SAGEN.at >>Informationen, Quellen, Links >> Dokumentation >> diverse Doku-Texte

   
 

Die Federkielgürtel der tirolischen Bauerntracht.
Von Gertrud Pesendorfer, Holzschnitte von Alois K. Schwärzler.
© digitale Version: www.SAGEN.at

DDer breite Ledergurt bildete im 18. und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen besonders beachtenswerten Schmuck der männlichen Bauerntracht. Die mit Zinn- und Messingnägeln beschlagenen Gürtel entstammen dem 18., die mit Pfauenkiel oder farbigen Lederstreifen gestickten dem 19. Jahrhundert. Muster in gepreßtem, mit Punzendruck versehenem Leder kommen an beiden Arten und auch für sich allein verwendet vor. Wie sich die Wandlung vom Zinn- und Messingbeschlag zur Pfauenkielstickerei vollzog, ist noch eine offene Frage. Die Datierungen der Gürtel lassen den Wechsel in das letzte Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts fallen.

Die Sammlung des Tiroler Volkskunstmuseums bietet einen umfassenden Überblick über die verschiedenen Gürteltypen und ist gelegentlich des Leihgabentausches mit dem Museum Ferdinandeum noch um etliche wertvolle Stücke bereichert worden. Das frühestdatierte Stück dieser nunmehr zusammengelegten Sammlungen bildet ein mit Messingnieten beschlagener Gürtel aus dem Jahre 1732, in einfacher, leicht geführter Ornamentik mit Doppeladler und stilisierten Blumen. Ein weitaus reicheres Exemplar im selben Stil und in derselben Technik, durch farbige Leinenstickerei belebt, ist mit 1740 datiert. Dann folgen von 1750 bis 1800 datierte Stücke mit reichem Zinn- und Messingbeschlag, zum Teil auf farbigen Leder- oder Stoffunterlagen mit Doppeladler als Mittelstück und anderen Tiermotiven (springenden Hirschen, Steinböcken, Pferden, Löwen und Rankenwerk). Die mit geometrischem Ornament und stilisierten Blumen in Füllmuster beschlagenen Gürtel tragen in ihrer Gesamtwirtung barocken Charakter und wirken durch die Verwendung von farbigen Samten und Seiden als Unterlagen sehr prächtig. Datiert sind sie nicht. Die reiche und durchgebildete Ornamentik der Gürtel aus der Zeit um 1740 weist auf ein in dieser Erzeugungsart vollkommen ausgebildetes Handwerk hin. In dem 1698 von Christoph Weigel in Regensburg herausgegebenen Buche über die Funktionen und Gepflogenheiten der verschiedenen Stände wird im Kapitel „Der Riemer“ vermerkt, daß dieser Handwerker „Gurt- und Steigleder / Sprung-Riemen, Halfftern / Kappel- und Kuppel-Zäume / vielfältige Gattung Karwatschen / lederne Gürteln / Gürte und Hosenträger, Knieriemen und dergleichen / aus schwartz / weiß und rothen Leder“ verfertigt. Es wird angeführt, daß seine Arbeit auch „in Verfertigung allerley Kutscher- und Schlittengeschirren“ bestehe, „auf die neueste und netteste Mode oder wie solche immer ausgesonnen und angegeben werden mögen / wie auch unterschiedlicher Sorten von Pferdezeug auf Teutsche, ungarisch-Polnisch und Türckische Art / mit Massiv Gold oder Silber / oder auch Silber-verguldeten / ja zuweilen mit Edelsteinen versetzten Beschlägen an gelben oder versilberten Messing / oder auch Zinn Eisen und Stahl gezieret“. Die Technik des Metallstiftbeschlages war somit zuerst an Zaumzeug und Sattelzeug erprobt, bis sie, in der Hand desselben Handwerks gelegen, auch auf Leibriemen übertragen wurde.

