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WASSER

aus: E. Hoffmann-Krayer, H. Bächtold-Stäubli, Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens,
Berlin und Leipzig 1932

1.Überblick über das Gebiet.

Der gewaltigen Bedeutung entsprechend, die das Wasser im Leben des Menschen hat, erzählen sich schon in alter Zeit die Völker Sagen darüber, wie es für die Menschheit gewonnen wurde. Diese Geschichten leben vielleicht noch nach in den zahlreichen Märchen von Lebenswasser (siehe dort), das unter mannigfachen Gefahren geholt werden muß, nach v. d. Leyen (Sagenbuch I, 76. 177) auch in der Erzählung der Jüngeren Edda, wo Odin den Göttertrank in Vogelgestalt erwirbt. Besondere Kraft hat das Wasser da, wo es dem Schöße der Erde entsprudelt (siehe Brunnen), ebenso das fließende Wasser überhaupt (siehe Fluß) und auch das Wasser, das vom Himmel herab aus der unmittelbaren Nähe der Gottheit kommt (s. Regenwasser). Das Meer (siehe dort) macht Eindruck durch die ungeheure Wasseransammlung, der See (siehe dort) durch die Tiefe (siehe unergründlich) des stillstehenden Gewässers, der Sumpf (siehe dort) durch seine Gefährlichkeit; in gleicher Weise eindrucksvoll sind die einzelnen Naturerscheinungen, die beim Wasser auftreten, wie die Gezeiten des Meeres (siehe Ebbe und Flut), die Welle (siehe dort), der Wasserwirbel (siehe dort), die Wasserhose (siehe dort), der Wasserfall (siehe dort) und die Überschwemmung (siehe dort); ebenso beachtenswert erscheint das Wasser in gasförmigem (siehe Dampf) und festem Zustande (siehe Eis, Gletscher, Lawine). Vor allem bewundert man die reinigende, fortschwemmende und erfrischende Kraft des Wassers, besonders wirkungsvoll zu heiligen Zeiten (siehe. Heiliwag) und wenn es die Kirche geweiht hat (siehe Weihwasser). Da die verschiedenen Erscheinungsformen des Wassers in der Natur in besonderen Artikeln behandelt sind, betrachten wir in folgendem vorzugsweise den Gebrauch des Wassers im Haus und in der Familie.

2. Wassergemeinschaft des Hauses.

Wie das fließende Wasser (siehe Brunnen, Fluß) genießt auch das Wasser im Hause Verehrung. Es heißt, wer sich auf eine Wasserkanne setze, dem werde die Schwiegermutter gram l); der ursprüngliche Sinn ist offenkundig der, daß man dem Wasser keinen unedleren Körperteil zuwenden darf. Die Wassergemeinschaft ist das Sinnbild für den Familienverband: wer in die Familie eintritt, wird zuerst in die Wassergemeinschaft aufgenommen. Die Braut muß beim Eintritt ins neue Heim ein Glas Wasser trinken, das ihr die Schwiegermutter reicht (nach späterer Auffassung bedeutet dies die Bereitwilligkeit, auch bei schlechter Kost und einfachem Trank im Hause des Mannes vor lieb zu nehmen), oder sie muß über ein Gefäß mit Wasser treten, ein solches mit dem Fuß umstoßen, Wasser zum Herd tragen 2). Wenn eine neue Magd dem Hause treu bleiben soll, muß sie zu allererst einen Eimer Wasser holen 3); verschüttet sie etwas dabei, so dauert der Dienst nicht lange4). Wenn man in Berlin und Umgebung eine neue Wohnung bezieht, muß man vor allem einen Eimer Wasser dahin bringen 6). Jungvieh gewöhnt man zum Ziehen ein, wenn man ihm eine Wassertracht unters Joch legt 6). Führt man eine neue Kuh in den Stall, so gießt man Wasser aufs Dach; die Kuh gedeiht, wenn das Wasser auf sie träufelt 7); in Schlesien begießt man auch das neu eingekaufte Schwein mit Wasser, daß es sich an den neuen Stall gewöhnt 8). Neben der an das Haus bannenden Kraft käme in den beiden letzten Fällen auch ein Fruchtbarkeitszauber in Frage (siehe Wasserguß).

1) Jakob Grimm, Deutsche Mythologie. 3, 448 Nr. 440.
2) Mehrere Belege bei Emil Goldmann Die Einführung der deutschen Herzogsgeschlechter Kärntens in den slovenischen Stammesverband. Breslau 1903. 1840.; über den Trunk Wasser vgl. auch Schönwerth Oberpfalz I, 77 Nr. 5.
3) Adalbert Kuhn, Märkische Sagen und Märchen nebst einem Anhange von Gebräuchen und Aberglauben. Berlin 1843. 382 Nr. 50; Panzer Beitrag I, 259; Fogel Pennsylvania 153 Nr. 718; Wuttke 403 § 623; Wolf Beiträge 2, 370.
4) Wuttke 209 § 290.
5) Seligmann 2, 235.
6) Wuttke 441 § 694.
7) Gerhard Gesemann, Regenzauber in Deutschland, Diss. Braunschweig 1913, 59 f.
8) Drechsler 2, 118 Nr. 493.


