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Der Alber und der wilde Ochsner.
Ein Beitrag zur alpinen Sagenkunde von Ludwig.
von Dr. Ludwig von Hörmann.

Als ich vor ein paar Jahren einen Ausflug in das an Naturschönheiten reiche Ötztal machte, begegnete mir auf meiner Wanderschaft ein altes Bäuerlein. Schon lange hatte ich auf meinem Wege, der sich zwischen Wiesen und Äckern ziemlich einförmig dahinzog, nach einer Gesellschaft spekuliert, und weil ich nebenbei nichts Lieberes erzählen höre, als von den Gebräuchen und Meinungen meiner Tiroler Landsleute, rief ich ihm freundlich grüßend zu:

"Wohin so eilig, Landsmann? Ihr habt gewiß noch einen weiten Weg machen?" -

"Ja, ich bin in Längenfeld daheim," antwortete der Bauer, "und bis dahin noch wohl ein Stückl zu gehen." --

"Nach Längenfeld? Dorthin will ich auch. Wenn's Euch recht ist, gehen mitsammen." -

"Da müßt's aber fest auftreten," lächelte der Alte, "sonst kommen wir nit vor geschlagener Nacht." -

Mir war dies ganz recht, und bald marschierten wir mit raschen Schritten die Straße entlang. Wir sprachen vom Wetter, vom Korn und Heu. Plötzlich fiel in der Wiese neben uns eine Erscheinung auf, die ich noch nie gesehen hatte. Es zogen sich nämlich durch den Grasboden parallele halbkreisförmige Streifen, ein paar Hände breit und von vielleicht fünf bis sechs Fuß im Durchmesser. Es mochten deren zehn bis zwölf sein. Die ersten sahen aus wie Brandstreifen, gegen die Mitte der Reihe wurden sie allmälig undeutlicher, und die am andern Ende liegenden Streifen waren nur noch durch den üppigeren Glaswuchs zu erkennen.

"Woher kommt denn das?" fragte ich verwundert meinen Begleiter.

"Ja," sagte dieser mit wichtiger Miene, "da ist halt der Alber d'rüber g'fahren." Vermutlich bemerkte der Alte, daß ich durch diese Erklärung eben so viel wisse wie zuvor, denn er fuhr fort: "Der Alber ist ein höllischer feuriger Drache, der hoch oben im Gebirge haust, in schauerlichen Schluchten und Spalten, wo kein Mensch hinauf gelangen kann. Jedes Jahr im Herbst, wenn es gegen Martini geht, fliegt er über's Tal in ein anderes Loch. Dabei macht er einen Bogen und streift den Wiesgrund mit seinem feurigen Schweif. Davon wird das Gras so verbrannt, daß mehrere Jahre nichts mehr wächst. Nach sieben Jahren aber gibt es auf demselben Platze viel fetteres Gras als vorher. Es ist nicht gut, wenn man den Alber nahe beim Dorfe sieht," fuhr mein Begleiter fort; "denn es kommt dann ein großes Unglück und man mag sich mit geweihten Rosenkränzen wohl segnen. Der Nachtwächter in unserm Dorf hat ihn einmal gesehen. Er ist wie ein feuriger Vogel aus der Erde gestiegen, in einem weiten glühenden Kreise durch die Luft geflogen und dann im Talbach verschwunden. Aber getan hat ihm das Teufelsvieh nichts, denn der Nachtwächter ist schon durch sein Amt vor Hexen und Hölle sicher."

Als ich später über diese Sage nachdachte, erinnerte ich mich, bereits eine ganz ähnliche im Sarntal in Südtirol gehört zu haben. Man soll dort nämlich nachts feurige Strahlen von einer Bergspitze zur andern fliegen sehen und erzählt, das seien Hexen, welche auf feurigen Pferden durch die Luft reiten. Oft geschieht es, daß das Pferd ein Hufeisen verliert. Man will auch solche gesehen haben; sie sollen anders als die irdischen aussehen und auffallend leicht Feuer geben. Wenn der Reiterin ein solcher Unfall passiert, so erbarmt sich der Teufel der Bedrängten, erscheint einem Schmiede des nächsten Ortes und spricht zu ihm: "Schmied steh' auf, schlag' mein Roß ein Eisen auf!" Wenn der Schmied nicht gesonnen ist ein Hufeisen zu machen, so antwortet er: "I steh' nöt auf, i tret' nöt für, i schlag' dein Roß kein Eisen für." Ruft ihn der Teufel zum dritten Mal, so muß er folgen, wenn er nicht vom Schwarzen geholt werden will. Nach beendigter Arbeit präsentiert ihm der Teufel einen Hut voll Geld, aber wehe, wenn der Schmied so unbesonnen ist und denselben annimmt; er fällt unvermeidlich in die Gewalt des schlauen Versuchers. Diese höllischen Amazonen nennt das Volk "Pfaffenköchinnen." Wenn nun eine derselben über einen Rasen fährt, verbrennt sie ebenfalls das Gras bis auf die Wurzeln, so daß erst nach mehreren Jahren, dann aber schöneres und üppigeres Gras wachst.