Federkiel-Stickerei

Der Reichtum der Ausstattung und das Tragen solcher Gürtel war jedenfalls nicht allgemein, sondern nur dem Vermögenden gestattet. Wir finden auf Votivbildern des 18. und 19. Jahrhunderts beinahe ebensoviel Bauern derselben Zeit und Gegend mit Ledergurt abgebildet, als ohne diesen. Es ist daher wohl anzunehmen, daß die Gürtel in ihrer reichen Ausstattung eher einen Luxusartikel der bäuerlichen Kleidung bildeten, und nur in einzelnen Gegenden als unbedingt zur Tracht gehörig angesehen werden können.

Der ursprüngliche Zweck des Gürtels war wohl der, Geld oder Wertdokumente gut verwahrt bei sich zu tragen. Diese Vermutung wird am kräftigsten durch die Form des „Ranzens“ unterstützt, der einen flach gelegten Schlauch bildet, dessen verschnürte Öffnung von einem Schild überdeckt wird; daher der Name „Schildranzen“. Die Schildranzen findet man ausnahmslos mit Federkielen bestickt. Dies würde allerdings für eine spätere Art sprechen. Auch die „Riemen“ oder „Fatschen“, die geradlinige, steife Gürtelform, trägt an der Rückseite eine flache, überdeckte Tasche. Diese Gürtelart ist sowohl mit Zinn- und Messingbeschlag, als auch in Federkieltechnik sehr verbreitet.

Während die Zinn- und Messinggürtel in ihrer dekorativen Wirkung und technischen Verarbeitung von der Kunstfertigkeit eines durchgebildeten Handwerks zeugen, sind die kielgestickten ein ausgesprochenes Beispiel bäuerlicher Volkskunst. Es ist ihnen anzusehen, daß sie das Produkt einer Hausindustrie sind, die in den einzelnen Tälern von ganzen Familien betrieben wurde, so daß nach und nach bestimmte Arten entstanden, die für gewisse Gegenden charakteristisch wurden. Bestimmte Motive werden dann immer wieder auf dieselbe Weise verwendet, werden in ihrer Form feststehend typisch, während der übrige Dekor immer neu abgewandelt wird und dem Auftraggeber wie dem Ausführenden Spielraum genug für ihre Erfindungsgabe bot. So ist das Brixener Lamm auf der Gürtelzunge (dem Lochriemen) in ganz Südtirol und im Pustertale auf den verschiedenst ausgeführten Gürteln üblich gewesen. Im Sarntal wird es heute noch auf die Gürtel und Hosenträger gestickt.

Federkiel-Stickerei

Im Sarntale, wo heute auch von den Männern noch Tracht getragen wird, ist noch eine Familie, die die Gürtel stickt. Es ist die Bauernfamilie Regele in Nordheim. Dort stickt auch die Frau mit und die größeren Kinder. Die auf Vorrat gestickten Gürtel und Hosenkraxen werden dann auf größeren Märkten feilgeboten, aber auf dem letzten Markt in Klausen beklagte sich der Bauer bitter über den schlechten Geschäftsgang. Denn auch die Sarner, die bisher am treuesten an ihrer Tracht festgehalten haben, fangen an, „Neumodisches“ ihrer guten Tracht vorzuziehen.

Auch im Unterinntale werden noch Federkielgürtel erzeugt. Josef Oberlechner, Sattler in Schwaz, stellt Bauchriemen und Schildranzen, wie auch federkielgestickte Glockenbögen her. Doch auch da nährt das Handwerk nicht mehr seinen Mann. Die Gürtelstickerei kann nur mehr als kleines Nebengeschäft betrieben werden. Die Kiele werden von Wien bezogen, aber von ihm selbst nach Erfordernis der Arbeit gröber oder feiner zugeschnitten. Es wird jetzt viel feiner gearbeitet, als man es an den alten Gürteln sehen kann. Die Technik hat sich verfeinert, die Muster sind zarter und dichter geworden. Ein gut gearbeiteter, ganz mit Stickerei überzogener Gürtel erfordert bei großem Fleiß des Stickers volle vierzehn Tage Arbeit. Der heutige Preis der Gürtel ist durchschnittlich 30 bis 50 S für einfachere Arten.

