Streiflichter zum Bergbau in Tirol


Von Ing. Georg Strele, 1935
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Bergbau.

In früheren Zeiten bildete der heute mit geringen Ausnahmen stillgelegte Bergbau in Tirol den Mittelpunkt des Erwerbslebens und des Verkehrs; er reicht bis in die vorgeschichtliche Zeit zurück und erlangte seine höchste Blüte im 14. bis 16. Jahrhundert. Er gab einer großen Zahl von „Bergverwandten“ Arbeit und Verdienst, hatte das Aufblühen vieler mit ihm nur mittelbar zusammenhängender Betriebe zur Folge und brachte reichen Segen ins Land; er begründete den Reichtum der Gewerken, der Fugger, Täntzl, Welser und wie sie alle heißen, und aus ihm zogen die Landesfürsten ihr Haupteinkommen, ja zur Zeit Kaiser Max' wurde Tirol als Quelle des Reichtums für ganz Deutschland bezeichnet. Unter seinen Produkten sind Eisen, hauptsächlich aber Silber und Kupfer zu nennen, und das im Ahrntale gewonnene Kupfer galt als das beste Europas.

Der Heilig-Geist-Schacht am Röhrerbühel bei Kitzbühel erreichte um das Jahr 1600 eine Tiefe von nahezu 900 Metern und war bis Ende 1872 der tiefste der Erde.

Alte Förderanlage mit Göpelantrieb

Alte Förderanlage mit Göpelantrieb

Man kann sich denken, wie viel Scharfsinn und technische Geschicklichkeit aufgewendet werden mussten, um mit den damals zu Gebote stehenden Mitteln das Erz, das zufließende Grubenwasser und das taube Gestein an den Tag zu fördern. Eine ältere Förderanlage mit Göpelantrieb zeigt die obige Abbildung. Um 1550 erbaute der „Wasserwerchmayster Anthony (oder Wolffghang) Lewscher“ zu obigem Zwecke die sogenannte „böhmische Kunst“, ein durch Wasser angetriebenes oberschlächtiges Kehrrad. (Abbildung auf S. 284.)

Ungefähr zur selben Zeit — 1553 — erbaute Anton Lasser aus Salzburg eine Wasserhebemaschine im Erbstollen des Schwazer Bergbaues, die als ein neues Weltwunder bestaunt wurde.

Einen Beweis für das große Ansehen, dessen sich die Tiroler Bergleute im 15. und 16. Jahrhundert erfreuten, bildet der Umstand, dass eine nicht geringe Zahl von ihnen zu Arbeiten, zur Begutachtung und Leitung von Bergbauen nach Krain, Steiermark, Böhmen, Ungarn, in die Schweiz, nach Spanien und sogar nach Venezuela berufen wurde. Bei der ersten Türkenbelagerung von Wien (1529) haben Tiroler Bergknappen durch ihre Gegenminen wesentlich zur Befreiung der Stadt beigetragen, und auch später, besonders im Dreißigjährigen Kriege, wurden Knappen aus Schwaz, Rattenberg und Kitzbühel wiederholt als Mineure und zur „Aufrichtung einer Artollerie“ herangezogen.

Wie viel geistige und körperliche Arbeit erforderte die Abdämmung der unheimlichen Grubenbrände im Häringer Kohlenbergwerke, von denen schon im Jahre 1533 berichtet wird, und wie sinnreich sind die Anlagen und Einrichtungen im Haller Salzbergwerke. Für dasselbe wird gegenwärtig mit Hilfe des Freiwilligen Arbeitsdienstes von Thaur aus ein Stollen angelegt, der in Verbindung mit einer großen Schachtanlage die Grube vom Inntal aus zugänglich machen und Aufschlüsse über die Ausdehnung des Salzstockes geben soll.

Auch die Zuleitung der Sole zu den Haller Sudhäusern, die auf ein ehrwürdiges Alter zurückblicken, die Einrichtung der letzteren, der Bau und die Befeuerung der Salzpfannen stellten schwierige Aufgaben, deren zweckmäßige Lösung vielen Scharfsinn erforderte.

