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  BAUERNREGELN
aus: E. Hoffmann-Krayer, H. Bächtold-Stäubli, Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens,
Berlin und Leipzig 1932

Bauernregeln nennt man die sich meist auf die Wettervorhersage beziehenden Sprüche des Volksmundes. Meist bei den Kulturnationen vorhanden, fehlen sie auch primitiven Völkern nicht ganz. (Vgl. Hellmann Deutsche Rundschau 1924, 1, 45). Bald gereimt, bald ungereimt, sind die Bauernregeln, deren Kenntnis naturgemäß unter der Landbevölkerung am ausgedehntesten ist, teils auf lokale Witterungserscheinungen gegründet, teils als Traditionsgut aus der Antike übernommen (siehe Bauernpraktik). Soweit die Sprüche antikes Gut bergen, sind sie durch Vermittlung der Kirche in Deutschland verbreitet worden; bekanntlich gehörte es schon frühe zu der Tätigkeit der Mönche, Feld- und Gartenbaukultur zu pflegen. Von diesen meist astrologisch beeinflußten Regeln, die vielfach das Ergebnis eingehender meteorologischer Beobachtungen des Altertums enthalten, sind ganz jene andern Sprüche zu trennen, die aus ungeschulter, naiver Naturbeobachtung des deutschen Volkes hervorgegangen sind und in die sich teilweise noch Relikte der deutschen Mythologie gerettet haben. Heute sind beide Richtungen so stark aneinander angeglichen, daß es unmöglich scheint, die Verbreitungsgebiete einzelner Vorstellungen geographisch gegeneinander abzugrenzen.

Die Form dieser, Bauernregeln genannten, Sprüche ist stets ein Bedingungssatz. Nach den in dem Nebensatz dieser Perioden enthaltenen Bedingungen darf man die Bauernregeln etwa in folgende vier Gruppen gliedern:

1. Astrologische Sprüche.
2. Sprüche, in denen aus der Witterung bestimmter Tage und Monate Aussagen für Ernte usw. gemacht werden.
3. An Windeswehen, Donner und Blitzerscheinungen angeknüpfte Regeln.
4. Weissagungen aus Erscheinungen der Tier- und Pflanzenwelt.

Die unter 1. genannten astrologischen Bauernregeln sind, wie gesagt, zum großen Teil auf antike Einflüsse zurückzuführen, die teils im Gefolge der Christianisierung der Germanen, teils auch mit dem Einzug der Astrologie im 11./12. Jh. in Deutschland Eingang gefunden haben. Besonders müssen hier Vergils Georgica von Einfluß gewesen sein, die Buch 1, 351-463 eine Fülle dieser Vorzeichen enthalten. Die ältesten deutschen Sammlungen solcher Sprüche sind die Bauernpraktik (siehe dort) von 1508 und Reynmanns Wetterbüchlein (siehe dort) von 1510.

