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Südtiroler "Knappenlöcher"
von Hans Fink

Unter einem „Knappenloch“ versteht man in Tirol volkstümlich einen Grubenbau im weiteren Sinn, wobei die Größe, die Tiefe, der Ursprung oder das Alter keine Rolle spielen. Man benutzt den Terminus also für Schächte und Stollen aller Art. Die Mundart verwendet in der Gegenwart das bergmännische Zeitwort „knappm" ebenfalls weitgefasst für jede Tätigkeit, die mit wühlen, schürfen oder mühsam im Erdreich graben zusammenhängt, greift also heute über das Bergbauliche hinaus. In diesem Beitrag soll es aber nur um Knappenlöcher gehen, die montaner Herkunft sind.

Vorgeschichtliches

Der Bergbau in Tirol ist fast so alt wie des Landes Besiedlung, ja es sind schon Stimmen laut geworden, nach denen die Suche nach Erz bäuerliche Sesshaftigkeit erst nach sich zog. Den frühesten Beweis von Bergbau liefert wohl ein vorgeschichtlicher Grabstein, den ein ladinischer Bauer im Sommer 1866 am Abhang des Monte Pore 1) im Dolomitental Buchenstein 2) gefunden hat. Der deutsche Namen Buchenstein für den ladinischen Fodóm 3) leitet sich nachweisbar vom alten Ausdruck „puchn“ - pochen 4) bzw. Erz zerstoßen her. Das gilt genauso für die Toponomyna „in der Poche“ zu Pflersch und „Pucher“, dem Pochwerk unweit Klausen, das 1921 durch Hochwasser zerstört wurde. Bei dem buchensteinischen Grabstein handelt es sich um ein Denkmal, das im Museum zu Bozen aufbewahrt ist und in venetischer Schrift zwei Widmungen trägt, die die einstige Wichtigkeit des Bergwerkes unterstreichen. Das Alter der Inschrift ist vorchristlich. 5)

Der Bergname Monte Pore sagt soviel wie „Angstberg, Berg der Furcht, des Schreckens“. Karl Felix Wolff erzählt in seinem Werk „Dolomitensagen“, 6) dass der Monte Pore nach allen Seiten von Stollen und Schächten durchgraben ist. Der Haupteingang lag auf der Morgenseite und hieß Fursill oder auch Frisolét, d. h. Eisen, Eisenberg. Auch blühten dort die „flores de fyér“ (Eisenblumen), deren Stengel feine Fäden von Eisen und Gold enthielten. Diese Fäden brauchte man, um ein Prachtgewand aus Gold und Seide anzufertigen, das von einem Mädchen getragen wurde, wenn man es in die Schächte schickte, um die Berggeister zu zwingen, ihre Schätze freizugeben. Das betreffende Mädchen hatte schön und angesehen zu sein, es wurde vom Volk ausgewählt

1) Zur Entdeckung des Bergwerkes am Monte Pore bringt Gerhard Heilfurth in seinem Standardwerk: Bergbau und Bergmann in der deutschsprachigen Sagenüberlieferung Mitteleuropas. Marburg 1967, eine Sage, die hier nicht wiederholt werden soll.
2) Buchenstein liegt zwar in der Provinz Belluno, wird aber zum ladinischen Teil Südtirols gerechnet.
3) Fodóm leitet sich von vicedominus-Vitztum ab; nach Crepaz, Anton: Die Orts- und Flurnamen von Livinallongo. Bozen 1937.
4) Schatz, Josef: Wörterbuch der Tiroler Mundarten (= Schlernschriften 119 - 120) Innsbruck 1955, S. 115.
5) Mayr, Karl Maria: Zu den venetischen Inschriften vom Monte Pore. (Der Schlern 1951, S. 417.)
6) Wolff, Karl Felix: Dolomitensagen. Innsbruck 1957, S. 380 - 424.

und bekam den Namen „Delibana“, bevor es in die Tiefe stieg. Dort hatte es sieben Jahre zu verweilen und wurde dann, sollte der Bergsegen nachgeben, von einem anderen Talkind abgelöst. Die früheren Buchensteiner galten bei ihren Nachbarn als berufsmäßige Bergwerksleute. Der Rest eines alten Erzweges, der um den Monte Pore führt, heißt noch heute „triol de la vana“, d. h. Pfad der (Erz-)Ader. Mit der Völkerwanderung erlosch am Monte Pore die montane Tätigkeit, wurde aber im 12. Jahrhundert wieder aufgenommen.

