SAGEN.at >> Informationen, Quellen, Links >> Dokumentation >> Lostage

   
  Karfreitag
aus: E. Hoffmann-Krayer, H. Bächtold-Stäubli, Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens,
Berlin und Leipzig 1932


1. Allgemeine Trauer.
2. Verbote.
3. Fasten. Gebotene und verbotene Speisen.
4. Allerlei Verrichtungen.
5. Vorkehrungen für Vieh und Geflügel.
6. Für Acker und Garten.
7. Für Heilung von Krankheiten.
8. Weissagungen, Wetterregeln.
9. Allerlei Zauber. Geister und Hexen.
10. Geburt und Tod.


1. Der Karfreitag gilt in der katholischen Kirche von jeher als Tag der Trauer und Enthaltung. Die Protestanten betrachten ihn als hohen Feiertag. In Preußen hat er seit 1899 die Geltung eines bürgerlichen allgemeinen Feiertages.
Die ganze Natur trauert; die Zweige der Bäume senken sich tiefer; die Tiere neigen im Stalle um Mittag wie müde ihr Haupt. Die Sonne scheint nicht oder trauert bis nachmittags drei Uhr. Im Ammerlande wird sogar das am Gründonnerstag für Ostern glänzend geputzte Geschirr den Karfreitag über in Körbe verpackt. Wer mit geputzten Schuhen geht, wird von Ottern und Nattern gebissen. In den Eiern glaubt man Kreuze wahrzunehmen. Sagen berichten von Häusern und Städten, die versunken sind, weil in ihnen der Trauertag durch Tanzen entweiht ist. Wer nicht zur Kirche geht, schläft zu Hause den ganzen Tag hindurch (Angerburg-Goldap). Doch hat sich die lärmende „Rumpelmette" des Gründonnerstags hier und da auch auf den Karfreitag übertragen wie auch das „Judasverbrennen" und „Judasstürzen" (Herabwerfen von Katzen vom Turm).


2. Knechtische und geräuschvolle Arbeit ist verboten, aber auch mancherlei anderes. Der Schmied darf Hammer und Nägel nicht gebrauchen, denn es sind Leidenswerkzeuge. Der Jäger geht nicht auf die Schnepfenjagd, denn am Karfreitag schießt man stets fehl. Das. Hechtstechen soll man unterlassen, denn man sticht doch nur Schlangen. Den Jungen werden die Taschenmesser weggenommen, denn jedes Spänchen, das durch Schnitzeln entsteht, wird den Täter nach seinem Tode quälen, oder er findet das ganze Jahr über kein Vogelnest. Vor allem unterläßt man das Pflügen und Graben, um Christus nicht im Grabe zu beunruhigen. Sagen erzählen von Mädchen, die in Felsen verwandelt worden sind, weil sie am Karfreitag Holz aus dem Walde geholt haben, und von dem Manne, der in den Mond versetzt ward, weil er Domen verbrannt hat oder sein Feld mit Dornen umzäunen wollte. Was man näht, das hält nicht. Wer näht, kriegt einen bösen Finger. Wer eine Nadel in die Hand nimmt, den verfolgt das Gewitter. Wenn man draußen Wäsche aufhängt, muß in Jahresfrist jemand aus. dem Hause sterben. Man soll nicht waschen und kein frisches Hemd anziehen. Man soll sich nicht kämmen, sonst kratzen die Hühner im Garten. Die Butter muß vor Sonnenaufgang fertig sein, weil sie sonst nicht zustande kommt. Man soll am Karfreitag kein Tier töten, nicht einmal eine Fliege, sonst wird man das ganze Jahr über von solchen Tieren belästigt. Der Landmann soll nicht einmal ein Tier schlagen, das würde ihm Unsegen bringen. Niemand soll Milch verkaufen oder verschenken (das würde nur den Hexen nützen) und auch sonst nichts aus dem Hause geben oder ausleihen. Von der Straße darf man nichts aufheben, denn die Hexen lassen da allerlei fallen, und kein Geschenk annehmen. Wer am Karfreitag reist, den trifft UnglücKarfreitag


