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Volksbräuche der Alpenländer.
Einiges über Weihnachtsbräuche.
I. Die Klöpfelsnächte.

von Ludwig von Hörmann.

Zu den Tagen, auf welche das deutsche Volk seinen reichen Schatz von ererbten Bräuchen, religiösen und profanen Festlichkeiten verteilt hat, gehören auch die sogenannten Klöpfelsnächte, welche gewissermaßen den Zyklus der Weihnachtsfeierlichkeiten eröffnen.

So heißen nämlich die drei letzten Donnerstage im Advent, an einigen Orten nur der letzte vor Weihnachten. Den Namen haben sie daher, weil an diesen Tagen ärmere Leute und besonders Kinder vor den Türen herumziehen und, indem sie mit hölzernen Hämmerchen an die Fenster klopfen und einen Reimspruch hersagen, sich von den Bewohnern eine Gabe ausbitten, welche gewöhnlich in Eßwaren, Brot, Klötzen (Birnschnitze) etc. besteht.

So singt man in Franken und Südbayern:

Klopfe, klopfe Hämmerle,
's Brod liegt in 'em Kämmerle,
's Messer liegt daneben,
Sollt mir etwas geben;
Und 'mein G'sellen auch ein Teil.

oder:

Draus in an Tenna
Laufen die Fasten Henna,
Droben in an First
Hangen die Wurst;
Gebt mir die langen,
Laßt die kurzen hangen.

Diese Sitte soll eine fromme Erinnerung sein an das vergebliche Herumirren und Anklopfen Josef's und Maria's vor den Häusern der hartherzigen Bethlehemiten, um eine Herberge zu finden, wie denn dieser Akt beinahe in allen Weihnachtsspielen eine Hauptrolle spielt. Nach anderer Auslegung soll es noch von der Pestzeit herrühren, wo man Linsen und Erbsen an die Fenster der Häuser warf, um sich zu überzeugen, ob noch Jemand darin am Leben sei. Lebte noch Jemand, so rief man heraus: "Vergelt's Gott". Dieser Gebrauch hat sich noch in Schwaben erhalten, wo man an diesen Abenden derlei Gegenstände und besonders Glasstücke an die Fenster wirft, um die Leute an mutwillig zerschlagene Fensterscheiben glauben zu machen. Öffnet dann ein Neugieriger das Fenster, so schlagen ihm die Anklöpfler einen schwarzen Flor mit Kienruß um's Gesicht, was natürlich ein allgemeines Gelächter zur Folge hat. Doch gilt ein solch zärtlicher Abendgruß keineswegs für beleidigend, sondern wird vielmehr als eine gute Vorbedeutung für das nächste Jahr gehalten.
Überhaupt schreibt man diesen Tagen besonders wundertätige Kraft zu, und manche abergläubische Gebräuche und Ansichten knüpfen sich daran. So darf der Weihnachtszelten nicht gebacken werden, ehe nicht der letzte Klöpfeldonnerstag vorbei ist. An vielen Orten füllt man eine Schüssel mit Wasser, wirft einen Kreuzer hinein und versucht denselben mit der Zunge herauszuholen. Rinnt dabei Wasser über, kommt Geld aus dem Hause; wird keines verschüttet, kommt Geld herein. Auch nimmt man eine große Rübe, umgibt sie mit einer breiten Fichtenrinde und füllt so das entstandene Gefäß, zu dem die Rübe den Boden bildet, mit Erde. In diese streut man verschiedene Fruchtsamen, z. B. zwölf Weizenkörner, die Zahl der Apostel bedeutend, drei Erbsen als Zeichen der heiligen Dreifaltigkeit, fünf Fisolen, die Wundmale Christi versinnbildend u. a. m. Dann wird das Behältniß aufgehängt, und man glaubt, wenn diese aufgegangenen Körner in der heiligen Nacht während der Mette verdorren, daß dann der Reif im kommenden Frühjahre nicht schade; bleiben sie aber frisch, dann verbrenne er alles.

Ich könnte noch mehr solcher Bräuche und Vorgänge erzählen, welche besonders in Bayern und Tirol sehr im Schwunge sind. Deshalb erließ schon im Jahre 1611 Herzog Maximilian von Bayern ein gedrucktes Edikt gegen solche "Kunst und Sachen, so man in den Klöpfelsnächten auszuüben pflegt".

Wie viel es fruchtete, zeigen am besten die noch frisch fortlebenden abergläubischen Meinungen und Gebräuche. Besonders mein Heimatland Tirol ist in dieser Beziehung gesegnet, und gewiß nirgends werden die Klöpfelsnächte feierlicher begangen. Sie gelten als förmliche Belustigungstage, bestimmt, um die stille Adventszeit etwas zu würzen.