In anderen Gegenden heißt der Alber auch St. Martinsvogel.

Die Erscheinung findet ihre Erklärung in den um diese Zeit ziemlich häufig fallenden Sternschnuppen, sowie der bekannten Sage vom wütenden Heere, auch Martinsgestämpfe genannt, nichts anderes zu Grunde liegt, als die brausenden Herbststürme. Wie schon der schwäbische Name desselben, Wuotas- oder Muotas-heer, besagt, glaubten die alten Deutschen in dem Getöse einen Jagdzug ihres höchsten Gottes Wuotan zu erkennen, und als die Heiden zu Christen bekehrt wurden, bezogen sie manche alte Ansicht und Meinung auf den heil. Martin, der durch seine kriegerischen Eigenschaften dem einstigen Göttervater am nächsten kam, und dessen Erscheinen fast in eine Zeit fiel, wo man den Gott der Erde besonders nahe glaubte.

Tirol kennt das wilde Heer in der Sage vom wilden Ochsner. Man stellt sich denselben als einen großen schwarzen Mann vor. Wenn der Senner mit seinem Vieh von der Alpe heimgefahren ist, so zieht der wilde Ochsner auf mit seiner schwarzen Herde und richtet sich in der Almhütte häuslich ein, ganz wie andere Senner. Er melkt und hütet das Vieh, macht Butter und Käse, aber alle Geschäfte verrichtet er zur Nachtzeit. In der Nacht vor Martini zieht er dann mit fürchterlichem Getöse und Geschelle von der Alm und durch das Tal hinaus. Der Kecke aber, der ihm zu begegnen wagt, büßt Gesundheit, ja selbst das Leben ein. Ein neugieriger Bauer soll einmal, als er spät Abends das Geklingel hörte, zum Fenster hinaus gesehen haben, da wurde er zur Strafe festgebannt, so daß er erst am nächsten Morgen nach dem Avemarialäuten den Kopf wieder zurückziehen konnte. Wer der wilde Ochsner eigentlich sei, darüber wissen die Bauern keine Auskunft zu geben. Manche sagen, die arme Seele eines ehemaligen Senners, der untreue Wirtschaft geführt habe, müsse unter dieser Gestalt umgehen, sowie man dasselbe auch vom Kasermannl sagt, unter dem man sich ein kleines graues Männchen denkt. -

Der Name Alber oder Alberer, mit dem man an einigen Orten auch den wilden Ochsner benennt, hat indeß mit allen angeführten Geisterwesen nichts gemein. Er stammt ursprünglich von den Elben oder Elfen, unter welchen man zarte Wesen verstand, welche klein wie ein vierjähriges Kind waren, doch das Geschlecht der Menschen durch höhere Geistesgaben weit überragten und gleichsam eine Mittelstufe zwischen Menschen und Göttern bildeten. Der ähnlich lautende Name hat sie dem Gebirgsbewohner zu Alpengeistern gemacht, was die verbrannten oder üppiger grünenden Grasplätze beweisen. Denn die zauberisch schönen Elbenjungfrauen, welche im Walde wohnten, tanzten auf den dickichtumschlossenen Wiesen beim Mondschein ihren verlockenden Reigen, und am andern Morgen konnte man am abgestreiften Tau oder geknickten Grase die Spuren des Kreises sehen. Der Fußtritt der guten Elben bewirkte üppiges Grün, die bösen Elben aber verdarben das Gras.

Dieser Glaube ist unter dem Namen Hexenringe noch jetzt in Deutschland sehr verbreitet; auch an vielen Orten Tirols sagt man, wenn sich auf den Mulden ein Streifen durch besonders fettes Gras auszeichnet, der Alber, der hier ganz im Gegensatz zur ersterzählten Sage als freundlicher Almgeist auftritt, habe durch den Tritt seiner schmalzigen Füße den Boden gedüngt.

Quelle: Ludwig von Hörmann, Der Alber und der wilde Ochsner. Ein Beitrag zur alpinen Sagenkunde, in: Der Alpenfreund, Monatshefte für Verbreitung von Alpenkunde unter Jung und Alt in populären Schilderungen aus dem Gesammtgebiet der Alpenwelt und mit praktischen Winken zur genußvollen Bereisung derselben. HG Dr. Ed. Amthor, 4. Band, Gera 1872, S. 186 - 188.
Rechtschreibung behutsam neu bearbeitet und auf den aktuellen Stand gebracht.
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