3. Dämonenabwehr.

Sowohl die fortschwemmende wie die reinigende Kraft des Wassers schützen vor Übel. Man wäscht sich, um das Unheil wegzuschwemmen (siehe Fluß § 2); andrerseits ist aber auch das Ungewaschene den Anfechtungen der Dämonen und Hexen am meisten ausgesetzt 9); die Dämonen selber sind schmutzig und halten sich gerne auf Schmutz auf 10), und somit ist Wasser das beste Abwehrmittel gegen sie. So wie fließendes Wasser für den Dämon ein unübersteigbares Hindernis bildet (siehe Fluß § 4), vertreibt man ihn auch im Hause, indem man Wasser aufstellt oder ausschüttet oder sich selbst, andere Personen oder Gegenstände damit wäscht oder besprengt oder es unter Speisen mischt, die behext werden könnten (siehe Heiliwag, Weihwasser). Sich die Hände mit Wasser zu waschen, galt schon im alten Griechenland als Schutzmittel gegen Behexung, und im Mittelalter gaben es die Hexen als solches an 11). In der Ukraine gießt man Wasser auf die Türzapfen: das Unheil, das dem Hause zugefügt werden könnte, "wird sich dann drehen wie die Tür auf ihren Zapfen" 12). Um sich vor der Trud zu schützen, stellt man die Bettfüße ins Wasser 13); ein Gerichtssekretär in Breslau vertrieb den Alp, der ihn quälte, durch ein auf seinen Arbeitstisch gestelltes Glas Wasser 14); auch wünscht der Alp nicht auf Wasser gewiesen zu werden 15). Um in Mecklenburg das Vieh vor Krankheit zu bewahren, legt man eine Wassertracht quer vor die Schwelle der Türe innerhalb des Stalles 16). In mehreren Gegenden Frankreichs gießt man ein wenig Wasser in die Milch, um sie vor Behexung zu schützen 17); in Württemberg soll man keine Milch aus dem Hause geben, ohne einen Tropfen Wasser damit zu vermischen 18). Der Aufhocker, der den Leuten auf den Rücken springt, verschwindet, wenn er mit Wasser besprengt wird 19). Die Bauern in der Umgebung von Lüttich gießen um Mitternacht an Weihnachten um ihr Haus Wasser; sie glauben, daß die Ratten und Mäuse dann diese Schranken nicht überschreiten können 20); ebenso wird das erste Wasser, das die Schnitter mit aufs Feld nehmen, nicht ganz getrunken, sondern man gießt den Rest in drei Winkel der Scheune, dann müssen die Mäuse zur vierten Ecke hinaus 21).

9) Ignaz Zingerle, Sagen aus Tirol, Innsbruck 1891. Nr. 21.
10) Nach dem Glauben der Inder und Slaven auf Aborten, Misthaufen und schmutzigen Plätzen: Crooke Populär Religion of Northern India I, 293; Krauß Volkforschungen 1908, 71.
11) Seligmann 2, 234.
12) Ebd. 2, 236.
13) Schönwerth Oberpfalz I, 227 Nr. 20.
14) Kühnau Sagen 3, 122 f.
15) ZfdMyth. I, 140.
16) Seligmann 2, 235.
17) Ebd.
18) Jakob Grimm, Deutsche Mythologie. 3, 457 Nr. 653.
19) Wolf Beiträge 2, 369.
20) Knuchel 84.
21) Friedrich Panzer, Beitrag zur deutschen Mythologie. München 1848 bis 1855. Band 2, 304.

