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Volksbräuche der Alpenländer. von Ludwig von Hörmann. Zu den Tagen, auf welche das deutsche Volk seinen reichen Schatz von
ererbten Bräuchen, religiösen und profanen Festlichkeiten verteilt
hat, gehören auch die sogenannten Klöpfelsnächte,
welche gewissermaßen den Zyklus der Weihnachtsfeierlichkeiten eröffnen. So singt man in Franken und Südbayern:
oder:
Diese Sitte soll eine fromme Erinnerung sein an das vergebliche Herumirren
und Anklopfen Josef's und Maria's vor den Häusern der hartherzigen
Bethlehemiten, um eine Herberge zu finden, wie denn dieser Akt beinahe
in allen Weihnachtsspielen eine Hauptrolle spielt. Nach anderer Auslegung
soll es noch von der Pestzeit herrühren, wo man Linsen und Erbsen
an die Fenster der Häuser warf, um sich zu überzeugen, ob noch
Jemand darin am Leben sei. Lebte noch Jemand, so rief man heraus: "Vergelt's
Gott". Dieser Gebrauch hat sich noch in Schwaben erhalten, wo man
an diesen Abenden derlei Gegenstände und besonders Glasstücke
an die Fenster wirft, um die Leute an mutwillig zerschlagene Fensterscheiben
glauben zu machen. Öffnet dann ein Neugieriger das Fenster, so schlagen
ihm die Anklöpfler einen schwarzen Flor mit Kienruß um's Gesicht,
was natürlich ein allgemeines Gelächter zur Folge hat. Doch
gilt ein solch zärtlicher Abendgruß keineswegs für beleidigend,
sondern wird vielmehr als eine gute Vorbedeutung für das nächste
Jahr gehalten. Ich könnte noch mehr solcher Bräuche und Vorgänge erzählen, welche besonders in Bayern und Tirol sehr im Schwunge sind. Deshalb erließ schon im Jahre 1611 Herzog Maximilian von Bayern ein gedrucktes Edikt gegen solche "Kunst und Sachen, so man in den Klöpfelsnächten auszuüben pflegt". Wie viel es fruchtete, zeigen am besten die noch frisch fortlebenden abergläubischen Meinungen und Gebräuche. Besonders mein Heimatland Tirol ist in dieser Beziehung gesegnet, und gewiß nirgends werden die Klöpfelsnächte feierlicher begangen. Sie gelten als förmliche Belustigungstage, bestimmt, um die stille Adventszeit etwas zu würzen. Sehr bunt geht es um diese Zeit in Pillersee im Unterinntale zu. Da fährt an diesen Tagen der sogenannte Anklöpfelesel herum. Dieser Langohr muß aber erst auf folgende Art fabriziert werden. Zwei kräftige Bursche stellen sich hintereinander und nehmen ein hölzernes Gerüst auf die Schultern, das mit einem Eselskopf versehen ist und eine Decke trägt, welche als Sattel dient und zugleich den Zweck hat, Kopf und Oberkörper der Träger zu verhüllen. Auf dieses schwanke Reitzeug setzt sich ein lustiger Gesell als Fuhrmann. Daneben schreitet der Eigentümer des Esels, gewöhnlich in der Tracht eines feisten unterinntaler Wirtes. Das Gefolge bilden Zigeuner, Landstreicher, Hexen, Zillertaler, Ölträger, Quacksalber und ein Tierarzt. So geht es in die Bauernstuben, und das "Gspiel" beginnt. Zuerst wird dem Esel Wasser und Heu vorgesetzt. Dieser jedoch packt nichts an und erhebt zugleich ein klägliches Geschrei, welches der Eigentümer dahin erklärt, daß das Tier krank sei, worauf er mit allen Kraftausdrücken des Unwillens über den armen Fuhrmann herfällt, der daran Schuld sei. Der weiß sich vor Schreck kaum zu helfen und fragt zuerst bei allen Quacksalbern und Ölträgern um Hilfe an, die nun den Esel mit verschiedenen allo- und homöopathischen Pulvern zu kurieren suchen. Da jedoch alle Kuren nur die entgegengesetzte Wirkung hervorbringen, so nimmt der verzweifelnde Fuhrmann endlich seine Zuflucht zum eigentlichen Tierarzt, der auch wirklich den Esel kuriert. Während dieses ganzen Vorganges, dem es natürlich nicht an komischen Szenen fehlt, werden die beißendsten Ausfälle auf alles Ungereimte gemacht, was während des Jahres in der Gemeinde vorfiel. Zum Schluß wird den Klöpflern Schnaps, Brot, Butter und Käse vorgestellt, worauf sie abziehen. Noch ausgeprägter und zugleich ursprünglicher ist die Sitte
des Klöpfelns im Sarntal in Südtirol.
