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Sonnwendfeier in Tirol.
von Dr. Ludwig von Hörmann.

Sommersonnenwende! Ein eigener Zauber liegt im Klang dieses Wortes. Wir denken dabei an jene frischen Sommermorgen nach abendlichem Gewitter, wo der Himmel wie ein feuchtverklärtes blaues Auge niederblickt, während an den Bergspitzen die letzten Nebelreste schwinden; an jene warmen Tage voll Duft und Sonnenschein, an denen kein Lüftchen streicht, kein Halm des reifenden Ährenfeldes sich bewegt, und nur das Dunkel des Waldes Kühlung gewährt vor der brennenden Mittagshitze; oder endlich an die lauen sternenklaren Nächte, durchströmt von würzigem Heuduft, wo im dunkeln Gebüsch unzählige Glühwürmchen auftauchen und wieder verschwinden. Alle diese Gefühle aber, die sich unser um diese Zeit bemächtigen: die Freude über das vollentfaltete Leben der Natur und den herrlich prangenden Erntesegen und doch die Furcht vor Blitzstrahl und Hagelschlag mußten in der Vorzeit, als noch die Existenz eines jeden viel inniger an die Natur und an das Gedeihen der Feldfrüchte geknüpft war, die Herzen nur noch in erhöhterem Maße bewegen. Die alten Deutschen feierten um diese Zeit eines ihrer größten Jahresfeste, brachten ihren Göttern Tier- und Pflanzenopfer und entzündeten auf Höhen und Ebenen mächtige weithinleuchtende Feuer zu Ehren des glückbringenden Sonnengestirns. So viele Jahrhunderte seitdem auch vorübergerauscht sind, so haben sich doch noch zahlreiche Spuren der ehemaligen Feste unter dem Volke erhalten und ein geheimnisvoller Nimbus umgibt die Sonnwendzeit. Besonders ist dies in Tirol unter dem schützenden Einfluß der Berge der Fall. Da treffen wir in den Tälern eine Menge alter Gebräuche und Meinungen, und auf den Bergen stammen am Johannisabend (23. Juni) die Feuer, und beim Jauchzen der lustigen Dorfburschen fliegen die brennenden Scheiben durch das Dunkel der Nacht, wie es einst zu Ehren Wodans und Donars geschah. Am Vorabend des Johannistages, in der Nacht und am Tage selbst erreicht die heilige Zeit gleichsam ihren Gipfelpunkt. Da blühen die Schätze und fallen dem kühnen Gewinner in den Schoß, da enthüllt sich die Zukunft, und die Geisterwelt ist vor den Blicken des Sterblichen aufgetan. So herrscht der Glaube, daß in der Johannisnacht die Farren blühen und den Samen abwerfen. Dieser Same soll aber die wunderbare Kraft besitzen, zum Gelde gelegt, dasselbe nie weniger werden zu lassen, so viel man auch davon fortnimmt. Um diesen kostbaren Samen zu gewinnen, muß man Papier um die Farrenkräuter legen, daß ersterer darauf fällt, und es gegen den Wind mit einem Stein beschweren. Doch hüte man sich denselben bei der Wegnahme am nächsten Morgen bergan zu werfen, denn dieses würde dem Sammler Unglück bringen. Sollte man nicht glauben, die Tiroler wären durch dieses probate Mittel alle steinreich? - Wer ferner mit einer Farrenblüte in der Hand um die zwölfte Stunde der Johannisnacht auf das Joch steigt, findet eine Goldader. Auch für die Liebenben und Heiratslustigen ist dieser Abend von hoher Bedeutung. Sie wissen allerlei Zaubermittelchen, die Zukunft zu ergründen, welche ihnen den Liebsten bescheren soll. Eines derselben ist folgendes: Man binde während des Feierabendläutens am Johannisabend mit drei Fingern der rechten Hand einen grünen Kranz und lege denselben, doch ohne ihn über Bach oder Schwelle zu tragen, unter das Kopfpolster, dann wird im Traume das Bild des künftigen Bräutigams oder der Braut erscheinen. Auch wer zu eben genannter Stunde einen Zweiklee findet, hat im Heiraten Glück. Schlimm ist hingegen die Sonnwendzeit für die Hexen, da die geplagten Menschenkinder in diesen heiligen Tagen alle ihre Tücke zu erkennen und sich vor denselben zu schützen vermögen, was natürlich der Hexe gar übel bekommt. Wenn die Kühe keine Milch geben, und man glaubt, es sei eine Hexe daran Schuld, so legt man einen Kranz von Wehdorn in den Kübel, darein man die Milch melkt, und hängt denselben dann in den Rauchfang. So muß die Hexe mit dem Kranz bei lebendigem Leibe verdorren. Um inne zu werden, wie viele solcher freundlicher Wesen sich im Dorfe befinden, braucht man nur ein Stück Holz, das ein Loch hat, aus einem Baume zu schneiden und beim Gottesdienst am Johannistag durch diese seltsame Brille zu schauen. Dann sieht man alle Hexen während der Wandlung zum Opfer gehen, Weibspersonen können dieselbe Wirkung auch mit einem frischen vierblättrigen Klee erzielen, den sie sich in die Zöpfe einflechten. Sie erblicken dann beim Orate fratres alle Hexen, die mit häßlichen Gesichtern und die Köpfe mit Bienenkörben bedeckt gegen die Kirchtüre gewendet erscheinen. Man sieht, die Phantasie des Volkes war tätig genug, den St. Johannis- oder richtiger den Sonnwendtag mit allem Wunderbaren auszuschmücken. Nebst diesen abergläubischen Meinungen werden auch noch verschiedene interessante Gebräuche geübt. Besonders merkwürdig ist das den Elementen dargebrachte Opfer, welches indeß jetzt größtenteils abgekommen ist. Die Hausmutter warf nämlich einen kleinen Teil des Abendimbisses in's Feuer, einen andern in fließendes Wasser, einen dritten grub sie in die Erde, und den vierten klebte sie zwischen zwei kreuzweis über einandergelegte Blätter und gab ihn auf dem Hausdache den Winden preis. An manchen Orten bäckt man dreierlei, sechserlei oder neunerlei Kuchen mit heiligen Kräutern darin, besonders Brennnessel-, Hollunder- und Salbeikuchen oder macht aus solchen "Johannisblumen" Kränze und hängt sie an die Haustür zum Schutz gegen Feuersbrünste. Die Butter vom Johannistage sowie die Asche vom Sonnwendfeuer wird als heilsam aufbewahrt. -

