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Vorarlberger Volkslieder,
von Dr. Ludwig von Hörmann.

Sollte man glauben, daß Vorarlberg, das wackere Schwesterländchen Tirols, die Heimat eines Rudolf von Ems, Hugo von Montfort, Laurentius von Schnifis und des genialen Bauerndichters Fr. M. Felder keinen Volksgesang hat? Daß die duftende Blume des Volksliedes, die in Tirol jeden Almrasen überwuchert, in Vorarlberg keinen Boden findet? Und doch ist es so. Selten wird dem Wanderer durch dieses Vorland aus Bauernhöfen oder Wirtshäusern heller Gesang entgegentönen; höchstens, daß er von spielenden Kindern hie und da einen uralten Auszählreim hört, wie:

Hotta hotta Rößli,
z' Lust'nau stôt a Schlößli u. s. w.
z' Lust'nau stôt a goldenes Hûs,
Luegent dii wiße Jungfern 'rus.
Die Erst' spinnt a Sîda,
Die Zweit' krazt a Krîda,
Die Dritte gôt is Glockehûs
Und Iôt (läßt) die liebe Sunnen us.

Der Vorarlberger liebt überhaupt nicht diesen lärmenden Ausbruch seiner heiteren Stimmung; er setzt sich lieber mit Seinesgleichen "bei'em gueten Schöppli Wî" zu einem gemütlichen "Plausch" zusammen und verschafft sich so spielend in Politik und Gemeinnützlichem eine gründliche Anschauung, als daß er seine Laune in schneidigen Schnaderhüpfeln aussprudeln läßt.

Wer aber aus diesem scheinbar negativen Zug des Volkscharakters auf Mangel an Gemüt oder Abgang von Kunstsinn schließen wollte, würde sehr irre gehen. Gerade letzteren haben die "praktischen" Bewohner dieses Landes durch die edle Fürsorge, die sie den Waisen des jüngstverstorbenen Franz Michael Felder angedeihen ließen, in schönster Weise manifestiert.

Unterdessen hat der freundliche Leser schon längst ein paar Zeilen vorausgeguckt und sich gedacht: Aha! Eine lange Einleitung, daß Vorarlberg kein Volkslied besitze und schließlich rückt man doch mit einigen heraus. - Gar nicht fehlgeschossen! Ich habe wirklich ein gutes Dutzend schnurriger Vorarlberger Volksliedchen aufgetrieben und will die passendsten daraus mit einem schüchternen "excuse", wie der Vorarlberger sagt, hier anfügen. Man wird daraus ersehen, daß es dem wackeren Völklein nicht an Talent zum Singen fehlt, daß es aber vorderhand den Ackergaul dem Pegasus vorzieht.

Ringle, inm rum.
Und mi Kopf ist mer dumm
Und mi Herz will mer springe,
Weil i zue-der (zu dir) nit kumm.

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Es ist net lang, daß 's g'regelet hat
Und d' Lämmli tröpflent nô
Und i hân amol a Schätzli g'hett,
I wollt, i hält' es nô.

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Und's Moadle, dos i lieba thue,
Dos ist im Kealln dunta
Hat a aiches Kittle a
Und ist mit Reafli bunda.

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Und wenn is Tusad Schätzli hätt'
Und alli g'hörent mî',
So gäb' is her um a Leabeiwurst
Und um a Schöppli Wî.

Quelle: Ludwig von Hörmann, Vorarlberger Volkslieder, in: Der Alpenfreund, Monatshefte für Verbreitung von Alpenkunde unter Jung und Alt in populären Schilderungen aus dem Gesammtgebiet der Alpenwelt und mit praktischen Winken zur genußvollen Bereisung derselben. HG Dr. Ed. Amthor, 1. Band, Gera 1870, S. 140 - 141.
Rechtschreibung behutsam neu bearbeitet und auf den aktuellen Stand gebracht.
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