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Steinopfer der Hulda
von Dr. Ludwig von Hörmann.

I. V. Zingerle berichtet in seiner Sammlung tirolischer Sitten und Gebräuche 1) von einem Steinopfer, das in Vinschgau den wilden oder saligen Fräulein gebracht wird und darin besteht, dass jedes Kind, das zum ersten mal auf die Burgeiseralpe steigt, einen Stein aufheben, ihn anspucken und auf einen bereits vorhandenen Steinhaufen, unter dem der Sage nach diese elbischen Wesen wohnen, mit den Worten werfen muss: Ich opfere, ich opfere den wilden Fräulein.

1) I. V. Zingerle, Tir. Sitten und Gebräuche. S. 136. Wolf M. Z. II., p. 61. Wolf Bt. II., p. 279.

Diese merkwürdige uralte Sitte, in welcher J. W. Wolf (Bt. II. p. 279) den Elben dargebrachte Steinopfer zu erkennen glaubt, steht nicht vereinzelnt, sondern Spuren dieses Kultus finden sich an verschiedenen Gegenden Tirols, wenn sich auch nicht immer die ursprüngliche Bedeutung des Vorganges erhalten hat. Besonders auf Jochübergängen trifft man nicht selten solche Opferstätten, nämlich Steinhaufen, auf die jeder Vorübergehende ein Steinchen wirft. Sie liegen gewöhnlich etwas abseits vom Wege, so dass an den praktischen Zweck eines Wegweisers, wie ihn die sogenannten „Steinmandl'n“ haben, nicht gedacht werden kann. Meistens verlegt auch das Volk dahin die Eingänge in die unterirdischen Wohnungen der Saligen und bewahrt so die Erinnerung an den früheren Zweck des Opfers. Solche bedeutungsvolle Steinhaufen befinden sich auf dem Übergang vom Wattental in's Dux, vom Stubaital über die Waldrast nach Matrei, auf dem Wege vom Achental nach Georgenberg; besonders ist das Ziller- und Ötztal, wo diese Elbensage frisch fortbesteht, reich an solchen Plätzen. — Bei Inzing im Oberinntal auf dem Wege zum „Weidenbachl“ ragt aus dem Boden ein ziemlich großer, fast regelmäßig spitzzulaufender Steinblock hervor, der Matzestein genannt. Die Dorfkinder ziehen oft verabredeter Massen zu ihm hinaus und werfen spielweise kleine Steine darauf, wobei sie rufen: Matze, Matze, wohin. Die richtige Erklärung des Sprüchleins lasse ich dahingestellt. Matze und Mezze kommt im Mittelalter als Frauennahme vor 2); ebenso in der Bedeutung von ungesäuertem Brode.3) Den interessantesten Beleg aber für derartige Opfer bietet der sogenannte Sprisselstein im Oberinntal. Es ist ein überhängender Felsblock unmittelbar vor der Obermarkter Almhütte. Jeder Vorübergehende wirft ein Steinchen oder ein „Sprissel“ Holz 4) unten an die Wand hin, als Opfer für die Saligen Fräulein. Denn — so erzählt die Sage 5) — es fuhr einmal ein Bäuerlein mit Holz vorbei. Wie gerade der Wagen mit den zwei Öchslein darunter war, kam die Wand in's Fallen. Das Bäuerlein in seiner Todesangst rief die Saligen Fräulein um Hülfe an, und sieh! sie kamen und hielten und halten den Stein bis auf den heutigen Tag. Seitdem wirft Jeder, der vorbeigeht, zum Dank ein Steinchen oder ein Sprissel Holz unten an die Wand hin, damit die Saligen Fräulein weniger zu tragen haben.

2) K. Weinhold, deutsche Frauen, S. 23.
3) Zarnke, M. h. d. Wörterbuch; II. S. 89.
4) J. A. Schmeller, bair. Wörterbuch. III. p. 593.
5) Mitgeteilt durch H. Konrath. stud. phil.