4. Totenbrauch.

Auch der Tote ist ein Dämon, vor dem man sich schützen muß. Wenn ein Toter aus dem Haus getragen wird, so gießt man Wasser hinter ihm her, damit er nicht wiederkehre 22); meist zerbricht man dann den Krug, aus dem man das Wasser geschüttet hat 23). Eine Frau auf dem Eichsfelde gießt hinter der Leiche ihres Kindes einen Eimer Wasser aus mit der Begründung, daß nicht noch ein anderes Kind sterbe 24). Manchenorts besprengt man die Stelle, wo der Sarg gestanden, mit Wasser, um die Rückkehr des Toten zu verhindern 25), und ebenso schüttet man beim Vorbeiziehen des Leichenzugs beim Hause Wasser aus 26). In Griechenland gießt der Priester fast überall Wasser aus einem mitgebrachten Kruge auf das Grab, der dann sofort zerbrochen wird 27), und in Kreta läßt man einen Krug vierzig Tage lang auf dem Grabe stehen, daß der Teufel hineinfalle, wie man sagt 28); auch hier blickt der Totenabwehrgedanke noch deutlich durch. Der Tote scheut also in diesen Fällen wie jeder andere Dämon das Wasser; das nachgeschüttete Wasser kann aber wie beim Abreisenden (siehe § 4) auch bedeuten, daß man damit die Vergangenheit gleichsam hinwegspült und so die Brücken zwischen dem alten und dem neuen Zustande abbricht. Auch wenn ein totes Vieh aus dem Stalle gezogen wird, so muß man in Thüringen hinter dem Abdecker sofort einen Eimer Wasser ausgießen, sonst fällt auch das übrige Vieh 29). Da der Leichnam als ein Haus der Dämonen erscheint, so erfordert die Berührung mit ihm eine rituelle Reinigung 30). Bei den Griechen wuschen sich die vom Begräbnis Zurückkehrenden mit Wasser 31), das gleiche geschieht in gewissen Gegenden Wolhyniens 32), auf Celebes wird der Witwer oder die Witwe nach dem Begräbnisse gebadet 33); in Athen stellte man an die Türe des Gemachs, in dem ein Toter lag, zur Reinigung der Besucher ein Gefäß voll reinen, aus einem fremden Hause entlehnten Wassers, in dem ein Lorbeerzweig als Sprengwedel lag 34). Das Wasser, womit man ursprünglich die bösen Leichendämonen verscheuchte, um sich vor ihrer Rache zu schützen, ist im Monotheismus zum Sinnbild der Unschuld geworden; vergleiche Psalm 26,6: "Ich wasche meine Hände in Unschuld" 35). Wenn man heute in der Stube, in der ein Leichnam liegt, unter die Totenbank einen Kübel Wasser stellt, so begründet man das damit, daß das Wasser alle Fäulnis anziehe, die Verwesung aufhalte 36) und der Tote nicht auflaufe 37), oder man tut es, "um die Luft zu reinigen" 38). Sehr verbreitet ist auch der Brauch, den Leichnam zu waschen, um ihn mittels Wasser von den Leichendämonen zu befreien 39). Vielfach geht nun aber der Gedanke der Abwehr gegen den Toten durch Wasser in die Vorstellung über, daß das Wasser dem Toten selbst Nutzen bringe: es diene zur Tränkung der durstigen Seele, zur Darbietung eines Bades 40). Bei den Griechen hießen die Wassergefäße auf den Gräbern XXXX, was darauf deutet, daß sie den Toten als Bad dienten, denn der Hades ist ein schmutziger Aufenthaltsort 41). In Anjou stellt man jeden Abend ein Gefäß mit Wasser in die Kirche; stirbt jemand, so kann sich die Seele darin baden 42). In Mecklenburg muß man dem Sterbenden deswegen einen Eimer mit Wasser neben das Bett stellen, damit die Seele sich nach der Trennung vom Körper waschen und gereinigt vor Gott treten kann 43), und in Altmünster stellte man für die Seele Wasser vors Fenster 44). Wenn das Wasser im Ofentopfe ganz ausgekocht ist, so hat sich eine Seele darin gereinigt 45). Im übrigen aber muß beim Tode eines Menschen alles Wasser im Hause ausgeschüttet 48), das Wasser im Ofentopfe ausgeschöpft werden 47), und in Polen darf man kein Wasser in ein Haus bringen, wo eine Leiche liegt, denn es verdirbt 48), die abreisende Seele würde sich darin baden wie ein Vogel 49), und wer sich in diesem Wasser wüsche, könnte in die Gewalt der Seele des Toten geraten 50). In Böhmen wird beim Tode des Hausvaters die Wassertonne umgestürzt, weil sich die Seele darin gebadet hat und, wer daraus trinkt, im selben Jahre sterben müßte 51). In Unter-Steiermark und Krain gießt man beim Tode eines Menschen deshalb alles Wasser aus den Gefäßen aus, weil sonst die Smrt (Todesfrau) alles austrinken würde 52), und die Juden in der Bukowina entfernen alles Wasser, weil der Todesengel sein Schwert darin gewaschen hat 53). Wenn man im Erzgebirge bei Todesfall das Röhrenwasser abstellt 54), so geschieht dies wohl ursprünglich auch aus Furcht vor der Seele, wenn man es heute auch als Zeichen der Trauer über das zum Stillstand gebrachte Leben auffaßt.

22) ZfVk. 13 (1903), 390; 17 (1907). 367; 18 (1908), 364; Leoprechting Lechrain 250; Kühn Mark. Sagen 368; Schönwerth Oberpfalz I, 252 Nr. 4; Panzer Beitrag I, 257; Lammert 105 f.; Höhn Tod 338; Meyer Baden 591; Bartsch Mecklenburg 2, 96 Nr.329.
23) Wuttke 435; ZiVk. 3 (1893), 36; 18 (1908), 365.
24) Ebd.
25) Urquell 2 (1891), 80; ZfVk. 18 (1908), 373 (Ostpreußen u. oberes Nahetal); ZfrwVk. 2 (1905), 197; Drechsler 2, 295.
26) ZfVk. 18 (1908), 365.
27) Ebd. 367.
28) Ebd. 376.
29) Wuttke 473 §686.
30) Scheftelowitz in ARw. 17, 380.
31) ZfVk. 18 (1908), 370.
32) Urquell 3 (1892), 52.
33) ZfVk. 18 (1908), 371.
34) Ebd. 368; Rohde Psyche I, 219.
35) ARw. 17, 383.
36) ZfVk. 13 (1903), 90 f.; 18 (1908), 353. 362.
37) Schulenburg Wendisches Volhstum 112.
38) Höhn a.a.O. 325.
39) ZfVk. 18 (1908), 353 f.
40) Ebd. 376 f.
41) Eitrem Opferritus 17.
42) Sébillot Folk-Lore I, 137 f.
43) Bartsch a. a. O. 2, 89.
44) Laistner Sphinx I, 196; Rochholz Glaube I, 173.
45) Grohmann Aberglaube 198.
46) Sartori Sitte und Brauch I, 129; Wettstein Disentis 173 Nr. 20.
47) Wuttke 465 § 737.
48) Urquell 3 (1892), 51
49) Lütolf Sagen 310.
50) ZfVk. 18 (1908), 375.
51) Wuttke 459 § 726.
52) ZfVk. I (1891), 157
53) Globus 80, 159.
54) John Erzgebirge 121.

