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Die Wurzengraber.
von Dr. Ludwig von Hörmann.

Wenn wir die Gebirgswelt Tirols durchwandern, so treffen wir als Staffage der einsamen Alpentäler oft allerlei seltsame Gesellen. Da begegnen uns der robuste abgehärtete Kraxenträger, der gigantische Holzknecht, Jäger, Schwärzer, Wilderer, ferner Kohlenbrenner, Tschurtschenklauber (Waldsamensammler), Zimmerleute, Schüsseldreher und andere. Nicht zu vergessen sind die Wurzengraber oder Enzianklauber. Es sind Gestalten wie wandelnde Ruinen, braun und verwittert, mit Gesichtern, in denen Wintersturm und Sonnenglut ihre Zeichen eingegraben. Ihre Lebensweise ist auch abenteuerlich genug. Hoch oben auf luftiger Alpenhöhe baut sich der Wurzengraber seine Hütte aus Zirbelbaumzweigen und deckt sie gegen den Regen und Schnee notdürftig mit Baumrinden zu. Hier macht er sich wärmendes Feuer auf, kocht und schläft. Küchenzettel und Lagerstätte mag nun freilich höchst einfach sein, desto prächtiger aber ist die Umgebung der Hütte. Ringsherum prangen im herrlichsten Grün die üppigen Alpenmatten, von der Ferne hört er das Bimmeln der grasenden Kühe, und hellauf jauchzt auf der Höhe der Senner. Die Schönheit der Natur kümmert indes unsern wettergebräunten Kameraden sehr wenig, desto mehr aber die blauen und gelben Enzianblüten, die auf den grünen Bergwiesen ihre Kelche entfalten. Denn aus den Wurzeln derselben wird der hochgeschätzte Enzianbranntwein gebrannt; dieselben zu diesem Zwecke zu sammeln, ist das Geschäft des Wurzengrabers. Die Arbeit hatte keine große Schwierigkeit damals, als die Wurzeln noch zahlreich die sonnigen Plätze überwucherten. Jetzt aber, da der Enzian fast ausgerottet ist und oft von höchster Höhe zwischen grausem Felsengeklüfte herabgeholt werden muß, ist dieser Erwerb einer der beschwerlichsten. Mit dem ersten Morgengrauen macht sich der Wurzengraber an sein Handwerk. Er klettert auf die Vorsprünge der Felsen, wo er meistens auf die gefährlichsten Punkte kommt oder sich mit Stricken herabseilen muß, um große Enzianwurzeln zu finden. Wenn ihm die Sonne und sein hungriger Magen die nahende Mittagszeit verkündet, so sucht er sich eine frische Wasserquelle und streckt sich in's Moos, um eine Stunde zu rasten. Ein Stück ordinären Alpenkäses und schwarzes Brot ist das ganze Mahl. Dann geht das Graben von neuem an. Selten kommt er abends zu seiner Hütte zurück, häufig ist er zu weit entfernt, oft auch überrascht ihn ein Unwetter. Dann sucht er sich eine Felsenhöhle und bettet sich notdürftig auf Moos. Die ausgegrabenen Wurzeln legt er auf Felsen in die Sonne zum Trocknen, oder trägt sie in sogenannten "Burden" in die Hütte. Gewöhnlich bleibt der Wurzengraber unausgesetzt im Gebirge, legt seine gesammelten Wurzeln in Höhlen und Klüfte zum längeren Austrocknen, geht dann in ein anderes Revier und streift so den ganzen Bezirk ab. Im Spätherbste, wenn die Almen schon leer stehen, begeben sich die Wurzengraber an ihre Sammelplätze, binden die trockenen Wurzeln zu "Burden", legen dieselben in die leere Almhütte als Hauptsammelplatz und tragen sie so nach und nach in's Tal. Nicht selten überfällt sie bei diesen Wanderungen der Schnee, und es kostet Mühe und Not, sich einen Rückweg zu bahnen.

Unten im Tal befinden sich die Brennhütten, wenigstens die größeren, doch trifft man solche nicht selten auch oben im Sammelreviere. Sie sind dann von behauenen Balken aufgeführt, die von Wind und Wetter dunkel gebräunt aussehen; aus den Fugen hängt das Moos, und aus jeder Ritze dringt unangenehmer Qualm. Die im Tal sind meistens aus Stein gebaut und enthalten warme Lokalitäten mit gleicher Temperatur. In diesen Hütten nun fabriziert der rußige "Brenner" den sogenannten "Enzeler", Die herbeigebrachten Wurzeln werden erst noch vollständig ausgetrocknet, dann mit zwei säbelartigen Messern auf einem Brett klein gehackt. Die Masse kommt in die "Gährbutten" oder Gährbottiche, "Brenten" genannt, das sind luftdicht verschlossene Kufen von sechs Fuß Höhe, zur Gährung. Hierauf wird sie in die ebenfalls luftdicht verschlossenen "Brennhäfen" geschüttet und nun beginnt das "Abbrennen". Zuerst wird "Lutter" gebrannt. Der "Lutter" sieht aus wie Buttermilch und entwickelt noch kein Alkohol. Aus dieser Flüssigkeit wird dann erst der eigentliche Branntwein gewonnen. In neuerer Zeit hat man Vorrichtungen, mittelst welcher zugleich Branntwein und Spiritus gebrannt werden kann.

