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Die Almsprüche
von Dr. Ludwig von Hörmann.

Wir haben seiner Zeit (Alpenfreund Bd. VI, S. 278) über tirolische Haussprüche geschrieben. Diesem Aufsatz will ich nun ein weiteres Kapitel anfügen, nämlich über die Sprüche, die sich an der Außen- und Innenseite der Almhütten befinden. Leider ist auch diese Sitte, gleich den Hausaufschriften, dank der immer mehr um sich greifenden Demolierungswut gegen alles Hergebrachte im Absterben begriffen, und man muß jetzt schon froh sein, wenn man bei derlei Nachfragen vom betreffenden Senner nicht ausgelacht wird. Diese Sprüche sind nicht immer durch die Schrift fixiert, sondern laufen häufig nur so im Volksmund herum; wo sie erhalten sind, findet man sie entweder über der Eingangstür oder an einem Pfahl oder innen, gewöhnlich an der Tür zum Milchgaden. Meistens enthalten sie eine Charakteristik der Lage und Gegend, in der sich die Alpe befindet, oder sie berichten oft mit Lob oder beißendem Spotte von dem reichern oder geringeren Erträgnis derselben. So heißt es von der herrlichen Alpe Klausen in Brandenberg:

In der Klausen
Thut der Kübel brav sausen.

Den gleichen Spruch führt die Alpe Klausen im Zemmgrunde. In diesem reizenden Seitental des Zillertales hat fast jede Alm ihren Denkspruch. Zuerst kommt Käselar:

Z' Käselar wär's schon fein,
Wenn man nit müßt tragen
Das Schmalz von außen herein.

Grund des Spottreimes auf diese Alpe, die ohnehin schon einen ominösen Namen führt, werden wir gleich hören. Nach kurzem Wege kommen wir nach Breitläner. Auf dieser Alpe, die den Spruch führt:

Breitläner
Schottensämer,

weil sie wegen ihrer schlechten Weide wenig Butter, aber desto mehr Schotten erzeugt, befindet sich das Hauptdepôt der Älpler in der Zemm, d. h. von allen acht Alpen in diesem Tale, darunter Schwarzenstein, Waxegg, Grawand, fließen hier die Erzeugnisse an Butter, Käse und Schotten zusammen. Die Melker oder Hirten tragen gewöhnlich jeden zweiten oder dritten Tag die Vorräte der letzten Tage dahin. Von da werden sie durch einen eigenen Träger in's Tal befördert, d. h. der Käse; denn Butter und Schotten wurden wenigstens früher schon von der Alpe aus weiter verkauft. Dieser eben genannte Umstand gab auch Veranlassung zum Spruche der zweitnächsten Alpe, nämlich Grawand. Er lautet:

Z' Grawand (Grauwand)
Ist der Schinder bei der Hand.

Der Grawander Schinder ist nämlich der steile Bergrücken, der genannte Alpe von Breitläner trennt, und über den die Melker, wie wir hörten, jeden zweiten Tag die Last dahin bringen müssen. Nimmt man das Erträgnis von beiläufig dreißig Kühen, so wird von einem Zentner nicht viel fehlen, den sie zu schleppen haben, und man begreift, warum diese steile Anhöhe Schinder heißt, und warum die Älpler von Grawand ihn in ihrem Denkspruche verewigten. Dann kommt die Alpe Waxegg:

Z' Waxegg
Giebt's kleine Butter
Und große Schotten.

Der gleiche Grund wie bei Breitläner. Die Alpe Schwarzenstein, die höchstgelegene des Zemmgrundes hat den Denkspruch:

Z' Schwarzenstein
Kleine Wadel, große Bein
Und Enkel (Knöchel) wie die Centnerstein,

Man sieht, bloß der Zemmgrund gibt schon eine ganz einträgliche Lese von derlei Sprüchen. Von der Alpe Schönbichl im Schartental geht der Spruch:

Z' Schönbichl ist den Kühen wohl
Und wohl ist a dem Kübel,
Den Melchern aber übel,

weil die Weide gut ist, die Melker aber viel Arbeit haben. Ebenso heißt es von der Alpe Sattl:

Auf Sattl
Gehn d' Melcher sell (selbst) mit der Gschpattl (Schachtel).

Sonst Pflegen Bettler, die die Almen abstreichen, in Schachteln ihr Erbetteltes zu sammeln.

Mit solchen Denksprüchen sind sehr häufig auch die innern Räume der Sennhütten dekoriert, sowie auch mit andern, die religiöser Natur sind z. B.

Dem Senn und Vieh auf Wegen
Giebt Gott der Herr sein Segen.

oder:

Der Herr laßt wachsen für das Vieh
Das Gras auf hohen Bergen,
Es muß auch hier auf dieser Alp
Viel Vieh erhalten werden.

Gerade vielsagend ist dieser Reim nicht, oder

Gesundes Vieh und gute Weid'
Giebt schweren Kas und viele Freud',

oder:

Man sammelt einen schönen Nutz (Alpennutzen)
In dieser Vorrathskammer,
Bewahre sie, o großer Gott,
Vor Ginbruch, Feuer, Jammer.

Diese aufgezählten Denksprüche der Alpen ließen sich leicht in's Hundertfache vermehren, wenn sich mancher Alpenbummler die Muße nehmen wollte, bei seinem Aufenthalt auf der Alm sich um noch etwas anderes, als um Nocken und um die Waden der Sennerin zu interessieren.

Quelle: Die Almsprüche, Ludwig von Hörmann, in: Der Alpenfreund, Monatshefte für Verbreitung von Alpenkunde unter Jung und Alt in populären Schilderungen aus dem Gesammtgebiet der Alpenwelt und mit praktischen Winken zur genußvollen Bereisung derselben. HG Dr. Ed. Amthor, 6. Band, Gera 1873, S. 373 - 375.
Rechtschreibung behutsam neu bearbeitet und auf den aktuellen Stand gebracht.
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