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Eppendorfer Alraune, um 1480

von Stephanie Hauschild

Eppendorfer Alraune © Hamburger Kunsthalle

Eppendorfer Alraune, um 1480
Kohlstrunk (?), Perlen; Höhe 35 cm ohne Krone.
Wien, Kunsthistorisches Museum, Geistliche Schatzkammer, Inv. D 148
© Hamburger Kunsthalle, 1999

Der Legende nach vergrub eine Gärtnerin in dem zu Hamburg gehörenden Eppendorf eine geweihte Hostie unter den Kohlpflanzen ihres Gartens in der Hoffnung, das Gemüse werde daraufhin besser gedeihen. In der Nacht begann der Kohl auf wundersame Weise zu leuchten. Eine Abordnung von Geistlichen untersuchte das Phänomen. Man grub zwischen den Kohlpflanzen und entdeckte dort ein aus der Kohlwurzel gebildetes Abbild des gekreuzigten Christus. Das Kohlwurzel-Kruzifix wurde in das benachbarte Zisterzienserinnenkloster von Harvestehude gebracht.1 Die Gärtnerin gestand den Hostienfrevel und wurde mit dem Tode bestraft.2

1482 ließen die Nonnen die Wurzel in eine silberne Monstranz fassen. In dieser Form stellten sie das Kruzifix der gläubigen Bevölkerung als Hostienwunder zur Schau. Nach der Auflösung des Klosters in der Reformation gelangte die Wurzel in das weiterhin genutzte Kloster St. Johannis. 1602 erwarb sie Kaiser Rudolph II. für seine Schatzkammer.3

Die detaillierten Angaben in der Überlieferung sprechen für einen realen historischen Hintergrund, obwohl man über die tatsächlichen Gründe für die Entstehung des Kruzifixes nur spekulieren kann. Hävernick war der Ansicht, die Nonnen hätten das Wunder inszeniert, um dem Kloster zu dem benötigten wirtschaftlichen Aufschwung zu verhelfen.4 Im 17. Jahrhundert entstand ein Flugblatt mit der Geschichte der Wurzel und einer Abbildung. 1670 wurde die Wurzel zum Gegenstand einer wissenschaftlichen Untersuchung und dabei erneut in Kupfer gestochen. Der Text des Flugblattes wurde hierfür in die lateinische Sprache übersetzt. 1731 nahm der Hamburger Pfarrer Nicolaus Staphorst das Flugblatt in seine Hamburgische Kirchengeschichte auf (Abb. l).5

Eppendorfer Alraune, Kupferstich, 1731

Abb. 1: Eppendorfer Alraune, Kupferstich, 1731

Das im 16. oder im 17. Jahrhundert in Wien angefertigte Perlenkrönchen sollte den Wert und die Kostbarkeit der Wurzel in der kaiserlichen Schatzkammer unterstreichen.

1810 wurde die Monstranz an das Wiener Münzamt abgegeben und dort zu Silbergeld eingeschmolzen.

Das Kruzifix wurde der natürlichen Form des Holzes folgend herausgearbeitet. Ein Teil der Faserwurzeln, die das Haar der Christusfigur bilden, ist eingesetzt. Bisher gab es noch keine eindeutige Identifizierung des Materials. Um eine Alraune im botanischen Sinne, das giftige, in Südeuropa heimische Nachtschattengewächs Mandragora officinalis L., handelt es sich jedoch nicht. Auch mit den magischen menschenförmigen Wurzelgeistern hat die Eppendorfer Kohlwurzel nichts zu tun.6 Die Bezeichnung »Alraune« für die Eppendorfer Kohlwurzel hat sich jedoch seit den dreißiger Jahren unseres Jahrhunderts durchgesetzt.7 Weitere ähnliche Wunderwurzeln in der Gestalt eines Kruzifixes sind aus dem 15. Jahrhundert nachgewiesen, ausgestattet mit ganz ähnlichen Berichten zu Fund und Wertschätzung.8

