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Brunnen

aus: E. Hoffmann-Krayer, H. Bächtold-Stäubli, Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens,
Berlin und Leipzig 1932

1. Abgrenzung des Gebiets.
2. Heilende und wunderbare Kraft.
3. Wunderbare Spenden.
4. Weissagung.
5. Schädliche Wirkung.
6. Dämonen und Gottheiten.
7. Heilige.
8. Eingang in die Unterwelt und Hölle.
9. Entstehungssagen.
10. Kultische Bräuche und Verehrung.

1. Abgrenzung des Gebiets.

"Brunnen" bedeutet im Deutschen sowohl die Quelle 1) als die künstlich gefaßte oder mechanisch erschlossene Wasserader. Wenn seit dem 16. Jh. in der nhd. Schriftsprache "Quelle" und "Brunnen" geschieden werden, so ist das nie volkstümlich geworden; wir betrachten daher beide gemeinsam. Anderseits ist "Brunnen" ein Teil des Gebietes "Wasser" und berührt sich somit vielfach mit "Meer", "See", "Teich", "Strom", "Fluß", "Bach" (siehe dort). Wir haben hier in erster Linie von dem Glauben zu reden, der sich an die Quelle als den Ursprung des Wassers und den Brunnen als wichtigen Teil einer Siedlung knüpft.

1) Jakob Grimm, Deutsche Mythologie. 3, 550; DWb. 2, 433 f.

2. Heilende und wunderbare Kraft.

Der Glaube an die Heilkraft des Brunnenwassers knüpft sich an natürliche Beobachtungen: das Wasser reinigt, der Trunk frischen Quellwassers erquickt, manche Quelle (Mineralquelle) bietet heilende Bäder und heilenden Trunk. Somit sind es meist ganz bestimmte Brunnen, denen man diese Kraft zuschreibt. Das Volk glaubt jedoch öfters an die Heilkraft des Brunnenwassers überhaupt zu bestimmten heiligen Zeiten, besonders zu Beginn eines neuen Abschnittes, an Neujahr, an den beiden Sonnwendfesten (Johannis und Weihnachten), am 1. Mai, an Fastnacht (siehe auch Osterwasser, Pfingstwasser), oder an den Tagen bestimmter Heiliger, an Peter und Paul, am Maria-Magdalenentag, an Jakobi, im Allgäu auch am Mange-(Magnus-)tag (6. September 2)). "Wasser, zu heiliger Zeit, mitternachts, vor Sonnenaufgang, in feierlicher Stille geschöpft, führt noch späterhin den Namen heil(a)wâc, heilwæge" (siehe dort) 3). Das Wasser ist da am heilkräftigsten, wo es unmittelbar aus dem Schoß der Mutter Erde hervorquillt; besonders wird dies von fließendem Brunnenwasser betont 4). Bestimmte Brunnen helfen gegen bestimmte Krankheiten: gegen Fieber5) (vereinzelt heilt Fieber dasselbe Brunnenwasser, durch das man es sich zugezogen hat) 6), Lausweh, Zahnweh, Reißen im Kopf 7), Augenleiden 8), Hundebiß 9), Sommersprossen 10), Kröpfe 11), den weißen Fluß der Frauen 12), Unfruchtbarkeit der Frauen 13); sie schaffen Kindbetterinnen Erleichterung 14), sind gut für kranke Kinder 15); das Hänschesbörnchen bei Vadenrod (Hessen) verhilft zu besonderer Schlauheit 16). Der Gesundbrunnen bei Dünschenberg (Mecklenburg) tat den Ärzten solchen Abbruch, daß sie einen Schäfer zwangen, seinen Hund hineinzuwerfen; die Heilkraft des Wassers hörte auf 17). Der Brunnen, der aus der mütterlichen Erde hervorquillt, liefert auch die kleinen Kinder (siehe Kinderbrunnen).

2) Reiser Allgäu 2, 165.
3) Jakob Grimm, Deutsche Mythologie. 3, 551.
4) Sittewald Aberglauben 804
5) Grohmann 163; Meyer Baden 41; Birlinger Aus Schwaben 1, 192; ZfVk. 5, 212.
6) Hovorka und Kronfeld 2, 335.
7) Ebd.
8) SAVk. 8, 146.
9) Sébillot Folk-Lore 2, 245.
10) Rochholz Drei Gaugöttinnen 60 f.
11) Panzer Beitrag 2, 295.
12) Wolf Beiträge 2, 186 f.
13) Weinhold Quellen 25; ZfrwVk 1905, 249; HessBl. 16, 7.
14) Köhler Voigtland 366.
15) Rochholz a.a.O. 60.
16) HessBl. 16, 8.
17) Bartsch Mecklenburg 1, 357.