5. Heil- und Zauberwirkung.

Welche Kräfte des Wassers bei der Heilung wirksam sind, läßt sich nicht immer klar erkennen. Seine natürliche Heilkraft, seine Fähigkeit, das Übel fortzuschwemmen und Krankheitsdämonen abzuwehren, gehen in der Auffassung der Menschen ineinander über, und heute ist man sich wohl in den meisten Fällen über den Grund seiner Wirksamkeit nicht mehr klar. Heilkräftig ist vorzugsweise fließendes Wasser (siehe Brunnen, Fluß), aber auch sonst wird das Wasser im Hause zu allerlei Heilzwecken benutzt, und oft verbindet sich mit seiner Kraft die eines anderen Zaubers. Alle Morgen beim Waschen frisches Wasser durch die Nase eingezogen, sichert vor Schnupfen 55); das gleiche Mittel stillt Nasenbluten, ebenso kaltes Wasser, das dem Betreffenden unvermutet in den Nacken gegossen wird 56). Gegen Kopfschmerzen begießt man in Mähren den Kopf mit Wasser und gießt dieses dann unter gewissen Formeln zwischen die Türe 57); in Ostpreußen stellt man sich einen Topf mit Wasser auf den Kopf und legt einen Stahl hinein 58). Gegen das Schlucken trinkt man ein Glas Wasser aus, während man mit einem Messer auf dessen Boden herumfährt 59), oder man trinkt das Wasser über einen Messerrücken oder nimmt neun Schlucke kalten Wassers, indem man beim Trinken den linken Mittelfinger in die Hand zurückschlägt 60). Gegen Bleichsucht trinkt man Wasser, das man eine Nacht auf braunem Teer hat stehen lassen 61). Erhöht wird die Heilkraft des Wassers, wenn man es durch gebohrte Löcher des heilsamen Baumes gießt oder trinkt 62). Umschläge mit Wasser helfen gegen Kopf-63) und Halsschmerzen 64), Wasser von geschmolzenen Schloßen verwendet man zu Aufschlägen bei bösen Augen 65). Frostbeulen an den Füßen entfernt man durch Waschen der Füße in Wasser, worin Schweine gebrüht worden sind 66). In der Baar wird dem Kind nach der Geburt gleich Wasser in den Mund gegosssen, daß es eine helle Stimme bekomme 67). Kranke Kinder sucht man in Litauen dadurch zu heilen, daß der Besprechende den Mund voll Wasser nimmt, dieses in den drei heiligen Namen in ein Glas speit und dem Kinde zu trinken gibt 68). Gegen Bauchschmerzen bei einem Kinde nimmt die Mutter Wasser in den Mund und läßt drei Tropfen davon in den Mund des Kindes fließen 69). Wenn in Serbien ein Kind nicht schlafen kann, nimmt man Wasser in den Mund, spuckt es auf das Kind und wischt es mit dem hinteren Hemdzipfel wieder ab 70). Wasser, das dem Vieh beim Saufen aus dem Munde läuft, ist gut gegen Warzen 71). Ein Eimer Wasser unter dem Krankenbett schützt vor Durchliegen 72); der Wöchnerin muß man das Wasser unters Bett stellen, ohne daß sie es weiß 73). Besondere Wirkung hat warmes und heißes Wasser: In der Umgegend von Trient wird als Vorbeugungsmittel gegen Tripperansteckung nach dem Koitus das Glied in heißes Wasser getaucht 74). Ist jemand durch Kohlendunst betäubt, so soll er warmes Wasser auf den Kopf auflegen 75). Gegen Abzehrung wird in Zielenzig (Kr. Oststernberg) das kranke Kind in einen mit Wasser gefüllten Kessel gesetzt, der über gelindem Feuer steht; sobald das Wasser warm wird, rührt die Mutter mit einem Holzstabe darin, eine andere Frau kommt herein und fragt: "Was kocht Ihr?" und die Mutter antwortet: "Dörrfleisch, daß es soll dick werden" 76). Um ihr Kind von einer hartnäckigen Krankheit zu heilen, hielten Deutsche in den Vereinigten Staaten Nordamerikas es in heißes Wasser 77). Stürzt ein Kind zu Boden, so gießt man Wasser auf die berührte Bodenstelle, und der Schmerz vergeht 78). Um Kindern das Zahnen zu erleichtern, stellt man in Rheinsberg nach der Geburt des Kindes einen Eimer Wasser neben sich, steckt dem Kinde einen Finger in den Mund und taucht diesen dann ins Wasser mit den Worten: "Schmerzen in den Grund. Im Namen Gottes usw.", und zwar macht man dies dreimal 79). Im Oberamt Hall und Ohringen kann die Schwangere leicht gebären, wenn sie einen Kübel Wasser in den Oberstock hinaufträgt und ihn von da zum Fenster hinausschüttet 80). Im Wasser, in dem ein Schleifstein genäßt worden ist, werden bestimmte Pflanzen gesotten und das Wasser dann getrunken, um die menschliche Frucht abzutreiben 81). Auch an Tieren wird die Heil- und Zauberkraft des Wassers erprobt. Das Wasser, in dem Ostereier gekocht sind, gießt man an die Stallwand, dann werden den Kühen die Euter nicht wund 82). Gegen das laufende Feuer der Schweine gibt man dem Tiere ein Pulver ein, besprengt es mit lauwarmem Wasser und spricht eine Beschwörungsformel 83). In Parchim (Mecklenburg) legt der Bauer ein paar Taler in den Wassertrog, gießt Wasser darauf und trinkt davon, dann hat er blankes, fettes Vieh 84). Wenn die Kuh zum Bullen geführt wird, dann muß sie in Mecklenburg auf dem Hinweg über eine offene Wassertracht, auf dem Rückweg über eine geschlossene schreiten, wenn die Sache Erfolg haben soll 85). Wenn man dem Hunde etwas von dem Wasser, mit dem man sich gewaschen, ins Futter schüttet, folgt er einem auf Schritt und Tritt 86). Auch sonst findet das Badewasser Verwendung im Brauch: Das erste Badewasser des Kindes schüttet man in Böhmen auf einen Rasen, dann wird das Kind zart, weiß und schön 87), oder unter einen Apfelbaum oder unter eine Rosenstaude, dann bekommt es schöne, runde Wangen, die Mädchen außerdem einen schönen vollen Busen 88); in Haselbach (Bezirk Falkenau) soll man bei Mädchen das Badewasser auf Rosen, bei Knaben auf den Dünger schütten, denn die Mädchen sollen schön werden, die Knaben brauchen es nicht zu sein 89). Die Fähigkeit des Wassers, die Vergangenheit wegzuschwemmen, haben wir in dem Brauch, dem Abreisenden, besonders dem jungen Menschen, der das elterliche Haus verläßt, um einen Beruf zu beginnen, ein Glas Wasser nachzugießen, damit er in der neuen Stellung treu aushalte 90); in Baden schöpft der Abreisende noch einmal Wasser von dem nächsten Brunnen oder gießt es von dem ersten Gewässer, das er überschreitet, dreimal rückwärts über den Kopf 91), und das gleiche haben wir, wenn in der Umgegend von Broma in Hannover die Frauen am Hochzeitsabend die Braut aus dem Kreise der Mädchen rauben und Wasser hinter sie gießen; nach neuerer Auffassung soll dies die Tränen um ihren Verlust bedeuten 92). Etwas Ähnliches liegt wohl vor, wenn man bei Wohnungswechsel kaltes Wasser trinken soll gegen Heimweh 93).