Da versammelt sich bei einbrechender Dämmerung eine Anzahl von jungen
Leuten, besonders Knechte mit Zithern, Geigen, Kuhhörnern, Hafenplatten
und ähnlichen Marterinstrumenten an einem Platze außerhalb
des Dorfes. Manche kleiden sich, so gut es angeht, als Masken, indem sie
entweder ihre Joppen verkehrt anziehen, oder wohl auch das Hemd über
das übrige Gewand werfen. Zwei Männer jedoch hüllen sich
ganz in Stroh ein, und zwar der eine als Mannsperson, der andere als sein
Weib. Sie führen wegen ihres originellen Anzuges den Namen Zuseln.
So ausstaffiert zieht nun der ganze Haufen mit Sang und Klang zum nächsten
Hofe, wo er vor der Türe Halt macht.
Die hartherzigen Betlehemiten scheinen aber trotz des Komplimentes für die Hausmutter noch nicht befriedigt zu sein; denn nun folgen erst die sogenannten Ansinglieder, in denen der Witz und Scharfsinn der Klöckler auf eine scharfe Probe gestellt wird. Die Bauersleute singen nämlich Reimfragen zum Fenster heraus, auf welche die Klöckler gereimte passende Antwort geben müssen. Derjenige Teil, der die Frage oder das Spottlied nicht erwidern kann, wird verlacht, und wenn es die Klöckler sind, müssen sie leer abziehen. Man spart sich oft die unangenehmsten Wahrheiten und stechendsten Spöttereien während des ganzen Jahres zusammen, um sie bei dieser Gelegenheit ungestraft an den Mann zu bringen. Trotz der bei dieser Gelegenheit allgemein anerkannten Zungenfreiheit entstehen doch häufig in Folge dessen Feindschaft und Schlägerei, weshalb das Klöckeln immer mehr abkömmt. Hier folgen einige der bessern Ansinglieder.
Dem spottenden Bauer war nämlich wirklich passiert, daß er einmal auf diese Weis in die Hölle, d. h. den Raum zwischen Ofen und Wand, gefallen war.
Auf diese Aufforderung begeben sich die Klöckler in die Stube, voran tanzt das Strohpaar, dahinter schreiten die Musikanten. Hier wird ihnen Branntwein, Speck und Fleisch vorgesetzt, worauf ein allgemeines Tanzen beginnt. Da wirft plötzlich der zärtliche Strohmann seine "Zusel" zur Türe hinaus und tanzt mit einer anderen. Die Zusel guckt zur Türe herein, springt auf die fremde Tänzerin und balgt sich mit ihr, und treibt ähnlichen Schabernack. Ist der Tanz um, so singen sie zum Abschied noch folgendes Danklied:
Hierauf heißt der Bauer die Klöckler noch tüchtig auf seinen Feldern herumspringen, auf daß es ein gutes nächstes Jahr gebe und das Getreide gedeihe, die Hausfrau aber füllt ihren Lottersack, den gewöhnlich der letzte trägt, mit den sogenannten "Klöcklerwürsteln". Haben die Klöckler nun die vorgesetzten Höfe auf diese Art abgezogen, so kommen sie in einer ihrer Hütten zusammen und tanzen und leben den übrigen Teil der Nacht fröhlich zusammen, um gemeinschaftlich die gesammelten "Klöcklerwürsteln" zu verzehren. Quelle: Volksbräuche der Alpenländer - IV.
Die tirolischen Erntegebräuche, Ludwig von Hörmann, in: Der
Alpenfreund, Monatshefte für Verbreitung von Alpenkunde unter Jung
und Alt in populären Schilderungen aus dem Gesammtgebiet der Alpenwelt
und mit praktischen Winken zur genußvollen Bereisung derselben.
HG Dr. Ed. Amthor, 2. Band, Gera 1870, S. 310 - 314. |
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