3. Wunderbare Spenden.

Aber der Brunnen gibt nicht nur gewöhnliches Wasser. Im Kalotaszeger Bezirk holen sich die Mädchen in der Dämmerung am Brunnen "goldenes" Wasser. Wer sich damit wäscht, wird schön. Aber der Neid gönnt diese Gabe den Genossinnen nicht: die erste, die dort ist, wirft Spreu hinein, so daß die andern kein goldenes Wasser bekommen können 18). Die Tatsache, daß in manchen Landstädten beim Empfang des neuen Landesfürsten aus dem Marktbrunnen Wein floß, ließ den Wunsch entstehen, der Brunnen möge dieses edle Naß selbsttätig spenden. So schöpft man Wein aus dem Brunnen, wenn man nicht hineinsieht, in der Christnacht 19) oder in der Osternacht um 12 Uhr 20) (siehe Wasser und Wein). Aus dem Brunnen der heiligen Hunna im Elsaß floß in einem armen Jahre aus allen Röhren Wein 21) (auch das Märchen kennt einen Marktbrunnen, aus dem Wein fließt) 22). Einen Milchbrunnen. kennt das Elsaß 23). Aus einem Brunnen bei Cronweißenburg quoll "Karchsalb" und Wagenschmiere 24).

18) ZfVk. 4, 319.
19) Sittewald Aberglaube 804; Drechsler 1, 23; Kapff Festgebräuche 9 Nr. 2.
20) HessBl. 16, 8,
21) Wolf Beilr. 2, 5.
22) Grimm KHM. 29.
23) Stöber Elsaß 1, 38 Nr. 57.
24) E. L. Rochholz Schweizersagen aus dem Aargau. Aargau 1856. 2, 242.

4. Weissagung.

Neben diesem; Wunderbaren haftet dem Brunnen noch manch Geheimnisvolles an: er wirft das Spiegelbild zurück, und in der Dunkelheit scheint; es oft ein anderes zu sein; er führt hinab in das Reich der Unterirdischen (siehe 8); er versiegt plötzlich oder läuft über, oder die Quelle ändert ihren Lauf: deshalb schreibt man ihm die Gabe der Weissagung zu. 731 verbot Papst Gregor III. in seinem Erlaß an die Fürsten und an das Volk der germanischen Provinz die fontium auguria 25). Durch Trinken erfährt man die Zukunft: wer in der Weihnachtszeit während des Zusammenläutens der ersten Messe an drei Brunnen unangeredet trinkt, aber noch während des Läutens in die Kirche kommt und über die rechte Achsel zurückschaut, sieht sein Zukünftiges (Wolperdingen bei St. Blasien), und Heiratslustige trinken aus einem Brunnen Wasser und warten bei der Kirchtüre: wer zuerst herauskommt, ist Braut oder Bräutigam 26). In der Westschweiz muß ein Bursche aus 7, 9 oder 11 Brunnen je drei Schluck Wasser trinken, im Simmental muß dies zwischen 11 und 12 Uhr nachts geschehen, im Emmental dürfen dabei keine Brunnenleitungen, überschritten werden: dann sieht er die ihm bestimmte Frau vor der Kirchentür stehen 27). - Die Eisfiguren des gefrorenen Wassers, in einem Geschirr aus 3 oder 7 laufenden Brunnen beim Betzeitläuten des heiligen Abends geholt und unter die Dachtraufe gestellt, zeigen am Schluß der Engelmesse anderen Tages den Stand des Zukünftigen 28). In Böhmen wirft man in der Karwoche Kreuzchen aus Zweigen geschnitzt in den Brunnen, um die Zukunft zu erraten 29). - Ein anderes Mittel ist das Brunnensehen. Dem Mädchen zeigt sich so der Zukünftige am heiligen Abend 30), in der Neujahrsnacht 31), am Silvesterabend (es muß sich aber mit einem Brautschleier und einem Licht, das bei einer Trauung gebrannt hat, ausrüsten), am Andreasabend in der Dämmerung 32), in der Andreasnacht um 12 Uhr (es sieht aber zugleich den Teufel) 33), im Elsaß in gewissen Brunnen zwischen 11 und 12 Uhr 34). Wenn man an 11 Brunnen Wasser trinkt, dabei aber jedesmal rücklings zum Brunnen tritt, erscheint beim 11. Brunnen das Bild des Zukünftigen 35). Wäscht sich das Mädchen zwischen 11 und 12 Uhr nachts an drei Morgenbrunnen (die nach Morgen fließen), dann steht er an der Kirchentür mit einem Tüchel in der Hand, sie abzutrocknen 36). Zuweilen erfährt man auch anderes, wenn man in den Brunnen sieht. Eine Weibsperson, die in den Brunnen sah, hörte Musik, weinen, lachen, "und noch anderes muß sie gesehen und gehört haben, weil sie ganz blaß und krank in die Stube zurückkam" 37). - Weit verbreitet, besonders in Oberdeutschland, sind die Hungerbrunnen: sie fließen nur dann, wenn ein unfruchtbares Jahr bevorsteht 38). Seltener zeigt ein Brunnen, der ganz voll ist, ein fruchtbares Jahr an 39). - Den Tod verkündet der Brunnen eines adligen Stammhauses in Franken: wenn jemand aus dem Geschlecht sterben soll, versiegt auf einige Wochen sein Wasser 40); bei einem andern fränkischen Geschlecht wird bei bevorstehendem Todesfall der Quell durch einen unbekannten Wurm getrübt 41). Verlangt ein Kranker nach Wasser aus dem Ehlborn zu Gambach (Hessen), so ist dies ein Zeichen des nahen Todes 42). Verändert der Brunnen seinen Lauf, so wird bald eine große Schlacht im Lande geschlagen 43). - Über die unmittelbare Weissagung des Brunnengeistes siehe 6 (siehe auch "Wasserorakel").