Die böhmische Kunst im Röhrerbichl

Die böhmische Kunst im Röhrerbichl.

Es soll nicht versäumt werden, des Bergbaumuseums in Hall zu gedenken, das vom Bergmeister Hans Plant nach dem Kriege in emsiger Arbeit geschaffen wurde.

Es ist das einzige derartige Museum Österreichs und bringt den Salzbergbau zur Darstellung. Möge der Plan gelingen, es durch die Einbeziehung des Erz- und Kohlenbergbaues baldigst zu erweitern.


Öfen, Schmelz- und Hüttenwerke.

Der Bergsegen wurde in vielen über das Land verteilten Öfen, Schmelz- und Hüttenwerken ausgewertet. Das erste größere Schmelzwerk des Landes gründeten die Fugger 1529 in Jenbach; es ist heute noch in Betrieb, doch ist dieser seit dem Kriegsende stark eingeschränkt. Das Jenbacher Roheisen zeichnete sich durch seine vorzügliche Beschaffenheit aus, und ebenso waren die dort erzeugten Hartgußartikel von besonderer Güte. Mit der Einstellung des Eisenerzbaues erkalteten auch die Tiroler Hochöfen, und heute steht von den Hüttenwerken nur mehr die ärarische Kupferhütte in Brixlegg in Betrieb. Dortselbst werden Kupfererze verarbeitet, es wird aber neben Kupfer mittelst feiner Scheideverfahren auch Silber und Gold in geringer Menge gewonnen; auch wird Kupfer zu Blechen und zu Tiefwaren verarbeitet und Kupfervitriol erzeugt.

In früheren Jahrhunderten standen in Tirol mehrere Gußhäuser in Arbeit. Im 15. Jahrhundert goss Jörg Endorfer in seiner Werkstätte am unteren Fallbache die älteste uns bekannte Kanone, bauten die Löffler am Gänsbühel in Hötting ihre Glocken- und Büchsengießerei, und zu Beginn des 16. Jahrhunderts ließ Kaiser Max eine der Mühlauer Gußwerkstätten zu einer großen kaiserlichen Kunsterzgießerei umgestalten. Diese Gußhäuser, in denen namentlich die Stückgießerei heimisch war, wurden weltberühmt, in ihnen wurden nicht allein Geschütze und Glocken in großer Zahl gegossen, sondern es gingen aus ihnen auch die meisten der kunstreichen Erzfiguren unserer Hofkirche, die Figuren des Leopoldbrunnens u. a., dann formenschöne Gedenktafeln usw. hervor, die den Ruhm der Löffler, des Stephan Godl, Kaspar Gras, Gilg Sesselschreiber usw. begründeten.

Das Sudhaus in Hall um 1760

Das Sudhaus in Hall um 1760.

Zu Anfang des 17. Jahrhunderts ging die Blüte dieser Kunstwerkstätten zu Ende, nur Glockengießereien haben sich erhalten. In früherer Zeit scheute man der schlechten Wege halber einen weiten Transport der schweren Glocken, und diese konnten meist nicht in der Gießerei hergestellt werden, sondern die Glockengießer mussten sich oft aufs Land begeben und waren vielfach gezwungen, zum Gusse von Glocken in der Nähe der Kirchen, für welche diese bestimmt waren, eigene Öfen zu bauen. Im heutigen Tirol bestehen Glockengießereien in Reutte und Innsbruck. Die letztere der Familie Graßmayr, die in früheren Jahrhunderten in Habichen im Ötztale Mörser, Geschütze und Glocken mit reicher Ornamentik goss, besitzt noch alte Berechnungen und Zeichnungen von Geschützen, Glockenrippen und Feuerspritzen, die zum Teile aus dem 17. Jahrhundert stammen, und erfreut sich durch ihre Leistungsfähigkeit des besten Rufes.

Von den Tiroler Messinghütten steht nur mehr das im Jahre 1648 gegründete Messingwerk in Achenrain in Betrieb; es erzeugt mittelst Schmelz- und Glühöfen, eines Feinwalzwerkes, von Drahtzügen und hydraulischen Pressen Halb- und Ganzfabrikate aus Kupfer, Messing, Aluminium und aus Legierungen.

