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Zum Pragser Wildsee.

von Ludwig von Hörmann.

Seit die Eisenbahn das schöne Pustertal durchzieht, besuchen alljährlich Tausende von Touristen diese Gegend und besonders das eigenartige Ampezzo, dessen imposante Felsenpforte jedes Auge besticht. Verhältnismäßig wenige aber wissen, dass in seiner nächsten Nähe, nur durch einen westlichen Gebirgszug getrennt, ein anderes Hochtal sich öffnet, unscheinbar beim Eingange, aber ein Kleinod von seltener Schönheit in seinem Schoße bergend, nämlich das Pragsertal mit seinem prachtvollen Wildsee.

Ein schnellgefasster glücklicher Entschluss führte mich vor zwei Jahren dorthin. Ich war von meinem zeitweiligen Aufenthaltsort Welsberg an einem schönen Spätsommersonntag mit einer Gesellschaft nach Niederndorf gekommen und zwar - ich gestehe es mit Beschämung - nicht so fast, um das stattliche Großdorf kennen zu lernen, sondern um "Vater Steub" bei seinen Forschungen über die kulinarische Leistungsfähigkeit der weitbekannten "Frau Emma" zu unterstützen. Unsere diesbezüglichen Erwartungen wurden auch nicht getäuscht. Obwol wir uns der trefflichen Frau Wirtin erst zu ziemlich später Stunde vorschriftsmäßig vorstellten - ein Bestellen bestimmter Speisen ist nicht Sitte, man überlässt die Wahl dem Genie der Kochkünstlerin - saßen wir doch bald in dem kühlen dämmerigen Speisezimmer vor einem feinen Diner. Als aber Hühner und Forellen, Backwerk und köstlich blaue Trauben nebst dem obligaten Käsenachtisch mit dem feurigen Etschländer hinuntergespült waren, drängte sich jedem die Frage auf: Was nun? Draußen blaute makelloser Septemberhimmel, und die frischen Lüfte der Toblacher Höhe milderten die Sonnenhitze. Da fiel das zündende Wort "Pragsersee" in unsere ratlosen Seelen. Zu Fuß war der, ziemlich weite Weg heute nicht mehr zu bewältigen, also schnell "Wagen und Pferde!" Ein Wink von "Frau Emma", und nach kurzer Frist saßen wir fünf Personen im bequemen Gefährte, und die kräftigen Braunen entführten uns in raschem Trab gegen Westen.

Erst geht es eine Weile auf der gewöhnlichen Landstraße weiter, dann zweigt in südlicher Richtung eine schmälere Vizinalstraße ab und leitet zum Eingang in's Pragsertal. Die Landschaft entfaltet hier noch keine besonderen Schönheiten. Berggehänge bauen sich rechts und links auf, durchschnitten von Runsen, die von herabstürzenden Wässern gegraben worden, von Zeit zu Zeit grüßt ein freundlicher Bauernhof, auf grünen Matten gelagert, von der Höhe. In der Tiefe neben uns, als steter Begleiter der sich windenden Straße, rauscht schäumend der Wildbach. Das weiße Kalkgeröll, das feine Wellen weit in die Ufer hinein geworfen, lässt uns die Verheerungen ahnen, welche das jetzt so kristallklare Nass bei Gewittergüssen anrichtet. Nach kurzer Fahrt wird das enge grabenartige Tal freier und freundlicher. Ein mächtiger Bergrücken schiebt sich uns entgegen und teilt die augenblickliche Weitung in zwei Äste. Bei einer Kapelle spaltet sich auch die Straße. Gerade aus in den südlich sich ziehenden Gebirgswinkel hinein geht es in das besuchte heilkräftige Bad Altprags. Da dasselbe bereits vor mehreren Jahren im Alpenfreund (Band II, 1870) eine eingehendere Würdigung erfahren, will ich über das "Gastein Tirols" nichts weiter erzählen, sondern nur bemerken, dass dasselbe von Jahr zu Jahr in stetem Aufschwünge begriffen ist und Tausenden von Gliederkranken, Gicht- und Rheumatismusleidenden etc. Genesung bringt. Eine mir vorliegende " Bad-Eröffnungs-Anzeige" im "Tirolerboten" vom 5. Mai 1877 meldet "tägliche Postverbindung mit Niederndorf, die Herstellung von vierzig neuen Fremdenzimmern und einer neuen vorzüglichen Trinkwasserleitung". Doch wie gesagt, von diesen Herrlichkeiten soll heute nicht weiter die Rede sein.

Wir wenden uns nach Südwesten und folgen dem Talaste von Innerprags. Polternd geht es über die den tosenden Bach überbrückenden Holzstämme, was zugleich unseren Abschied von diesem wilden Gesellen bedeutet, der an Bad und Tal Altprags vorüber, von den Abhängen der Crepa rossa kommt. Links von uns steigen grüne Vorberge auf, darüber das Dunkel der Fichtenwaldung und über diesem mächtigen Unterbau endlich die phantastischen Felsenformen der Dolomiten, "Klapse", wie sie der Pustertaler nennt. Weißes Geröll umkleidet ihre Schultern und schimmert gleich Schnee im Nachmittagssonnenstrahle. Nur der "Hohe Geisel", der alle überragt, trägt die wirkliche Eiskrone.