Auf Streifzügen durch Südtirol konnten in den letzten Jahren auch andernorts verschiedene Hinweise auf uralte Bergbautätigkeit gewonnen werden. Erstrangige Bedeutung kam zu: dem Tal Pflersch, dem mittleren Vintschgau, dem Trafoi-Tal, den Sarntaler Alpen und dem Raum um Prettau. Gerade hier im hinteren Ahrntal vermutet man schon lang, und zwar aufgrund eines gefundenen Bronzebeiles im Bereich des Rettenbach-Bergwerkes, prähistorischen Kupferbergbau. Glücklicher war man in Reinswald (Sarntal), wo es im Jahr 1970 gelang, am Zusammenfluss der Gewässer Knappenbach und Getrumbach einen alten Schmelzofen zu entdecken. Weit interessanter sind jedoch die auf Seehöhe 1800 über dem Knappenbach ans Tageslicht gekommenen Schlacken, durch die der unzweifelhafte Nachweis einer prähistorischen Schmelzstätte erbracht ist. 7) Um nun den Reigen der Funde, die auf montane Tätigkeit in vorgeschichtlicher Zeit schließen lassen, zu beenden, sei noch auf einen Stolleneingang „in der Hölle“ im hinteren Pflerschtal verwiesen, wo sich neben dem Knappenloch drei hakenkreuzähnliche Symbole in einen Stein gemeißelt finden, die auf hohes Alter schließen lassen.

Goldhunger in historischer Zeit

Knappenlöcher kamen in Pflersch durch den Schwund des Gletschers auch oberhalb des Grünen Sees zum Vorschein, nicht zu vergessen die vielen Bergwerksagen 8) und Flurnamen, die auf frühe Knappentätigkeit schließen lassen. Erschütternd klingt der Bericht vom Landsknecht-Schacht in Valleming, der 2000 Schuh tief sein soll und in dem das erbitterte Volk von Gossensaß 30 aufdringliche durchziehende Landsknechte erbärmlich verenden ließ, da sie es auf die Dorfmädchen abgesehen hatten. 9)

Zur Zeit, da Christoph Kolumbus versuchte, auf dem Seeweg nach Indien zu gelangen, galt Tirol als das reichste Land Europas. Orte und Städte blühten auf, und man sagte, die Gefürstete Grafschaft Tirol sei einem Königreich gleich zu achten, denn der Bergsegen überschüttete die Täler mit Reichtum und Gold. Die Tiroler Bergleute waren ob ihrer Tüchtigkeit berühmt, in aller Welt gesucht und wurden nach Böhmen, Ungarn und Russland, nach England und Spanien geholt. Kaum 200 Jahre währte aber diese Blütezeit, und gegen Ende des 16. Jahrhunderts versiegte der Erzsegen immer mehr. Dazu kam noch, dass man nach der Entdeckung Amerikas billiges Kupfer und Silber einführte, so dass sich der tirolische Bergbau bald nicht mehr lohnte. In jene Verfallszeit reicht wahrscheinlich so manches Knappenloch hinauf. Man erzählt sich, die plötzlich arbeitslos gewordenen Knappen wollten es einfach nicht glauben, dass der große Segen mit einem Schlag aus sein sollte, und so begannen deren viele auf eigene Faust zu schürfen. Für verschiedene solcher kleiner Grabungslöcher sagt man hierzulande „Hoffnungsstollen“ ein Ausdruck, der bei Gerhard Heilfurth in der Form „Hoffnungsbau“ einigemal vorkommt.

7) Dal Ri, Lorenzo: Spuren urgeschichtlicher Erzgewinnung in den Sarntaler Alpen. (Der Schlern 1972, S. 592)
8) Aus Pflersch führt Gerhard Heilfurth in seiner Veröffentlichung: Südtiroler Sagen aus der Welt des Bergbaus. Brixen 1968, mehrere Berichte an.
9) Schadelbauer, Karl: Die Landsknecht-Schlacht von Valleming. (Der Schlern 1930, S. 298)

Wer sich in Feldthurns gut auskennt, wird vom Knappenloch am Gratschkofl wissen, das nach der Volksmeinung bis unter den „Zolerhof“ reiche. Die heimische Forschung hat sich mit diesem Schürfloch, in dessen Nähe sich übrigens erzhaltiges Erdreich findet, noch nicht abgegeben, was die Leute nicht daran hindert, es recht phantasiereich auszuschmücken. Es heißt, die Knappen hätten in ihrem Fleiß jede Orientierung verloren, bis sie plötzlich über sich klopfen hörten. Als man nachschauen ging, stellte man fest, dass man sich schon unter der Küche des „Zolerhofes“ befand. Die Geräusche aber rührten her vom Scheiterklieben und Kinderwiegen. 10)