25) Weinhold Quellen 28.
26) Meyer Baden 199.
27) SchwVk. 3, 88.
28) Meyer a. a. O. 199.
29) Grohmann 49.
30) ZföVk. 4, 146.
31) Bartsch Mecklenburg 2, 238.
32) Hovorka und Kronfeld 2, 177.
33) Meier Schwaben 2, 454.
34) Urquell NF. 1, 71.
35) SAVk. 8, 267 f.
36) ZfVk. 8, 250.
37) Theodor Vernaleken Mythen und Bräuche des Volkes in Österreich. Wien 1859. 346.
38) Jakob Grimm, Deutsche Mythologie.3 557 f.; Birlinger Volksth. 1, 141; Lammert 47 f.; Reiser Allgäu 1, 236; Meier Schwaben 1, 262.
39) Ebd. 1, 263.
40) Grimm Sagen Nr. 104.
41) Lammert 47.
42) HessBl. 16, 22.
43) Rein Brunnen im Volksglauben 122.

5. Schädliche Wirkung.

Aber auch Unheil kann der Brunnen bringen. Hier sind ebenfalls wieder natürliche Beobachtungen der Ausgangspunkt: ein kalter Trunk schädigt den erhitzten Menschen, mancher Brunnen hat ungesundes Wasser, verunreinigte Brunnen bringen Krankheit; der überlaufende Brunnen richtet Schaden an, mancher hat durch Sturz in den Brunnen sein Ende genommen. Vor fremdem Wasser (in anderen Dörfern) soll man sich in acht nehmen, es verursacht leicht Krankheiten, besonders Hautausschlag; wer aus dem Krockeborn bei Allmenrod (Hessen) trinkt, bekommt Grinder 44), wer aus dem Kropfbrunnen bei Grieningen (Bayern) trinkt, einen Kropf 45). Das Vieh erkrankt, wenn man an Sonntagen den Brunnentrog auswäscht 46). Die Hühner vertragen die Eier, wenn die Hausfrau an Fastnacht zum Brunnen geht 47). Unglück in der Familie ruft es hervor, wird am ersten Weihnachtstage und Neujahr Wasser aus dem Brunnen geholt 48). Tödlich wirkt die Berührung des schwarzen Wassers eines Brunnens am Fuße des Radelsteins in Böhmen; an heißen Tagen kommt dichter Nebel aus ihm hervor, und daraus entsteht Hagel und Unwetter 49). Über einen Brunnen darf man kein Haus bauen, da sonst bald jemand darin stirbt 50). Die letzten Beispiele führen uns schon zum Glauben an den Brunnendämon (siehe 6.).

44) HessBl. 7 f.
45) Panzer Beitrag 2, 295.
46) SAVk. 21 (1917), 42.
47) Wuttke 83 § 98.
48) Bartsch Mecklenburg 2, 314.
49) Jos. Virgil Grohmann, Sagen aus Böhmen. Prag 1863 (= Sagen-Buch aus Böhmen, 1. Theil) 253.
50) Urquell 1, 9.

