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Eine Besteigung und Umwanderung des Traunstein.

Von A. Posselt.

Wenn man auf der Elisabeth-Westbahn von Linz nach Salzburg fährt, so fällt bald im Süden vor allen eine Berggestalt durch ihre mächtigen trotzigen Formen in's Auge, der 5341’ hohe Traunstein. Von mehreren Seiten wurde mir seine Besteigung als sehr beschwerlich und halsbrecherisch geschildert, auch Schaubach ist dieser Ansicht, und in dem Texte zu einer Stahlstichsammlung von Fischbach fand ich gar die Notiz, daß sich einst jemand, der die Besteigung versuchte, am Rückwege erschießen wollte, ehe er sich eine gefährliche Stelle zu Passieren getraute, und nur mit verbundenen Augen halb tot herabgebracht werden konnte. — Dies war natürlich genug, um meine Neugier auf's höchste zu spannen, und als ich mich daher im Juli 1872 in Gmunden befand, war es mein Erstes, den Entschluß einer Besteigung des Traunstein zur Reife kommen zu lassen. Allein auch hier wurde ich gewarnt; ein mir als tüchtig (!) empfohlener Führer erklärte sogar direkt, er könne sich nicht entschließen, die Besteigung mit mir zu wagen!! Endlich trieb ich einen baumstarken Dienstmann auf, der mich zu begleiten versprach und mit Stolz erwähnte, er sei in seinem Leben schon 20 Mal (als ob das für einen Führer viel wäre!) auf der höchsten Spitze gewesen.

Traunstein © Peter Schneider

Traunstein
© Peter Schneider

Am 20. Juli 6 Uhr Früh brachen wir von Gmunden auf. Da der Traunstein mit unzugänglichen Wänden in den See stürzt, kann man nicht direkt ansteigen, sondern pflegt in einem Kahne zum Beginn des etwa zwei Stunden von Gmunden südlich vom Traunstein mündenden Lanautales zu fahren. Heute war dies wegen des starken Südwindes nicht tunlich, und wir mußten den Landweg am Seeufer einschlagen; nur für die letzte Viertelstunde bleibt kein anderer Ausweg als der See. Um 8 Uhr war die Stelle erreicht, wo der Anstieg beginnt. Zuerst klimmt man eine kurze Strecke am Felsen empor, bis man durch eine kurze Felsenklamm in das die Traunstein- und Hochkoglgruppe trennende Lanautal gelangt, um dann meist eben auf schmalen, diesmal vom Regen durchnäßten, Bretterstegen über dem Bette der Lanau neben einer Holzriese fortzuschreiten. Um ¾ 9 waren wir in die Nähe der Maieralpe gelangt und begannen nun links anzusteigen; erst hier beginnt die eigentliche Steigpartie. Der Weg führt mäßig steil durch lichten Wald und Gebüsch in Windungen empor. Nach weitern 3/4 Stunden hört dieser auf, und man blickt zu gewaltigen Steilwänden empor, welche nicht besonders erfreulich aussehen. Wir rasteten kurze Zeit, wobei ich ein Rudel von 7 Gemsen beobachtete. Aufs höchste auf das Kommende gespannt, brach ich wieder auf; an einem erquickenden Brünnlein vorbei gelangt man bald zur ersten kleinen Kletterpartie, dem „wanenden (weinenden) Eck", wo man eine fast senkrechte, circa 4° hohe Felswand, welche rechts noch weiter abstürzt, erklimmen muß. Nach einer kurzen Strecke über Geröll folgt die „Leiter", eine kaminähnlich sich emporziehende - Runse, die auch bald überwunden ist, worauf man zur berüchtigsten Stelle, der „Kette" gelangt, welche direkt zur höchsten Kammlinie emporführt. Sie besteht in einem 300 - 500' hohen, circa 40 – 55° geneigten Felsabhang, welcher im Zickzack überwunden werden muß; doch bietet das Gestein überall sehr gute Anhaltspunkte für Hand und Fuß. Allerdings erheischt diese Stelle wegen des Abblicks über den jachen Felsabhang und auf den 4000’ tiefer liegenden See vollkommene Schwindelfreiheit. Ist aber diese vorhanden, so bietet sie bei einiger Vorsicht keine Gefahr. Um 10 Uhr 25 Minuten war die Kammlinie erreicht; ich erwartete einen scharfen Grat, fand aber, daß der Kamm eine Breite von 500 - 700' besitzt und mit Krummholz bewachsen ist. Drei buckelförmige Erhebungen ragen aus demselben empor; zwischen der westlichen und mittleren erreichten wir den Kamm; die östliche ist die höchste und trägt die Triangulierungspyramide; doch bildet gewöhnlich die mittlere, auf welcher sich eine Drahtfahne befindet, das Endziel der Besteigung. Während wir zu dieser emporstiegen, erblickten wir plötzlich, kaum 50 Schritte entfernt, auf einem Felsblock stehend und sich scharf vom blauen Himmel abhebend, einen Gemsbock, während daneben 3 Gemsen ruhig grasten. Er war so nahe, daß das Gesichtsfeld des Fernrohres zu klein war, um seine ganze Gestalt auf ein Mal zu zeigen! Wir konnten ihn lange beobachten, ohne daß er sich verscheuchen ließ; diese außerordentliche Zutraulichkeit findet darin ihren Grund, daß bereits seit einigen Jahren in diesem dem Kaiser gehörigen Reviere keine Jagden abgehalten wurden. Wenige Tage später fand wieder einmal eine statt, und es wurden dabei 16 Gemsen abgeschossen. Um 11 Uhr war die mittlere Spitze erreicht, also, die beiden Aufenthalte zu je einer Viertelstunde abgerechnet, in 2 1/2 Stunden vom See (Bädeker rechnet 6 1/2 Stunden!!), in 7/4 Stunden von der Maieralpe aus.