Nicht so phantasiereich drückt sich der Brixner Volksmund über die Knappenlöcher bei den „Burgerböden“ am Pfeffersberg aus. 11) Man soll da von 1529 bis 1531 nach Gold gesucht haben, gab jedoch den Versuch auf, als nur Wasser zum Vorschein kam. Während des letzten Krieges benützten einige Leute die Löcher als Unterschlupf vor den Bomben, in allerjüngster Zeit war es gar ein Einbrecher, der sich da verkroch. Leider hatte er das Pech, in einer „Berufspause“, die er anscheinend mit Gesang und Lautenschlag zu verkürzen pflegte, seine Gitarre im Freien liegen zu lassen, worauf man dem idyllischen Leben ein unliebsames Ende bereitete. Kindern erzählt man, im Innern der Knappenlöcher breite sich ein See aus und es komme nach dreimaligem Klopfen ein Zwerg, der einen über das Wasser setzt.

Nach Erz — der Volksmund redet aber meist von Gold — hat man auch am Tritschboden bei Rodeneck geschürft. Einige Versuchslöcher unweit der sogenannten „Huntiskirche“ künden davon, und eine Schutthalde unter dem „Leitlerhof“, die auch von einem zugefallenen Stollen herrühren soll, trägt den ungewohnten Namen „der blowe Haufe“, der „blaue Haufen“, der mit Erzvorkommen zusammenhängen wird. Bei der zitierten „Huntiskirche“, 12) die zwar auch ein ins Erdinnere führender Felsspalt ist, haben wir an kein Knappenloch zu denken, sie ist ein Spiel der Natur.

Um die Knappenlöcher renken sich zahlreiche Sagen.

Knappensagen aus Lüsen

Vier schneidige Burschen aus Lüsen zogen in einer Samstagnacht aus, um beim „Peaderer“ (Villpederhof) jenen Baumstrunk zu heben, von dem es hieß, er habe Wurzeln aus Gold. Einer von ihnen, ein Schmied, benahm sich so ungeschickt, dass der Strunk versank. Wer weiß nun, wohin sich so ein Goldstock zu verkriechen beliebt? Die Lüsner hatte es bald heraus: Die Goldwurzeln waren sicher zum Knappenloch beim „Plansolerhof“ abgesunken, wo eben ein braunes Wässerlein aus dem Erdreich kam. Zwei Monate gruben und schufteten die vier Männer, bis sie endlich über sich ein Geräusch vernahmen und auf Bretter stießen. Das war der Küchenboden des Villpeder-Hofes, und das Geräusch kam vom Mohnstampfen. 13) Wer nicht ortskundig ist, mag wissen, dass man vorn Plansoler bis zum Villpeder eine Stunde zu gehen hat.

Um das Plansoler Knappenloch dreht sich aber eine noch viel schauerlichere Geschichte: In einer Christnacht war die Bäuerin mit den größeren Kindern ins ferne Dorf zur Mette gegangen, nur der Bauer mit den drei Jüngsten hütete das Haus. Als die Kirchleute am Heimweg beim Knappenloch vorbeigingen, vernahmen sie eine furchtbare Stimme, welche sagte: „Erschreckt nicht, wenn ihr eure Stube betretet!“ Die Mahnung war nicht übertrieben, denn am Boden lagen die Leichen des Bauern und der

10) Fink, Hans: Neugesammelte Sagen — Der Gratschkofl. (Der Schiern 1962, S. 198)
11) Mader, Ignaz: Die Ortsnamen der Gemeinde Pfeffersberg (= Schlernschriften 37.) Innsbruck 1937, S. 24.
12) Mader, Ignaz: Ortsnamen und Siedlungsgeschichte von Mühlbach, Rodeneck (Südtirol). ( = Schlernschriften 99.) Innsbruck 1952, S. 120. — Fink, Hans: Die Bedeutung des Wortes „Hund(t)“ in Namen. (Der Schlern 1960, S. 115)
13) Fink, Hans: Eisacktaler Sagen, Bräuche und Ausdrücke. Innsbruck 1957. (= Schlernschriften 164, S. 183.)