55) Lammert 232.
56) ZfrwVk. I (1904), 92.
57) Wuttke 337 § 501.
58) Ebd. 357 § 536.
59) Birlinger Volksth. I, 481.
60) Bartsch, Mecklenburg 2, 365.
61) ZfrwVk. I (1904), 200.
62) Jakob Grimm, Deutsche Mythologie. 2, 978
63) ZfrwVk, I (1904), 91.
64) Ebd. 93.
65) John, Erzgebirge 251.
66) Drechsler 2, 290; Wolf Beiträge I, 224.
67) ZfVk. 18 (1908), 449.
68) H. Frischbier Hexenspruch und Hexenbann. Ein Beitrag zur Geschichte des Aberglaubens in der Provinz Preußen. Berlin 1870. 23.
69) Urquell 4 (1893), 170.
70) Seligmann 2, 236.
71) Strackerjan 2, 140 Nr. 370.
72) ZfVk. 18 (1908), 354; 23 (1913), 282; Lammert 210; Fogel Pennsylvania 267 Nr. 1387.
73) Grimm a. a. O. 3, 457 Nr. 674.
74) Hovorka-Kronfeld I, 444.
75) ZföVk. 4 (1893), 218.
76) ZfVk. I (1891), 191.
77) Hovorka-Kronfeld a. a. O.
78) Urquell 4 (1893), I 170.
79) ZfVk. 8 (1898), 204.
80) Höhn Geburt 260; Bohnenberger 17.
81) Leoprechting Lechrain 97.
82) Wuttke 442 § 695.
83) Kuhn und Schwartz 450 Nr. 382.
84) Bartsch a. a. O. 2, 242.
85) Ebd. 2, 145.
86) Wuttke 433 § 679.
87) Schramek Böhmerwald 180.
88) John Westböhmen 104. 225.
89) Ebd. 104.
90) Wuttke 93 § 114; 407 § 631; Strackerjan I, 69; 2, 116; ARw. 17, 407; Globus 91, 116.
91) Meyer Baden 373.
92) Kuhn und Schwartz 433 Nr. 278.
93) Fogel a. a. O. 147 Nr. 688.