Die Aussicht war in Folge einer äußerst dunstigen Atmosphäre nicht besonders günstig; die Formen traten wohl hervor, der Reiz der Farbe aber fehlte zum großen Teile. Wahrhaft furchtbar sind die Wände, mit denen der Kamm gegen Norden abstürzt. Rechts von dem Triangulierungszeichen auf der um einige Fuß höheren östlichsten Kammerhebung zeigen sich die Ausseer Gebirge, dann der Hochkogl, Erlakogl, Spitzlstein, in der Tiefe Ebensee und der blaue Spiegel des Traunsees, der Sonnstein, Farnauhöhe, Gmunden, das Hochgeschirr mit dem Grünberg, darüber hin in endlosen blauen Linien die Ebene und sanftes Gehügel. Alles nähere Detail war verschwommen. Nachdem ich noch weidlich auf der Kammhöhe Umschau gehalten hatte, brachen wir um 12 Uhr vom Gipfel auf. An allen bösen Stellen pflegte sich mein Führer zum Vierfüßler zu degradieren (was übrigens durchaus nicht nötig war), da er sein Leben nicht auf's "Gschpiel" setzen wollte. Um ½ 2 erreichten wir die Sohle des Lanautales, wenige Minuten später die Maieralpe, wo gute Alpenkost zu haben ist. Furchtbar nehmen sich von hier die Wände des Traunstein aus, welche ich skizzirte.

