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Tiroler Vogelhändler.
von Dr. Ludwig von Hörmann.

Gegen Ende des vorigen und im Anfange des gegenwärtigen Jahrhunderts erblühte in dem Gebirgslande Tirol ein eigentümlicher Industriezweig, der sich namentlich im Oberinntal, dessen rauhe Natur nur unbedeutenden Ackerbau gestattet, so schnell emporschwang, daß viele der neuen anfangs ärmlichen Industriellen zu Wohlstand gelangten. - Es war dies der Handel mit Kanarienvögeln. Lange Zeit war dieser Erwerbszweig ein Privilegium der Spanier, die sie direkt von den kanarischen Inseln importierten, allein durch irgend einen Zufall - es soll ein mit Kanarienvögeln befrachtetes Schiff gestrandet sein - kamen diese goldfarbigen Sänger auf die Insel Elba, wo sie eine Kolonie gründeten. Das Privilegium der Spanier war nun zu Ende, da italienische Spekulanten die auf Elba prächtig gedeihenden Vögel bald auch ihrerseits in den Handel brachten. Durch italienische Vogelhändler kamen sie sodann nach Tirol, wo sie gewissermaßen eine neue Heimat fanden.

Es liegt im Tirolervolke ein naives und zugleich tiefes Gefühl für die Natur und alles, was mit ihr zusammenhängt. Besonders sind die Tiroler Liebhaber der Vögel. Kaum wird man eine Bauernstube treffen, die nicht einen Krummschnabel beherbergt, der hoch oben an der Zimmerdecke in seinem kleinen Drahtkäfig herumklettert und nach dem Volksglauben das Haus vor Unglück und Hexerei und vor allen Krankheiten der Insassen zu bewahren hat. Desgleichen begleitet ein solcher Spiritus familiaris den Karren des Dörchers auf seinen Landstreichereien. Auch andere Vögel genießen Schutz und Verehrung, z. B. die freundlichen Hausschwalben, das der Muttergottes geweihte "Brandele" (Rotschwänzchen), ja an einigen Orten Oberinntals wird sogar bei Begräbnissen ein Käfig mit einem Vogel unten an den Sarg gehängt. In Tirol fand also die Vogelzucht den geeignetsten Boden. Im Winter, der in dem Alpenlande lange genug dauert, zog man die kleinen Pfleglinge groß, lehrte sie mit unsäglicher Mühe allerlei Kunststückchen und pfiff ihnen kurze Liedchen so lange vor, bis die befiederten Schüler sie endlich tadellos nachpfiffen. Später hatte man dazu eigens konstruierte kleine "Örgelen". Ging dann der Sommer in's Land, so nahm der "Vogelträger" seine "Vogelkraxen", ein Traggestelle für zwanzig und mehr kleine Käfige, auf den Rücken und zog damit auf die Wanderschaft. Diese war meistenteils von sehr glücklichem Erfolge begleitet. Der Handel mit Vögeln nahm einen stets größeren Aufschwung, sintemal um diese Zeit das Halten dieser niedlichen Sänger zur Mode geworden war. Gut gezähmte Exemplare, die eine eingelernte Melodie pfeifen konnten, waren gesuchte und mit schwerem Golde bezahlte Artikel.

So durchwanderten diese Leute mit ihren Vogelkrippen zu Fuß Europa nach allen Richtungen; auf den deutschen Jahrmärkten, wie auf den Straßen von Wien, London und Paris konnte man diese schmucken kräftigen Bursche in ihrer malerischen Gebirgstracht antreffen, und überall waren sie gern gesehene Gäste. Ja bis nach Petersburg und Konstantinopel trieb sie ihre Wanderlust und ihr Erwerbssinn.

"Gelbe Vögel trag' ich aus,
Gold'ne Vögel bring' ich z' Haus"

hieß ihr Innungsspruch, der sich auch in den meisten Fällen als wahr erwies. So kam das anfangs bescheidene Geschäft allmählich in Aufschwung. Ganze Kolonien von Kanarienvögeln wurden gehalten, gezüchtet und abgerichtet. Die Vogelträger bildeten eine eigene Zunft und betrieben den Handel im Großen; aus den "Vogelträgern" wurden bald "Vogelherren", die es für bequemer und rentabler hielten, selbst zu Hause zu bleiben und lieber verläßliche Leute mit der singenden Ware in die Fremde zu schicken. Besonders Imst war der Hauptsitz dieses neuen Industriezweiges. Dort gab es wohlhabende Insassen, die für diesen Zweck Kapital zusammenschossen und dann den Profit teilten. Mancher solcher " Ganzgewinnmacher" schlug sich in der besten Zeit jährlich 3 - 600 damalige Kaisergulden heraus. Man erinnere sich an den reichen Tamerl in Imst und an dessen treuen Kraxenträger Seraphin, den Spindler in seinem "Vogelhändler von Imst" verherrlicht hat, dieses Unikum von Ehrlichkeit, obwohl er ein Vinschger [aus dem Vinschgau] war. Sonst nahm man gewöhnlich Leute aus dem Schwabenlande, weil diese im besondern Ruf der Ehrlichkeit standen. Doch gerade dieser Umstand brachte die Sache in Verfall. Denn als die guten Schwaben merkten, daß das Handwerk einen so goldenen Boden habe, gaben sie ihre Trägerschaft auf, verlegten sich selbst auf die Züchtung und verpflanzten den ganzen Handel nach Schwaben. Die Konkurrenz wurde immer größer, die Kanarienvögel waren nicht mehr seltene Ware wie früher und verloren infolge dessen an Wert. Dessenungeachtet erhielten sich die tirolischen Händler noch lange in Ansehen, bis endlich die Sache mehr und mehr aus der Mode kam. Nun ging freilich die ganze Herrlichkeit mit Riesenschritten ihrem Ende zu. Erhalten hat sich nur noch als kulturhistorische Kuriosität der berühmte "Vogelball" zu Oberhofen, der alle Vogelnarren vom Inntal versammelt, um dem harmlosen Wettstreit der befiederten Sänger zu lauschen und dem "Jägerlatein" durch klassisches "Vogellatein" die Stange zu halten. Doch davon ein andermal.

Quelle: Tiroler Vogelhändler, Ludwig von Hörmann, in: Der Alpenfreund, Monatshefte für Verbreitung von Alpenkunde unter Jung und Alt in populären Schilderungen aus dem Gesammtgebiet der Alpenwelt und mit praktischen Winken zur genußvollen Bereisung derselben. HG Dr. Ed. Amthor, 2. Band, Gera 1870, S. 123 - 124.
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