6. Schädliche Wirkung.

Wie die Erfahrung lehrt, kann der Genuß des Wassers auch schädlich sein. Viel Wasser trinken macht Läuse im Bauch, sagt man in Westböhmen 94). Das Trinkwasser muß nach dem Gebetläuten besegnet werden, sonst trinkt man sich eine Krankheit oder gar den Tod hinein 95). Alte Leute in Böhmen haben die Gewohnheit, wenn sie nachts Wasser trinken wollen, es dreimal anzuhauchen, sonst bekommt der Teufel, der drin sitzt. Macht über sie 96). Wenn man nicht mondsüchtig werden will, darf man nicht Wasser trinken, in das der Mond scheint 97). Wenn man jemandem Wasser zu trinken gibt, in das "Nägelschabete" geworfen wurde, so bekommt der Betreffende die Auszehrung 98). Wenn das Vieh in Mecklenburg am Weihnachts- und Neujahrsabend getränkt ist (vor Sonnenuntergang), wird das Wasser aus dem Trog gegossen und dieser sorgfältig gereinigt, denn das zurückgebliebene Wasser könnten die Schwarzkünstler und Hexen gebrauchen zum Verrufen und Behexen des Viehs 99). Auch sonst ist im Gebrauch des Wassers Vorsicht geboten. Der Segen des Hauses schwindet, wenn ein Eimer Wasser aus der Stube fortgegeben wird, oder wenn man Montags einen Eimer Wasser holt 100). Gießt im Nahetal ein Schwindsüchtiger ein Gefäß Wasser über die Hand aus, so bekommen alle Glieder der Familie die Schwindsucht, und sie ist dann nicht mehr auszurotten 101). Besondere Vorsicht verlangt schmutziges Wasser, denn die Totenseelen halten sich gerne im Schmutzwasser auf, Waschwasser ist Geisternahrung 102). In Chamer (Voigtland) soll man kein schmutziges Wasser die Christnacht über stehen lassen, da dies mancherlei Unglück bringt 103), in Reichenbach darf man am Weihnachtsabend kein Wasser in die Gosse oder Traufe schütten 104), im Erzgebirge muß das Aufwaschwasser an diesem Abend bis zum Morgen stehen bleiben, da die Familie so viel Tränen weinen muß, als Wasser nach 6 Uhr abends weggegossen wird los). Ebensowenig darf man Wasser, in dem man sich die Füße gewaschen hat, über Nacht stehen lassen, oder man muß dreimal hineinspucken, daß die Hexen kein Wetter daraus kochen 106) oder ihren Buhlen, den Teufel, darin baden 107). Das ausgegossene Schmutzwasser ist gefährlich, weil die Dämonen dadurch angezogen werden. Schon nach babylonischer Auffassung durfte man nicht darüberschreiten, oder man mußte Erde daraufschütten oder darauf spucken; das zum Händewaschen benutzte Wasser goß man unmittelbar auf die Erde, daß es schnell eingezogen wurde, nach mittelalterlich-jüdischem Glauben mußte es unterirdisch abgeleitet werden 108). In Griechenland pflegte man beim Ausgießen von schmutzigem Wasser die Vorübergehenden durch einen Ruf zu warnen 109). Nach schlesischem Glauben stirbt man früh, wenn man über ausgegossenes Wasser hinwegschreitet 110), besonders die Schwangere soll dies vermeiden 111). Wer über ausgegossenes Zwirnwasser geht, wird wirbelsüchtig 112). In Walldürn schüttet man neun Tage nach der Geburt des Kindes aus Furcht vor den Hexen kein Wasser aus 113). In Böhmen darf man die Dielen nicht mit dem Wasser waschen, mit dem Wäsche gewaschen ist, sonst entsteht Zank 114). Wenn zwei Personen sich in demselben Wasser waschen, gibt es Streit 115), es sei denn, daß man dreimal vorher hineinspuckt 116). Wäscht man sich in Böhmen in dem Wasser, aus dem Hühner getrunken haben, bekommt man unzählige Warzen 117). Für das Wohl des Kindes ist die Behandlung des Badewassers sehr wichtig. Bleibt im Erzgebirge das Wasser nach dem Bade lange stehen, so wird das Kind nachlässig und faul 118). Man darf das Wasser, worin ein neugeborenes Kind gebadet worden ist, nicht eher fortgießen, als bis man eine glühende Kohle hineingeworfen, auch nicht eher als am Morgen, wenn das Bad am Abend stattgefunden 119). Nach wallonischem Glauben muß man das Wasser vom ersten Bade des Kindes ins Feuer schütten, um Bezauberung zu vermeiden 120). Wird in Potsdam das erste Badewasser des Kindes im Sonnenschein ausgegossen, so bekommt das Kind Sommersprossen 121), schüttet man es in Pfraumberg (Böhmen) auf den Rasen, erhält das Kind Läuse 122). Wenn man die Kinder gebadet hat, muß man das Wasser langsam ausschütten, sonst fallen sie gern 123). In Niedersonthofen im Allgäu soll man das Waschwasser einer Kindsbetterin nie ins Freie schütten, damit ihr nichts ankann 124). Wenn man Wasser zu einem Brande getragen hat und es ist nicht mehr nötig, so muß man es ausschütten; trägt man es nach Hause, so läuft das Feuer nach 125). Eine Schwangere soll nicht Wasser tragen, sonst läßt das Kind einst den Speichel stark fließen 126). Jedes unachtsame Umgehen mit Wasser ist gefährlich. Wenn ein Mädchen sich beim Waschen die Kleider naß macht, bekommt es einen Trinker zum Mann 127). Beim Säuern darf kein Wasser verschüttet werden, sonst geht das Brot auseinander 128). Wer Wasser zum Fenster hinausschüttet, muß es wieder hereinweinen 129). Geschöpftes Wasser verschütten oder überflüssig kochen lassen hindert glückliche Ehe 130). Wer Wasser unnütz kochen läßt, siedet den Tieren das Blut ein oder bringt das jüngste Kind der Familie um sein Glück 131). Solange man Wasser vergeblich kochen läßt, muß man vor dem Himmelstore warten 132). Ein Mädchen, das Abwaschwasser kochen läßt, heiratet nicht 133), wenigstens nicht im selben Jahre 134) oder sieben Jahre lang nicht 135). - In einem böhmischen Bauernhöfe fand sich statt des Wassers immer Blut im Ofentopfe, solange ein Geschlecht dort saß, in dem ein Verbrechen verübt worden war 136).