3. Das Fasten wird vielfach noch strenge innegehalten. Alte Leute fasten, bis die Sterne aufgehen. Niemand ißt ein Frühstück. Man fastet gegen Augenkrankheit, Epilepsie usw., und wenn man eine Krankheit nicht loswerden kann. Wer Fleisch ißt, kriegt die Hände voll Warzen, oder den beißen im Sommer die Mücken sehr. Wer einen Rausch hat, muß ihn dreimal beichten. Das Trinken wird (wohl weil Jesus am Kreuze dürstete) überhaupt untersagt. Wer es tut, wird das ganze Jahr von Schnaken gestochen oder hat immer Durst. Wer aber am Karfreitag Durst leidet, dem schadet kein Trunk das Jahr über. Selbst für das Vieh soll Karfreitag ein Fasttag sein, sonst gedeiht es nicht. Doch werden auch wieder bestimmten Speisen besondere Wirkungen zugeschrieben: Wer morgens nüchtern einen Apfel ißt, bekommt das ganze Jahr über kein Magenweh.

Am Karfreitag ist gut backen. Das dann gebackene Brot ist heilig; wer davon ißt, wird selig. Drei am Karfreitag gebackene Brote, in einen Getreidehaufen gelegt, hindern Mäuse und Ratten davon zu fressen. Wer am Karfreitag oder Gründonnerstag Bretzeln ißt, bleibt das ganze Jahr von Fieber frei. Die Mädchen müssen nüchtern von den Bretzeln essen, die ihnen die Burschen nachts um 12 Uhr ins Fenster reichen, dann bekommen sie das Fieber nicht. So lange die Karfreitagsbretzel nicht schimmelt, bleibt der Geber treu. In englischen Dörfern wird die Karfreitagssemmel als Heilmittel genossen und auch dem Vieh verabreicht, wenn eine Seuche im Stalle ausbricht. Das Abendmahlsbrot des Karfreitags soll vor allem Unheil schützen und Feuersbrünste löschen, in die es geworfen wird. Auch dem Hofhund muß man ein Butterbrot geben, in das ein Kreuz eingeschnitten ist. Wer Karfreitags Linsen ißt, dem geht das Jahr über sein Geld nicht aus. Anderswo dagegen soll man keine Hülsenfrüchte essen, vor allem nicht Erbsen und Linsen. In Liegnitz erhielt im Karthäuserklosterhof jährlich am Karfreitag jeder, arm oder reich, ein Almosen von Brot, Hering und Münze. Die empfangenen neuen Gröschel waren gut zu allerlei Zauberwirkungen. Wenn nicht ausgeteilt wurde, glaubte man, die Stadt würde ein großes Unglück treffen.


