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TOLLKIRSCHE (Schlafkraut, Tollbeere,
Wolfsbeere; Atropa belladonna) 1. Botanisches. Stark verästelte,
zu den Nachtschattengewächsen (siehe Bilsenkraut, Stechapfel) gehörende
Staude mit eiförmigen Blättern und braunvioletten, glockenförmigen
Blüten. Die Früchte sind etwa kirschgroße, glänzende
Beeren. Die Tollkirsche ist eine sehr starke Giftpflanze, sie wächst
besonders auf Waldschlägen. Ob die Tollkirsche im antiken Aberglauben
bekannt war, steht nicht fest. Vielleicht ist unter dem 1) Hist. plant. 6, 2, 9.
Tollkirsche 2. Der Genuß der Tollkirschenfrüchte verursacht, wie ihr Name andeutet, Geistesverwirrung, Halluzinationen, Tobsucht, in größeren Gaben den Tod. Der Vergiftete macht den Eindruck, "als hette jn der teuffel besessen" 4). Bei der hl. Hildegard 5) erscheint die Tollkirsche als "dolo"; dolo in terra et loco, ubi crescit, diabolica suggestio aliquam partem et communionem artis suae habet". Die Tollkirsche soll auch ein Bestandteil der Hexensalbe gewesen sein, mit der sich die "Hexen" vor ihren Ausfahrten zu den Teufelsorgien zu bestreichen pflegten 6), siehe Stechapfel. Die Subpriorin des Praemonstratenserinnenklosters Unterzell (Unterfranken), Maria Renata Singer von Messau, die als Zauberin am 21. Juni 1749 enthauptet wurde, soll sich der Tollkirsche bedient haben, die im Klostergarten unter dem Namen "Bärenmutz" (verschrieben für "Bärenwurtz"?) angepflanzt wurde 7). Am 27. Januar 1931 wurde vor dem Schwurgericht in Traunstein (Oberbayern) eine Bäuerin aus der Chiemseegegend abgeurteilt, die ihren Mann mit Tollkirschen vergiftet hatte. Nach dem Verhandlungsbericht "eilte sie vor dem Mittagessen in den Wald und pflückte genau dreizehn Tollkirschen. Eine ungerade Zahl bringe Glück im Unglück, hat einmal eine Bekannte, die als Wahrsagerin einen Namen im Dorfe hatte, zu ihr gesagt. Unterwegs verlor sie eine Tollkirsche Sie warf eine weitere Tollkirsche von sich, um wieder eine ungerade Zahl auf den Tisch neben dem Bett ihres Mannes legen zu können" 8). 4) Matthioli Kreuterbuch 1586, 376b. 3. Im deutschen
Aberglauben scheint die Tollkirsche keine größere Rolle zu
spielen. Dagegen ist sie ein sehr bekanntes Zaubermittel im südöstlichen
Europa, wo sie z. T. der Mandragora (siehe Alraun) gleichgesetzt wird,
siehe unter 1. Bei den Rumänen in der Bukowina muß ein Mädchen,
wenn es den Burschen gefallen und beim Tanze die erste sein will, an einem
Sonntag im Fasching zu einer Tollkirsche gehen, die Wurzel ausgraben und
dafür an der Stelle Brot, Salz und Branntwein (Opfer an den Pflanzengeist!)
zurücklassen. Auf dem Heimweg muß es die Tollkirschenwurzel
auf dem Haupte tragen und beim Hin- und Zurückgehen jeden Zank und
Streit vermeiden. Sollte es befragt werden, was es denn nach Hause trage,
so darf es nicht die Wahrheit sagen, denn sonst würde das Mittel
nichts helfen 9). Ebendort werden aus der Tollkirsche unter Hersagung
von Zaubersprüchen Liebestränke gebraut 10). In Siebenbürgen
kennen Zigeunerinnen die Tollkirsche als "matreguna".
Nach magyarischem Volksglauben gewinnt man beim Kartenspielen (siehe Alraun 1, 319), wenn man die berühmte "nagyfugyöker" (soll die Tollkirsche sein) am nackten Leib trägt. Diese Wurzel kann man nur in der Georgsnacht auf einem Berg graben, auf dem sich die Hexen der Umgegend bisweilen zu versammeln pflegen. Auf die Stelle, wo man die Wurzel ausgegraben hat, muß man ein Stückchen Brot legen, in das man ein Pfefferkorn, etwas Gewürz und Salz hineingeknetet hat, sonst wird man vom Teufel getötet 15). Auch bei den Slowenen soll die Tollkirsche Zauberkräfte verleihen 16). Befindet sich in einem Garten die Tollkirsche, so darf man sie nicht ausgraben, denn sonst würden die Hausmädchen oder die Hausfrau sterben (Rumänen in der Bukowina) 17). Das Ausgraben der Tollkirsche, wie es nach einem alten böhmischen Aberglauben geschildert wird, ist deutlich an die antike Schilderung vom Ausgraben der Mandragora 18) angelehnt. Die Tollkirsche muß zur bestimmten Zeit (Neujahr, Weihnachten) um Mitternacht gegraben werden, der Grabende muß rings um sich einen Kreis ziehen, daß der Dämon, der die Tollkirsche bewacht, ihm nichts anhaben kann. Hat nun der Mensch die Tollkirsche ausgegraben, so muß er, bevor er aus dem Kreise tritt, dem Dämon eine schwarze Henne hinwerfen, damit er denke, er erfasse die Seele des Gräbers. Dann muß der Gräber, so schnell er kann und ohne sich umzuschauen, mit der Tollkirsche davonlaufen; denn der Dämon erkennt inzwischen, daß der schwarze Vogel keine Seele, sondern bloß eine Henne sei und würde den Menschen zerreißen, wenn er ihn noch einholte 19). Glaubt man den Dieb zu kennen, so darf man ihm nur eine Tollkirschenabkochung in den Speisen beibringen, hat er wirklich gestohlen, so gesteht er den Diebstahl alsbald 20). Ob hier Beziehungen zur isländischen "thjöfarat" (Diebswurzel, siehe Alraun 1, 322) bestehen? Gegen Gicht muß die Tollkirsche nach Sonnenuntergang für eine Frau von einem Mann, der über 60 Jahre alt ist und von einer ebenso alten Frau für einen Mann gegraben werden. Denn die Gedanken, die man dabei hat, müssen ernst, anständig und vernünftig sein, denn sie gehen mit dem Trank in den Kranken über. Er wird tobsüchtig, nach einigen Stunden vergeht es ihm wieder samt der Krankheit (Schellenberg in Siebenbürgen) 21). Auch verwendet man gegen Gicht drei Scheibchen von der "matregune" in Wein gekocht und bei abnehmendem Monde auf dreimal getrunken 22). 9) ZföVk. 3, 117.
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