Kinder. Ihre Köpfe hingegen hatte man auf die vier Ecken des Tisches gesetzt. Ein Täter wurde nie gefaßt. 30 Jahre gingen ins Land, da soll sich in einem Bozner Gasthaus folgendes zugetragen haben: Ein fremder Gast trat ein, setzte sich in eine dunkle Ecke und verlangte von der Kellnerin Tinte und Schreibzeug. Als der Mann längst fort war, fand sich ein Zettel, auf dem geschrieben stand, dass er, der Fremdling, der Mörder der Plansoler Leute von Lüsen gewesen war! Eine primitive Malerei an der Außenwand des Hofes zeigte bis vor Jahrzehnten den Stubentisch, auf dessen vier Ecken die blutenden Menschenköpfe lagen. 14)

Sagen vom Reichtum, der auch in Lüsen auf die Knappentätigkeit zurückzuführen war, kreisen auch um den erwähnten Villpederhof. Es heißt da, das Anwesen sei einst so reich gewesen, dass man es sich erlauben konnte, alles Eß- und Kochgeschirr aus Erz (Silber? Gold?) anzuschaffen, der Futterbarren im Stall hingegen war aus purem Kupfer.

Aferer Tal, Freienberg, Flaggertal

Erfolgreicher als in Lüsen mögen die Schürfungen der Knappen im Aferer Tal hinter Albeins ausgefallen sein. Vom Hartlwald ausgehend führen noch heute drei Knappenlöcher in den Berg. Von einem sagt man, es reiche bis unter die Kirche von St. Andrä, das zweite bis unter die Glockenstube von St. Peter in Villnöß, und im dritten habe ein alter Mann eine Goldader gesehen, dick wie ein Krautfaß.

Tatsache ist, dass ein Bergwerk an der Sade 15) mit einem Schmelzwerk zwischen den Höfen Sader und Höller schon um 1560 urkundlich erwähnt wird. Der Wildbach habe dann die Schmelzhütte verschüttet, worauf man das Erz an den Ausgang des unweiten Villnößer Tales brachte, wo die Reste des alten Schmelzwerkes noch heute zu sehen sind. Hier an der Sade mag auch das „Albeinser Kupferwasser“ aufgegangen sein, das 1681 in einer Badeordnung gegen Gliedersucht empfohlen wird. Um 1752 versuchte Freiherr von Zinnenberg die Erzgewinnung an der Sade wieder zu beleben, ein Unternehmen, das wohl nicht lang währte. Im Jahr 1936 ging Prof. Meusburger den Albeinser Knappenlöchern nach und bestimmte die hier gewonnenen Mineralien als Kupferkies mit Malachitüberzug und Netrolith. 16)

Ein kleines Bergwerk befand sich auch am Freienberg ober Vahrn. Ein Ortkundiger, der gerne schrieb, nannte die wenig anziehende Gegend gar „Freudenthal“. Von einer Grubenverleihung am Freienberg lesen wir um 1540, ein letztes Mal um 1615. 17) Knappenlöcher hat man auch in Schalders aufgespürt, und zwar an der schattseitigen moorigen Mulde ober dem Bad. Die Gegend heißt „Arzfénn“ und man versucht „Arz-" mit Erz, ,,-fénn“ hingegen mit Sumpf deuten zu können. 18) Aber auch viel weiter nördlich, unterhalb des Berges „Hochgschier" im Flaggertal, finden sich Schutthalden eines alten Bergwerkes. Die Verhüttung des hier gewonnenen Erzes (Magnetkies, Zinkblende, Kupferkies und Pyrit) erfolgte in einer Schmelzhütte zu Graßstein, die in alter Zeit von den Herren von Baumgartner und Fugger von Augsburg betrieben wurde, um 1740 aber erlosch. 19) Das Flaggertal liegt weit von jeder menschlichen Siedlung, und so kommt es wohl auch, dass niemand mehr von einem Bergbau weiß. Nur ein alter Wegnamen erinnert noch daran, er heißt „Silberweg“.

14) Fink, wie Anm. 10, S. 210.
15) Anstelle dieses aus der Vorzeit herrührenden Bachnamens Sade hört man heute meist Afererbach, da er aus dem Tal Afers kommt.
16) Mader, Ignaz: Die Ortsnamen am St. Andräer-Berg (= Schlernschriften 31.) Innsbruck 1936.
17) Mader, Ignaz: Die Ortsnamen des alten Gerichts Salern, Zeitschrift des Ferdinandeums. Innsbruck 1938, S. 548).
18) Mader, wie Anm. 17, S. 574.
19) Mader , wie Anm. 17, S. 592.