Sehr bunt geht es um diese Zeit in Pillersee im Unterinntale zu. Da fährt an diesen Tagen der sogenannte Anklöpfelesel herum. Dieser Langohr muß aber erst auf folgende Art fabriziert werden. Zwei kräftige Bursche stellen sich hintereinander und nehmen ein hölzernes Gerüst auf die Schultern, das mit einem Eselskopf versehen ist und eine Decke trägt, welche als Sattel dient und zugleich den Zweck hat, Kopf und Oberkörper der Träger zu verhüllen. Auf dieses schwanke Reitzeug setzt sich ein lustiger Gesell als Fuhrmann. Daneben schreitet der Eigentümer des Esels, gewöhnlich in der Tracht eines feisten unterinntaler Wirtes. Das Gefolge bilden Zigeuner, Landstreicher, Hexen, Zillertaler, Ölträger, Quacksalber und ein Tierarzt. So geht es in die Bauernstuben, und das "Gspiel" beginnt. Zuerst wird dem Esel Wasser und Heu vorgesetzt. Dieser jedoch packt nichts an und erhebt zugleich ein klägliches Geschrei, welches der Eigentümer dahin erklärt, daß das Tier krank sei, worauf er mit allen Kraftausdrücken des Unwillens über den armen Fuhrmann herfällt, der daran Schuld sei. Der weiß sich vor Schreck kaum zu helfen und fragt zuerst bei allen Quacksalbern und Ölträgern um Hilfe an, die nun den Esel mit verschiedenen allo- und homöopathischen Pulvern zu kurieren suchen. Da jedoch alle Kuren nur die entgegengesetzte Wirkung hervorbringen, so nimmt der verzweifelnde Fuhrmann endlich seine Zuflucht zum eigentlichen Tierarzt, der auch wirklich den Esel kuriert. Während dieses ganzen Vorganges, dem es natürlich nicht an komischen Szenen fehlt, werden die beißendsten Ausfälle auf alles Ungereimte gemacht, was während des Jahres in der Gemeinde vorfiel. Zum Schluß wird den Klöpflern Schnaps, Brot, Butter und Käse vorgestellt, worauf sie abziehen.

Noch ausgeprägter und zugleich ursprünglicher ist die Sitte des Klöpfelns im Sarntal in Südtirol. Da versammelt sich bei einbrechender Dämmerung eine Anzahl von jungen Leuten, besonders Knechte mit Zithern, Geigen, Kuhhörnern, Hafenplatten und ähnlichen Marterinstrumenten an einem Platze außerhalb des Dorfes. Manche kleiden sich, so gut es angeht, als Masken, indem sie entweder ihre Joppen verkehrt anziehen, oder wohl auch das Hemd über das übrige Gewand werfen. Zwei Männer jedoch hüllen sich ganz in Stroh ein, und zwar der eine als Mannsperson, der andere als sein Weib. Sie führen wegen ihres originellen Anzuges den Namen Zuseln. So ausstaffiert zieht nun der ganze Haufen mit Sang und Klang zum nächsten Hofe, wo er vor der Türe Halt macht.

Während nun der Chorus einen Höllenlärm vollführt, um die Hausleute von seiner glücklichen Ankunft zu unterrichten, hadern die beiden Strohpuppen miteinander, indem sie sich gegenseitig Untreue vorwerfen, überhaupt solche Fehler rügen, welche die Eigentümer des Hofes betreffen.

Nach diesem Vorspiel beginnt das eigentliche Klöckellied:

Heut ist uns eine heilige Klöckelsnacht;
Lei 1) was geschah?
Derweil uns die Zeit vorhanden schon ist
Wohl oni 2) zu der ersten Klöckelsnacht,
Lei, was geschah?
Gott hat uns ein Gebetlein vom Himmel gesandt,
Der Erzengel St. Gabriel ist's, der's uns genannt.
Er grüßet Maria, die Jungfrau rein,
Sie hat uns geboren ein klein Kindelein.

Wohl oni zur anderten Klöckelsnacht,
Lei, was geschah?
Gott hat uns ein Gebetlein vom Himmel gesandt,
Johannes, der Taufer ist's, der's uns genannt;
Er taufet wohl an dem großen Jordan,
Lei Kleanars und Größers, lei wie's zu ihm kam.
Jetzt hat er getauft den wahren Gottessohn,
Denselbigen hat er getaufet itzt schon.