6. Dämonen und Gottheiten.

Diese wunderbaren Eigenschaften, die dem Brunnen anhaften, die guten wie die bösen, haben schon in alter Zeit den Glauben an im Brunnen waltende Wesen veranlaßt. Die Brunnendämonen vermischen sich jedoch vielfach mit anderen: Wasserfrauen, die die Menschen besuchen und ihnen helfen, aber vor 12 Uhr zu Hause sein müssen, Wassermänner, die die Menschen schrecken und zu sich hinabziehen [der "Hakenmann" zieht Kinder mit einem Haken hinunter); solche, die auf dreimaligen Anruf das Wasser überlaufen lassen und der rufenden Person den Tod bringen, sind für den Brunnen nicht bezeichnend (siehe Wassereiben, Wasserfräulein, Wassergeist, Wassermann). Häufig herrscht hier auch die Vorstellung, daß Seen, Flüsse und Brunnen durch unterirdische Gänge miteinander verbunden sind, so daß der Brunnen für den Wassergeist nur ein Ausgang zur Oberwelt ist (vgl. Mörikes "Historie von der schönen Lau"). Die Tatsache spielt mit herein, daß von manchen Brunnen unterirdische Gänge ihren Anfang nehmen. - Andere Brunnendämonen sind unterirdische Gottheiten, da der Brunnen der Eingang zur Unterwelt ist (siehe 8). Besonders deutlich wird dies bei Holda oder Holla (siehe dort), in deren unterirdisches Reich es durch den Brunnen geht und die auch Kinder schenkt (siehe "Kinderbrunnen"). Bei Frischborn (Hessen) heißt ein Brunnen "Frau-Rolle-Loch" (entstellt aus ,,Frau-Holle-Loch") 51). Zum Wesen der Unterirdischen paßt auch das Weissagen der Brunnengeister 52) (und der Wassergeister überhaupt, vgl. Hagen und die Meerfrauen im Nibelungenlied). - Und schließlich vermengen sich die Brunnengeister öfters mit verwünschten Gestalten. Manchmal hüten sie auch Schätze, die schwer zu heben sind. Veranlassung zu diesem Glauben mögen mancherlei Funde gegeben haben; in Kriegszeiten wurde Geld und Gut, mitunter auch die Kirchturmglocke in Brunnen und Seen versenkt (siehe Schatz, Glocke). - Die Brunnengottheiten sind, dem nährenden, reinigenden und heiligenden Wesen des Wassers entsprechend, meist weiblich 53). Die badenden Jungfrauen sind ein Zeichen für gutes Heuwetter, d. h. die Nebel und Wolken haben sich gesenkt. Während diese auch an Flüssen und Seen zu Hause sind, gehören die waschenden Jungfrauen vielleicht enger zum Brunnen "Die Handlung des Waschens selbst dieser geisterhaften Weiber ist von dem Plätschern des Wassers abgeleitet" 54). Der Nebel veranlaßt wieder die Vorstellung, daß sie ihre Leinenwäsche an den Nußhecken trocknen, wie beim Seileborn am Roteberg (Hessen) 55). - Altertümliche Brunnengeister sind Tiere im Brunnen, Kröte, Krebs, Forelle u. a., die den Brunnen rein halten 56); giftige Dünste, die dem Brunnen entsteigen, kommen von einem giftspeienden Lindwurm 57) (siehe Lindwurm; vgl. auch die Kröte im Brunnen bei Grimm KHM. 29). - Böse Brunnengeister sind auch die Frauen im Brunnen in der Gegend von Merklin (Böhmen), die Fieber über die Menschen bringen. Will man sich davon befreien, so muß man das ausgezogene Hemd zu einer bestimmten Stunde der Nacht über das Dach werfen; gelingt dies auf den ersten Wurf, ist man fieberfrei, muß der Wurf wiederholt werden, so verliert sich das Fieber erst nach einiger Zeit. Man darf sich aber inzwischen nicht nachts im Freien blicken lassen, denn der Geist lauert einem auf, um sich zu rächen (beruht auf der Erfahrung, daß der Aufenthalt abends im Freien in Sumpfgegenden gefährlich ist) 58). - In manchen Gegenden nimmt es der Brunnengeist übel, wenn man in den Brunnen hineinblickt; er zieht einen hinunter 59), bedeckt einen mit einem Ausschlag oder schlägt einen über den Kopf 60); wer in Trachenberg (Schlesien) in der Christnacht um 12 Uhr in den Brunnen sieht, wird von den Nixen hinabgezogen 61). Erwähnt sei hier noch der Mimirsbrunnen der Edda, wiewohl es fraglich bleiben muß, wie viel davon auf alten Volksglauben zurückgeht.

51) HessBl. 16, 22.
52) Weinhold Quellen 28 f..
53) Ebd. 17.
54) Ebd. 22.
55) HessBl. 16, 35.
56) Ebd. 8 f.
57) Panzer Beitrag 1, 233 f. Andere solche Tiere: Weinhold a. a. O. 25; Basilisk: Mailly Niederösterreich 27 Nr. 61.
58) Hovorka und Kronfeld 2, 330.
59) Müller Siebenbürgen 34 f.
60) SAVk. 25, 50.
61) Drechsler 1, 23.

