SAGEN.at >> Informationen, Quellen, Links >> Dokumentation >> Kräuter und Pflanzen

   
 

WUNDERBLUME (z.B. Alraune; Mandragora officinarum)

aus: E. Hoffmann-Krayer, H. Bächtold-Stäubli, Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens,
Berlin und Leipzig 1932

In Sagen und im Aberglauben erscheinen hin und wieder Wunderblumen. Meist handelt es sich um Phantasiegebilde, jedenfalls ist die botanische Beschreibung so unzureichend, daß man bestimmte Pflanzenarten in den Wunderblumen nicht erkennen kann. Manchmal handelt es sich wohl um monströse (teratologische) Pflanzenformen (Mißbildungen). Nach Zeitungsberichten aus Niemeck (Kr. Merseburg) vom 22. Juni 1646 fand eine Magd ein Gewächs, das beim Abschneiden wie ein Mensch schrie (vgl. Alraun). "Die Gestalt des Gewächses ist formiert gewesen wie zwei Menschen, eines wie ein Türke in aller Statur und Habit, das andere wie ein Christ so vor dem Türken gekniet und gleichsam um Gnade gebeten" 1). Etwa um die gleiche Zeit soll man im Korn zwischen Hamburg und Altona eine Blume gefunden haben, die "so natürlich ein Weibshaupt mit einer Holsteinischen Mützen oder Hüllen abbildete, daß man sich zum höchsten darüber wundern mußte-. Die Pflanze soll einer wilden Kamille ganz ähnlich gewesen sein. Die Geistlichen sagten, daß der liebe Gott diese Blume deswegen hätte wachsen lassen, um zu zeigen, wie sehr ihm die Putzsucht, die die Weiber mit ihren Mützen trieben, mißfalle 2). Es scheint, daß es sich hier um eine Mißbildung ("Pelorie") des Frauenflachses (siehe 2, 1775f.) handelt, bei der die Gipfelblüte strahlig ausgebildet ist (die "Peloria pentandra" Linné's). Auf dem Keulenberg bei Alt-Strelitz soll einmal plötzlich, als es mittags zwölf zu schlagen begann, eine distelartige Pflanze aus dem Boden emporgewachsen sein, die gleichsam zwei menschliche Arme mit ineinander gerungenen Händen bildete. Unten am Stiel des Gewächses erschienen außerdem noch zwei Menschenköpfe, die ebenfalls ganz mit Stacheln besetzt waren. Mit dem letzten Schlag der Mittagsstunde zog sich die Pflanze wieder in die Erde zurück. An der Stelle sollte früher ein Meuchelmord verübt worden sein 3). Etwas ähnliches erzählt man sich vom Hirschberg bei Balingen (Schwaben). Da wo früher das alte Schloß gestanden hat, wuchs an einer bestimmten Stelle ein "Brennesselmann" mit ausgestreckten Armen und Beinen. Man hat die Nesseln schon mehrfach ausgerottet; allein dann wachsen jedesmal neue und bilden immer dieselbe Figur. "Was an jener Stelle geschehen sein mag, weiß niemand mehr anzugeben" 4). Vielleicht berühren sich diese Sagen mit den Vorstellungen vom Fortleben Verstorbener (Ermordeter) in Pflanzen 5). Manchmal ist es auch die Wunderblume, die als Schlüsselblume ("Vergiß das Beste nicht!") oder Springwurz (siehe 8, 314ff.) den Zugang zu den verborgenen Schätzen öffnet. Eine Frau aus Gönningen (Schwaben) fand einmal am Stoffelesberg eine schöne Blume, die sie abbrach und ansteckte. Als sie hierauf im Walde etwas weiter hinaufgestiegen war, tat sich eine Tür auf, und da saßen in einer Erdhöhle drei Fräulein, und ein schwarzer Pudel lag am Eingang 6). Bei Golling im Salzburgischen wächst eine kleine, unscheinbare Pflanze mit vier grünen Blättern am Grunde und schneeweißer vierblättriger Blumenkrone. Sie bringt Glück, ist aber sehr schwer zu finden 7). In einer Sage aus dem Harz springt eine Wunderblume, wenn man nach ihr greifen will, immer wieder fort 8), hier scheint ein Anklang an den Alraunglauben (1, 314) vorzuliegen. Bei der Heinoldsmühle in Thüringen verwandeln sich drei Wundeerblumen in drei Gulden 9). Auf dem Hundsstein (bei Zell am See) wächst eine Wunderblume, die die geheime Kraft hat, Eisen in pures Gold zu verwandeln 10). Eine neugriechische Sage erzählt von einer Wunderblume ("Goldkraut"), die nachts leuchtet (vgl. Alraun 1, 314). Wenn man aber herankommt, so erlischt der Glanz. Wer ein solches Leuchtkraut () besitzt, wird sehr reich, denn was er damit berührt, wird zu Gold. Daher bekommen auch die Schafe, die dort weiden, wo ein solches Leuchtkraut wächst und zufällig ein Leuchtkraut fressen, goldene Zähne 11). Der Botaniker P. Ascherson 12) hat nachgewiesen, daß diese in Südeuropa und im Orient bekannten Sagen vom "Goldkraut" und den "Ziegen mit den goldenen Zähnen" darauf zurückgehen, daß sich an den Zähnen dieser Tiere ein metallglänzender Weinstein absetzt. Zu Wunderblumen vgl. noch Alraun, Farn, Pflanze, Schlüsselblume, Springwurzel, Wegwarte.

1) Praetorius Anthropodemus 2, 167.
2) Ebd. 2, 169f.
3) Bartsch Mecklenburg 1, 420.
4) Meier Schwaben 312; Vgl. dazu Hanns Fischer Aberglaube oder Volksweisheit? (1936), 118 f.
5) Vgl. Koberstein uund Reinh. Köhler in: Weimar. Jahrb. f. deutsche Sprache usw. 1 (1854), 73-100. 479-483.
6) Meier Schwaben 38.
7) Freisauff 339.
8) Sieber Harzlandsagen 1928, 260.
9) Witzschel Thüringen 2, 89.
10) Freisauff 304.
11) ZfVk. 15, 390; WissMittBosnHerc. 1, 486.
12) Naturw. Wochenschrift 8 (1893), 121-124; Sitzungsberichte der Gesellschaft naturforschender Freunde Berlin 1892, 190-195; 1893, 79-84; 1900, 235-236.


Marzell.