Wohl oni zur dritten Klöckelsnacht,
Lei, was geschah?
Gott hat uns ein Gebetlein vom Himmel gesandt,
Herr Jesu Christ ist's, der's uns genannt,
Der für uns am Kreuz gestorben schon ist.
Jetzt kemman wir bald zua der kurzen G'frist
Zu die lieben Altväter vor das höllische Thor,
Und die lieben Altväter, die waren so froh,
Die darin lagen so viel hunderttausend Jahr,
Ja, das ist wahr;
Heraus, heraus, ihr lieben Altväter mein,
Heraus von der schweren, von der höllischen Pein.

1) Lei: nur, was nur? 2) Hinan


Nach diesem rührenden Gesange folgt noch eine Strophe, in der die Klöckler der sichern Erwartung, nun etwas zu bekommen, Ausdruck verleihen:

Ein hellichter Stern geht über das Haus,
Gar a ehrsame Hausmutter geht ein und geht aus;
Jetzt hören wir schon die Schlüssel erklingen,
Jetzt wird man uns bald a Stuck Brotawurst bringen.
Ja sei's a Brotawurst, sei's a Stuck Spöck,
Dann gien 3) halt wir Klöckler mit Freuden awöck. 4)

3) Gehen. 4) Hinweg.

Die hartherzigen Betlehemiten scheinen aber trotz des Komplimentes für die Hausmutter noch nicht befriedigt zu sein; denn nun folgen erst die sogenannten Ansinglieder, in denen der Witz und Scharfsinn der Klöckler auf eine scharfe Probe gestellt wird. Die Bauersleute singen nämlich Reimfragen zum Fenster heraus, auf welche die Klöckler gereimte passende Antwort geben müssen. Derjenige Teil, der die Frage oder das Spottlied nicht erwidern kann, wird verlacht, und wenn es die Klöckler sind, müssen sie leer abziehen. Man spart sich oft die unangenehmsten Wahrheiten und stechendsten Spöttereien während des ganzen Jahres zusammen, um sie bei dieser Gelegenheit ungestraft an den Mann zu bringen. Trotz der bei dieser Gelegenheit allgemein anerkannten Zungenfreiheit entstehen doch häufig in Folge dessen Feindschaft und Schlägerei, weshalb das Klöckeln immer mehr abkömmt.

Hier folgen einige der bessern Ansinglieder.

Von innen: Itz bin auf'n Ofen oben g'legen, hon die Stützen 5) aufg'reckt,
Itz haben mi' die Klöckler mit der Musik aufg'weckt.
Klöckler: N'ar 6) darfst mit die Knie net fast 7) in Himmel ausi stechen,
Sonst kannst 8) oft amol in die Höll' oin 9) brechen.

5) Fuße, 6) nachdem, dann. 7) sehr. 8) könntest, 9) hinab.

Dem spottenden Bauer war nämlich wirklich passiert, daß er einmal auf diese Weis in die Hölle, d. h. den Raum zwischen Ofen und Wand, gefallen war.

Von innen: Klöckler, was habt's den ös 10) im Summer gethan,
Daß ös im Winter müeßt lottern 11) gian?
Klöckler: Geschnitten, g'mahet 12) und Hack'n 13) getragen,
Daß die Feiler 14) eppas 15) zum Essen haben.
Von innen: Wann ös so witzige Klöckler wollt sein,
Müßt ös wol wissen, wie viel Stern am Firmament oben sein?
Klöckler: D'selm 16) mußt Du den Luzifer fragen,
Der ist vom Himmel in d' Höll oid'n 17) g'fahren.
Von innen: Wann ös so witzige Klöckler wollt sein,
So müßt ös wol wissen, wer die größten Vögel im Sarnthal sein.
Klöckler: Der Geier 18) in Pens, der Sperber in Durnholz, der Guck' auf Reinswald,
Das sein die größten Vögel im Sarnthal.
Von innen: Was für a Thurm hat koan Spitz?
Und was für a Geasl 19) tragt koa Kitz?
Klöckler: Der babilonische Thurm tragt koan Spitz,
Und a au'g'molens 20) Geasl tragt koa Kitz.
Von innen: Wann ös so witzige Klöckler wollt sein,
Müßt ös wissen, wie a Döck mit neun Egger 21) sollt sein,
Klöckler: Drei unten, drei oben, und drei daneben,
Dann werd's wol a Döck' mit neun Egger o' geben.
Von innen: Da unten auf der Eb'ne hat oaner a Zäunl gebaut,
Der oan Scharling 22) oi, der ander' auerwärts g'schaut.
Klöckler: I hob's a net der söchen,
Es ist lei a brüchig's Görl 23) gewesen.
Von innen: Die Wurst liegt auf'n Tisch zu 'nem Kranz
Itz Klöckler geht einer und thuet an Tanz.

