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Eisaktaler Sommerbuch
Von M. Perlunger

Der einsame Berghof

In den langen Monaten, die du in der Stadt, im Tale zubringst, schweift oft der Blick zu den Bergen hinauf, nicht ohne Sehnen zu den Höhen, wo die letzen Wellen des Lebens schlagen, die letzten Lebenslose gebreitet sind.

Wo sich am westlichen Gebirgsstock der grüne Waldrücken jäh zum Berggrat auftürmt, liegt inmitten von Wiesen und Saatfeldern, beschattet von einer mächtigen Esche, einsam der Masitthof. Durch das sausende Laubwerk des Baumes lugt des Hauses helles Gemäuer weit ins Land, bis zu den fernsten Felszinnen der Tauern und Dolomiten und hinunter zum träumerischen Süden, wo die zarten Silhouetten des Schwarz- und Weißhorns im Sonnenduft verschwimmen. An die Hausmauer hat einst kunstsinnige Hand Märchenbilder in grellen Farben gemalt, aber in Sturm und Unwetter sind sie rasch gealtert und erblaßt, soweit sie nicht der hölzerne Söller und das weitvorspringende Schindeldach schützten. Und nun ruht eine verschwommene Romantik in ihnen und wirkt wie ein Traum aus alter, glücklicher Zeit auf das ganze Haus mit Söller und Scheune und plätscherndem Brunnen und dem sausenden Baume, der seinen irrenden Schatten bis zum Rande des umzäunten, steilen Hausgärtleins wirft, wo zwischen üppigem Grün rote Johannisbeeren und brennende Nelken funkeln. Ringsum aber rauscht nimmermüde der Hochwald. In stundenlanger Ausdehnung reicht er hinauf bis zu den Almen und hohen Bergebenen, die den großen Gletschern vorgelagert sind; er reicht hinauf bis zu dem hohen Bergsee, über dem des Nachts ruhlos die Geister schweben. Wilde Felsentäler, einsame Steinkare strecken bisweilen ihre düsteren Arme in das grüne Tannenland und inmitten des dichtesten Waldes liegt manche Hochwiese mit seltenen Alpenblumen, ein unvergessenes Gefilde, von rauschenden, uralten Wäldern umbrandet.

Vom Tale aus siehst du, wie die Jahreszeiten auf Masitt einziehen, still und langsam und später als herunten in der Talsohle. Alles freut sich schon der laueren Lüfte, aber dort oben ist's noch wie zu Weihnacht: ein schmaler, weißer Streifen wie ein Schneewegvor den schwarzen Tannen, der sich übers Joch wendet hinter den Berg, wo der Winter noch in seiner ganzen silbernen Pracht herrscht. In unseren Stadtgärten leuchten schon lange die ersten Blumen, wann auf Masitt erst teilweise der Schnee geschwunden ist und die braune Erde sichtbar wird mit dem weißen Häuschen, das erst jetzt in die Augen fällt. Aber bald entschwindet es wieder den Blicken. Denn nun zieht auch oben der Frühling ein und die hohe Esche, die in der Glut des winterlichen Abendrotes das Netz ihrer kahlen Aste wies, erhält Blätter und Blütenbüschel und verdeckt bald alles. Dann stehen auch im dunklen Wald die hellgrünen Lichter der Lärchbäume und winken hoffnungsfreudig hernieder. Aber jetzt haben auch wir im Tale die schönste Zeit des Jahres, wir wandeln draußen vor der Stadt, inmitten wogender Kornfelder. Wie kurz ist diese Zeit, wie schnell vergeht sie! Ist das Korn geschnitten, dann scheint uns beim Anblick der Stoppelfelder die Herrlichkeit der goldenen Tage geschwunden. Heißer werden auch die Tage, die Wege staubiger, Mattigkeit ringsum und keine rechte Freude mehr. Wohl bist du in einer gesegneten Gegend, an den Hügeln Weingelände und Kastanienhaine. Aber noch können diese nichts bieten, ihre Zeit ist noch nicht gekommen. Da siehst du zu Masitt hinauf, wo noch das frische Grün des Frühlings freudig leuchtet und die Waldkuppe ins Blaue ragt, eine silberne Wolke an ihrer Wölbung, feingefasert, hochgebogen, schön geschweift wie eine Reiherfeder. Dort oben ist die erste Mahd noch nicht geschehen, noch dauert es Wochen, bis man das junge Heu einbringen wird. Nach zwei Monaten werden dann die Kirschen reifen. Bis dahin kannst du auf der hohen Bergplatte an wogenden Roggen- und Gerstenfeldern vorübergehen und noch einmal den Frühling genießen. Aber nur kurze Zeit. Jäh und unverhofft kommt dort oben der Sommer und dann ist die schönste, die lieblichste Zeit auf diesen Höhen angebrochen. Blaue Sommerwochen, in denen des warmen Sonnenscheins kein Ende mehr ist. Dann dauert es auch nicht mehr allzulange und der ersehnte Morgen bricht an, da du frohen Sinnes die schwüle, dumpfe Stadt verlassest. Immer höher hinauf strebt dein Fuß, dein Blick ist aufwärts gerichtet zur höchsten Waldbucht, wo Masitt an den blauen Himmel grenzt. Dort gibt's kühle Birkenwälder! Ohne Rast durchschreitest du die letzten Rebenhügel und Kastaniengründe des Mittelgebirges. Heute können sie dich nicht halten wie sonst, dich verlangt nach der luftigen Berghöhe, nach dem roten Heidegrund mit den weißen Birken, deren zartes Laub immerfort im leisesten Windhauch zittert und Kühlung fächelt. Meisen und Zeisige singen in den Zweigen, kühle Wasser rinnen von allen Seiten und schillernde Libellen schwirren über den dunklen Waldteich. Hier oben freust du dich, den schwülen Nächten entronnen zu sein, im Heugrund zu liegen oder im hölzernen Kämmerlein, durch dessen kleines Sternenfenster die nahe Tanne ihre duftenden Zweige hereinstreckt. Hier oben gibt es oft seltsame Sonnenstunden, in denen du dich im Glanze des hellen Tagesgestirnes nicht genug ergehen kannst. Es zieht dich über die sonnigflimmernde Wiese hin zu den hellen Steinen und den schimmernden Stämmen im hügeligen Birkenwäldchen, wo selbst die Schattenbilder wie mit Silberfarben durchwirkt scheinen. Hier ist das Gras glänzend borstig, üppige Farnkräuter sprießen zwischen niedrigem Gestein und du verspürst keine Lust, deine Glieder auf den harten Grund zu betten. Aber mit Freuden schwingst du dich in die hohe Hängematte, die wie ein ruhiges Traumschiff zwischen zwei wiegenden Stämmen niederhängt. In der wonnesamen Stille des leise rauschenden Laubwaldes, den Blick durch das Blätterdach aufwärts gerichtet, wunschlos hingegeben im harmlosen Genießen des Augenblicks, dünkt es dich wie ein leichtes Aufwärtsschweben zum blauen Äthermeer.

