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Eine Sommerrast.
Von P. Tschurtschentaler.

An einem Sommertage war ich über die Öttenbacheralm gegangen. Auf dem Schönboden, wo man auf Meran wie in einen Zaubergarten hinabsieht, kehre ich den Iffingerwänden den Rücken und trete den Gang nach Süden an, über den Höhenzug, der sich stundenlang und in sanften Wellenschlägen hinzieht. Dann geht es über weite grenzenlose Weide, über windzerfegte Steinfließe mit dem Ausblick in die fast schattenlosen Fernen mit dem feinen Schneerieseln und dem Silberduft der Gletscher, alles zart, nur hingehaucht, nur Traumländer, bis der Abend ihnen wieder Gestalt und Form gibt. Tief unten begleitet mich der Wald weit und groß, einige Wiesenflecke mitten darinnen, dann ferne Häuser, und durch Schluchten sinkt der Blick in dürstende Täler mit dem irren Schimmer eines Flusses und dem feinen Hauchbild eines dunstbegrabenen Dörfleins.

Hinter den steinernen Mandlen, wo die Hexen einst in Mondnächten ihren Tanzplatz gehabt haben sollen, senkt sich die Höhe allmählich, Lärchen werfen ihre Schatten in frische Alpenwiesen, Bäche stürzen und drängen aus allen Tälchen, und um Marendezeit stehe ich vor dem Waldkirchlein am Putzenkreuz. Da ist Gesellschaft am Tisch vor dem Wirtshaus unter dem blauen Himmel, der sein Tuch in die Tannen wirft. Es ist eine Gruppe Wallfahrer, die stillvergnügt aus Tüchlein mitgebrachte Speisen essen, ein junger Asingerbauer in seiner schmucken Sammtweste, dessen falbes Saumtier vor dem Zaune scharrt, dann ein altes beredtes Bauernweib und ein kleiner, buckeliger und ebenfalls bejahrter Mann, den sie Bartl nannten und der die Seele der Gesellschaft zu sein schien. Er war hier, Heubäder zu nehmen, wie er sagte, und trank ein Glas Schnaps. In seinem Gesicht lag ein böser Ausdruck, er schimpfte auch in einemfort, aber so, daß die andern lachten, was ihm zu gefallen schien, so daß man ihn im Grunde doch als einen harmlosen Polterer anzusehen geneigt war.

Als alle fort waren, erzählte er mir, daß er eigentlich nicht in das Heubad gehen, sondern heiraten wollte.

„Was," platzte ich überrascht heraus, „in Eurem Alter?"

„Ich bin nicht alt," sagte er ernsthaft und mit Eitelkeit, „ich hatte ein hübsches, junges Mädchen, das mir gefiel, als Häuserin auf meinen Hof genommen. Und da gibt es keinen Spaß, wir hätten uns geheiratet. Es war schon alles ausgemacht zwischen uns. Ich war für sie eine entschieden gute Partie. Aber wie es der Kuckuck wollte, kam mein Ältester, der damals bei den Kaiserjägern diente, unverhofft vom Militär zurück. Ich mußte ihm den Hof übergeben, denn sonst wäre er mir gleich wieder davon und ich allein hätte ihn nicht bearbeiten können. An alles habe ich bei der Übergabe gedacht, an den Sitz am Ofen, an das Winterholz, an Pfannen und Schüsseln, an ein Schweindl, an Eier und 10 Pfund Schmalz, an alles, und 14 Tage habe ich mir zur Unterschrift Zeit genommen, um nichts zu vergessen. Auch die Moidl, so hieß mein Mädl, mußte mir im Nachdenken helfen. Nur an sie selbst habe ich nicht gedacht. Der Vertrag wurde unterschrieben, fix und fertig, und die Moidl steckte selbst noch ihre Nase hinein, ob alles stimme. Am nächsten Tag kam die Moidl und sagte ganz ruhig: „Gelt Bartl, hast nichts dagegen, wenn ich Deinen Buben heirate."

Hätte jemand an eine solche Falschheit in einem so milchsaubern Weibergesicht glauben können? Ich ergriff gleich ein Scheit und wollte ihr diese Dummheiten und Falschheiten austreiben, aber da erschien mein Bub und sagte: „Jetzt ist's genug! Wissen tut Ihr's, wie es ist und übermorgen sind wir schon auf der Kanzel." Was will man mit jungem Volk machen? Ich schimpfte und rumorte noch 8 Tage im Hause herum, aber als gar nichts mehr nützte, ging ich hieher ins Heu. Gestern war Hochzeit, und das Glockenläuten habe ich auch noch heraufhören müssen." Dann erhob er seine dürren Fäuste hoch in die Luft und schrie: „O du spottschlechte Welt!"

Ich mußte hell auflachen über den komischen Alten. Er merkte es aber in seiner Erregung nicht, er wurde auch bald ruhiger, tat einen tiefen Schluck und sagte dann, indem er ein knöchernes Fingerlein hin- und herwachteln ließ:

„Aber der Bub sitzt noch nicht so fest. Es gibt bald Krieg, und dann muß er auch fort."

„Was schwätzt Ihr da?" warf ich etwas ärgerlich ein, wie man so bei dummer Geschätzigkeit wird.

„Krieg gibt's," kreischte der Alte, „o ich kenn mich aus. Wer wie ich in Bosnien war, merkt das geschwind."

Damit tat er den letzten Schluck und humpelte brummend davon.

Der Alte sollte recht behalten. Nach einigen Wochen brach der Krieg wirklich aus, ein Krieg, wie ihn Welt und Menschen schrecklicher, grausamer vielleicht nie gesehen haben. — — "

Und er hat auch den Sohn des Alten mit sich genommen.

Vignette von M. Perlunger
Vignette von M. Perlunger

Quelle: Der Schlern, 1. Jahrgang, 1. Heft, 1. Jänner 1920, S. 11 - 12.

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