Äste abzuhauen. Natürlich verkümmern dann die Bäume oder sterben, ganz ab. Die Förster haben früher nichts dagegen getan, und jetzt ist es zu spät. Sind Züchen in bedeutender Menge vorhanden, so sind bis Mittag oder nicht lange darnach alle Körbe voll. Man ist in diesem Fall auch sehr heikel und nimmt gewiß nur die schönsten und größten, die kleineren oder von den Vögeln angefressenen werden liegen gelassen. Die holt dann der "Jochgratsch" oder "Grauhetz".

Hat man die Körbe voll, so nimmt man vielleicht einen kleinen Imbiß und bricht dann zum bezeichneten Sammelorte auf. Dort angekommen wird "g'mittagt", Brot gegessen. Manche haben auch Nocken oder Krapfen mit, Schnaps und Wasser getrunken. Manchmal bringt auch der Melcher eine Schüssel voll Milch, "reicht's so weit reicht's", sagt er, denn für alle kann er nicht Milch bringen, es sind ihrer zu viele, und er dürfte um ein Mal weniger buttern und käsen. Ist man nun so ziemlich wieder gestärkt, dann geht es bergab. Es ist gewiß kein Spaß, so einen Rückkorb voll Züchen vom Joch herunter zu schleppen zwei - drei Stunden Weges, ein Stadtherr wäre kaum im Stande das zu ertragen, was ein Schulmädchen von 12 - 14 Jahren zu Tal bringt. So geht's hinunter über den Berg, zwar nicht mehr unter Jodeln und Jauchzen, wie am Wege hinauf, aber doch noch unter munteren Scherzen. Freilich hört man auch nicht selten einen tiefen "Schnaufer": "I muß rasten." Nun so rastet man wieder, bis Abends kömmt man doch heim. Ist man zu Hause angelangt, so kommen die Kinder und betteln: "Mir a an Züchen, mir a an Züchen." Das ist das Willkommen der Kinder. Mit zweien oder dreien sind sie zufrieden. Hat man sich seiner Last entledigt, so wird bald darauf ein tüchtiges Nachtessen eingenommen, während dessen die Erlebnisse des Tages erzählt werden, ob viele Züchen droben sind, wie die Kühe ausschauen, was diesem oder jenem begegnet ist u. s. w. Dann geht man schlafen, denn man ist müde und will ausrasten. Die Zirmnüßchen werden den Herbst und Winter hindurch zur Unterhaltung "aufgekeft", aufgebissen, auch zum Kartenspielen statt des Geldes verwendet. Das Zirmnüßchen aufbeißen muß man aber verstehen. Manche haben darin eine ungeheure Fertigkeit, so daß es geht "wie's Nudelessen".

Quelle: H. W., Ludwig von Hörmann, Die "Züchner" im Zillerthale, in: Der Alpenfreund, Monatshefte für Verbreitung von Alpenkunde unter Jung und Alt in populären Schilderungen aus dem Gesammtgebiet der Alpenwelt und mit praktischen Winken zur genußvollen Bereisung derselben. HG Dr. Ed. Amthor, 5. Band, Gera 1872, S. 335 - 338.
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