Die Hauptfeierlichkeit aber bilden die Sonnwendfeuer und das Scheibenschlagen. Wer einen Sommer in Tirol zubrachte, erinnert sich gewiß des prachtvollen Anblicks, den erstere darboten. Von allen Höhen, ja oft von den höchsten Gipfeln stammen die Feuer empor und funkeln um die Wette mit den Sternen, die hellschimmernd am dunkeln Himmel hervortreten. Im Alpbachtal legt man das ganze Gewicht auf den Rauch und trägt den Tag über ganze Haufen von grünen Tannenästen in den Wäldern zusammen, so daß nur eine große graue Rauchsäule zum Himmel emporsteigt. Man nennt dies: "Suwendrauchmachen." - Nebst dem Entzünden der Sonnwendfeuer herrscht an vielen Orten auch der Brauch des Scheibenschlagens. Die "Scheiben" werden schon lange vorher in großer Anzahl vorbereitet. Sie sind aus trockenem Erlen- oder Buchenholz geschnitten, beiläufig im Umfange einer Männerfaust, und am Rande ausgezackt wie ein strahlender Stern. In der Mitte befindet sich ein Loch zum Hindurchstecken eines Stockes. Die Scheiben werden noch überdies mit Pech beschmiert und mit Stroh umwunden, damit sie recht gut brennen. Am Sonnwendabend nun hängen die Burschen die Scheiben an einer Schnur um die Schulter, nehmen einen Bund Haselstöcke und die Scheibenbank mit und wandern fröhlich hinaus zu einer geeigneten Anhöhe nächst dem Dorfe, wo das Scheibenschlagen stattfinden soll. Dort angelangt wird ein Feuer entzündet und die Scheibenbank aufgestellt. Letztere besteht aus einem einige Schuh
langen Brette mit drei Füßen, welches am Boden derart befestigt wird, daß es eine schräge Linie bildet. Nun tritt ein Bursche hervor, steckt eine Scheibe an den Stock, zündet sie am Feuer an, streift mit dem Stocke die Fläche der Bank und schleudert die brennende Scheibe weit in die Luft hinaus. Dabei ruft er:

"Scheib' aus, Scheib' ein,
Wem soll die Scheibe sein?
Die Scheibe stiegt wol über den Rain.
Die Scheibe soll dem N. sein."