Die unter 2. erwähnten Ernteweissagungen aus der Witterung bestimmter Monate und Tage gehören zu den auf lokale Beobachtungen durch die Landbevölkerung zurückgehenden Regeln. Beispiele: a) Monatsregeln: „März trocken, April naß, Mai lustig von beiden was, bringt Korn in'n Sack und Wein ins Faß." „Der Mai kühl, der Brachmonat nicht naß, füllt dem Landmann Speicher, Keller, Kasten und Faß" (Pfalz). b) Wochentagsregeln: „Freitagswetter - Sonntagswetter." „Regnets Sonntags über das Meßbuch, so hat man die ganze Woch' genug" (Eifel). c) Gehören in gewissem Sinne hierher auch die an die Witterung bestimmter Tage im Jahr (sog. Lostage) angeknüpften Regeln. Von Bedeutung sind: a) die Tage von Weihnachten bis Epiphanias, die sog. Zwölften (siehe dort). Der Brauch, aus der Witterung dieser Nächte (in seinem Ursprung scheint er mir noch nicht aufgeklärt) die Witterung der Monate des kommenden Jahres zu erforschen, ist über ganz Europa verbreitet; in Deutschland findet er sich wohl frühestens 1468 erwähnt (in England schon um 1120 bekannt). Mit den Lostagen beschäftigt sich manche Bauernregeln. Ein Beispiel: „Wie sich die Witterung vom Christtag bis hl. Dreikönig verhält, so ist das ganze Jahr bestellt" (Eifel). Vgl. Bauernpraktik. (B) Eine Reihe meist kirchlicher Festtage: Lichtmeß (2. 2.), Mamertus, Pankratius, Servatius (11.-13. 5.), Urban (25. 5.), Medardus (8. 6.), Johannistag (24.6.), Siebenschläfer (27. 6.), Maria Heimsuchung (2.7.), Elias (20.7.), Lorenz (10. 8.), Bartholomäus (24.8.), Ägidius (1. 9.), Michaelis (29.9.), Gallus (10. 10.), Lukas (18. 10.), Allerheiligen (1. 11.), Martini (11. 11.), Luzia (13. 12.; ehemals 25. 12.), Weihnachten (25. 12.). Ein Teil der zu diesen Tagen gedichteten Regeln besteht mit seinen Beobachtungen und Weissagungen der Witterung zu Recht: vor allem die an Weihnachten und den Johannistag angeknüpften Prophezeiungen, da mit der in diese Zeit fallenden Sonnenwende Witterungswechsel einzutreten pflegt. Die in diesen Versen geweissagte Länge von Regenperioden ist in ihrer Zahlangabe oft allerdings nur durch den Reim bedingt und entbehrt so jeder Beobachtungsgrundlage. Bei den hier verwendeten Zahlen spielt 40 eine große Rolle (wohl biblischen Ursprungs; vom Sintflutregen abgeleitet?). Außerdem beachte man, daß den Bauernregeln, die an die Lostage anknüpfen, der alte Cäsarische Kalender zugrunde liegt; zu dem heutigen Datum sind also stets 12 bzw. 13 Tage hinzuzuaddieren. Diese Feststellung ist das wichtige Ergebnis der großen Sammlung und Bearbeitung landwirtschaftlicher Volksweisheit in Sprichwort und Wetterregelform, die A. Yermoloff durchführte. Yermoloff hat den zwingenden Beweis liefern können, daß weitaus die meisten Regeln bis über das 16. Jh. zurückreichen und bis auf den heutigen Tag eine uralte, durch Gregors Kalenderreform (1582) ungebrochene Volkstradition darstellen (A. Yermoloff, Der landwirtschaftliche Volkskalender 1905, 13 f.). Zur Illustrierung auch hier wieder einige Beispiele: „Wenn an Lichtmeß die Sonne scheint, dauert der Winter noch lang" (Oelsnitz: Voigtland). „Nach Pankraz und Servaz schaden die Nachtfröste den Früchten nicht mehr" (allgemein). „Wenn es am Tage der Siebenschläfer regnet, so hat man vier Wochen lang Regen zu erwarten" (Planschwitz, Voigtland). „Egide Sonnenschein, tritt schöner Herbst ein" (Oelsnitz: Voigtland) usw.

Als 3. Gruppe nannten wir die Wind-, Blitz- und Donnersprüche. Beispiele: a) „Wie der Wind am 3., besonders aber am 4. und 5. Tage nach dem Neumond ist, so weht er den ganzen Monat hindurch." Diese auf Tage berechneten Windsprüche scheinen wieder auf antike Einflüsse zurückzugehen; auch das Altertum kennt Monats- und Jahresweissagungen aus den am Anfang des Zeitabschnittes wehenden Winden (siehe Prognostikum, Bauernpraktik). Deutscher Beobachtung aber verdanken Regeln ihre Entstehung wie: „Wind vom Niedergang ist Regens Aufgang; Wind vom Aufgang, schönen Wetters Anfang" oder „Großer Wind ist selten ohne Regen.

b) „Wenn es im Westen blitzt, so blitzt es nicht um Nichts; wenn es aber im Norden blitzt, so ist es ein Zeichen von Hitz." Auch in diesen Sprüchen möchte man antike Einflüsse aus den Blitzbüchern (siehe Blitz) vermuten. Antike Einflüsse sind gleichfalls wohl für die Donnerweissagungen maßgebend; wenn man Sprüche hört wie: „Wenn es donnert über dem nackten Holz, kommt der Schnee über das belaubte", oder: „Von wo im Frühjahr der erste Donner herkommt, von dort kommen im Sommer die gefährlichsten Wetter", oder: „Wenn es im Märzen donnert, wird es im Winter schneien", muß man an Verwandtes aus der antiken Literaturgattung der Donnerbücher (siehe Donner) denken.

Unter den an atmosphärische Erscheinungen angeknüpften Regeln spielt auch der Regenbogen (siehe dort) keine unbedeutende Rolle: „Regenbogen am Morgen, macht dem Schäfer Sorgen, Regenbogen am Abend, ist dem Schäfer labend", oder: „Zeigt sich ein Regenbogen, wird für den Augenblick schönes Wetter, bald regnets aber nach Ungnaden".