7. Heilige.

Die christliche Kirche konnte diesen Brunnendämonen gegenüber zweierlei Stellung einnehmen: sie konnte sie bekämpfen oder durch Heilige ersetzen. Der heilige Remaclus vertrieb ein heidnisches Wasserweib aus einem Brunnen 62). Meist ließ sich aber das Volk seine Brunnengeister nicht nehmen, und so treffen wir zahlreiche Brunnenheilige, den heidnischen Brunnenfrauen entsprechend meist heilige Jungfrauen 63), neben bekannten Heiligen wie Hedwig, Walburgis und anderen zuweilen "drei Jungfrauen" 64). Hier liegt die Beziehung nahe zu den drei Schicksalsschwestern, die am Brunnen spinnen (vgl. auch die drei Nomen der Edda an Mimirs Brunnen). Im Salzburger Land und in Tirol verdrängten die Geistlichen die alten Brunnenheiligen durch die Notre Dame de Lourdes 65). Die Muttergottes gibt Mariabrunn den Namen 66), sie tränkt die mutterlosen Kinder im Milchbrunnen 67), sie sitzt mit dem heiligen Johannes im Brunnen und geigt und spielt mit den Kindern 68).

62) Rochholz Drei Gaugöttinnen 130.
63) ZfVk. II, 201.
63) Grohmann 47; Wolf Beitr. 2, 187.
65) Meyer Baden 533.
66) Wolf Beitr. 2, 415.
67) Stöber Elsaß 1, 38 Nr. 57.
68) Wolf a.a.O. 1, 165.

8. Eingang in die Unterwelt und Hölle.

Die gewaltige, unheimliche Tiefe vieler Brunnen vergrößert die Volksphantasie ins Ungemessene, die christliche Kirche verwandelt das unterirdische Reich, in das sie führen, in die Hölle und die unheimlichen Wesen, die dort weilen und durch den Brunnen heraufkommen, in Teufelsgestalten. Das "Schiffsloch" bei Nieder-Florstadt (Hessen) ist so tief, daß eine Kirche mit ihrem Turm hineingehen soll 69); bei Volkartshain (Hessen) ist ein tiefer Brunnen; die Bauern schütteten einmal hundert Wagen voll Steine hinunter, und man merkte nicht, wo sie hinkamen 70). In Ried bei Petersbrunn (Oberbayern) hat man einen Brunnen so tief gegraben, daß die Arbeiter den Hahn krähen hörten 71), in Graustein hörten die grabenden Arbeiter Gänse schreien 72). Der Escherbrunnen in Kreutzendorf (Schlesien) ließ sich nicht zuschütten, in seiner grundlosen Tiefe sah man alle möglichen Gestalten 73) (siehe auch unergründlich). Namen wie Erdmännlisbronnen 74), Wichtelbrunnen 75), Doggelibrunnen 76) weisen auf die Unterwelt, Teufelsborn heißt ein Brunnen in Zell (Hessen) 77), zahlreiche Brunnen werden als Eingang zur Hölle betrachtet 78). In Holsterschlag in Böhmen entstiegen dem Kellerbrunnen grünröckige Männer mit einem Pferdefuß, also Teufel 79). Der Brunnen erscheint als "helle" in dem mhd. Gedicht "Reinhart Fuchs" 80).

69) HessBl. 16, 10.
70) Ebd. 56.
71) Panzer Beitrag 2, 135.
72) Schulenburg Wendisches Volksthum 168.
73) Richard Kühnau Schlesische Sagen. Leipzig 1910-13. 3 Bände. 3, 304 f.
74) Zimmernsche Chronik 4, 229.
75) Zeitschrift für hessische Geschichte. 7, 210.
76) E. L. Rochholz Schweizersagen aus dem Aargau. Aargau 1856 1, 270.
77) HessBl. 16, 59.
78) Weinhold Quellen 23 f.
79) Grohmann Sagen 167.
80) Altdeutsche Textbibl. 7 V. 910.

9. Entstehungssagen.

Die heilige Scheu, die man vor der Wunderkraft des Brunnenwassers und den Brunnengottheiten und -heiligen empfand, veranlaßte mancherlei Sagen über Entstehung der Brunnen Das Älteste ist vielleicht, daß man sie durch den Blitz des Himmels ins Dasein treten läßt, dann ist es der Speer oder Stab eines Helden oder Heiligen, der die Quelle hervorsprudeln läßt, auch durch Gebet entsteht sie, manchmal auch durch den Hufschlag eines Rosses oder eines anderen Tiers; ein Drache wühlt sie auf, eine Taube läßt einen Tropfen aus dem Schnabel fallen, der den Fels aushöhlt und mit Wasser anfüllt. Meist veranlaßt Wassersnot die Entstehung, mitunter ist sie ein göttliches Zeichen zur Bestätigung einer Tatsache 81). Hervorgerufen sind solche Sagen z. T. wohl auch durch die "Brunnenschmecker" 82); schon die Alten spürten Quellen durch magische Mittel auf; es ist nicht immer die Wünschelrute (siehe dort).