Oder:

"Scheib' auf, Scheib' ab,
Die Scheibe geht krumm und g'rad,
Die Scheibe geht links, geht rechts,
Geht aus und ein,
Geht der N, N. zum Fenster hinein."

Oder:

"Holepfann, holepfann,
Korn in der Wann',
Schmalz in der Pfann',
Pflug in der Fard',
Schau wie die Scheibe außireart (geht)."

Dabei wird der Name des Mädchens genannt, dem der Bursche die Scheibe weiht. Denn wenn auch Ehren halber die ersten Scheiben "zu Preis der heil. Dreifaltigkeit", dem Herrn Pfarrer oder den Vornehmsten des Ortes fliegen, so spielt die Hauptrolle doch der holde Schatz. Helles Jauchzen folgt jeder Scheibe, die in weitem Bogen kreisend und funkensprühend zu Tal fällt, die Völler krachen, und der Jubel der Burschen begrüßt den geschickten Schwinger, während jeder mißglückte Versuch von Spott und Gelächter begleitet wird. Man kann sich denken, mit welch' hochklopfendem Herzen die Mädchen unten dem prächtigen Schauspiele zusehen, und wie erwartungsvoll sie dem Flug jeder Scheibe folgen, bei welcher ihr Name genannt wurde! Aber auch zur Schande und Beschimpfung werden Scheiben geschlagen, jeder Dorfscandal oder dumme Streich wird an's Licht gezogen und tüchtig belacht. So dauert das Spektakel einige Stunden lang fort, bis die Burschen singend und johlend in's Dorf zurückkehren und mit lustigem Trunk im Wirtshause die Unterhaltung beschließen. So unschuldig dieselbe auch ist, so erzählt man sich doch ganz schaurige Geschichten, die dabei vorgekommen sein sollen, wozu freilich meistens ein Bursche durch Frevel Anlaß gab. So schlug einmal zu Schönwies im Oberinntal ein junger betrunkener Bursche die erste Scheibe im Namen des Teufels herab. Da sprengte von der linken Seite ein Reiter auf einem weißen Pferde mit einem grünen Federbusch auf dem Kopfe heran. In wilder Eile verließen die Burschen das Feuer und sprangen in's Dorf hinunter; der schreckliche Reiter ritt bis zum Feuer, stieg ab, brüllte, daß die Berge zitterten, und warf die Scheiben links und rechts wol eine Stunde weit in's Tal hinab, daß an vielen Orten Feuer ausbrach, und die Bewohner jammerten und bebten. Niemand getraute sich zu Bett zu gehen; Alle drangen in den Seelsorger, er möchte mit heil. Gewalt einschreiten. Dieser ließ Sturm läuten, rief die Bewohner zur Kirche, erteilte mit dem höchsten Gute den Segen und ging dann mit diesem auf den Berg dem höllischen Scheibenschläger zu. Das half. Brüllend und heulend verschwanden Roß und Reiter, das Feuer prasselte nochmals gegen Himmel und erlosch. Der betrunkene Bursche aber büßte seinen Frevel mit langwieriger Krankheit und frühzeitigem Tode. -

Im Weiler Strohsack bei Pettnau soll einmal während des Scheibenschlagens ein brennendes Faß den Berg herabgerollt sein, das die erschrocken fliehenden Burschen alle mehr oder minder verletzte; in Landeck dagegen will man einen feurigen Mann mit riesigen Hörnern gesehen haben, der Scheiben schlug. -

Trotz aller dieser Schauerhistorien läßt sich aber die kecke Jugend Tirols vom beliebten Spiele des Scheibenschlagens nicht abhalten, das alljährlich mit gleicher Fröhlichkeit vorgenommen wird.

Quelle: Sonnwendfeier in Tirol, Ludwig von Hörmann, in: Der Alpenfreund, Monatshefte für Verbreitung von Alpenkunde unter Jung und Alt in populären Schilderungen aus dem Gesammtgebiet der Alpenwelt und mit praktischen Winken zur genußvollen Bereisung derselben. HG Dr. Ed. Amthor, 4. Band, Gera 1872, S. 151 - 155.
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