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MUSKATNUß (Semen Myristica, Pflanze: Myristica fragans)

aus: E. Hoffmann-Krayer, H. Bächtold-Stäubli, Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens,
Berlin und Leipzig 1932

Muskatnuss, © Walter Larcher

Muskatnuß
© von Univ.-Prof. Dr. Walter Larcher freundlicherweise zur Verfügung gestellt

1. Die Muskatnuß ist der Same eines auf den Molukken einheimischen Baumes (Myristica fragrans), der hauptsächlich auf Java, Sumatra und den Bandainseln kultiviert wird. Sie wird als Gewürz verwendet. In der Antike war sie unbekannt, die hl. Hildegard (12. Jh.) schreibt jedoch bereits ausführlich über die Heilwirkung der Muskatnuß Erst nach der Entdeckung des Seeweges kam die Muskatnuß in größeren Mengen zu uns und war nicht mehr wie vorher eine große Kostbarkeit. Als Heilmittel wie in früheren Jahrhunderten wird sie heutzutage kaum mehr gebraucht 1).

1) Warburg Die Muskatnuß 1897 (mit vielen geschichtlichen Angaben); Tschirch Handbuch der Pharmakognosie 2 (1910, 686 ff.

2. Die Muskatnuß wird als Amulett in der Tasche gegen Geschwüre 2), gegen Furunkeln am Halse 3) getragen. Wer eine Muskatnuß, die er an Neujahr geschenkt bekommen hat, bei sich trägt, tut sich beim Fallen keinen Schaden 4), das gleiche glaubt man vom Kern der Dattel (siehe dort). Gegen Schlaganfall hilft im Brote gebackene Muskatnuß, die man bei sich tragen muß 5), vgl. Roßkastanie. Man beachte, daß es sich bei den als Amulett getragenen Samen (Muskatnuß, Dattelkern, Roßkastanie) meist um solche ausländischer Herkunft handelt, was offenbar den Glauben an ihre Wirksamkeit erhöht. Einem ganz schwarzen oder weißen Hähnchen wird bei der Verschneidung (Kastration) eine Muskatnuß eingeheilt. Der Hahn wird dann genau ein Jahr nachher geschlachtet, die Muskatnuß herausgenommen, und, so viel eine Messerspitze faßt, davon abgeschabt, eine Stunde vor dem epileptischen Anfall dem Kranken in Wasser eingegeben 6), das gleiche Mittel wird von den Slovaken (der schwarze Hahn muß am Johannistage kastriert werden) angegeben 7).

2) Strackerjan 1, 92; 2, 119 = Wuttke 347 § 519.
3) Tschirch a. a. O. 685.
4) Sterzinger Aberglaube 180; Panzer Beitrag 1, 267; Meyer Aberglaube 259.
5) Hovorka und Kronfeld 2, 247; Schönwerth Oberpfalz 3, 267.
6) Franken: Lammert 271.
7) Flovorka und Kronfeld 2, 222.

3. In einem Goslarer Hexenprozeß des 16. Jh.s gesteht eine Hexe, daß sie den angezauberten Fluch mit Hilfe einer in Gottes Namen ohne zu feilschen gekauften Muskatnuß wieder rückgängig machen könne. Man durchschneide die Muskatnuß und stoße sie mit Buchenasche, die im Sommer gemacht sei, zusammen. Das koche man in einem Eimer fließenden Wassers und gieße es an einem Donnerstagabend in Gottes Namen auf die verschrieene Schwelle mit den Worten: "Dat et nu vorgae unde dem duvele nicht bestae", so wäre der Fluch gebannt 8). In Peru trägt man eine Muskatnuß gegen alle Hexerei am Hals 9).

8) Zs. des Harzer-Vereins für Geschichte- und Altertumskunde 35 (1902), 420.
9) Seligmann Blick 2, 78.

4. Gleich anderen aromatischen Mitteln spielt die Muskatnuß als Aphrodisiakum bzw. im Liebeszauber eine Rolle. Übrigens wirken größere Mengen der Muskatnuß innerlich genommen stark giftig und lösen Erregungszustände des Zentralnervensystems aus 10). Eine Muskatnuß, so groß, daß man sie ganz verschlucken kann und daß sie auch ganz (im Kot) wiederkommt, bildet zu Pulver zerrieben und unter das Essen gemischt ein unfehlbares Liebeselixier 11). Ähnlich gibt eine Breslauer Handschrift des. 17. Jh.s (als "Mittel um Liebe und Freundschaft zu machen") an, die mit dem Kot abgegangene Muskatnuß reinzumachen, und sie Freitags zur hora Veneris unter den linken Arm zu legen. "Wenn man dies Muskatnuß Mensch oder Vieh eingibt, das liebt dich natürlicherweise" 12). Die umgehängte Muskatnuß soll die männliche Potenz stärken 13). Als Mittel gegen die männliche Impotenz wird auch angegeben, (dem Kranken eine Abkochung der Muskatnuß in seinem eigenen Harn trinken zu geben 14). Die beiden letzten Mittel gehören wohl mehr der "literarischen" Zaubermedizin an. Auch in manchen Hexenprozessen scheint die Muskatnuß die Rolle eines zauberischen Liebesmittels zu spielen 15).

10) Schmiedeberg Grundriss der Pharmakologie 6 1909, 348.
11) Bavaria 3, 303 (Franken) = Wuttke 366 § 552; Bartsch Mecklenburg 2, 353.
12) MschlesVk. 12 (1910), 187; 17 (1915), 41.
13) Mizaldus Centuriae IX Menaorabil. 1592, 35; vgl. Wolff Scrutin. amulet. medic. 1690, 477.
14) Gockelius Tractatus 1717, 131.
15) Birlinger Aus Schwaben 1, 152. 154; SAVk. 3, 208.


Marzell.