81) Zahlreiche Belege für all diese Sagen bei Weinhold Quellen 4 ff.
82) SAVk. 3, 174.

10. Kultische Bräuche und Verehrung.

Die Heiligkeit des Brunnens veranlaßt verschiedene Bräuche. Die ungeheure Wichtigkeit, die der Brunnen seit alters für Mensch und Vieh, für die ganze Siedlung hat, macht es zur Pflicht, für seine Reinhaltung zu sorgen. Daher finden alljährlich Brunnenreinigungen statt, meist zu Pfingsten oder zu Johannis 83), im schwäbischen Rottenburg am Dienstag nach Trinitatis; dort mußte der zuletzt in die Nachbarschaft Gekommene in den Brunnen steigen und helfen ausputzen; waren mehrere neue Nachbarn da, so wurde gelost, jeder Brunnennachbar stiftete einen Kreuzer, ein Trinkgelage schloß sich an 84). Anderswo tun es die jungen Leute: die Burschen reinigen die Brunnen und streuen Salz hinein, die jungen Mädchen müssen dann mit ihren Schürzen den Burschen die Füße abtrocknen 85). Die Mädchen entfernen mit ihren Händen den Schlamm (in Böhmen 86) und in der Eifel) 87). An den beiden Sonnwenden wird der Brunnen bedeckt, daß ihn der Drache nicht vergifte oder verunreinige 88), auch bei Sonnenfinsternissen, weil während dieser Zeit Gift fällt 89), und bei Mondfinsternissen 90). Weiterhin muß der Brunnen geschützt werden gegen böse Geister, die das Wasser unrein und schädlich machen für Menschen und Vieh, in den Zwölften: man schießt in der Christnacht und Silvesternacht ein Feuergewehr in den Brunnen ab 91). In den synodalen Statuten der Diözese von Meaux heißt es: "Die Quellen sollen durch einen Riegel verschlossen und bewacht werden wegen der Zauberei" 92). Auch Feuerbrände wirft man in der Christnacht in den Brunnen zum Schutz gegen Hexen, oder ein nacktes Mädchen wird hinabgelassen und wirft Stahl und Feuerstein hinein, um das Haus gegen Blitz zu schützen 93). Der Brunnen versiegt, wenn eine "unreine" Frau daraus schöpft: während sie in der Periode ist 94), während der Schwangerschaft 95), in den sechs Wochen nach der Niederkunft 96); im Voigtland muß sie vorher ein kleines Geldstück hineinwerfen 97), andernorts drei Brotrinden 98) oder eine Handvoll Salz 99); das Wasser wird rot, wenn die Wöchnerin schöpft 100), es bekommt Ungeziefer 101), sie selbst wird außerdem lausig 102), das Kind wird ein Bettnässer 103). - "Wer in eine Quelle spuckt, speit dem lieben Gott ins Gesicht" 104). Kinder dürfen keine Steine in den Brunnen werfen, "denn es ist Gottes Auge darin" 105). Auch sonst wird Achtung vor der Heiligkeit des Brunnens verlangt. Wer dem Brunnen in Glotterbad "Wasser" sagte, mußte ein Fuder Wein zahlen 106). Wie vielerorts dem Vieh, wird in Schlesien dem Brunnen der Tod des Hausherrn angesagt 107). Eine neu aufziehende Magd muß in den Brunnen sehen, um recht lange bei der Herrschaft zu bleiben 108). - Dem Brunnendämon müssen Opfer gebracht werden, daß er keinen Schaden anrichtet und weiterhin Gutes spendet. Selten fordert er alljährlich ein Menschenopfer, wie der Brunnen am Mainzer Tor in Friedberg 109); sonst verlangen dies Flußgeister; Gelegentlich haben wir noch die Ablösung des Menschen durch ein Tier 110); wenn der überquellende Brunnen durch ein schwarzes Tier, das hineingeworfen wird, sich beruhigt, klingt wiederum der Glaube an die Unterirdischen an (siehe auch Menschenopfer, Tieropfer, Wasseropfer). Bei der Vernichtung des Heidentums in Böhmen wurden ausdrücklich die Opfer am Brunnen verboten, die man zu Frühlingsbeginn darzubringen pflegte 111). - Die Hauptsorge ist, daß der Brunnen nicht versiege. Deshalb wirft man Geld hinein am heiligen Abend 112) und zur Wintersonnenwende 113), die Wöchnerin tut es beim Kirchgang 114), und wenn sie zum erstenmal zum Brunnen geht 115). Sonst spendet man Speisen. Im Böhmerwald steckt man am Fasttag vor dem Weihnachtsfest Brot in die Brunnenröhre, dann geht das Wasser das ganze Jahr nicht aus 116); in den neugegrabenen Brunnen wirft man Salz 117), ebenso in den Brunnen zur Osterzeit 118), an Weihnachten Salz 119), Brosamen 120), Honig 121), von jeder Speise einen Löffel voll auf einem besonderen Teller 122); auf Käseopfer weisen Namen wie "Käsebrunnen" 123). Teilweise vermischt sich bei diesen Bräuchen die Opferhandlung