Im unteren Pustertal

„Tschafernaun“ nennt sich eine Bergwiese auf der Alm von „Gstin“, 20) wo man ebenfalls Knappenlöcher zeigt. Der Stollen geht weit in den Berg hinein, das Gestein ist mit Grünspan überzogen, es sind noch Leitern und Polzhölzer zu sehen, und die Leute sagen, im Berg drinnen sei mehr Holz als im Wald. Seit Jahren kommt Wasser in den Stollen, und das Wissen darum verliert sich. Nur der Name „Schatzgrüebl“ für eine Bergwiese mag einen Wanderer ermutigen, nach den Knappenlöchern zu suchen.

Wo es von Vintl über Weitental nach Norden geht, steht am sonnigen „Hönnigberg" das Anwesen Mayrhofer. Alte Leute sagen, man habe da nach Kupfer gegraben und von der Küche führe ein Loch in die Tiefe. Vor Zeiten hörten leichtgläubige Menschen, wie jemand in einiger Entfernung „geknappet“ hat, warf man aber ein Steinchen ins Loch, so hörten die Geräusche auf. Auch über dem Tal, am sogenannten „Tschießenboden“ an der Kegelbergseite, sei nach Silber geschürft worden. Von einer Spur ist nichts vorhanden, nur eine Sage kündet, eine helle Frauengestalt werfe dort mit silbernen Steinchen nach den Hirten.

Schließlich noch ein Wort zu Pfunders, wo weder Geschichte noch Volksmund zu kurz kommen. An der Hochferner-Güsse, sagen die Leute, sei ein goldenes Kegelspiel gestanden, ein Gemsenjäger habe es deutlich gesehen. Reste eines Schmelzwerkes seien am Moserboden zu erkennen, ja selbst ganz oben in der „Eisbrugge“ seien einige Stollen zu finden. Wenn diese Pfunderer Knappenlöcher in der Bergwerksliteratur auch nicht aufscheinen, so ist uns darüber doch Urkundliches 21) überliefert. Im Jahre 1541 klagte Bischof Christoph, dass elf fuggerische Knappen aus Sterzing ohne Erlaubnis in Pfunders schürften und schmolzen und den Ertrag von 300 Kübeln Erz über Pfitsch nach Sterzing schmuggelten. Der Einspruch mag gewirkt haben, denn in den folgenden 200 Jahren wird alles still. Doch um 1729 bricht der Streit wieder los. Wieder waren es die Sterzinger, die in Pfunders gruben. Also sah sich der Richter von Vintl veranlasst, energisch zu verlangen, der Steig nach Pfitsch sei zu zerstören, das Erz aber sei nach Vintl zu bringen, von wo man es gar nach Agordo transportieren wolle. Die mittlerweile stark sinkenden Kupferpreise kühlten die Interessen merklich ab, und der Bergsegen in Pfunders schlief allmählich ein.

Vinschgau, Kaltern, Laurein und Sarntal

Da uns Gerhard Heilfurth in seinen zwei erwähnten Werken nicht weniger als 237 sagenhafte Berichte um Bergbau und Knappenlöcher aus 150 Orten Südtirols darbietet, wird es schwer, noch Neues hinzuzufügen.

Von Vinschgau erzählt Josef Pardeller, 22) dass in Sulden, Trafoi, Gomagoi und Stilfs noch gangbare Knappenlöcher vorhanden sind. Die ältesten noch aus vorchristlicher Zeit rührenden Kupfergruben werden in der Nähe von Kaschlin (Stilfs) vermutet, als höchste (2450 m) führt Pardeller eine zwischen dem Razoi- und Zaital gelegene Bleigrube an. Den eigentlichen gewerbsmäßigen Abbau verschiedener Erze schreibt er Karl dem Großen zu, als spätere Grubenbesitzer werden um 1200 die Vögte von Matsch und um 1332 ein Konrad von Planta angeführt. Mit dem Erlöschen des Schmelzwerkes zu Prad um 1800 kam der Vinschgauer Bergsegen zum Stillstand. Vom „Tembl in Sulden“, der „Rößlgulden“ geschlagen haben soll, haben wir ausführlich berichtet im

20) Mader, Ignaz: Ortsnamen und Siedlungsgeschichte von Aicha, Spinges, Vals, Meransen (= Schlernschriften 72.) Innsbruck 1950, S. 56 f.
21) Mader, Ignaz: Ortsnamen und Siedlungsgeschichte von Vintl, Weitental, Pfunders (= Schlernschriften 82.) Innsbruck 1951, S. 83 f.
22) Pardeller, Josef: Einiges vom Bergbau im oberen Vinschgau. (Der Schiern 1949, S. 162.)