Künstlerisch und stilistisch läßt sich das Kruzifix nicht einordnen. Diese Uneindeutigkeit war wohl beabsichtigt, um den Charakter des Wunders zu stützen und die Arbeit von Menschenhand zu verschleiern, wurde die Wurzel doch als ein Zeichen Gottes verstanden. Die Monstranz als Behälter für die Wurzel bestätigte für die Gläubigen den wunderbaren Ursprung des Kruzifixes und bewies zudem die leibliche Anwesenheit Jesu Christi in der konsekrierten Hostie.9

Die Geschichte der Eppendorfer Alraune beschreibt den Wandel in der Rezeption, den ein Werk im Verlauf der Jahrhunderte erfahren konnte: Die Betrachtung wandelte sich von religiöser Verehrung über das intellektuelle Interesse am Seltsamen und Merkwürdigen hin zu individueller Sammelleidenschaft und wissenschaftlicher Neugier. Die Rezeption der Eppendorfer Kohlwurzel demonstriert exemplarisch den Wechsel vom Kultgegenstand zum Kunstkammerobjekt in der frühen Neuzeit.

SH

1 Zum Kloster Harvestehude: Urbanski 1996.
2 Otto Beneke, Hamburgische Geschichten und Sagen I, Berlin 1888, (4. Aufl.), S. 153-156. Ed. Krohse, Der Verbleib der wunderbaren Kohlwurzel aus Eppendorf, in: Mitteilungen des Vereins für Hamburgische Geschichte, Bd. 10, 1908, S. 58-60.
3 Die »Alraune« wurde mehrfach auf Ausstellungen gezeigt: Prag 1997, Wien 1988, Wien 1987, Hamburg 1965.
4 Walter Hävernick, Wunderwurzeln, Alraunen und Hausgeister im deutschen Volksglauben, in: Beiträge zur deutschen Volks- und Altertumskunde, Bd. 10, 1966, S. 21.
5 Staphorst, Teil 1, Bd. 4, Nr. 30.
6 Eine echte Alraune wurde zum Beispiel unter den Dielenbrettern der Klosterkirche von Wienhausen geborgen. Vgl.: Horst Appuhn, Christian von Heusinger, Der Fund kleiner Andachtsbilder des 13. bis 17. Jahrhunderts in Kloster Wienhausen, in: Niederdeutsche Beiträge zur Kunstgeschichte, Bd. 4, 1965, S. 161-163.
7 Zur Alraune: Hanns Bäehtold-Stäubli u. a., Handbuch des deutschen Aberglaubens, Bd. 1, Berlin, New York 1987, S. 312-324. Weitere »Alraunen« im Besitz Kaiser Rudolphs: Julius von Schlosser, Die Kunst- und Wunderkammern der Spätrenaissance. Ein Beitrag zur Geschichte des Sammelwesens, Leipzig 1908, S. 93.
8 Vgl. Coburg 1983, S. 280, Anm. 4.
9 Hostienwunder und Hostienfrevel sind für das gesamte Mittelalter zu belegen. Sie kulminierten jedoch im 14. und 15. Jahrhundert. Vgl. Angenendt 1997, S. 506-508.

Quelle: Stephanie Hauschild, Eppendorfer Alraune, um 1480, in: Goldgrund und Himmelslicht, Die Kunst des Mittelalters in Hamburg. Katalog zur Ausstellung der Hamburger Kunsthalle in Zusammenarbeit mit dem Museum für Hamburgische Geschichte, dem Museum für Kunst und Gewerbe, der Staats- und Universitätsbibliothek - Carl von Ossietzky und dem Staatsarchiv Hamburg. vom 19. November 1999 bis 5. März 2000. Hg von Uwe M. Schneede.

Der vorliegende Text wurde von Stephanie Hauschild exklusiv für SAGEN.at zum digitalen Nachdruck genehmigt.
© Stephanie Hauschild