mit einer Zauberhandlung. - An der Hochzeit wirft bei den Esten die Braut Geld und Bänder in den Brunnen 124), in Bulgarien speit sie eine Münze hinab und schüttet Hirse hinein 125); bei Tauberbischofsheim wirft die Hebamme ein Stück Zucker in den Brunnen, damit die Frau ein Kind bekommt (Kinderbrunnen!). - Auch zwecks Heilung von Krankheit müssen dem Brunnen Opfer gebracht werden: neben Geld häufig Metallgegenstände, besonders gebogene Nadeln, die an die Fibeln erinnern, die den Nymphen geopfert wurden 126), dem Quell des heiligen Quirinus getrocknetes Schweinefleisch gegen Augen- und Hautkrankheiten 127). Bei Krankheiten kommen öfters noch andere Bräuche in Frage. In Unterfranken wird der Fieberkranke zur Ader gelassen, ein reines Tüchlein mit dem Blute benetzt und in den Brunnen gelegt: so wird das Fieber des Kranken gekühlt 128). Hat eine Wöchnerin keine Milch, netzt eine alte Frau ein Weizenkringel des Morgens an drei Brunnen, wobei sie nicht reden darf, damit die badenden Nymphen sie nicht gewahren. Dies Weizengebäck ißt die Wöchnerin, damit ihre Milch fließe wie das Wasser vom Brunnen 129). - Hierher gehören auch die vielen Brunnenwallfahrten und der Umgang um den Brunnen: dreimal (auch sechs-, neun- oder zwölfmal) muß der Brunnen umgangen oder umritten werden von Osten nach Westen 130), drei Vaterunser werden dabei gebetet 131), dreimal wird der Mund dabei voll Wasser genommen. Wer die Wallfahrt in Stellvertretung übernimmt, wäscht sich den Körperteil, an dem der Kranke leidet 132). Die Kranken hängen Kleidungsstücke (wohl die des kranken Körperteils) an Bäume und Büsche und lassen sie zurück 133). - Auch Zaubersprüche werden am Brunnen gesprochen zur Behebung von Krankheiten: gegen Fieber 134), gegen Zahnschmerzen (das Zahnweh soll in den Brunnen fallen) 135); ein krankes Roß wird bespritzt und besprochen 136) (siehe auch Heilzauber). Treibt der Hirt am Pfingsttage zum erstenmal das Vieh auf die Weide, führt er es erst zum Brunnen und schreit ihm ins Ohr: "Kommt wieder nach Haus!" 137). Oder er betet mit abgezogenem Hut am Brunnen 138). - Auch der Dorf- oder Stadtbrunnen wird an vielen Orten umwandelt und umritten (wie die Heilquelle, siehe oben), und zwar an Neujahr, Fastnacht, Pfingsten 139); manchmal auch beim Kirchweihfest 140). Es handelt sich hier um einen Fruchtbarkeitszauber, der - in Oberdeutschland z. T. bis in die Gegenwart - mit der Brunnentauche verbunden ist, einem alten Regenzauber (siehe dort unter Wasserguß). Zwei ledige Burschen oder der jüngstverheiratete Mann mußten am Aschermittwoch in den Marktbrunnen springen, dann rannten sie unter die Menge und küßten einige Mädchen 141). In Scheer und Sigmaringen wurden an Silvester oder am Fastnachtmontag die im letzten Jahre Neuvermählten in den Brunnen getaucht 142). Als Gesellentaufe finden wir den Brauch in Bayern: die freigesagten Gesellen waschen so alle Unarten der Lehrlinge von sich ab 143). Am Aschermittwoch springt der Fastnachtsnarr in den Brunnen (in Waldshut bis 1869 üblich); heute wird vielfach statt dessen eine Strohpuppe verbrannt oder ersäuft (am Montag nach Aschermittwoch geschah dies in Zürich) 144) (siehe Fastnacht begraben); der "Pfingstdreck" in St. Georgen mußte in allen Brunnentrögen ein Bad nehmen. Eine Spur der Brunnentauche hat sich in dem Hildesheimer Maigrafenritt "über den Brunnen" noch erhalten 145). - Ein anderer Fruchtbarkeitszauber ist das Brunnenschmücken. Im Mai 146) oder an Ostern 147) oder an Pfingsten 148) wird der Brunnen mit Blumen und Kränzen geschmückt, ein Baum wird an Neujahr 149) oder am l. Mai auf den Brunnenrand gesteckt 150); mancherorts wird das Vieh am 1. Mai aus dem bekränzten Brunnen getränkt 151). Die Fruchtbarkeit des Baums soll auf den Brunnen übertragen werden, daß das Wasser nicht versiegt (siehe Maien).
- Aus Brunnenreinigen, Brunnentauche und Brunnenschmücken sind somit vielerorts Brunnenfeste entstanden, die heute noch vielfach bestehen, ohne daß die Bräuche noch verstanden werden. Bisweilen finden sie bei der Wahl des neuen Brunnenherrn statt, und das anschließende Gelage, manchmal verbunden mit nachfolgendem Tanz, ist die Hauptsache geworden 152).