Dieser Enzianbranntwein steht bei dem tirolischen Landvolk in höchstem Ansehen. Er ist die wahre Lebensessenz des Älplers, ein Universalmittel gegen alle Gebrechen und Krankheiten. Ein Gläschen Enzeler zur Hälfte getrunken und zur Hälfte auf dem kranken Körperteil eingerieben, vielleicht auch noch ein bißchen Murmentelschmalz [Murmeltierschmalz], das kuriert Dich sicherer, als alle Mittel des berühmten Dr. Bock. Ebenso hilft es gegen Husten und Verschleimung, Rückenweh und rheumatisches Gliederreißen. Freilich muß man auch so fest an die heilsame Wirkung glauben, wie ein alter zäher Tiroler Bauer. Sicher ist, daß der Bitterstoff der derben Wurzeln magenstärkend wirkt und der groben und fetten Kost des Älplers ein Äquivalent bietet. Daher pflegt der Alpenbewohner früh und nachts ein kleines Gläschen dieses Getränkes zu sich zu nehmen; am Morgen nennt er es "ein Tupferl voll Heiterkeit" und nachts "ein Tupferl voll Schlaftrunk". Man trifft ihn indes selten rein; gewöhnlich "verpanscht" ihn der städtische Verkäufer und schwächt so die heilsame Wirkung. Der Geruch des Enzianbranntweins ist anfangs nicht angenehm, doch bald gewöhnt man ihn und bekömmt ihn lieb, besonders den alten, der die Herbe verliert. Die Arten der Gentiana, welche zum Brennen verwendet werden, sind sehr zahlreich. Der König des ganzen Enziangeschlechtes ist der gelbe Enzian (gentiana lutea), dessen Wurzeln deshalb auch Meisterwurzen genannt werden. Sie wachsen auf magern Bodenniederungen, wo sie mit Reuthauen herausgenommen werden, auch findet man sie auf Hochgebirgen und Alpen. Als sehr vornehm gilt auch das Tausendgüldenkraut oder der blaue Enzian mit dem großen tiefen Kelche. Verwendet wird ferner der pannonische Enzian mit dunkelpurpurnen Blüten und schwärzlichen Punkten (gentiana pannonica), der punktierte Enzian (gentiana punctata), der unpunktirte Enzian (gentiana concolor) und in Vorarlberg der gentiana maculata.

Vor Zeiten, als noch der Enzian zu Tausenden auf allen Almwiesen gefunden wurde, war das Wurzengraben sehr einträglich, jetzt aber ist es ein armseliger Erwerb; denn die Enzianwurzeln werden immer seltener, ja sind in vielen Gegenden fast ganz ausgerottet. Daran sind die Graber selbst Schuld; denn wenn man die Wurzeln schont, sie abstemmt und die unterste Spitze im Boden läßt, so wachsen sie nach. Auch könnte man sie leicht künstlich "zügeln", aber leider wird dafür gar keine Sorgfalt angewendet. Die Folge davon ist, daß jetzt die ergiebigsten Gegenden wurzelleer geworden sind, und die Wurzengraber oft weit in andere Täler gehen müssen, um sie zu finden. Besser ist es noch, wenn drei, vier Wurzengraber - gewöhnlich sind es Zillertaler - mitsammen gehen und ein Alpenrevier pachten, das dann drei von ihnen absuchen, während einer in der Brennhütte bleibt und brennt. Oft aber brennen die Eigentümer selbst den Enzianbranntwein und kaufen den Sammlern die Wurzeln um geringen Preis ab. Dann ist der Wurzengraber wohl kaum mehr als ein Bettler, so daß man im Zillertal sprichwörtlich sagt: "Arm wie ein Wurzengraber". Den größten Stoß erlitt diese Erwerbsquelle durch das verunglückte Experiment der Salinendirektion zu Hall. Diese kaufte nämlich anfangs der fünfziger Jahre um tausend Gulden Enzianwurzeln zusammen, um sie zerrieben unter das Viehsalz zu streuen und dieses dadurch für die Menschen ungenießbar zu machen. Allein sie hatte sich verrechnet, denn das Vieh fraß es - nicht, und so wurden mehrere tausend Zentner in den Inn geschüttet, was überdies den Tod aller Wasserbewohner zur Folge hatte. Noch größer war der Schaden, den die Enzianplätze erlitten. Denn da die Wurzeln gut bezahlt wurden, so erschienen eine Menge Wurzengraber, die einen förmlichen Ausrottungskrieg gegen dieses Gewächs begannen und, als der Schwindel vorüberging, war manches arme Talkind, das sich früher vom Sammeln ernährte, brotlos geworden.

Die Enzianwurzeln sind indes nicht das einzige Material, woraus der Tiroler den Branntwein gewinnt; die Heidelbeeren, die Faulbeeren, die Schlehen, die Preisel- und Kranewittbeeren liefern ihn ebenfalls. Besonders letztere werden im Oberinntal fleißig gesucht, abgestreift, "geschlagen" und daraus der Kranewitteler gebrannt.

Es wäre hier nun allerdings noch manches über den Verbrauch des Branntweins im allgemeinen zu sagen, über dessen leider immer mehr in Aufnahme kommenden Genuß und über die Ursache dieses Überhandnehmens, sowie über die traurigen Folgen. Doch wollen wir hier schließen und nur noch erwähnen, daß der Branntweinseuche die etschländische Traubenkrankheit und der hohe Accis der Getränke, besonders des Bieres, einen nicht unbedeutenden Vorschub leistete, weil es den Bauern zwang, zum Branntwein, ja zur schlechtesten Gattung desselben, zum sogenannten Fusel oder Eisenbahneler die Zuflucht zu nehmen.

Quelle: Die Wurzengraber, Ludwig von Hörmann, in: Der Alpenfreund, Monatshefte für Verbreitung von Alpenkunde unter Jung und Alt in populären Schilderungen aus dem Gesammtgebiet der Alpenwelt und mit praktischen Winken zur genußvollen Bereisung derselben. HG Dr. Ed. Amthor, 2. Band, Gera 1870, S. 360 - 362.
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