4. Karfreitag ist ein wichtiger Jahreseinschnitt, gilt als Frühlingsanfang und ist daher wie alle Zeitanfänge für die Verrichtung mancher Handlungen, die dem Hause und seinen Bewohnern Nutzen bringen, von Bedeutung. Die Entwöhnung der Kinder geschieht am besten an oder nach Karfreitag. Am Nachmittag müssen sie zuerst zur Kirche gehen, damit sie klug werden. In Gnesen werden sie morgens noch im Bette von ihren Eltern tüchtig mit Birkenreisern geschlagen. Wenn man mit einem Lindensprossen, der am Karfreitag beim Zwölfuhrschlage geschnitten wurde, den ersten Kindsbrei anrührt, so bekommt das Kind nie Zahnweh. Man soll sich die Nägel schneiden, dann bekommt man das ganze Jahr über keine Zahnschmerzen. Das Schneiden der Haare befördert den Haarwuchs ee). Man schützt Kinder vor bösen Leuten, wenn man ihnen die Nägel an Händen und Füßen und drei Schnipfel Haare abschneidet, sie verbrennt oder in die Dunggrube wirft. Doch heißt es auch wieder, daß am Karfreitag abgeschnittene Haare nicht wieder wachsen oder daß das Abschneiden viel Kopfweh verursache. Wer an Kopfschmerzen leidet, soll sich am Karfreitag das Haar auskämmen, an allen übrigen Freitagen des Jahres es aber ungekämmt lassen (Oberwölz). Wenn man an Karfreitag strehlt, bekommt man das ganze Jahr keine Läuse. Wenn man die Kleider an die Sonne hängt, so kommen weder Motten noch Schaben hinein. Putzt man sich die Schuhe, so wird man von keiner Schlange oder anderem Tier gestochen (Neumark). In das Holz, das am Karfreitag gehauen wird, kommt nie ein Wurm, auch „schwint" es nicht. Am Karfreitag vor Sonnenaufgang werden viel Stecken geschnitten vom Elsebeer-, Eschen- und Haselholz, auch Wurzen gegraben; denen allen wohnt da eine große Kraft inne. Wer am Karfreitag den Essig reinigt, erhält ihn das ganze Jahr rein und lauter. Kehrt man vor Sonnenaufgang den Staub aus allen Ecken der Stube, so bekommt man keine Flöhe und Wanzen oder sonstiges Ungeziefer. Wanzen können auch dadurch vertrieben werden, daß man vor Sonnenaufgang mit einem Hammer an alle vier Ecken der Bettstatt schlägt. Durch Kehren vertreibt man Kröten und Holzwürmer. Im Schwarzwalde kehrt man in der Karfreitagsnacht um 12 Uhr mit einem ganz neuen Besen die Stube und legt ihn dann auf einen Kreuzweg. Die Mädchen tragen früh vor Sonnenaufgang das Stroh aus ihren Betten über die Grenze. Sie meinen, daß sie dann das ganze Jahr hindurch die Flöhe loswerden. In Westfalen misteten früher die Knechte vor Sonnenaufgang die Ställe aus; man glaubte, daß in das Land, das mit diesem Miste gedüngt wurde, keine Würmer kämen. Wenn man Ruß im Schornstein fegt, so bleibt das Haus das Jahr über vom Feuer verschont. Weidenruten und Ellernreiser kann man in der Frühe zu einem Band zusammendrehen, ohne daß sie brechen. Ellernkränze, in den Häusern aufgehängt, schützen vor Feuer und Gewitter. Auch wenn man Pflanzen, die am Karfreitag geweiht wurden, während eines Gewitters verbrennt, entfernt man die Gefahr. Das „Moadlgarn" wird vor Sonnenaufgang von einem Maidlein, das noch nicht sieben Jahre alt ist, gesponnen. Es taugt zum Schwundwenden und allerlei anderem. Manche Maßregeln gehen auf Kosten des Nächsten Man wirft eine mißliche Sache gern an eine Stelle, wo sie von andern aufgehoben wird. Wenn man eine frische Haselgerte abhaut, einen Rock über den Stuhl hängt und tüchtig darauf losschlägt, so tut es dem Feinde, den man im Sinne hat, weh. Ebenso wenn man eine Elsbeerrute schneidet und diese unter Anrufung der h. Dreifaltigkeit gegen Sonnenaufgang hält. Oder der Geklopfte wird todmüde. Wer am Karfreitag unertappt stiehlt, kann das ganze Jahr hindurch mit gleicher Sicherheit stehlen. Zur Beschaffung wirksamer Zaubermittel ist der Karfreitag besonders geeignet: ein Hagedornstrauch, am Karfreitag geschnitten, dient zum Austreiben der bösen Geister; die Wünschelrute wird aus einer Haselstaude geschnitten, ein Wechseltaler durch Opfer einer Katze an den Teufel gewonnen, ein Zauberschlüssel geschmiedet. Freischütz wird man, indem man auf die Hostie schießt. Wer mit einem Kreuzdornstabe, in der Karfreitagsnacht geschnitten, geht, dem begegnet kein Gespenst. Schläge damit an die vier Ecken des Stalles oder an die Ständer heilen das dazwischen stehende Vieh. Durch Erbsen, die in der Karfreitagsnacht gepflanzt sind, kann man sich unsichtbar machen. Über Kraft und Verwendung des Wassers siehe Karfreitagswasser.