Die letzte Gruppe umfaßt die Regeln, die sich auf Erscheinungen der Tier- und Pflanzenwelt beziehen. Beispiele: „ Wenn die Bäume zweimal blühen, wird sich der Winter bis Mai hinziehen." „Wenn im Hornung die Mücken schwärmen, muß man im März die Ohren wärmen." Oder man erkennt die Witterung für die folgenden Tage aus dem Tun gewisser Kleintiere. So sagt der Bauer den Regen voraus, wenn er die Frösche schreien hört, wenn die Taube badet, die Gänse auf einem Fuß stehen, Hühner die Schwänze hängen lassen, Regenwürmer aus der Erde kriechen, wenn die Bienen sich nicht weit vom Bienenstock entfernen, massenhaft leer zurückfliegen usw.

Die eigentlich astrologischen Witterungsregeln spielen heute wohl kaum mehr eine Rolle. Die Kenntnis der andern Regeln wird aber bis auf unsere Tage durch die jährlich erscheinenden Bauernkalender, ferner durch die 100jährigen Kalender wachgehalten; diese Kalender sind neben dem Kreisblatt die fast tägliche, aber auch einzige Lektüre des Landmanns. Wie wichtig dem Bauern die Regeln dieser Kalender sind, mag ein.Fall aus dem Jahre 1779 beweisen: Der von der Berliner Akademie der Wissenschaften herausgegebene und auf astrologischen Voraussetzungen aufgebaute 100jährige Kalender enthielt bis 1779 die astrologischen Regeln. Dann versuchte die Akademie, das unnütze Zeug fortzulassen; aber bereits 1781 mußte man es wieder aufnehmen, da der Kalender nicht gekauft worden war. Und dieses Traditionsbewußtsein ist in abseits gelegenen Dörfern bis zum heutigen Tage erhalten geblieben. - Im letzten Grunde geht die ganze Weisheit dieser Kalender auf die Praktikliteratur des späten MA.s zurück (siehe Prognostikum), unter der das berühmteste Buch die schon erwähnte Bauernpraktik (siehe dort) von 1508 ist. Ferner ist für die Verbreitung der Regeln, die übrigens schon lange vorher im Volksmunde umgegangen sein müssen, Reynmanns Wetterbüchlein (s. d.) von 1510 wichtig. Die Textgeschichte (siehe Bauernpraktik II) dieser beiden Schriften läßt über die Macht des Glaubens an diese Sprüche manches ahnen. Während die Bauernpraktik im wesentlichen auf astrologischen Voraussetzungen aufgebaut ist, bringt das Wetterbüchlein vor allem die auf atmosphärische Erscheinungen gegründeten Beobachtungen. Ganz astrologisch fundiert ist das Calendarium perpetuum des Langheimer Abtes Knauer von 1701 (siehe Kalender).

Eine Bearbeitung der Bauernregeln unter starker Benützung antiker Parallelen - sicher sind Vergils Georgica, Germanicus Aratea, vielleicht auch Arats Diosemeia von Einfluß gewesen (siehe Bauernpraktik II) gibt es nicht. Inwieweit psychologische Unterschiede der Zeiten und Gegenden sich herausarbeiten lassen, und darauf müßte der Bearbeiter unbedingt achten, da sich manches für den deutschen Volksglauben daraus ergeben wird, z. Bauernregeln in der Wahl der Bilder und Vergleiche usw., vermag ich natürlich noch nicht zu sagen.

Als Grundlage für eine derartige Arbeit kämen die großen Sammlungen der Bauernregeln in Betracht, die für deutsche und ausländische Bauernregeln A. Yermoloff Der landwirtschaftliche Volkskalender (1905) unter besonderer Berücksichtigung der russischen Bauernregeln machte. Ferner G. Hellmann Über den Ursprung der volkstümlichen Wetterregeln. Berliner Sitzber., phys.-math. Kl. 1923, 148 ff.; Reinsberg-Düringsfeld Das Wetter im Sprichwort. Leipzig 1864. Mit Literaturverzeichnis. Einzelne Gebiete Deutschlands: Köhler Voigtland Kap. X; Leoprechting Lechrain 154 ff.; MschlesVk. 6 (7899), 113 ff.; Küek Wetterglaube in der Lüneburger Heide. Hamburg 1915; R.-O. Friek Le peuple et la prévision du temps: SAVk. 26 (1926). Über die Fragen antiker Tradition der Bauernregeln gibt Anregungen G. Hellmann Wetterweisheit des Volkes. Deutsche Rundschau 1924, 1. Teil, 45 ff.


Stegemann.