Vor uns liegt alsbald das Dorf Schmieden, ein netter freundlicher Ort, dessen zerstreute Häuser rings umher im Grünen lagern. Bis "Ober der Sag", wie das Volk die Grenzscheide bezeichnet, heißt das Tal Außerprags zum Unterschiede von der Gemeinde Innerprags oder St. Veit. Allmählich steigt nun die Straße, biegt dann in Gehölz und Waldungen ein und wird immer steiler, holperiger und schmäler, so dass eine viersitzige Kutsche gleich der unseren kaum noch Platz findet. Nach fünf Viertelstunden zum Gehen und nicht viel weniger zum Fahren ist das kleine Bad Neuprags, auch Erlach- oder Moselbad genannt, erreicht. Von hier aus gibt es nur noch Fußpfade. Eine Tafel weist uns den Weg "Zum See".

Nach kurzem Gange durch duftendes Fichtengehölz sehen wir zu unserer Rechten auf Alpenwiesen die Kirche und das Dorf St. Veit, wenn die ärmlichen Hütten diese Bezeichnung verdienen. Dann umfängt uns wieder dunkler Wald, und ein neben dem Pfad herabrauschender Bach bringt uns Kunde von den Fluten des Sees, aus dem er entsprungen. Seit ich das wundervolle Gedicht des tirolischen Lyrikers Hermann von Gilm "Der alte Schütz am Pragsersee" gelesen, wob meine Phantasie stets einen eigenen poetischen Zauber um dieses stille Bergwasser. Der Dichter, Gast des Pragser Bades, - dessen Ursprung er in einem anderen schönen Gedichte: "Der Hirschenbrunnen" ebenfalls besungen - beschreibt seinen Gang zum See durch den Wald:

"Durch Felsenstücke, reich behängt mit dem Damaste
Des Epheus, führt der Weg; von einem Birkenaste
Zum andern hüpft unb fliegt die gelbe Zeisigbrut,
Hoch steht der Himmelbrand im Bux der Heidelbeere,
Indeß am Rand des Wegs mit eingelegtem Speere
Die Distel ihren Wachtdienst tut......"

Immer näher rücken die hochaufragenden Felspyramiden, der Baumwuchs wird niedriger, die Vegetation alpenhafter, und endlich stehen wir mit einem Ah! des Erstaunens vor dem See. Graue wie aus Erz gegossene Dolomitkolosse, unter denen der gewaltige Seekofel hervortritt, bilden einen weiten Kessel, in dessen Tiefe die schimmernde Flut eingebettet liegt:


        "So selig blau und still
Ein Stück vom Himmel, das entsündigt und begnadet,
Ein keusches Frauenaug', das in der Träne badet
Und sich nicht sehen lassen will",


singt Gilm. Aber kein Helles durchsichtiges, ein blaugrünes zauberhaftes Nixenauge ist es, das uns entgegenblickt, tief geheimnisvoll wie das Meer. Spärlicher Fichtenanflug bekleidet den Fuß der nackten Wände ringsum, die fast senkrecht zum See abfallen, höchstens dass da und dort eine einzelne Tanne ihre Wurzel in eine Ritze schlug. Von den Einsenkungen der Zinken erstrecken sich weiße Schutthalden herab, "Giß", wie unser Führer sie nannte, von denen beständig Geröll herunterrieselt. Sie mögen wohl einst in gewaltigem Bergsturze die gigantischen Felsblöcke herabgeschleudert haben, die aus dem Gewässer aufstarren, und die moosbewachsenen Steine, die an der einen ebenen Uferseite im Grase liegen. Dass der See einst größer gewesen, bezeugen die angeschwemmten Holzstämme und Ablagerungen, die man weit hinter seiner jetzigen Grenze findet. Man fühlt etwas wie Ehrfurcht in dieser hehren Bergeinsamkeit. Sie ist noch unentweiht, jungfräulich herb, keine profane Menschenhand vermaß sich an dieser großartigen Natur etwas bessern zu wollen. Nur ein verschollener Bewunderer brachte eine Holzbank unter einer schattigen Fichte an, um von diesem schönsten Aussichtspunkte die ausgebreitete Herrlichkeit zu genießen, und baute in nächster Nähe aus Fichtenstämmen ein primitives Gloriett, um geschützt vielleicht einen Gewittersturm austoben zu lassen. Eine halb zerfallene Fischerhütte lehnt ihre schiefen braunen Wände an den Felsen, und ein morscher Kahn ruht daneben auf dem Rasen. Der See soll sehr fischreich sein, besonders birgt er viele "Aschen".