5. Für das Vieh sind am Karfreitag allerlei Vorkehrungen zu treffen. Die Ställe werden ausgeräuchert. Man darf den Stall nicht aufmachen, damit die Hexen nicht eindringen. Tiere, die am Karfreitag. gezeichnet werden, gehen nicht verloren. Durch einen Schnitt ins rechte Ohr wird das Vieh vor Krankheit und Gefahr geschützt. Den Lämmern schneidet man zu besserem Gedeihen die Schwänze ab. Vor Sonnenaufgang peitscht man das Vieh stillschweigend mit Kreuzdornruten; die Schmerzen haben die Hexen, die auf dem Vieh sind. Wenn man mit einer Palme vom Palmsonntag die Kühe im Stalle streichelt, plagt sie das Ungeziefer nicht mehr. Unglück wendet es ab, wenn man das Vieh mit Asche bestreut. Im Traunviertel stach man früher während der Passion ein schwarzes Lamm, bespritzte mit dem Blute die Rinder und beschmierte das Brot, das ihnen am. Ostersonntage verabreicht wurde. Es schützte gegen den Wolf. Hafer, mit diesem Blute bespritzt und den Hühnern gegeben, hielt den Fuchs ab. Wird für das Vieh vor Sonnenaufgang etwas Erde vom Garten geholt, so schadet ihm den Sommer über kein Futter. Junge Saat, vor Sonnenaufgang geholt und dem Vieh zu fressen gegeben, macht, daß keine Krankheit daran kommt. Drei Gabeln Mist werden vor Sonnenaufgang aus dem Stalle gegen Blutgang des Viehes geworfen. Wenn man vor Tage ein Stück Schweinefleisch am Grenzrain so eingräbt, das die Speckseite nach dem eigenen Felde, die magere nach dem des Nachbarn zu liegt, so zieht man allen Milchnutzen vom Nachbarn auf das eigene Vieh. Hausfrauen streichen mit einem Ring aus Holz über das Kruzifix, das auf den Stufen des Altars liegt. Durch diesen Ring treibt man dann das junge Vieh und das Geflügel, damit ihm weder Hexen noch Fuchs und Geier schaden können. Zu gleichem Zwecke backt man „Marterbrote" und gibt davon dem Vieh zu fressen. Vor Sonnenaufgang reitet man seine Rosse in die Wette, dann werden sie von den Bremsen nicht geplagt. Pferde müssen vor Sonnenaufgang ausgetrieben werden, wenn sie im folgenden Jahre von der Gelbsucht frei sein sollen.

Besondere Sorge wird auch dem Geflügel gewidmet. Man soll die Hühner möglichst früh aus dem Stalle lassen, damit sie die Herrschaft in der Nachbarschaft erhalten. Hat das Federvieh Läuse, so reinige man den Stall vor Sonnenaufgang. Läßt man seine Hühner ihr Morgenfutter aus dem Schmelztiegel fressen, so vertragen sie kein Ei; auch die Hemmkette hilft. Am Karfreitag muß man ein „brüetigs" Huhn haben, sonst bekommt man das ganze Jahr keine solchen. Manche Maßregeln sichern das Geflügel gegen Raubzeug. Am Karfreitag ausgebrütete Hühner schützen vor Krankheiten und sind heilkräftig.


6. Auch für Acker und Garten ist der Karfreitag wichtig: Man vertreibt Mäuse und Maulwürfe, indem man ihre Haufen auseinander recht. Zu Fastnacht geschnittene Pflöcke werden am Karfreitag vor Sonnenaufgang mit der Hacke in die Grenzen der Felder eingeschlagen; so weit der Hall geht, so weit können Maus und Maulwurf nicht zu. Mittags 12 Uhr soll man unter dem Fliederbaum Sand wegnehmen und gegen die Sperlinge in die Saat streuen. Man soll die Stube mit einem frischen Besen kehren und dann mit diesem über den Kohl im Garten streichen; dann hat dieser von Raupen nichts zu leiden. Damit der Klee gut gerate, streut man Asche darauf. Um ihre Fruchtbarkeit zu stärken, werden die Obstbäume geschlagen, mit der Axt bedroht, geschüttelt, geputzt und mit Stroh umwunden, mit geweihtem Wasser begossen. Um Böhmisch-Brod läuft man wohl auch mit einem Säckchen Erbsen im Garten herum und schlägt damit an die Bäume, dann tragen diese so viele Früchte, als Erbsen im Säckchen sind. Kocht man am Karfreitag Obst, so werden das die Bäume durch reichen Ertrag lohnen. In Menzenschwand beschneidet man die Obstbäume meist am Karfreitag. Man klopft mit Hämmern an sie und will aus dem Klange schließen, ob es viel Obst gibt oder nicht. Vorzüglich geeignet ist der Karfreitag zum Pflanzen und Säen. Alles, was in die Erde gesetzt wird, gedeiht. Vielleicht spricht bei diesem Glaubender Gedanke an Christi Grablegung und Auferstehung mit. Die Kartoffeln können an keinem günstigeren Tage gelegt werden. Doch heißt es auch wieder, daß am Karfreitag gelegte Erdäpfel räudig würden. In Schluchsee versetzt man die Zimmerpflanzen und pflanzt die Ableger. Im katholischen Südwestfalen säet man den Frühflachs, was eine besonders gute Ernte sichern soll. Am Karfreitag gesäetes Kraut wird groß und fett. In die Erbsen kommen keine Würmer. Auch Bohnen soll man setzen. Klee gedeiht, wenn man vormittags Asche auf die Erde streut. Zwiebeln, die am Karfreitag gesäet werden, werden gut; das kommt von den Tränen her, die an diesem Tage um Christus geweint werden, weil auch beim Zubereiten der Zwiebel die Augen tränen. Blumen säet man besonders gern am Karfreitag. Balsaminensamen, am Karfreitag gepflanzt, bringt die verschiedensten bunten Blüten hervor. Wer zu verschiedenen Stunden Blumensamen säet oder stupft, kann damit Blumen von verschiedenen Farben erzielen. Die am Karfreitag mittags 12 Uhr beschnittenen Nelken werden recht dicht und groß. Doch kommt der am Karfreitag beschnittene Gartensalbei nicht zum Blühen. - In manchen Tiroler Kirchen schütten Leute über das zur Verehrung ausgestellte Kreuz Mais oder anderes Getreide. Es gehört dem Küster. Man legt davon etliche Hände voll in den Getreidekasten; auch schüttet man verschiedene Getreidearten über das Kreuz, und die Art, von der am meisten auf dem Christusbilde liegen bleibt, gedeiht in diesem Jahre am besten. Jeder eilt am frühen Morgen in den Garten, kniet ins Gras und betet, weil da die Leiden Christi anheben, zu den fünf Wunden des Herrn, wogegen es in Stendal wieder heißt, man dürfe nicht in den Garten gehen, sonst gäbe es Raupen.


