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  FRONLEICHNAM

aus: E. Hoffmann-Krayer, H. Bächtold-Stäubli, Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens,
Berlin und Leipzig 1932


1. Das Fronleichnamsfest (Festum corporis Christi) wird am Donnerstag nach Trinitatis begangen. An ihm wird der in der geweihten Hostie gegenwärtige Leib des Herrn gefeiert und in Prozession herumgetragen. Die Feier (Messe und Offizium) ist für die ganze Christenheit von Papst Urban IV. im Jahre 1264 angeordnet und durch das Konzil von Vienne im Jahre 1311 erneuert worden. Die Prozession ist erst später in den verschiedenen Ländern zu verschiedener Zeit hinzugekommen. Im 14. Jh. kamen die vier Stationen auf, an denen die Anfänge der vier Evangelien gelesen werden 1). In Deutschland ist die Fronleichnamprozession sofort nach ihrer Einführung zur Flur- und Wetterprozession geworden 2). Sie bewegt sich durch die Felder, wo nach den vier Himmelsrichtungen vier Altäre erbaut sind. Maibäume werden aufgepflanzt 3) und umritten 4). In Reval nahm der Maigraf an der Prozession teil 5). In vielen Gegenden der Steiermark hat am Fronleichnamstage jedes Mädchen die Pflicht, mit einem naturgrünen Kranze auf dem Haupte zur Kirche zu gehen und so vor der ganzen Gemeinde ein erneutes Zeugnis seiner Jungfräulichkeit abzulegen 5). - Für alles, was nicht mit der kirchlichen Feier unmittelbar zusammenhängt, hat das Volk in Süddeutschland die Bezeichnung Antlaß, auch der Tag selbst heißt Antlaßtag, die acht Tage dauernde Festzeit die Antlaß oder im Antlaß 7).


1) Kellner Heortologie 91 ff.; A1bers Das Jahr 234 ff.
2) Franz Benediktionen 2, 72 ff. 106 f.; vgl. Rochho1z Naturmythen 273; Sartori Sitte 3, 219.
3) Sartori 3, 220.
4) Knuchel Umwandlung 92.
5) Mannhardt 1, 371. 381.
6) Rosegger Steiermark 252.
7) Leoprechting Lechrain 187; Hörmann Volksleben 107. In der Schweiz "Ablaßtag": Niderberger Unterwalden 3, 398.

2. Fronleichnam ist ein wahrer Kinderfesttag. Säuglinge und kleine Kinder, die dazu mitgenommen werden, gedeihen gut 8). Wenn man mit ihnen alle vier Segensstätten besucht, sind sie vor einem unnatürlichen Tode sicher, auch sagt man, solche Kinder ertränkten sich nicht 9). In badischen Orten stellt man das Kind nach dem Umgang auf die Stelle eines Altärchens, wo beim Segen das Allerheiligste gestanden hat, damit es gehen lerne; es ist, als ob die kirchliche Wandlung oder die Prozession das Kind zum Gehen mit sich fortreißen solle 10). In Endingen am Kaiserstuhl bringt man auf die Altäre Wein und Äpfel, die nach der Prozession an die Kinder verschenkt werden, damit sie gesund bleiben 11). Bei den Tschechen läßt man Rosen und andre Pflanzen in der Kirche weihen und legt sie dann den Kindern in ihr Bettchen 12).


8) John Westböhmen 83. 109.
9) Baumgarten Jahr 26.
10) Meyer Baden 51.
11) Ebd. 506.
12) Tetzner Slawen 259.


3. Das Laub, die Kränze und Blumen, die an den Altären angebracht und dort geweiht sind, sowie die geweihten Birken und Tannenreiser, die sonst bei dem Feste zur Verwendung gekommen sind, bewahrt man auf und benutzt sie zu allerlei magischen Zwecken 13). Man hängt sie über Türen und Bildern auf, um böse Geister fernzuhalten 14) und legt sie, zu Kränzlein geflochten, gegen Druden unter den Strohsack 15). Auch ein geweihter, getrockneter, zu Pulver zerriebener und dann in ein Feuer aus neunerlei Holz gestreuter Kranz aus fünferlei Blumen hilft gegen Behexung1s). Die zerrissenen Kränze werden auch über die Felder geworfen, damit diesen kein "Durchschnitt" oder sonst eine Bosheit widerfahre 17). Die geweihten Zweige steckt man auf die Felder 18) und auf die Kohlbeete gegen Ungeziefer 19). Die Blumensträuße legt man bei drohendem Unwetter in die Glut, damit der Rauch etwaiges Unglück abwende (Unterkrain) 20). Kränze und Maien hängt man vor das Kammerfenster, hinter die Kruzifixe und Heiligenbilder oder aufs Dach gegen den Blitzschlag 21). Auch bei Viehkrankheiten verbrennt man Zweige von den Altären und leitet den Rauch unter den Leib des Tieres 22). Das vor der Prozession gestreute Gras kommt teils über die Stalltür, teils ins Viehfutter 23). Das Stallvieh erhält einige Blätter vom Fronleichnamskranzel 24). Der Hütbub benutzt beim ersten Austrieb einen Geißelstecken von ein Fronleichnamsbirke 25). In Beuthen werden am letzten Tage in der Fronleichnamsoktave Kränze und Sträuße aus neunerlei Kräutern geweiht und in der Vieh- und Feldwirtschaft zu allerlei Schutz- und Heilzwecken verwendet; auch Reisig gegen Gewitter 28). Auch bei den Kaschuben werden am Schlusse der Fronleichnamsoktave Kränzchen von Mauerpfeffer und Feldthymian geweiht 27). Mit Fronleichnamsreisern, Altarkränzen und Wachsresten räuchert man gegen Zahnschmerzen 28). In Neuburgweier stellte man einen mit verschiedenen Kräutern gefüllten Korb an jeden Altar. Hatte der Geistliche diesen verlassen, so drängte alles zum Korb, um sich aus den Kräutern ein Sträußchen zu machen,- das bei der Ernte in die erste Garbe gebunden wurde 29). Auch die von den "Engeln" gestreuten Blumen sucht man zu bekommen 30). In Oberösterreich werden die Fronleichnamkränze, die man an der Sonne gedörrt hat, am Johannistage zerrieben und ins Feuer geworfen oder auch damit geräuchert 31).


