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LÖWENZAHN (Butterblume, Hundeblume, Kettenblume, Pfaffenröhrlein, Pustblume; Taraxacum officinale).

aus: E. Hoffmann-Krayer, H. Bächtold-Stäubli, Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens,
Berlin und Leipzig 1932

1. Botanisches. Allgemein bekannter und überall auf Wiesen usw. häufiger Korbblütler mit röhrigem Schaft und stark gezähnten, zu einer Rosette angeordneten Blättern. Die gelben Blütenköpfe verwandeln sich nach dem Verblühen in federige Kugeln ("Teufelslichter" der Kinder), die Fruchtstände 1).

1) Marzell Kräuterbuch 260f.; Heilpflanzen 235-237; Tschirch Handbuch der Pharmakologie 2 (1912), 207. 215.

Löwenzahn © Berit Mrugalska
Löwenzahn
© Berit Mrugalska, Frühling 2005

2. Im Kinderspiel dient das Wegblasen der gefiederten Früchte vom Fruchtboden zu allen möglichen Orakeln. Die nach dem Anpusten stehengebliebenen Früchte (oder so oft man blasen muß, um alle Früchte zu entfernen) geben an, wieviel Uhr es ist 2), wieviele Jahre man noch leben wird 3), wieviel Jahre man noch zur Hochzeit hat 4). Wenn man die Früchte auf einmal wegblasen kann, bekommt man ein neues Kleid 5), gibt es zu Hause eine gute Suppe 6). So viele Früchte an den Kleidern des Angeblasenen hängen bleiben, so viele Sünden hat er 7), vgl. Wegerich. Ist nach dem Wegblasen der Fruchtboden weiß, so kommt der Bläser in den Himmel, ist er schwärzlich, in das Fegfeuer 8). Ähnlich wie bei der Wucherblume (siehe dort) im Liebesorakel die Strahlblüten ausgezupft werden mit den Worten: "Er liebt mich, er liebt mich nicht" usw., werden beim Fruchtstand des Löwenzahns die Früchte weggeblasen 9). Nach dem Glauben der Kinder darf man die "Lichter" des Löwenzahns nicht ausblasen 10) oder ihn mit nach Hause nehmen, sonst pißt man ins Bett 11), vgl. auch die Volksnamen Bettpisser, -seicher, frz. pissenlit 12), engl. pissabed. In früheren Zeiten wendete man die Pflanze gegen das Bettpissen an (wohl wegen der gelben Blütenfarbe; Similia similibus!): "herba urinaria oder lecti minga genannt, weil sie vor die Knäblein tauget, die unter dem Schlaffen ins Bett lauffen lassen, wenn man ihnen des morgens und abends dieser Wurtzel Decoct gibt" 13). Der wirkliche Grund für die Benennung "Bettpisser" und den sich daranknüpfenden Aberglauben dürfte die harntreibende Wirkung der Pflanze sein.

2) ZfrwVk. 2, 107; auch in England und in romanischen Ländern: Bartels Pflanzen 7; Gutch County Folklore YorkShire 1912, 31; Rolland Flore Pop. 7, 193; Sébillot Folk-Lore 3, 505.
3) Germania 21 (1876), 413 (Niederösterreich); Strackerjan Oldenburg 1, 105; Kück Lüneburger Heide 21.
4) Geschichtsblatt für Stadt und Land Magdeburg 16 (1881), 241; Rolland Flore Pop. 7, 192.
5) Treichel Westpreußen 4, 25; RTradpop. 20, 196.
6) Marzell Bayerischer Volksbote 86.
7) ZfVk. 9, 58 = John Westböhmen 230.
8) Marzell Bayerischer Volksbote 86.
9) Wilde Pfalz 165.
10) Marzell Bayerischer Volksbote 86.
11) Ebenso oder ähnlich in Frankreich: Rolland Flore Pop. 7, 190. 194; Verrier Glossaire 2 (1908), 435; RTradpop. 23, 450.
12) Vgl. Schurter Die Ausdrücke für den "Löwenzahn" im Galloromanischen 1921, 8 ff.
13) Schroeder Apotheke 1693, 1165; vgl. Lammert 135; RTradpop. 25, 53.

3. In der Sympathiemedizin werden sieben oder neun Wurzeln, die an Bartholomaei vor Sonnenaufgang gegraben sind, in einem Säckchen als Amulett gegen Augenbeschwerden (daher auch "Augenblume") umgehängt 14). Bei Zahnweh soll man Löwenzahnblätter solange anhängen, bis sie trocken sind 15). Wem die Fruchthaare in die Augen kommen, der erblindet 16), vgl. Bovist. Wenn man den Löwenzahn ("Schwärenblume") angreift, so bekommt man Schwären 17). Man glaubt wohl, daß der etwas ätzende Milchsaft der Pflanze die Haut angreift. Mit dem Milchsaft kann man Warzen vertreiben, wenn man ihn am dritten Tag im abnehmenden Mond anwendet 18), vgl. Schellkraut. Um die Milchsekretion zu fördern, trinken die Wöchnerinnen in Schwaben Absud vom Löwenzahn 19), wohl deswegen, weil die Pflanze einen Milchsaft besitzt. Wer die drei ersten Löwenzahnknospen verschluckt, bleibt das ganze Jahr gesund 20), siehe Frühlingsblumen. Wegen des reichlichen Milchsaftes gilt der Löwenzahn als wirksames Mittel bei den Kühen, denen die Hexen die Milch geraubt haben. Man mischt das Kraut mit Kleie und Salz und gibt es ihnen zu fressen 21). In Dänemark glaubt man, daß böse Menschen mit Hilfe des Löwenzahns die Kühe anderer melken können 22).

14) Bock Kräuterbuch 1539, 1, 74 r; Schroeder Apotheke 1693, 1165; ZfdMyth. 1, 445; Schullerus Pflanzen 350; Zimmermann Volksheilkunde 26: hier steht mißverstanden "zurZeit der Virginien gegraben" statt "wenn die Sonne in Virginem (Sternbild) geht".
15) Marzell Bayerischer Volksbote 171.
16) Urquell 6, 133; Drechsler 2, 215.
17) Wolf Beiträge 1, 234
18) Marzell Bayerischer Volksbote 151.
19) Lammert 176.
20) Schullerus Pflanzen 351.
21) Schullerus Pflanzen 350f. (mit rumänischer Besegnung des Krautes im Milchzauber).
22) DbotMon. 11, 75.

4. So lang die Stengel des Löwenzahns im Frühjahr sind, so lang wird in diesem Jahr der Lein (siehe dort unter 3) 23) Im Frühjahr soll das Feld aussehen wie ein Postkittel (das heißt gelb vom blühenden Löwenzahn), dann gibt es ein fruchtbares Jahr 24).

23) Baumgarten Aus der Heimat 144; Höfer und Kronfeld Die Volksnamen der niederösterreichischen Pflanzen 1889, 57.
24) Thierer Ortsgeschichte von Gussenstadt 1 (1912), 237.

5. Nach einer Legende fiel ein Tropfen des Menstruationsblutes der hl. Maria, wie sie ihrer Base Elisabeth die freudenreiche Empfängnis mitteilte, als Zeichen der unbefleckten Empfängnis auf den Löwenzahn. Seit dieser Zeit hat die Pflanze neben ihren grünen Blättern immer auch ein blutrotes 25). Ähnliche Legenden gehen auch vom Knöterich und der (Ähren-) Teufelskralle (siehe diese).

25) Leoprechting Lechrain 99.


Marzell.