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St. Nikolaus in den Alpen
Von Raimund Clara
(Dr. Ludwig von Hörmann)

Im Winter sieht es in den Alpen gar traurig aus. Schwer lastet der strahlende Eispanzer dieses kalten Tyrannen auf den Bergen und herrlichen Almen, über dem prangenden Hochwald, wie auf den saftigen Wiesengründen im Tale, wo noch vor wenig Wochen das Alpenvieh sich ätzend herumtummelte. Und erst die freundlichen Dörfer! Tief gehüllt in den weichen Schneemantel stehen sie da, eingeschneit bis über die Ohren. Alles trägt weiße Kugelkappen, die Brunnensäule wie der Zaunpfahl; selbst der ehrwürdige Kirchturmhahn hat seine Mütze und schaut erfroren herab auf die lieben Dorfkinder und auf die Spatzen, die als echte Proletarier sich auf den schneeigen Wegen bettelnd und stehlend herumstreiten. Desto traulicher sieht es drinnen in den warmen Bauernstuben aus und besonders, wenn der Abend kommt, und Jung und Alt sich zum gemütlichen Heimgarten versammeln, da würde Mancher, der in einen solchen Kreis hineinlugen könnte, sagen, daß diesen glücklichen Leutchen der grobe Winter nicht sehr wehe tut. Freilich so ein „gutestes" Herrenkind sieht eben nur die eine frohe Seite, die rauhe Kehrseite bleibt ihm meistens verborgen,

Gerade die Zeit um Nikolaus herum ist im Dorfleben eine äußerst bewegte und entbehrt nicht jener harmlosen ernstheitern Freuden, die wie Blumen das bäuerliche Jahr durchwirken. Da kommt vor allem der heil. Mann, jener begabende Kinderfreund, den das sinnige Gemüt des Älplers mit allem poetischen und unpoetischen Zauber ausstaffiert hat. Er vertritt das Christkind des Städters und besucht in höchst eigener Person die Dorfstuben und erhöht so den Reiz und die Bedeutung seiner Gaben. Darum beten die Kinder, wenn es gegen die Nikolauszeit geht, inbrünstig vor dem Schlafengehen:

„Heiliger Nikolaus, du goldener Mann,
Bring uns allerhand Sachen zusamm',
Allerhand „Gutthaten", kräftige Sachen,
Wirst mir heute die Schüssel voll machen."

Sie stellen wohl auch im frommen Glauben eine Schüssel oder einen Schuh, mit Hafer oder Heu gefüllt, vor's Fenster für den Schimmel des heil. Mannes und ein Gläschen Schnaps für seinen Bedienten. Er braucht es auch, denn er kommt ja in der kalten Dezembernacht weit weit „übers Gebirge" her, und daß solche Leute, die mit dem Vieh umgehen, gern etwas Gebranntes lieben, hat sich das kleine Seppele schon vom „Fütterer" seines Vaters abgeguckt. Und welche Freude, wenn nun am andern Morgen wirklich Hafer und Schnaps fort sind! Denn nun hat es so ein unschuldiges Kinderherz schwarz auf weiß, daß Abends der heil. Mann kommen wird.

