HUNDSTAGE
aus: E. Hoffmann-Krayer, H. Bächtold-Stäubli,
Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens,
Berlin und Leipzig 1932
Damit wird die Zeit bezeichnet, welche mit dem Frühaufgang des Hundssternes,
des Sirius, beginnt und mit dem Frühaufgang des Arcturus endigt,
der freilich viel später fällt als das Ende unserer Hundstage.
Mittels des heliakischen Aufganges des Sirius bestimmten die alten Ägypter
schon frühzeitig die Länge des Jahres (Siriusjahr) 1).
Damit setzte das segenbringende Steigen des Nils ein. Dagegen ist bei den
Griechen bereits der Glaube an die schädliche Wirkung dieser heißen
Zeit, in welcher nach Hippokrates auch schwere Gallenkrankheiten auftreten,
vorherrschend 2), und den Römern galten die dies caniculares
als sehr gefährlich für die Menschen, Tiere und Felder 3).
Aus den abergläubischen Anschauungen der Römer haben die Deutschen,
bei welchen sich erst mit dem 15. Jahrhundert das Wort Hundstage einbürgerte,
während man sie früher huntliche tage nannte 4),
manches übernommen.
Bezüglich der Dauer der Hundstage, die man gewöhnlich vom 23.
Juli bis 23. August rechnet, wechseln die Angaben. In den ältesten
Kalendarien aus Monte Cassino (um das Jahr 785) wird der 14. Juli als Anfangstag
und der 11. September als Ende der Hundstage angegeben 5), was
nach dem heutigen Kalender ungefähr die Zeit von Anfang Juli bis Ende
August ist. Damit stimmt noch teilweise überein, daß man in Oberbayern
45 Hundstage kannte 6), und sie in Schlesien hie und da schon
mit dem 23. Juni beginnen 7). Sonst sind es heute meist vier
Wochen, wie in Schwaben, wo sie am 22. Juli (Magdalenentag) beginnen 8),
oder in Westböhmen und im Erzgebirge, wo sie vom 24. Juli bis 24. August
dauern 9), umfassen aber auch einen längeren Zeitraum, wie
im Baselland vom 17. Juli bis 28. August 10) oder in Bagnes vom
16. Juli bis 27. August 11).
Die Hundstage sind eine Unglückszeit, in der im Mittelalter
an manchen Orten selbst der Gottesdienst ruhte 12) und vor der
Kalenderreime warnten. So heißt es in einem 1569 zu Augsburg gedruckten
Sterndeutekalender 13) beim "Hewmon" (Juli):
Die Hundßtag streichen her mit macht,
Drumb hab ich mein fleißiger acht.
Der an die Hundstage geknüpfte Aberglaube läßt sich in den
meisten Fällen aus der von den Menschen schon früh beobachteten
schädlichen Wirkung der heißen Mittagssonne (siehe Mittag,
Mittagsdämonen) und der Hitze selbst erklären, die zu übermäßigem
Trinken kalten Wassers oder zum Baden in erhitztem Zustande verleitete und
Krankheiten bei Menschen und Tieren verursachte, deren Keime sich besonders
in stehenden Gewässern bilden können. Schon bei den alten Griechen
und Römern bestand der Glaube, daß in den Hundstagen manche Quellen
kälter werden 14). Und mit dem Wasser beschäftigen
sich noch heute die Gebote, Verbote und Meinungen des Volkes. Man soll in
den Hundtagen nicht baden 15), denn das Wasser ist giftig
16), man bekommt Eißen 17) oder überhaupt
einen Ausschlag 18) oder man ertrinkt 19). Besonders
gefährlich ist das Baden zu Maria Magdalena (22. Juli), Jakobi (25.
Juli) und Laurentius (10. August), in Ungarn auch am Stephanstag (20. August)
20). In den Hundstagen soll man sich auch die Haare nicht
waschen 21), für die auch das Regenwasser schädlich
ist, weil dann die Haare ausgehen 22) oder Kopfweh entsteht 23).