„Reimmichls Volkskalender 1971“. 23) Am humorvollsten klingen darin wohl die Stellen, wie der „Silbertembl“ seine Luftfahrt von einem Ziegenstall in Venedig(!) ins Bergdorf Sulden unter dem Ortler antrat und wie es ihm gelang, sich durch List der hohen Wiener Gerichtsbarkeit zu entziehen.

Seltsamerweise scheint kein sagenhafter Bericht zu existieren über die Knappenlöcher des Altenburger Bergwerkes bei Kaltern, 24) das schon Max Ritter von Wolfstrigl-Wolfskron in seinem Werk „Die Tiroler Erzbergbaue 1301—1665“ erwähnt. 25)

Robert Winkler aus Mals bringt in seinem Buch „Volkssagen aus dem Vinschgau“ 26) nicht weniger als elf neu gesammelte Berichte, die von Bergbau und dergleichem wissen. Mit montaner Tätigkeit dürfen wohl auch die verschiedenen Schatzgeschichten in Zusammenhang gebracht werden, von denen Hubert Ungerer in seinem Büchlein „Laurein am Nonsberg“ 27) erzählt. Dies umso mehr, als er schon eingangs darauf hinweist, dass „einst die Knappen das Erz, Silber und den Bleiglanz“ aus dem Gestein holten.

Mit demselben Recht darf hier auch auf das Büchlein „Erzählungen aus dem Sarntal“ von Luis Oberkalmsteiner 28) verwiesen werden, worin der Autor nicht nur auf Bergwerksagen (S. 40) zu reden kommt, sondern von der geplanten Eisenbahn ins Sarntal erzählt, 29) die vom Engländer Esquire William Basil Wilberforce, dem Inhaber des Rabensteiner Bergwerkes, in den 1880er Jahren erbaut werden sollte. Dass der Engländer dabei an den Abtransport der kostbaren Erze dachte, liegt auf der Hand.

In diesem gedrängten Beitrag auf alle Mitteilungen um Südtiroler Knappenlöcher einzugehen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Auch dürfte ein ernsthafter Forscher über manche der ungezählten Schatzsagen oder Geschichten um Plätze, wo es „geistert, umgeht oder blüht“, noch hinter manche vergessene Schürfstelle kommen. Südtirol scheint diesbezüglich unerschöpflich zu sein, auch reicht ein Menschenleben allein nicht hin. Und so möchte ich mit diesem Beitrag dem Jubilar Franz Kirnbauer zu seinem 75. Geburtstag eine kleine Freude bereiten, darüber hinaus aber auch den Wunsch zum Ausdruck bringen: Möge auch die junge Generation unserer Heimat soviel als möglich zur Erforschung Südtirols beitragen!

23) Fink, Hans: Narren, Käuze, Sonderlinge — Der Tembl von Sulden schlägt Rößlgulden. (Reimmichels-Volkskalender 1971, S. 152)
24) Vescoli, B.: Geschichte, Land und Leute von Castelvecchio-Caldaro (Altenburg-Kaltern). Bozen 1934.
25) Innerebner, Georg: Das Altenberger Bergwerk. (Der Schlern 1936, S. 134)
26) Winkler, Robert: Volkssagen aus dem Vinschgau. Bozen 1968, S. 268.
27) Ungerer, Hubert: Laurein am Nonsberg. Bozen 1968, S. 9 u. 227.
28) Oberkalmsteiner, Luis: Erzählungen aus dem Sarntal. Bozen 1968. Das Goldbergwerk in Seeberg.
29) Die Eisenbahn ins Sarntal. (Der Schlern 1968, S. 71)

Quelle: Hans Fink, Südtiroler "Knappenlöcher", in: Bergbauüberlieferungen und Bergbauprobleme in Österreich und seinem Umkreis, Festschrift für Franz Kirnbauer zum 75. Geburtstag, Herausgegeben von Gerhard Heilfurth und Leopold Schmidt, Wien 1975, S. 82 - 87.
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