Und er kommt auch, nicht als Abstraktum, das sich wie das Christkind der Städter nur durch den strahlenden Lichterbaum und die daran hängenden Gaben verrät, sondern er kommt als leibhaftige Erscheinung in aller Pracht und Herrlichkeit, wie er auf dem Hochaltar so verlockend und liebreich dargestellt ist, und wie ihn die „Nahnl" beim Kaminfeuer den zuhorchenden Kindern haarklein beschrieben hat. Um die Spannung zu erhöhen, tritt oft vor ihm eine Art Herold ein, der sich in der Stube, nach echter Bedientenmanier, allerhand zu tun macht, den Tisch abfegt, den Boden kehrt und schließlich wieder abzieht, Schritt für Schritt verfolgt von den Augen der in banger Erwartung mäuschenstill dastehenden Kinder. Wie klopfen die kleinen unschuldigen Herzen unter dem Kleidchen, wie schauen die Blicke unverwandt nach der Thüre, ob sie sich nicht bald öffne. Jetzt — schwere Tritte — sie tut sich auf, und herein tritt der heil. Mann, ein ehrwürdiger Greis im weiten goldverbrämten Bischofsmantel mit wogendem Haar und weit herabwallendem Flachsbart, auf dem Haupte die strahlende Inful, in der Hand den glänzenden Goldstab. Er legt den Kindern Fragen aus dem Katechismus vor, belobt die Fleißigen und beschenkt sie mit Gaben, Äpfeln, Nüssen, Lebzelten, Bildchen und Ähnlichem, die der Bediente neben ihm in einem Korbe trägt. Die Unwissenden und Unfolgsamen ermahnt er und zeigt bedeutungsvoll auf den hinter ihm stehenden „Klaubauf", der schon lange auf eine Gelegenheit gepaßt hat, auch seine schreckeneinflößende Mission zu manifestieren. Er ist dem entsprechend auch herausgeputzt. Pelzwerk und rasselnde Ketten umhüllen ringsum die Zottelgestalt, auf dem Kopfe sitzen Bockshörner, aus der geschwärzten Larve glotzen zwei Feueraugen, und aus dem Maul hängt eine schuhlange feuerrote Zunge. In den Klauen hält er eine mächtige Rute, auf dem Rücken hängt ein Sack, über dessen schauerliche Bestimmung er von Zeit zu Zeit durch unzweideutige Pantomimen Aufschluß gibt, was in der Regel ein allgemeines Geheul und schleunige Retirade der Kinder hinter den großen Eßtisch zur Folge hat. Nachdem so beide Teile, der heil. Mann und sein höllischer Begleiter, sammt Famulus ihre Schuldigkeit getan, entfernen sie sich mit einem guttirolischen: „Schlafts g'sund allerseits", um an einem andern Orte dieselbe kinderbeglückende Tätigkeit fortzusetzen.

Diese Feier des Nikolausfestes ist in Tirol die verbreitetste und auch die schönste; alle andern Darstellungen sind teils roher, teils von städtischen Gebräuchen angekränkelt. Ersteres gilt besonders von jenen Orten, an denen die freundliche Erscheinung des heil. Mannes dem Übergreifen des Klaubaufs Platz gemacht hat, wie dies im Vinschgau der Fall ist, wo das sog. "Klaubaufwecken" geübt wird. Da ziehen nämlich die Kinder des Dorfes am Vorabend des Nikolaustages mit Schellen behangen auf einen nahegelegenen Hügel und springen und hüpfen daselbst unter ohrenzerreißendem Geschrei und Geschelle im Takte auf und ab. Ähnlich ist das pustertalische "Perchtenlaufen", das ebenfalls an diesem Tage aufgeführt wird und darin besteht, daß geschwärzte und in den abenteuerlichsten Formen vermummte Burschen mit Schellen und Ketten um den Leib unter wildem Lärm und Peitschenknallen durch's Dorf rennen. Dabei wird verschiedener Unfug verübt; so bewerfen sie Vorübergehende mit Ruß und faulem Kohl. Abgesehen von der Fratze sind diese beiden Bräuche wegen ihres mythologischen Kernes für den Forscher interessant, indem sie mit der um diese Zeit fallenden heidnischen Feier der Wintersonnenwende im Zusammenhange stehen. Dasselbe gilt auch von der im Paznaun üblichen Sitte, dem heil. Mann einen schöngekleideten weiblichen Nikolaus, die sog. Klasa, beizugesellen, mag nun unter dieser Hülle die Perachta oder Freia oder eine andere altdeutsche Göttin stecken.

So viel über die eigentliche Nikolausfeier. Von den vielerorts aufgeführten und kulturhistorisch wichtigen St. Nikolausspielen wollen wir ein ander Mal ausführlich berichten.

Quelle: Tirolische Weihnachten, in: Der Alpenfreund, Monatshefte für Verbreitung von Alpenkunde unter Jung und Alt in populären Schilderungen aus dem Gesammtgebiet der Alpenwelt und mit praktischen Winken zur genußvollen Bereisung derselben. HG Dr. Ed. Amthor, 4. Band, Gera 1872, S. 304 - 306
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Renate Erhart, November 2005. Rechtschreibung behutsam neu bearbeitet und auf den aktuellen Stand gebracht.

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