In Stumm im Zillertal ist es der 80jährige Josef Stiegler, der sich noch auf diese Kunst versteht. Er hat schon als Knabe in der damals in lebhaftem Betrieb stehenden Werkstätte seines Vaters gearbeitet. Dieser hatte neun Gesellen in seiner Wertstätte, dazu neun Kinder, die alle mitarbeiteten, also neunzehn Personen, die immer beschäftigt waren. Man sieht daraus, wie sehr das Handwerk einmal in Blüte stand. Die Gesellen arbeiteten für einen Lohn von 10 Kreuzern im Tag und Verpflegung. Die Gürtel kosteten je nach Ausführung 6 bis 30 Gulden. Es wurden hauptsächlich Schildranzen erzeugt und breite Fatschen aus lackiertem Kalbleder, die im Zillertal und Unterinntal häufig sind. Der 80jährige Mann erzählt, sein Vater habe ihm schon mit zwölf Jahren gestattet, selbständig Gürtel zu entwerfen und zu verfertigen. Er habe später mit seinem Vater manche Meinungsverschiedenheit gehabt, weil er sich für neuere Muster und Technik einsetzte, während sein Vater nach alter Art weiterarbeiten wollte. Als keine Gürtel mehr getragen wurden und die Familie brotlos wurde, wanderte sie als Sängergesellschaft bis Moskau. Jetzt arbeitet Stiegler wieder an Gürteln, soweit ihm Aufträge und sein Augenlicht das gestatten.

Federkiel-Stickerei, Federkiel-Gürtel

Eine sehr wichtige und heikle Arbeit ist das Vorbereiten der Kiele. Denn je feiner der Kiel geschnitten ist, desto besser sieht nach heutiger Anschauung die Arbeit aus. In der Tat sind die zarten Blumenranken und die feingearbeiteten Füllungen in Ketten- und anderen Zierstichen sehr zu schätzen. Jedoch auch die gröbere Art, wie wir sie an den Gürteln aus dem Anfang des 19. Jahrhunderts kennen, ist sehr wirkungsvoll. Sie bedingt ein großzügiges Muster und wirkt stärker dekorativ. Die Federkielgürtel schließen zunächst in Motiv und Linienführung an die Ornamentik der Zinngürtel an. Jedoch erfordert das gänzlich von diesen verschiedene Material bald eine Umbildung und so bildet sich für die Federkielstickerei ein eigener Stil aus, der durchaus bäuerlich, naiv und, wenn auch zeitgebunden, ganz für sich bestehend ist.

Es haben sich nach und nach eine Reihe verschiedener Typen entwickelt. Die breite Fatschenform mit der glatten, großen Fläche aus schwarzem Glanzleder oder dunkelbraunem, liniertem Leder gestattet große Muster. Bei manchen ist nur der Rand durch eine Zierborte in Kettenstich gekennzeichnet. Die ganze übrige Fläche füllt der Name des Besitzers aus, in großen, mit leichten Verzierungen versehenen Buchstaben, die allein die ganze dekorative Wirkung bestreiten. Sie sind in grobem Pfauenkiel ausgeführt und die Lage der breiten Stiche ist für den Eindruck des ganzen nicht unwesentlich. Neben dieser Art kommen solche vor, die, verbunden mit einem bescheidenen zwischengesetzten Bäumchen- oder Blumenmotiv, die Jahrzahl als einzigen Schmuck tragen. Seltenere Stücke bringen Jagdszenen oder eine Szene aus dem bäuerlichen Leben. An solchen Stücken drückt sich Persönliches, Gelegentliches aus, sie beweisen die Freude der Besitzer an diesem mehr gefälligen als notwendigen Bekleidungsstück. Sehr beliebt waren Sinnsprüche. Auf den Federkielgürteln finden wir sie vielfach im Geschmack der Biedermeierzeit, auch als Widmung, in kleiner Schrift, zierlich eingebettet in Blumen- und Blattranken.