13) Sartori Sitte 3, 220.
14) Knoop Posen 332 (103).
15) Pol1inger Landshut 215.
16) Grohmann 201 (1412).
17) Leoprechting Lechrain 188.
18) John Westböhmen 83; Knoop 331 (102).
19) Knoop 331 (102).
20) ZföVk. 4, 150. Man ist auch der Meinung, durch die am Fronleichnamtage üblichen Böllerschüsse müsse sich das Gewölk zerteilen: Reiser Allgäu 2, 357.
21) Leoprechting Lechrain 188.; Po11inger Landshut 125; Birlinger Volksth. 1, 195; Zingerle Tirol 166 (1380); John Westb. 83; Sepp Religion 194.
22) John Westb. 83.
23) Ebd. 208.
24) Schramek Böhmerwald 241.
25) John Westb. 211.
26) Drechsler 1, 133.
27) Seefried-Gulgowski 176.
28) Drechsler 2, 300.
29) Meyer Baden 506.
30) Baumgarten Jahr 26.
31) Ebd. 28.

4. Auch einige nicht zum Prozessionsschmuck verwendete Pflanzen haben an Fronleichnam besondere Kraft. Wer einen Vierklee findet, während bei der Prozession das Evangelium des Johannes gesungen wird, kann damit allerlei Zauberkünste treiben 32). Wenn man einem unschuldigen Kinde einen Vierklee in die Haare zopft, sieht es alle Hexen 33). Die blaue Kornblume, auf Fronleichnamtag mit der Wurzel ausgerissen, stillt Nasenbluten, wenn man sie in der Hand hält, bis sie warm wird 34). Doch darf man in der Antlaßzeit (Fronleichnamswoche) nicht Pflanzen stoßen, weil sie nicht gedeihen würden 35). Die letzten Sommerrettiche aber sät man an Fronleichnam 36).


32) Zingerle Tirol 166 (1379),
33) Ebd. 107 (920).
34) Grimm Myth. 3, 439 (130: Chemnitzer Rockenphilosophie); Bartsch Mecklenburg 2, 284 f.
35) Pollinger Landshut 231.
36) Eberhardt Landwirtschaft 3.

5. Die Bienen, die an Fronleichnam schwärmen, sind die vorzüglichsten 37). Man sagt, sie bauten dann eine Monstranz, dagegen am Johannistage nur einen Kelch (das schöne Wetter auf Fronleichnam verspricht reichlicheren Honigertrag als ein schöner Johannistag) 38).


37) Meyer Baden 415.
38) Wrede Rhein. Volkskunde 124; vgl. Schell Bergische Sagen 521 (55); Sébillot Folk-Lore 3, 317.


6. Wenn es an Fronleichnam auf die bestreuten Prozessionsstraßen regnet, dann wird jeder Tag im Heuet naß 39). Wird die Streu, womit der Boden bestreut ist, dürr, dann kommt auch das Heu gut herein 40). Ist's um Fronleichnamstag klar, So bedeutet's Gutes ohn' alle Gefahr 41).

39) Birlinger Aus Schwaben 1, 388.
40) Leoprechting Lechrain 188.
41)Reiterer Ennstalerisch 55.

Einiges Unheimliche, das der Fronleichnamtag aufweist, ist wohl von anderswoher, namentlich vom Johannistage, auf ihn übertragen. Wer im Neckar badet, ertrinkt 42). Einen Mann, der beim Holzhacken zu Tode gefallen war, hört man auch nachher noch Holz hacken 43). Der Bilmesschneider geht während des kirchlichen Umganges 44). Der Alpgeist zeigt sich 45); ebenso das Schatzfräulein im Bühelstein auf zwölf Sekunden 46). Holzdiebe werden durch Schlangen erschreckt 47). Am Vorabend vom Avemarialäuten bis Mitternacht geht die wilde Jagd um 48).


42) Höhn Tod 312.
43) Bohnenberger 9.
44) Schönwerth Oberpfalz 1,430.
45) Reiser Allgäu 1, 63.
46) Schöppner Sagen 2, 54.
47) Kühnau Sagen 2, 385 f.
48) ZfVk. 8, 442 (Steiermark).


Sartori.