Ein beständiges fernes Rauschen schlägt an das Ohr, und bald hat das suchende Auge die Spur entdeckt: von der jenseitigen Felswand senkt sich ein silberweißer Wasserfaden zum See hinab und verschwindet aufperlend in der dunklen Flut. Es ist eine Quelle, die aus einem Felsloch hervorstürzt. Man kann zu ihr hinaufsteigen, doch nur mit einem kundigen Führer. Mir fiel, wie ich so betrachtend auf dem Steine saß, die Strophe Walther's von der Vogelweide ein: "Ich horte ein Wazzer diezen" etc. Sonst ist alles still, wenn nicht etwa ein Geier kreischt oder das Geläute einer friedlich weidenden Heerde aus dem Gebüsche klingt,

"Kein Hauch bewegt den See, nicht eine Wellenspitze
Berührt das Traubenpaar am Strauch der Berberitze,
Das über's Wasser hängt, kein Atemzug, kein Ton ....
Da fällt ein Schutz, und ringsum an die Felsenwände
Das Echo klopft, es knallt, es dröhnt, es rollt, als stände
Im Feuer ein Bataillon."

So beschreibt Hermann v. Gilm im oben zitierten Gedichte die Wirkung eines Schusses, den ein alter Schützenveteran in dieser Bergeinsamkeit eben abgefeuert hat. In der Meinung, der Schuss habe einem Raben gegolten, ruft er ihm zu:

"He, Landsmann! rief ich ihm, hat hier zu Lande jeder
An Pulver Überfluss für eine Rabenfeder?"
Der Alte schließt die Pfann', spannt rasch den Hahn und spricht:
"Ein alter Fuhrmann, Herr, sagt's Sprichwort, hört gern schnalzen,
Im Stand erseh' ich's nicht und wo die Hähne pfalzen,
Zum Joch hinauf ersteig' ich's nicht.
Gebt Acht nun, wie das knallt......so war es an der Rienz,
Am Gisack, an der Sill, beim Klausentor von Lienz,
Schön ist's am Scheibenstand, wenn Büchs' an Büchse kracht,
Schön ist die Gemsenjagd, schön ist's, wenn aus dem Haber
Das Rebhuhn steigt - ich hab's versucht - das Schönste aber
Im Schützenleben ist die Schlacht."

Der Alte wollte sich also durch dieses Phänomen die Erinnerung an die Schlachttage von anno Neun zurückrufen. Ein origineller Kauz! -

Nicht weil wir uns satt geschaut, sondern weil die Zeit drängte, brach unsere kleine Karavane auf. Wir wollten zurück zum Bad Neuprags, wo der Wagen unser wartete. Interessanter wäre es gewesen, dem schmalen Ufersaum entlang und durch die Schlucht zwischen dem Seekofel nach Enneberg oder in südöstlicher Richtung übers Joch nach Altprags hinüberzusteigen. Neuprags ist ein ziemlich primitives ländliches "Badl", gleichsam eine Filiale des mit mehr Komfort ausgestatteten Altprags und von ähnlicher Heilwirkung. Ein paar aufgehängte Krücken, die ein Genesener zurückgelassen, geben Zeugnis davon. Drei hölzerne Badewannen sind der ganze Reichtum; auch die Gemächer überkleidet Fichtenholz. Das Wasser, das unweit aus dem Moose sprudelt, wird gewärmt. Die Gäste sind Landleute von Nah und Fern; alle Seitentäler Pustertals stellen ihr Kontingent. Unten in der Stube saßen ein paar Bauern aus Taufers und vergnügten sich mit Karten, oben auf der geschnitzten Altane strickte eine Defreggerin, kenntlich an der eigentümlichen Tracht. Die Besucher bringen ihre Lebensmittel meist selbst mit und bereiten ihr einfaches, wenn auch nicht immer ganz "kurgemäßes" Mahl gegen geringes Entgelt in der Wirtsküche. Für die geistlichen Bedürfnisse sorgt eine hübsche kleine Kapelle gegenüber dem Gasthause. Zum Ruhme des Bades sei es übrigens gesagt, Wein und Kaffee waren vortrefflich, und so bekam nach dem überreichen Naturgenusse auch der liebe Corpus sein redlich Teil. Unterdessen hatten uns die Dolomiten im Westen bedenklich graue Wolken nachgeschickt, und der Wind strich rauschend durch die Tannenäste, so dass wir eiligst unseren Wagen bestiegen und froh waren, das gastliche Niederndorf vor dem Gewitterregen zu erreichen.

Quelle: Volksbräuche der Alpenländer - IV. Faschingsgebräuche, Ludwig von Hörmann, in: Der Alpenfreund, Monatshefte für Verbreitung von Alpenkunde unter Jung und Alt in populären Schilderungen aus dem Gesammtgebiet der Alpenwelt und mit praktischen Winken zur genußvollen Bereisung derselben. HG Dr. Ed. Amthor, 10. Band, Gera 1877, S. 236 - 239.
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