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  Fastenzeit
aus: E. Hoffmann-Krayer, H. Bächtold-Stäubli, Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens,
Berlin und Leipzig 1932



1. Ein nach dem Vorbilde Jesu vierzigtägiges Fasten vor Ostern, die sog. Quadragese, hat die römische Kirche seit dem 4. Jh. Es sollte eine Zeit der inneren Reinigung und Heiligung und eine Vorbereitung auf eine würdige Osterfeier sein. Den Anfang bildet der Aschermittwoch (s. d.).

Für das Fasten genügt nicht die völlige Enthaltung von Speise und Trank während einer bestimmten Zeit - auf Island durfte während der ganzen Fastenzeit das Wort Fleisch (kjöt) nicht einmal genannt werden - sondern es gehört auch noch dazu, daß die Speisen, die in den erlaubten Zwischenzeiten zur Fristung des Lebens genossen werden, von geringer und einfacher Beschaffenheit seien. Fische, Mehlspeisen und Gemüse sind jetzt die gewöhnlichsten. Erst 1491 wurden Milch- und Butterspeisen, noch später der Genuß von Eiern erlaubt. In den ältesten christlichen Zeiten bestand die Fastenspeise bloß in Wasser und Mehlbrei. Auch für die christlich-germanische Fastenzeit bildete das Fastenmus eine Besonderheit. Unter den Gebäcken spielen namentlich die Bretzel (s. d.) eine Rolle. Übrigens konnte durch Geld und Gebete das Fasten abgekauft werden.
Neben der Enthaltung von Speise und Trank treten andere Verbote auFastenzeit Man soll vor allem nicht heiraten, denn „Fastenbrüt deit selten gut", und die Freier, die in der Faste kommen, werden madig, d. h. es wird nichts aus der Heirat. Ungern zieht man in eine neue Wohnung ein. Wer Betten frisch überzieht, dem zieht der Schinder das Fell ab. Das Entwöhnen der Kinder ist schädlich, weil ihr Hunger dann kaum zu stillen ist.
Dagegen soll man viel beten. In der Eifel nahm man an den Sonntagen nach der Andacht noch besondere Betgänge auf sich, und Männer in rauhen Säcken („Habitmänner"), mit schweren Kreuzen beladen, schritten in der Mitte des Zuges. In Tirol und Steiermark besucht man gern die Fastenkrippen und die Kalvarienberge und vergnügt sich daran, bei den Stationsbildern, die Christus in den Händen der steinigenden Juden darstellen, diese zu verstümmeln oder zu verunreinigen.


2. Die Fastenzeit ist eine Geisterzeit (vgl. auch Fronfasten). Gespensterpudel, weiße Frau, Totenwagen, Feuermann, Drache und sonstiger Spuk gehen um. In Schlesien treiben diese Gestalten außer in der Fastenzeit gewöhnlich auch im Advent ihr Wesen. Im Querfurter Schlosse spukt ein Mönch, bei Nebra a. Unstrut die Schlüsselkathrine. Bei den Mährern ziehen Schimmelreiter und Erbsenbär mit ihrem Gefolge herum. Die gewaltsame Entfernung einer Strohpuppe findet an einigen Orten an einem Sonntage in der Fastenzeit statt. In Halberstadt wanderte ein menschlicher Sündenbock, Adam genannt, von Aschermittwoch bis Gründonnerstag mit nackten Füßen durch die Kirchen.


3. Wie das Wetter an den ersten vier Freitagen in den Fasten, die Fastnachtswoche mitgerechnet, so ist es auch in den vier Jahreszeiten. Auch an den Quatembertagen (Mittwoch, Freitag und Samstag der ersten Fastenwoche) wird von den Landleuten fleißig auf das Wetter geachtet. Wie an diesen Tagen, so wird es sich im kommenden Frühling oder durch fünf Wochen gestalten.


4. Mit dem Ausläuten (in Westfalen bereits am Mittwoch vor Ostern) wurde „der Faste der Hals gebrochen" oder „abgeläutet". In Winterberg stürzte man dabei eine Katze vom Turm; in Selfkant und Limburg wurde „de Vauste utgebrannt" durch das vom Priester aus dem Steine geschlagene Osterfeuer an der Kirchentür. So ernst die Fastenzeit ist, und so nachdrücklich die Kirche diesen Ernst einzuschärfen sucht, - in den Volksbräuchen setzt sich die Fröhlichkeit der Fastnacht noch eine Zeitlang über den Aschermittwoch hinaus fort. Der Donnerstag und der Freitag nach diesem führen noch besondere Bezeichnungen. Der Sonnabend vor dem ersten Fastensonntag heißt in Böhmen „Fuchssonntag". An ihm hängen die Eltern ihren Kindern Bretzeln in die Bäume und sagen, der Fuchs hätte sie gebracht. - Über die weiteren Haupttage der Fastens. Invocavit (Funkensonntag), Laetare, Judica.

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