94) John Westböhmen 243.
95) Lammert 46.
96) Schramek Böhmerwald 252; Wuttke 312 § 461.
97) Drechsler 2, 134.
98) Birlinger Volksth. I, 488.
99) Bartsch Mecklenburg 2, 143 f
100) John Erzgebirge 36.
101) ZfrwVk. 2 (1905), 205.
102) Eitrem Opferritus 119 f.
103) Köhler Voigtland 362; Wuttke 68 § 78.
104) Köhler a. a. O. 361.
105) John Erzgebirge 155.
106) ZfVk. 21 (1911), 296.
107) Ebd. 294.
108) ARw. 17, 397.
109) ZfVk. 3 (1893), 36.
110) Wuttke 309 § 454.
111) ZfVk. 8 (1898), 246.
112) Jakob Grimm, Deutsche Mythologie. 3, 448 Nr. 436.
113) Alemannia 34 (1906), 272.
114) Wuttke 397 § 610.
116) Strackerjan I, 50; 2, 116.
116) Bartsch a.a.O. 2,314.
117) Wuttke 314 §464.
118) John a. a. O. 50.
119) Liebrecht Zur Volkskunde. Alte und neue Aufsätze. Heilbronn 1879. 318.
120) ZfVk. 18 (1908), 360.
121) Engelien und Lahn 246.
122) John Westböhmen 104.
123) Wettstein Disentis 172 Nr. 8.
124) Reiser Allgäu 2, 229.
125) Wolf Beiträge I, 236.
126) SAVk. 21 (1917), 38.
127) Strackerjan I, 50; John Westböhmen 250; ZfVk. II (1901), 450.
128) Wuttke 402 § 620.
129) Alois John, Sitte Brauch und Volksglaube im deutschen Westböhmen. Prag 1905. 243.
130) Ludwig Strackerjan, Aberglaube und Sagen aus dem Herzogtum Oldenburg. Oldenburg 1909. 2, 116.
131) Hans Zahler, Die Krankheit im Volksglauben des Simmenthals 20.
132) ZfrwVk. 4 (1907), 281.
133) Wiener ZfVk. 32 (1927), 38.
134) ZfVk. II (1901), 450.
135) Adolf Wuttke, Der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart. Berlin 1900. 222 § 317.
136) Richard Kühnau, Schlesische Sagen. Leipzig 1910-13. 3 Bände. Band 3, 433.

7. Weissagung.

Zur Erforschung der Zukunft dient das Wassermessen. Je nachdem das ins Gefäß gegossene Wasser steigt oder fällt, gibt es eine teure oder wohlfeile Zeit, Abnahme oder Zunahme der Güter, ein dürres oder gesegnetes Jahr 137). Man befragt dieses Orakel am Weihnachtsabend 138), an Silvester 139), am Andreasabend 140). Gemessen wird am andern Morgen das am Abend in den Ofentopf gegossene Wasser 141), neun Löffel Wasser, in einen Hafen gegossen 142), drei volle Mäßchen Wasser, in eine Schüssel gegossen und in einen leeren Kasten gestellt 143). Läuft das in der Christnacht hinausgestellte Wasser über, so tritt im kommenden Jahre der Inn aus 144). Anders ist das Wassermessen beim Eheorakel: ein Mädchen schöpft mit geschlossenen Augen und einem Häfelchen Wasser in ein größeres Gefäß, wobei sie kein Wort reden darf; das Häfelchen wird jedesmal voll gemessen; bleibt Wasser übrig, so bleibt sie ledig, füllen sich die Häfelchen gerade, heiratet sie; oder man sagt: bleibt Wasser übrig, geht es mit ihr zurück, andernfalls kommt sie vorwärts 145). Werden in Untermutschelbach (Baden) Zwiebeln, die man in der Christnacht hinauslegt, naß, so bedeutet das einen nassen Sommer 146). Die Zukunft kann man im Wasser sehen, wenn man bei einer Mondfinsternis 147) oder am Markustag, zur Sonnenwende, zu Jacobi oder zu Weihnachten 148) einen Zuber voll Wasser ins Freie stellt und hineinschaut. Mädchen stellen in Mecklenburg an Silvester eine Schüssel voll Wasser in die Mitte des Zimmers, waschen sich darin und sehen um 12 Uhr in dem Wasser das Bild ihres zukünftigen Gatten 149), anderswo muß das Mädchen nackt im dunkeln Zimmer in ein mit Wasser gefülltes Gefäß sehen 150), und manchenorts stellt es das Wasser mitternachts ins Freie und erblickt darin verschiedene Zeichen wie Peitsche, Haue, Pflug usw., woraus sie auf die Beschäftigung ihres zukünftigen Gattin schließen kann 151). Auch die Hexe wird der kundigen Frau splitternackt in einem Kübel Wasser sichtbar 152), man kann ihr dann mit einer Nadel im Wasser das Auge ausstechen 153) oder sie züchtigen, indem man das Wasser zum Sieden bringt und ständig peitscht 154). Ins Wasser geworfene Gegenstände verraten die Zukunft: in Frankreich werfen Mädchen Nadeln ins Wasser, gehen sie unter, so heiraten sie nicht; Burschen tun dasselbe, um zu sehen, ob sie geliebt werden 155). Zwei Dinge wie Hölzer, Hälmlein oder ähnliches werden ins Wasser geworfen und jedes mit dem Namen einer Person benannt; fließen sie zusammen, sollen die zwei zusammenkommen; flieht eins vom andern, so geschieht es nicht, und das zuerst Fliehende ist schuld; wer von zwei Eheleuten zuerst stirbt, dessen Gegenstand sinkt zuerst unter 156). Das junge Mädchen beobachtet, wie das Blättchen einer Rosenblüte in einer Waschschüssel schwimmt; bewegt es sich nach dem Rande zu, so wird das Mädchen nur in der Fremde sein Glück finden 157). In Selbitz (Voigtland) stellt man am Christ- und Neujahrsabend verschiedene Schüsselchen mit Wasser auf und bezeichnet jede mit einer Getreideart; diejenige wird im nächsten Jahre am besten gedeihen, in deren Schüssel sich am meisten Luftperlen bilden 158). Auch kochendes Wasser sagt das Kommende an: wenn siedendes Wasser recht sprudelt, so fürchtet man, daß bald jemand sterbe 159); in Luditsweiler soll das heulende siedende Wasser am Herd Unglück bedeuten 160). In katholischen Ortschaften trägt man zur Mitternachtsmesse Wasser in die Kirche, das man bei der Heimkehr in den Topf schüttet, ist am andern Morgen der Brei aufgequollen, wird die Familie in diesem Jahre Glück haben, hat er Risse und Sprünge, so steht Unglück bevor; jedes Familienglied muß von diesem Brei essen, damit es im Jahre vor Krankheit bewahrt bleibe 161). - Einem Wassertragenden zu begegnen, galt als Unglück 162). Die alten Polen weissagten Sieg aus dem Wasser, das in ein Sieb geschöpft ihrem Heere, ohne durchzulaufen, vorausgetragen wurde 163). Von Wasser träumen weist auf den bevorstehenden Tod eines Verwandten 164), einen Unfall 165), Verdruß 166). Träumt man, man wate durch Wasser, so wird man viel weinen müssen 167), fällt man im Traume ins Wasser, wird man krank werden 168) oder, wenn man dabei untergeht, sterben 169), oder man wird eine Sünde begehen 170). Trübes Wasser im Traum bedeutet Krankheit 171), Unglück 172), einen bevorstehenden Unfall 173), Verdruß 174), Klatscherei 175); dunkles und tiefes Wasser: Tod 176), helles Wasser: Glück 177). Über Träume von Hochwasser siehe Überschwemmung. Eine Krankheit erkennt man in Böhmen, indem man drei Löffel Wasser in ein Gefäß schöpft, den Kranken damit benetzt und dann das Wasser mißt; ist es mehr geworden, dann hat er die vermutete Krankheit 178); oder man beobachtet, ob ins Wasser geworfene Kohlenstücke untersinken oder oben bleiben, für die Krankheit entscheidet das letztere 179); und in Hilpertsau (Baden) erkennt eine Sympathiedoktorin die Krankheit daran, daß ein alter abgeschliffener Groschen, in einen mit Wasser gefüllten Teller geworfen, herausspringt 180).