Unterdessen hatten sich die Dünste zu Wolken geballt, welche ein frischer Ostwind jedoch bald zerstreute, der das Firmament völlig reinigte, so daß ich für die zweite Hälfte der Partie vom schönsten Wetter begünstigt war. Um ¾ 3 Uhr brachen wir auf, um etwa 3/4 Stunden in dem reizenden Lanautal fortzuwandern, bis bei einer Holzhütte ein erneuter Anstieg an der linksseitigen Talwand begann. Es galt nämlich die Fortsetzung des Traunsteinkamms welcher sich über den Katzenstein und das Steineck etc weiter nach Osten zieht, östlich vom Katzenstein zu überschreiten, um zu dem am jenseitigen Fuße derselben gelegenen Laudachsee zu gelangen. Der Anstieg geschieht nicht ununterbrochen, indem man erst eine Art Vorberg zu überschreiten hat und kann durch einen von diesem, dem Katzenstein und Steineck gebildeten bedeutenden Kessel von gewiß 1 Stunde im Umfang auf die Höhen des Kammes gelangt. Dieser Kessel heißt Pön- oder Bärengraben, während das östlich vom Katzenstein befindliche Schartl, sowie die darauf zu passierende Felsschlucht den Namen Bärengasse führt. — Unter der Höhe jenes Vorberges befindet sich eine Hirschsulz; weithin ist der Boden von dem sich hier versammelnden Wilde zerstampft; rechts von der Sulz erhebt sich eine höchst groteske Felsenformation, wenn ich nicht irre, Schloßstein benannt. Einige Schritte weiter eröffnet sich von der Höhe des Kesselrandes eine herrliche Aussicht nach Westen zwischen Schloß- und Traunstein vorbei auf das Höllengebirge etc, während östlich jener Kessel zu unseren Füßen lag, von den Kalkschroffen des Katzensteins, weiterhin von den sanfter gerundeten Formen des Steinecks umrandet.

Nachdem ich die Aussicht gezeichnet, stiegen wir in den Bärengraben hinab, und an einer abgebrannten Holzhütte vorbei zuletzt in ziemlich steilem Anstieg zur Scharte empor, die wir um ½ 5 erreichten. Diese liegt unterhalb des östlichen Absturzes des Katzensteins und bietet herrliche Blicke einerseits hinab auf den Laudachsee, anderseits auf die Gruppe des Hohen Priel. Nach wenigen Minuten brachen wir wieder auf; nun ging es äußerst steil die kotige Bärengasse, eine enge Felsschlucht, hinab, worauf ebenso steile Geröllhalden folgten, auf denen es sich aber gut abfahren ließ. Nur hatte ich dabei den Ärger, als ich mich unten umkehrte, meinen Führer hoch oben zu erblicken, wie er bedächtig Fuß vor Fuß setzend die Strecke zurücklegte, so daß ich längere Zeit auf ihn warten mußte. Darauf nahm uns ein schattiger Waldweg auf; um ½ 6 erreichten wir den Laudachsee, der höchst romantisch unter den prallen Zackenwänden des Traun- und Katzensteins liegt.

Ich wollte von hier noch das Hochgeschirr besteigen und über die Himmelreichswiese nach Gmunden hinab, doch dazu ließ sich mein Führer durchaus nicht mehr bewegen. So gingen wir denn in den Auen der Laudach fort, wurden aber wieder aufgehalten durch ein wahres Himbeereldorado, in welches wir gerieten, und wo im Umkreis von über 100 Schritt alles buchstäblich rot war. Ein Viertelstunde stopften wir uns voll, bis wir nicht mehr konnten. Die Gegend, durch welche wir hierauf kamen, nannte der Führer "Rheingassa", darauf gelangten wir zur "Warmering", einer prächtigen großen Wiese, wo sich auch ein schönes Echo befinden soll. Bei der "Kohlhütte" labten wir uns mit Obstmost; darauf gelangt man zur Gegend "Franzl im Holz", worauf man das Tal verläßt und sich etwas bergan nach links wendet.

Nach ziemlich langem Marsche erreichten wir endlich nach 8 Uhr Gmunden, wo mich meine Mama im traulichen Gasthaus "zum goldenen Brunnen" erwartete. So war denn diese, wenn auch etwas anstrengende, so doch höchst genußreiche Partie glücklich beendet, und es sei hiermit besonders für den, der größere Mühe scheut, ihre zweite Hälfte als einer der lohnendsten und angenehmsten Ausflüge in Gmunden's schöner Umgebung empfohlen.

Quelle: A. Posselt, Eine Besteigung und Umwanderung des Traunstein, in: Der Alpenfreund, Monatshefte für Verbreitung von Alpenkunde unter Jung und Alt in populären Schilderungen aus dem Gesammtgebiet der Alpenwelt und mit praktischen Winken zur genußvollen Bereisung derselben. HG Dr. Ed. Amthor, 6. Band, Gera 1873, S. 279 - 282.
Rechtschreibung behutsam neu bearbeitet und auf den aktuellen Stand gebracht.
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