7. Für Heilungen ist der Karfreitag besonders günstig. Eine ärztliche Untersuchung an diesem Tage ist besser als zu jeder andern Zeit. Vieler Wurzeln Heilkraft wird gesteigert, wenn sie am Karfreitag ausgegraben werden. Besprechungen werden gern am Karfreitag vorgenommen, oder dieser Tag wird doch in der Formel als maßgebend hervorgehoben. In Erfurt gab man ein über dem Kruzifix gereichtes Brot als Fiebermittel. Ein vortreffliches Mittel gegen Augenübel ist, sich am Karfreitag, während die Scheidung geläutet wird, im Namen Jesu die Augen zu waschen. Die Hände soll man mit Froschlaich waschen, das verhindert ihr Aufspringen. Gegen Magenleiden trinkt man vor Sonnenaufgang in den drei höchsten Namen Essig. Ein aus Sargnägeln oder -griffen geschmiedeter Ring vertreibt Gicht und Gliederschmerzen. Nach Grimmelshausen werden die Gichtringe am Karfreitag von nackten Schmieden aus einer Galgenkette geschmiedet. Besonders zahlreich sind die Mittel gegen Zahnschmerzen. Auch ist der Tag gut zum Aderlassen der Haustiere. Gegen Bruchschaden zieht man Kinder durch den Spalt eines Baumes. Auch das Verbohren und Vernageln von Krankheiten ist häufig. An manchen Orten wird der „Schlag mit der Lebensrute" vollzogen. Wer am Karfreitag mittags um 12 Uhr in der Erde gräbt, findet kleine Kohlen; die sind gut gegen vielerlei, vornehmlich gegen Krämpfe. Wenn eine am Karfreitag drei Messerspitzen voll Mehl, etwas von einem Brot Geschabtes und noch ein „Stücklein" einnimmt, so wird sie ein ganzes Jahr nicht schwanger.