137) Jakob Grimm, Deutsche Mythologie. I, 491; Wuttke 230 § 329.
138) Grimm a. a. O. 3, 418 Nr. 43; John Erzgebirge, 152.
139) Ebd. 181.
140) Wolf Beiträge I, 122; 2, 372; Grimm a. a. O. 3, 470 Nr. 963.
141) John a. a. O. 152.
142) Grimm a. a. O. 3, 148 Nr. 43.
143) John a. a. O. 181.
144) Fogel Pennsylvania 253 Nr. 1316.
145) Urquell I (1890), 103.
146) Mein Heimatland 14 (1927), 340.
147) Schönwerth Oberpfalz, 2, 71.
148) Johann Adolf Heyl, Volkssagen, Bräuche und Meinungen aus Tirol, Brixen 1897, 756 Nr. 31.
149) Bartsch Mecklenburg 2, 240.
150) ZfVk. 4 (1894), 317.
151) Ebd 310
152) Theodor Bindewald, Oberhessisches Sagenbuch. Aus dem Volksmunde gesammelt. Frankfurt a. M. 1873. 102.
153) Ebd. 108.
154) Leoprechting Lechrain 40.
155) Sebillot Folk-Lore 2, 248.
156) Grimm a. a. O. 3, 429. Schon das Altertum kennt eine ähnliche Art der Zukunftserforschung: ZfVk. 3 (1893), 27; Stemplinger Aberglaube 53.
157) ZfVk. 14 (1904), 280.
158) Johann August Ernst Köhler, Volksbrauch, Aberglauben, Sagen und andere alte Überlieferungen im Voigtlande, mit Berücksichtigung des Orlagaus und des Pleißnerlandes. Leipzig 1867. 366.
159) H. Höhn Sitte und Brauch bei Tod und Begräbnis. Stuttgart 1913. 313.
160) Birlinger Aus Schwaben I, 399
161) ZfVk. 4 (1894), 313.
192) Grimm a a. O. 2, 942; 3, 443 Nr. 257.
163) Ebd. 2, 930 f.; 3, 322; weitere Beispiele über Wasser im Sieb tragen bei Stemplinger a. a. 0.57.
164) Fogel a. a. O. 75 Nr. 260; Höhn a. a. O. 311; ZfdMyth. 2 (1854), 431.
165) Lammert 94.
166) Strackerjan 2, 116.
167) Wuttke 228 § 323.
168) Kuhn und Schwartz 463 Nr. 475.
169) Urquell 4 (1893), 90.
170) Ebd. I (1890), 203 Nr. 19 (Ostpreußen).
171) Drechsler 2, 202.
172) Wolf a. a. O. I, 239; Köhler a. a. O. 398; ZfVk. 18 (1908), 312.
173) Hovorka-Kronfeld 2, 253.
174) Fogel a. a. O. 75 Nr. 257; Wuttke 228 § 325.
175) Josef Viril Grohmann Aberglauben und Gebräuche aus Böhmen und Mähren. Leipzig 1864. 228.
176) Wuttke 228 § 325.
177) Fogel a. a. O. 75; Drechsler 2, 202.
178) Grohmann a. a. O. 177. 180f.; Hovorka-Kronfeld 2, 55 f.
179) Ebd. I, 77.
180) Meyer Baden 43.


Hünnerkopf.