In Schwaben heißt es, daß man in den Hundstagen aus offen stehendem
Wasser nicht trinken soll, weil alles Wasser vergiftet ist und zu
dieser Zeit in den meisten Wasserlachen die giftigen Hundsknöpf,
wie man die Kaulquappen nennt, herumschwimmen 24). Im Halberstädtischen
sagt man sogar, daß in den Hundstagen keine Krähe trinkt 25).
Früher scheute man die Hundstage auch beim Aderlassen. Dies
wird z. B. in einem Kalender aus 1428 widerraten 26), und noch
in neuerer Zeit hielt man in Oberbayern während der 45 Hundstage eine
Pause im Aderlasse 27). Vielleicht fürchtete man, daß
dann das Blut nicht gestillt werden könnte. Denn nach einer Schweizer
Überlieferung soll es während der ganzen Zeit der Hundstage eine
Tagesstunde geben, die nicht an allen Tagen die gleiche ist, in welcher
das Blut eines getöteten Tieres nicht gerinnt 28).
Auch der sonstige Volksglaube zeigt die Hundstage als Unglückszeit.
Bei den Römern, die hier wahrscheinlich astrologische Ansichten der
Babylonier übernommen haben, galten die im Zeichen des Hundssternes
Geborenen, wenn sie auch von hitziger Natur waren und daher vor dem
Ertrinkungstode im Meere verschont blieben, doch im allgemeinen als unglückliche
Menschen 29). Im deutschen Volksglauben der Gegenwart findet
sich hierfür kein Beleg. Hier aber heißt es, daß man in
den Hundstagen nicht heiraten soll 30), weil dies zu schlimmen
Ehen führt 31). Man soll, wie sonst an Unglückstagen
(siehe dort), überhaupt von jedem größeren Unternehmen absehen
32). Ferner soll man nicht Holz fällen, weil es nicht
brennt 33) und nicht Kraut hacken 34). Vom
Wein sagt man, daß er nicht gut gerät, wenn man vor den Hundstagen
Reizker findet 35. Bekannt ist die Kalenderregel:
Was die Hundstag gießen,
Muß der Winzer büßen 38).
Von einer besonderen Krankheit der Weinrebe, welche die Römer dem Hundsstern
zuschrieben und auch nach ihm canicula benannten 37),
wissen die deutschen Weinbauern nichts. Das Wetter der Hundstage
hat Vorbedeutung. Wenn die ersten Hundstage naß sind, so sind
die letzten trocken, und umgekehrt 38), oder wie sie angehen,
so gehen sie aus 39) oder so ist der Sommer 40); oder
wie die drei ersten Hundstage sind, so ist das Wetter im neuen Jahr 41),
z. B.
Hundstage hell und klar
Zeigen an ein gutes Jahr 42).
Sind die Hundsatge trüb und bewölkt, so fürchtet man eine
pestartige Krankheit 43) ; werfen die Ameisen in den Hundstagen
Haufen auf, so gibt es einen nassen und kalten Herbst 44). Wenn
es am ersten Tage regnet, regnet es vierzehn Tage 45). Hierher
gehört auch der Glaube bezüglich der Witterung am Vormittag (siehe
dort) und Nachmittag (siehe dort) des Jakobitages.
Auch bestimmte Krankheiten werden in diese Zeit verlegt. Da halten
die Mondsüchtigen ihre Umgänge 46), und da war
besonders die Tollwut der Hunde gefürchtet. Der nach antikem
Glauben Hitze und Pest bringende Sirius ist wahrscheinlich deshalb schon
bei den Griechen zum Hundsstern (xxxx) geworden, weil man Dürre und
Seuchen als die Wirkung hundeähnlicher Dämonen betrachtete 47).