83) Weinhold Quellen 34.
84) Birlinger Volhsth. 2, 205.
85) ZfVk 7,93.
86) Grohmann 52.
87) Schmitz Eifel 1, 99.
88) Wolf Beiträge 2, 387.
89) Panzer Beitrag 2, 315; Wuttke 301 Nr. 442; Grohmann 28.
90) Sartori 2,27.
91) Bartsch Mecklenburg 2, 226. 244.
92) Seligmann 1, 237.
93) Wuttke 68 § 78; ZfVk. 4, 402; Sartori 3,232.
94) Birlinger Aus Schwaben 1, 192.
95) Wullke 376 § 571; Höhn Geburt Nr. 4, 258.
96) Panzer a.a.O. 1, 259; Kühnau Sagen 2, 690.
97) Köhler Voigtland 437.
98) Wullke 379 § 576-
99) Drechsler 1, 204 f.
100) HessBl. 16, 28 f.
101) Bohnenberger Nr. 1, 3. 21.
102) Lammert 173.
103) Höhn a.a.O. Nr. 4, 266.
104) Rochholz Drei Gaugöttinnem.31.
105) Wuttke 14 § 12.
106) Meyer Baden 569.
107) Drechsler 1,291.
108) Ebd. 2,149.
109) HessBl. 16, 21.
110) Liebrecht Zur Volttsk. 335.
111) Vgl. Grohmann 74 f.
112) John Erzgebirge 163.
113) Grohmann 50.
114) John a.a.O. 65.
115) Wuttke 293 § 429; Köhler Voigtland 419.
116) Schramek Böhmerwald 114.
117) Sartori 2,27.
118) Birlinger a. a. O. 2, 82.
119) Schramek a.a.O. 116.
120) John Westböhmen 16,
121) Drechsler 1, 40; Sartori 2, 27.
122) Grohmann 50.
123) Sepp Altbayerischer Sagenschatz zur Bereicherung der indogermanischen Mythologie. München 1890. 331; Rochholz a.a.O. 6.
124) Wuttke 292 § 428.
125) Meyer Baden II.
126) Weinhold a.a.O. 60.
127) Ebd. 41.
128) Lammert 198.
129) ZfVk. 4,146.
130) Sébillot 2,245.295; Moore in: FL. 5, 224.
131) Müller Siebenbürgen 216.
132) Sébillot 2,277.
133) Hovorka und Kronfeld 1, 268.
134) Grohmann 163.
135) Wuttke 336 §501.
136) Drechsler 2, 114.
137) Kuhn und Schwartz 389.
138) Meyer Baden 138.
139) Knuchel Umwandlung 90.
140) Mannhardt 1,430.
141) Birlinger Volksth. 2, 30 ff.
142) Mannhardt 1,488.
143) Panzer a. a. O. 1, 229.
144) Theodor Vernaleken Alpensagen. Volksüberlieferungen aus der Schweiz usw. Wien 1858. 364.
145) Mannhardt 1,377.
146) SAVk. 2, 16f. II, 36.
147) Sartori 3, 152.
148) Meyer a. a. O. 157; ZfVk. 14, 421.
149) Mannhardt I, 241.
150) Sartori Sitte und Brauch 3, 70.
151) Meyer a. a. O. 220.
152) Wolf a.a.O. I, 229 f.; NddZfVk. 4, 245 ff.


Hünnerkopf.