8. Zu Weissagungen findet der Karfreitag in Deutschland nur geringe Verwendung. Wenn es auf die Uhr zu gleicher Zeit mit dem Vaterunserläuten schlägt, so stirbt bald jemand im Ort. Zerbissenes Gebäck, unters Kopfkissen gelegt, dient in Ungarn zum Liebesorakel. Sieht man zur Zeit des Passionsgottesdienstes ein Geldstück auf den Boden rollen, so greife man schnell mit der Hand an den Kopf; soviel Haare man anfaßt, soviel Geldstücke findet man im Jahre; die angefaßten Haare aber fallen aus. Doch ist der Karfreitag für die Witterung von entscheidender Bedeutung. Es soll kein Wind wehen. Wenn helles Wetter ist, so gibt es einen guten Sommer, regnet es aber, ein schlechtes Jahr, die jungen Gänse gehen zugrunde, die dritte Pflanze geht vom Acker, das Heu lohnt nicht. Doch heißt es auch: wenns Karfreitags regnet, gibt es ein gutes Jahr. Am häufigsten wohl: Karfreitagsregen bringt große Dürre. Oder: der noch kommende Regen taugt nichts. Wenns friert, so gibts ein gutes Frühjahr, und kein Frost schadet mehr. Am Karfreitag solls gefroren sein, und wenns auch nur einen Spatzen trägt. Man sagt aber auch: wenns Christus im Grabefriert, dann frierts noch 40 Nächte. Frost in der Karfreitags- und Karsamstagsnacht bringt auch Frost in der Buchweizenzeit. Wenn Karfreitag kalt ist, ist es der kälteste Tag des Jahres.


9. Mannigfachem Zauber gibt der Karfreitag Raum, und Geister und Hexen treiben an ihm ihr Wesen. In der Mitternachtsstunde verwandelt sich alles fließende Wasser in Blut. Das Vieh redet. Alles Verwünschte muß sich regen. Pilatus zeigt sich auf seinem Throne auf der Oberfläche des Pilatussees. Schatzberge öffnen sich, Schätze sonnen sich, und die Schatzjungfrau könnte erlöst werden, aber es mißlingt. Versunkene Glocken läuten, aus dem Teiche, der ein Gasthaus verschlungen hat, kräht der Hahn, Das wilde Heer zieht durch die Luft, und der ewige Jäger ist verdammt, weil er am Karfreitag gejagt hat. In entlegenen Kirchen findet um Mitternacht eine Geistermesse statt. Gespenster lassen sich zahlreich sehen, denn die Karfreitag snacht ist die Hauptgeisterzeit. Blaue Flämmchen zeigen sich, ein goldener Arm, irreführende Geister, schöne Frauen, Holzfräulein breiten ihre Wäsche aus, ein Fischer spukt, weil er am Karfreitag gefischt hat. Wenn es nachmittags 3 Uhr zum Sterben Jesu läutet, geht ein an die Wand eines Hauses in Lungern gemalter großer Mann zum Kirchenbrunnen Wasser trinken. Geht man auf einen Kreuzweg, so kommt mit dem Schlage der Mitternacht der Teufel, und man kann allerlei von ihm erhalten. Mit einer Pfeife, die man nachts 12 Uhr an einem Kreuzwege aus einem Knochen einer schwarzen Katze gemacht hat, kann man Geister zitieren. Vor Sonnenaufgang soll man auf einen kleinen Berg gehen, dann sieht man alle Engel und alle verstorbenen Leute, die man kannte. Hexen haben am Karfreitag die größte Macht und werden durch Gewaltmaßregeln vertrieben: in der Gegend von Oels unter großem Rumor mit alten Besen, in Kremsmünster mit Stecken, Peitschen und Büchsen. Man kann sie in der Kirche erkennen. In Dietenheim (Illertal) sieht man sie im Grieß Wurzeln graben; um 12 Uhr muß man sich davon machen.


10. Die von drei an demselben Karfreitag geborenen Priestern gleichzeitig gelesene Messe ist besonders heilkräftig. Sonst aber ist Geburt an Karfreitag bedenklich. Kinder, die am Karfreitag zur Welt kommen, werden sich später erhängen oder sterben eines gewaltsamen Todes. Auch stellt man kein Kalb auf, das am Karfreitag geboren ist. Dagegen hat man es gern, wenn jemand am Karfreitag stirbt; er wird selig, seine Knochen werden nie verwesen. Steht eine Leiche am Karfreitag im Hause, so schlägt es in dem Jahre nicht ein. Ein Begräbnis hält schwere Gewitter vom Dorfe fern. Dagegen wieder: Liegt am Karfreitag eine Leiche im Orte, so gibt es im Laufe des Jahres ein Schadenfeuer, meist durch Blitz. Besuch der Kirchhöfe am Karfreitag dient hier und da auch abergläubischen Zwecken. In Siebenbürgen holt man vom Friedhofe Attich, ein Mittel gegen jede Krankheit. Mädchen schenken ihren Liebsten ein auf dem Friedhofe rotgesottenes Ei, um bei ihnen Liebe zu entzünden.


Sartori