10) ihr, 11) betteln, 12) gemäht, 13) Baumstöcke, 14) Faullenzer, 15) etwas, 16) daselbst, dann, 17) hinunter, 18) Namen von Bauernhöfen, 19) Gaisl, 20) gemaltes, 21) Ecken. 22) Das Ende des Scharling's (Zaunbandes) muß immer gegen das Ende desselben Besitzers schauen, dem die Zäunung obliegt. Dieser Unterlassungsfehler, den ein Klöckler beging, wird hier vom Bauer verspottet, wofür ihm der andere vorwirft, aus Versehen ein bruchiges Görl gekauft zu haben. 23) Mutterschaf.

Auf diese Aufforderung begeben sich die Klöckler in die Stube, voran tanzt das Strohpaar, dahinter schreiten die Musikanten. Hier wird ihnen Branntwein, Speck und Fleisch vorgesetzt, worauf ein allgemeines Tanzen beginnt. Da wirft plötzlich der zärtliche Strohmann seine "Zusel" zur Türe hinaus und tanzt mit einer anderen. Die Zusel guckt zur Türe herein, springt auf die fremde Tänzerin und balgt sich mit ihr, und treibt ähnlichen Schabernack.

Ist der Tanz um, so singen sie zum Abschied noch folgendes Danklied:

Itz hat man uns ehrsame Erleichterung geb'n,
Gott laß uns das Jahr mit Freude ausleb'n;
Itz wünsch'n wir das Glück wohl ausi 24) auf's Feld
Wohl zuechi 25)) zum Getreid', wohl zuechi zum Geld;
Itz wünsch'n wir das Glück wohl eini in den Stall
Wohl zuechi zum Vieh und sonst überall.
Itz wünsch'n wir's Glück Wohl aui 26) in's Haus,
Und's Unglück seh' oben zum Fenster heraus.
Was wünsch'n wir dem Hausvater? An goldenen Tisch
Auf an jeder kloan Eckelein an gebach'nen Fisch.
Was wünsch'n wir ihm noch in die Mitte hinein?
Ein silbernes Kandelein voll rothen Wein,
Dazu die Hausmutter, die schenkt ihm's ein.
Was wünsch'n wir der Hausmutter? An goldnen Wag'n,
Der wird sie dann fröhlich in den Himmel aui trag'n,
In den Himmel, in den Himmel zu den obrigsten Thron.
Da singen die Engelen, d'rum beten sie schon.
Itz nehmen wir Urlaub Von der heurigen Hausthür,
s' lieb heilig Gotteskreuzlein schreib'n wir uns herfür.
Wir schreiben's uns aui auf a guet's Blatt,
Itzt wünschen wir euch allen a glückselige gute Nacht
Und a freudenreich's neu's Jahr,
Das wir euch fernt 27) hab'n g'wünschen ist heuer no nit gar.

24) hinaus, 25) hinzu, 26) hinauf, 27) im vorherigen Jahre.

Hierauf heißt der Bauer die Klöckler noch tüchtig auf seinen Feldern herumspringen, auf daß es ein gutes nächstes Jahr gebe und das Getreide gedeihe, die Hausfrau aber füllt ihren Lottersack, den gewöhnlich der letzte trägt, mit den sogenannten "Klöcklerwürsteln".

Haben die Klöckler nun die vorgesetzten Höfe auf diese Art abgezogen, so kommen sie in einer ihrer Hütten zusammen und tanzen und leben den übrigen Teil der Nacht fröhlich zusammen, um gemeinschaftlich die gesammelten "Klöcklerwürsteln" zu verzehren.

Quelle: Volksbräuche der Alpenländer - IV. Die tirolischen Erntegebräuche, Ludwig von Hörmann, in: Der Alpenfreund, Monatshefte für Verbreitung von Alpenkunde unter Jung und Alt in populären Schilderungen aus dem Gesammtgebiet der Alpenwelt und mit praktischen Winken zur genußvollen Bereisung derselben. HG Dr. Ed. Amthor, 2. Band, Gera 1870, S. 310 - 314.

Für SAGEN.at korrekturgelesen von Mag. Renate Erhart, Dezember 2005.

Rechtschreibung behutsam neu bearbeitet und auf den aktuellen Stand gebracht.
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