Federkiel-Stickerei

Schmälere „Riemen“ tragen dichtes Füllmuster mit Tieren und Laubwerk, andere, breitere, zeigen lockere Stickerei mit Jahrzahl, den Initialen oder dem Namenszug als Mittelpunkt. Dem Schildranzen am nächsten stehen die Gürtel mit weicher Doppellage und Mittelnaht auf der Vorderseite, die mit rotem Leder vorgestoßen ist. Zu beiden Seiten der Messingschließe ist eine rechteckige Patte, die meist eine Gemse oder einen Löwen oder eine Blumenranke aufweist; daran schließt sich das sogenannte „Blatt“, ein spitzes Dreieck. Seine Ränder sind mit verschiedenartigem Zierstich umsäumt. In den Fond ist entweder der Name Jesu und Maria, oder die Jahrzahl, ein kurzer Spruch, Name oder Anfangsbuchstaben des Namens gestickt. Alle auf- oder eingesetzten Teile sind wie die Mittelnaht durch den Vorstoß mit rotem Leder besonders hervorgehoben. Diese Gürtel haben sich neben den Schildranzen am häufigsten erhalten. Die kleinen bestickten Flächen und daher der erforderliche feine Stich läßt sie als die spätere Art der Kielgürtel erkennen, auch ihre gelegentlichen Datierungen reichen in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. Dieselbe Stickweise und die immer kleiner und zierlicher werdenden Blumenranken und Ziersticharten sowie die schräge Lateinschrift weisen die bestickten ovalen Schilder der schon öfter erwähnten Schildranzen auf.

Die Wirkung aller dieser Arten ist nur auf den Gegensatz von Schwarz und Weiß berechnet. Doch wurde der Federkiel auch gefärbt oder mit farbigen Lederauflagen und farbigen Lederstreifen, dem sogenannten „Zirm“, zusammen verwendet. Diese Art war besonders im Sarntal gebräuchlich. Von dort stammen sehr schöne uns noch erhaltene Stücke. Die Datierung der besten Arbeiten ist ungefähr von 1800 bis 1830 begrenzbar. Sie sind in den Farben Grün, Gelb und Rot auf dunkelbraunem, gepunztem Leder gestickt. Ihre Muster sind großzügig, meist Blumenmotive, Vasen, Bäumchen. Der Doppeladler ist häufig in Punzendruck oder später in weißen Kielen in kleiner Gestalt darauf zu sehen. Anfänglich ist der Kiel in dieser Verbindung nur sehr sparsam verwendet, als Füllung einer Blume, als Aufhellung des sehr ernst wirkenden Ganzen. Allmählich übernimmt aber der weiße Kiel immer mehr die Dekoration, bis schließlich das Farbige nur mehr an den Randleisten auftritt, die beinahe immer dasselbe Muster zeigen: ineinandergreifende Dreiecke in rotem und grünem „Zirm“. Jetzt werden im Sarntal am Werktag schmale Gürtel aus gepreßtem Leder, am Sonntag solche aus schwarzem, lackiertem Kalbleder mit feiner weißer Federkielstickerei getragen.

Auch die Frauengürtel haben sich parallel mit den Männergürteln vom metallgezierten Gürtel oder Gehänge zum reich mit Kielstickerei geschmückten Zierstück umgewandelt. Die Würdigung ihrer verschiedenen Gattungen nimmt ein Kapitel für sich in Anspruch.

Über die Zugehörigkeit der einzelnen Gürtelarten zu den Trachten der verschiedenen Gegenden läßt sich wenig allgemein Gültiges sagen. Besondere Eigenheiten sind erwähnt. Es ist jedoch anzunehmen, daß ihre sich verändernden Muster durch den Handel und das Feilbieten auf Märkten Verbreitung fanden. Wir finden z. B. den tirolischen sehr ähnliche Stücke in Oberbayern und Schwaben, in Salzburg und Oberösterreich. Eine genaue Kenntnis des in Frage kommenden Materials wird jedoch in den meisten Fällen gestatten, ein Stück als spezifisch tirolisch zu erkennen oder es einem anderen Kulturkreis zuzuweisen.

Federkiel-Stickerei, Ende

Quelle: Gertrud Pesendorfer, Die Federkielgürtel der tirolischen Bauerntracht, in: Tiroler Heimatblätter, 10. Jahrgang, Heft 1, Jänner 1932, S. 1 - 6.
© digitale Version: www.SAGEN.at