Andrerseits war es natürlich, daß man das Tier, welches die Einwirkung
des heißen Gestirns am meisten empfindet, mit diesem in Verbindung
brachte 48). Und auch hier zeigt sich wieder ein Zusammenhang
mit dem Wasser, gegen das die erkrankten Tiere, allerdings nicht
in allen Fällen, eine Abneigung haben, weshalb die Krankheit auch Wasserscheu
heißt. Auch bei tollkranken Menschen zeigt sich, trotzdem sie vom
heftigsten Durst gequält werden, ein Widerwillen gegen jedes Getränk.
Mitunter tritt schon beim Anblick des Getränks oder doch nach Genuß
von Wasser das Gefühl heftiger Zusammenschnürung im Hals oder
ein Wutanfall ein 49). Im Aberglauben ist das Wasser ein Vorbeugungsmittel.
Man kann schon dadurch den Hund gegen Behexung und Wasserscheu sichern,
wenn man ihn Wasser oder Strom nennt oder ihm den Namen eines Flusses gibt
50). Daß die Tollwut besonders dann entstehen kann, wenn
ein Hund an heißen Tagen kein Wasser bekommt, ist eine allgemein verbreitete
Ansicht. Aus dieser Furcht vor der Tollwut erklären sich die Hundeopfer
der Römer während der Hundstage 51), aber auch Bräuche,
die früher in Deutschland üblich waren. Ähnlich wie man schon
im alten Argos ein Fest zu Ehren des Apollo kannte, an dem man alle Hunde,
die in den Weg kamen, erschlug, gab es früher in Leipzig zweimal jährlich
eine solche Tötung der Hunde, in der Fastenzeit und in den Hundstagen,
eine gleiche zu Rostock noch 1742 in den Hundstagen durch den Scharfrichter
und eine in Oberdeutschland zu Fastnacht durch die Fronknechte 52).
Doch scheint hier, da gerade zu diesen zwei Zeiten die Hündinnen, die
auch bei den Opfern der Römer hauptsächlich in Betracht kamen
53), läufig sind, mehr die Absicht mitzuspielen, eine allzu
große Vermehrung der Hunde durch ihre Tötung in der Zeit des
Geschlechtsverkehres oder der Trächtigkeit zu verhindern. Einen deutlichen
Abwehrzauber gegen die Hundswut stellt dagegen der Hundetag der Balkanvölker
dar 54). Das dabei übliche Schaukeln der Hunde ist aber
keine "Verehrung des Wahnsinnsgeistes des Hundes", sondern soll den Krankheitsdämon
vertreiben. Die an bestimmten, später absterbenden Bäumen angebrachte
Seilschaukel entspricht hierbei der Schlinge oder dem Baumspalt, durch die
sonst der Kranke kriecht oder gezogen wird.
Die Balkanvölker haben auch noch eigene böse Mittagsgeister
(siehe Mittagsdämonen), die besonders in den Hundstagen zu fürchten
sind. Dies ist bei den Südslawen der gehörnte Mittag 55),
der namentlich am Eliastage (20. Juli, im vorgregorianischen Kalender im
Höhepunkt der Hundstage zu Anfang August) wütet. An diesem Tage
muß nach dem Glauben der Ungarn irgend jemand an der Hitze ersticken
56). Die Albanesen fürchten in der Zeit der Hundstage, deren
Schwüle keinen ruhigen Schlaf zuläßt, Nachtgeister.
Diese Poltergeister, weiblichen Hexen und unsichtbaren Wesen kommen in die
Häuser, singen, spielen und tanzen dort, entwenden den Schläfern
Geld und Kleider und holen die Pferde aus den Ställen. Am Morgen geben
sie wohl alles wieder zurück, aber beschädigt, das Geld zerkratzt,
die Kleider schmutzig, die Pferde schwitzend. Manchmal schrecken sie auch
die schlafenden Leute von der Straße aus durch Steinwürfe in
die Fenster 57). Für diese vornehmlich in den Hundstagen
auftretenden Geister hat der deutsche Volksglaube keine Entsprechung. Ganz
vereinzelt heißt es in einer Sage aus Seeburg bei Luzern, daß
ein Erdmännlein in den Hundstagen aus seiner Höhle kommt 58).