In Hängematten schaukeln
und zu dem Himmel seh'n
Wo kühn die Wolken gaukeln
Und auf und nieder geh'n.

Von besonderem Reiz ist es, zur Zeit der Mittagsruhe unter der ungeheuren Esche zu sitzen und in die sonnenübergossene Landschaft zu schauen. Vom Mittelgebirge herauf sind die letzten Mittagsglocken verklungen, die Sonne steht fast senkrecht über dem Hof und tausend und abertausend beflügelte Insekten summen und surren in der zitternden Luft. Unbeweglich sitzt das Hühnervolk im heißen Sand, aus dem Hause tönen noch einzelne, sich entfernende Schritte, dann ist es stille wie in tiefster Nacht, der Weltlärm dringt nicht so weit herauf, ihm wehren die trotzigen Tannen an der steilen Brust des Berges. Da lockt es dich, nach dem hohen Heustadel zu schreiten, aus dessen weitgeöffnetem Tore das frisch eingebrachte Heu in tausend Wohlgerüchen duftet. Und da ist wohl auch die rechte Stunde gekommen, nach deinem Heulager zu schauen, auuf dem du die kühlen Nächte deines Hierseins verbringen willst. Froh gesellst Du dich den Freunden zu, die eben im Begriffe sind, ihre Ruhestätte herzurichten. Durch einzelne Schindeln fallen grelle Sonnenstrahlen auf die rauhen Dielen, malen rundliche Kringel auf die Blockwände, ein leiser, kühlender Luftzug geht durch den ganzen Raum und verweht etwas den süßen, betäubenden Geruch des Heues. Unmerklich verstreicht die Zeit und der erste Tag der Sommerfrische neigt langsam seinem Ende zu.

Aber noch sind die rauschenden Hochwälder und klingenden Berghalden nicht durchstreift, das ganze diesjährige Sommerreich ist noch ein unbetretenes Märchenland voll bunter Geheimnisse und Rätsel, die alljährlich immer aufs neue der Lösung harren. Und schon die nächsten Sonnentage werden mit jedem Schritte mehr und mehr enthüllen von den Reizen, wie sie die Natur auf diesen Südlandshöhen in beneidenswerter Fülle und abwechslung darbietet.

Nun bricht der Abend an und die Dämmerschatten im Tale verschleiern allmählich weiße Häuser und rote Türme, während die marmornen Felszinnen der Dolomiten noch im letzten Widerschein der gesunkenen Sonne glühen. Stiller wird's im Hof, über den Platz klappern noch einmal die Holzschuhe des Sennen, der zum letztenmal im Stalle Nachschau hält. Dann knarren und ächzen die alten Treppen unter seinen müden Tritten, er kriecht in sein wurmstichiges, wackliges Bett. Du sitzest mit den Hausleuten noch geraume Zeit auf dem Söller und schaust dir im glitzernden Sternenhimmel die Augen müde. Dann sucht alles die Schlafkammern auf, du aber schleichst mit deinen Freunden lautlos in den geheimnisvollen Heustadel.

Vignette von M. Perlunger
Vignette von M. Perlunger

Quelle: Der Schlern, 1. Jahrgang, 1. Heft, 1. Jänner 1920, S. 1 - 4.


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