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Graun am Reschensee „Der See steigt. Von Reschen wird uns geschrieben: Unheimlich steigt der See! Es mutet einen an wie der nahende, schleichende Tod…“ Sep Mall, Juli 1950, „Dolomiten“. Mit diesen Worten verabschiedet sich Josef Mall 1950 in den „Dolomiten“ von Alt-Graun, Alt-Reschen und den Weilern und Höfen, die im Juli im Wasser versinken. An die 660 ha Land werden überflutet, ca. 1000 Menschen müssen sich „a nuis Hoamat“ suchen.
Der Kirchturm von Graun am Reschen, Südtirol mit dem Ortler im Hintergrund.
Graun, Vinschgau, 1923 Faschistische Ära Der intensive Ausbau der Wasserkraft in Südtirol und damit auch die Konzession für den Reschen-Stausee fällt in die Zeit eines faschistischen Italien. Der Ausbau der Wasserkraft diente der faschistischen Regierung als Rechtfertigung für die Industrialisierungsmaßnahmen in Südtirol, gleichzeitig wurde die Wasserkraft nach erfolgter Industrieansiedlung als notwendige Konsequenz dargestellt. Höhepunkt der Maßnahmen zur Industrialisierung Südtirols war die Bozner Industriezone, die 1936 eröffnet wurde und eine „Überfremdung" Südtirols zum Ziel hatte.
Reschensee, 1923 Kein Zurück Vor 60 Jahren wurde auch dem letzten Optimisten im oberen Vinschgau bewusst, dass es kein Zurück gab. Der Stausee war nach Jahren der Ungewissheit, des Hoffens und Bangens, Realität geworden. Bereits im August 1949 wurde der See provisorisch gestaut, schließlich sollten die Kraftwerke bei Glurns und Kastelbell, die vom Wasser des Stausees gespeist werden, Ende desselben Monats eröffnet werden. Die Menschen wurden von dieser Probestauung nicht informiert. Viele Bauern konnten das Futter nicht mehr rechtzeitig einbringen. Im Laufe der Monate wurde das Wasser für die Stromerzeugung genutzt und der Boden trocknete wieder - in den Ställen und im Keller jedoch blieb ein widerlicher Geruch nach abgestandenem Wasser, das sich mit Gülle vermischt hatte, zurück. Obwohl einige Häuser jetzt schon unbewohnbar waren, war die Entschädigung für die Einwohner noch nicht geklärt. Der Kirchturm Die Gebäude, die im Gebiet des künftigen Stausees lagen, wurden gesprengt. Bis Mitte August 1950 waren Sprengungen an der Tagesordnung. Auch das Kirchengebäude konnte nach mehrmaligem Anlauf gesprengt werden - der Kirchturm, der seit 1314 besteht, blieb auf Geheiß des Denkmalamtes von Trient jedoch bestehen. Er erinnert an einen Dorfkern, der den Bedürfnissen der modernen Gesellschaft nach Energie weichen musste. Den letzten gemeinsamen Sonntags - Gottesdienst feierten die Grauner am 9. Juli 1950.
Ende Juli 1950. Häuser werden gesprengt, Untergraun muss der Flut weichen, das Gotteshaus ist schon gesprengt. Nach der Stauung: Verarmung Vor der Seestauung zählte die Gemeinde Graun rund 2400 Einwohner. Das Dorf galt als Hauptzuchtgebiet für Braunvieh, die Bewohner lebten hauptsächlich von der Viehzucht. So konnte die Fraktion 1949 einen Bestand von 1200 Rindern vorweisen. Nach der Stauung verringerte sich der Viehbestand beträchtlich, da vielen Menschen mit dem Verlust der Felder die Lebensgrundlage entzogen worden war. Sie mussten sich der Frage stellen, ob sie in den neuen Dörfern Graun und Reschen eine Überlebenschance hatten oder nicht. Da zudem die Entschädigung gering ausfiel - sie konnte mit den aktuellen Preisverhältnissen überhaupt nicht Schritt halten - sank der Lebensstandard der Betroffenen erheblich. Das Wochenmagazin „der Südtiroler“ forderte zwei Jahre nach der Stauung „Soforthilfe, um die Stauseegeschädigten vor dem völligen Untergang zu retten“.
Graun, 1923 Gehen oder bleiben? Von ca. 100 Familien entschieden sich an die 35 Familien in Neu-Graun bzw. Neu-Reschen zu bleiben. Neu-Reschen entstand oberhalb der Staatsstraße im Lorettwald, Neu-Graun am Eingang von Langtaufers auf den Äckern des Margrond. Mehr als die Hälfte der Familien musste das Gemeindegebiet verlassen. Der Großteil davon blieb in Südtirol, ca. 34 Familien bauten sogar in anderen Dörfern des Vinschgaus eine neue Existenz auf, ein kleiner Teil zog in den Süden (Trentino/Nonstal) und in den Norden (Tirol, Salzburg).
Das Barackenlager am Eingang des Langtauferer Tales.
Am Eingang von Langtaufers errichtete die Montecatini schließlich eine Barackensiedlung: Auf 34 m2 Wohnfläche - das entspricht einer halben Baracke -fristeten jene Familien, deren Häuser in den neuen Dörfern noch nicht bezugsfertig waren, ihr Dasein. Die Tiere kamen in eine „Gemeinschaftsbaracke“. Die Barackensiedlung bestand von 1952-1954. Heute Heute ist der Turm im See ein beliebtes Motiv für Touristen und für die gesamte Werbebranche. Der Stausee wird in vielerlei Hinsicht genutzt, als Sportzentrum und Messeplatz erfreut er sich großer Beliebtheit. Heute lässt der Stausee hin und wieder aufhorchen, weil die Gemeinde Graun seit Jahren für eine angemessene Beteiligung am Gewinn der Konzessionsinhaberin SEL-Edison kämpft. Damit die Grauner, durch deren große Verluste die Stromgewinnung überhaupt erst ermöglicht wurde, daran teilhaben können. Heute noch stimmt der Turm im See die Menschen, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden, traurig. Denn zur Heimat wurde die Fremde für sie nicht. Zeittafel: 1911 1920 - 1933 1937 1940 Mai 1943 1946 April 1947 1. August 1949 28. August 1949 Mai 1950 Bis Mitte August 1950 Zweite Hälfte Juli 1950 Brigitte Maria Pircher hat 2003 ihre Diplomarbeit zum Thema „Der Reschen-Stausee - von seinen Anfängen bis heute“ am Institut für Zeitgeschichte an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck verfasst und bei Prof. Rolf Steininger eingereicht.
Ergänzungen sind gerne willkommen! © Brigitte Maria Pircher
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