1) Albers Das Jahr 35; Frazer 6, 34 ff.
2) Meyers Konv-Lexikon 6 9 (1906), 654.
3) Gundel de stell. appell. 39 ff.
4) DWb. 4, 2 (1877), 1941.
5) Quellen und Untersuchungen zur lateinischen Philologie des Mittelalters,
3. Bd., 3. Heft (München 1908) 25, 29. Ähnlich 72 Tage dauernd
bei Durandus Rationale divin. lib. 8, cap. 4 (Ausgabe 1672) p. 475.
6) Zeitschrift für Österreichische Volkskunde 9 (1903), 236.
7) Drechsler 1, 148.
8) Birlinger Aus Schwaben 1, 390.
9) John Westböhmen 2 263; John Erzgebirge
210.
10) SAVk. 12 (1908), 151.
11) SchwVk. 4, 11.
12) Meyers Konv-Lexikon, a. a. O.
13) Hmtg. i (1919/20), 189.
14) Gundel de stell. appell. 46.
15) Leoprechting Lechrain 189. Vgl. auch oben 1, 822 ff.
16) Liebrecht Zur Volkskunde 337.
17) SchwVk. 10, 34.
18) SAVk. 12 (1908), 151.
19) SchwVk. 10, 32. Vgl. ZfVk. 17 (1907), 453; Fogel Pennsylvania
260 Nr. 1359.
20) Sartori Sitte und Brauch 3, 238 ff.
21) Fogel Pennsylvania 343 Nr. 1833.
22) Ebd. 342 Nr. 1822.
23) Ebd. Nr. 1823; 279 Nr. 1466.
24) Birlinger Volkst. 1, 139.
25) Kulin und Schwartz 400 Nr. 115.
26) DWb. 4, 2 (1877), 1941.
27) ZföVk. 9 (1903), 236; Leoprechting Lechrain 189.
28) SchwVk. 4, 12.
29) Gundel de stell. appell. 40. 46 f.
30) Wuttkc 368 § 558 (Thüringen); John Erzgebirge 210;
Höhn Hochzeit 2 (1.).
31) Wuttke 85 § 102.
32) John Erzgebirge 210.
33) (Keller) Grab des Aberglaubens 4, 48; Grimm Mythologie
3, 471 Nr. 969.
34) Fogel Pennsylvania 202 Nr. 1001.
35) Drechsler 1, 148.
36) z. B. Kalender des deutschen Kulturverbandes 1925 (Prag) 32.
37) Gundel de stell. appell. 45.
38) Urquell 6 (1896), 16.
39) Leoprechting Lechrain 189; vgl. Gundel Sterne (1922) 233.
40) SAVk. 12 (1908), 20; Vgl. SchwVk. 4, 11.
41) Fogel Pennsylvania 229 Nr. 1175.
42) Drechsler 1, 148; John Westböhmen 2 90; Reinsberg Wetter
152.
43) John Westböhmen 2 90.
44) Reinsberg Wetter 156 1 (Holland und Flamland).
45) Drechsler 1, 148.
46) Leoprechting Lechrain 151.
47) Gundel de stell. appell. 43.
48) Ebd. 42 Anm.
49) Meyers Konv-Lexikon 19 (1908), 597.
50) Wuttke 434 § 68o.
51) Gundel de stell. appell. 42 f.
52) Usener Kl. Schr. 4, 35 Anm.; Tötung anderer Tiere zu Fastnacht
vgl. Sartori Sitte und Brauch 3, 144 f.
53) Gunde1 de stell. appell. 42.
54) ZfVk. 9 (1899), 61 ff.
55) Urquell 3 (1892), 202 ff.
56) ZfVk. 4 (1894), 404.
57) Stern Türkei 1, 386.
58) Lütolf Sagen 55 Nr. m.
Jungbauer