Dieser Brauch am Sprisselstein samt der sich anlehnenden Sage entspricht genau dem, was E. Meier vom Remselesstein auf dem Urschelberg bei Pfullingen in Schwaben erzählt 6), wo ebenfalls die vorüberziehenden Kinder durchlöcherte Hornknöpfe (Remsele genannt), und hübsche Steinchen, auf welchen die Sonne, wie sie glauben, ihr Bild eingebrannt hat, als Opfer für die alte Urschel hinlegen.

6) F. Meier, Sag. Sitt. und Gebräuche a. Schwaben. I., p. 3 ff.

Nur ist hier an die Stelle der Saligen Fräulein, dem elbischen Gefolge der Hulda, die Göttin selbst getreten. Denn dass die „alte Urschel“ nur Stellvertreterin der Hulda oder besser der mit ihr identischen Perchtl ist, liese sich schlagend nachweisen. 7) Ich erwähne hier nur ihr Gefolge von eilftausend Jungfrauen, mit denen sie gleich der Perchtl in den Zwölften umzieht. Auch Tirol bietet dafür Belege. So findet man ihr Bild häufig auf Brunnen, dem Aufenthalte der Hulda. Auch die Vorstellung, die sich das Volk von der Gestalt der Urschel macht, weist auf ihre Verwandtschaft mit der Perchtl. 8)

Ob auch die hierlands sprichwörtliche Phrase: Hinten nach „reitet“ die alte Urschel hieher gehört, und das ihr zukommende nicht ganz schmeichelhafte Prädikat „Urschele mit dem kalten Arsch“ von Bedeutung ist, wage ich nicht zu entscheiden. 9)

7) Wolf Bt. I., p. 8. II., p. 240, 280.
8) Wolf Bt. II., p. 240.
9) Wolf Bt. II., p. 39.

Wir haben also in der von E. Meier angeführten Kindersitte vom Remselesstein ein Huldaopfer vor uns, und da dieses genau den Vorgang am Sprisselstein entspricht, so entsteht nun die Frage, ob wir mit Wolf diese tirolischen Steinspenden als den Elben dargebrachte Opfer anzusehen haben, oder ob dieselben nicht eher ursprünglich auf Hulda sich bezogen und erst später nach Erblassung ihres Kultus auf die in der Volkssage frisch fortlebenden Saligen oder wilden Fräulein übertragen wurden.

Dass elbischen Wesen geopfert wurde, ist uns sonst nirgends überliefert; 10) für Huldaopfer gibt der erwähnte Brauch auf dem Urschlberge den Beleg. Warum nun diese Spende gerade aus Knöpfen besteht, dürfte sich schwer ermitteln lassen; wohl aber wissen wir, dass Hulda in inniger Beziehung zu einem Steinkultus stand. Darauf weisen nicht nur die zahlreichen Sagen von Versteinerungen durch sie hin, sondern auch die häufige Überlieferung von versteinerten Broden, deren man noch in der Marienkirche zu Danzig, im Kloster Oliva, so wie in der Peterskirche der Stadt Leyden zeigt 11) Auch nennt man in Tirol das bekannte Knabenspiel, wobei man platte Steinchen über den Wasserspiegel hüpfen macht „Unser-Frau-überschiffen“, was ebenfalls auf ein Steinopfer der Hulda deuten dürfte.

10) Wolf Bt. II., p. 280.
11) Schöppner I., 363. Müllenhof, p. 145.

Dies möge genügen, um meiner Vermutung, dass die tirolischen Steinspenden nicht wie Wolf meint, auf die Elben, sondern auf Hulda sich beziehen, einigen Halt zu geben.

L. v. Hörmann.

Quelle: Ludwig von Hörmann, Steinopfer der Hulda, in: Archiv für Geschichte und Alterthumskunde Tirols, I. Jahrgang, Innsbruck 1864, S. 305 - 308.
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