Aus jüngster Zeit stammen die Metallwerke Plansee bei Reutte, in denen Wolfram und Molybdän erzeugt wird.

Schmieden, Hammerwerke usw.

Der Verarbeitung des Eisens dienten außer Gießereien die Hammerwerke, Schmieden, Sensenwerke u. dgl. Es sei hier nur beispielsweise erinnert an die im 15. Jahrhundert begründeten Plattnereien in Mühlau und Innsbruck, in denen die bekannten Harnischmeister Pankratz Häckhel, Konrad Treitz und seine Söhne und Neffen, Kaspar Niederer, die vier Seusenhofer und viele andere sowohl einfache Harnische in großer Zahl als auch weltberühmte Prunkharnische herstellten, und an die altehrwürdige Eisenindustrie in Fulpmes im Stubaitale, die trotz aller Schwierigkeiten heute noch blüht. Sie hat sich dank der vorbildlichen Organisation der Werksgenossenschaft und der Einführung moderner Betriebsweisen in zäher Arbeit wettbewerbsfähig erhalten, obwohl Eisen, Stahl und Kohle von auswärts zugeliefert werden müssen. Ihre Erzeugnisse fanden Absatz in den meisten europäischen Ländern, ja nach dem Kriege gelang es, diesen sogar nach Nord- und Südamerika auszudehnen.

Alte Hammerschmiede in Stubai (nach Anselm)

Alte Hammerschmiede in Stubai (nach Anselm)

Hier betätigte sich die Erfindungsgabe und der praktische Sinn der Werkmeister und Arbeiter durch den Bau von Geräten und Arbeitsmaschinen; so baute der Scherenschmied Gleirscher im Jahre 1839 ohne Vorbilder und Zeichnungen eine Bohrmaschine, die heute noch in Verwendung steht, und die Meister F. Ralling und B. Danler führten später selbständig Verbesserungen in der Technik der Kleineisenerzeugung ein.

Desgleichen hat sich die Jenbacher Sensenindustrie großes Ansehen erworben. Diese Sensenschmieden entwickelten sich im 17. Jahrhundert aus den älteren Huf- und Waffenschmieden, namentlich unter den vier Brüdern Mühlbacher, den „Meistern des Huf- und Waffenschmied-, auch Segensen- und Hackenschmiedhandwerks und aller schneidenden Waffen“. Schon vor rund hundert Jahren fanden die durch ihre Güte ausgezeichneten Jenbacher Sensen Absatz nicht nur im Inlande, sondern hauptsächlich im Auslande, und zwar in Bayern, in der Schweiz, in Frankreich, in Spanien und Russland.

Münzwerke.

Silbergulden des Erzherzogs Sigismund

Silbergulden des Erzherzogs Sigismund

Münzstätten bestanden schon im 13. Jahrhundert in Meran, Trient und Lienz. Die erstere wurde von Herzog Sigismund im Jahre 1477 nach Hall verlegt, wo 1484 die älteste große Silbermünze, der erste deutsche Taler, geschlagen wurde. Hier stand Bernhard Beham, der berühmteste Stempelschneider seiner Zeit, in Verwendung; die von ihm hergestellten Haller Münzen waren die ersten auf deutschem Boden, die Porträtähnlichkeit der Münzherren anstrebten, und zeichneten sich durch ihre Schönheit aus. Europäischen Ruf aber erwarb sich die Haller Münzstätte durch die hervorragendste Neuerung im Münzwesen: während die Münzen früher gegossen oder mit Hämmern geschlagen wurden, kam hier in der Zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts die Prägung mittelst Walzen zur Einführung, die seit 1565 in einem eigenen Münzwerke in Mühlau unter der Leitung des schweizerischen Münzkünstlers Hans Vogler versuchsweise erprobt worden war. Nach Haller Muster ließ Erzherzog Ferdinand II. auf Ersuchen seines Vetters Philipp II. von Spanien für diesen in Hall vom Münzverwalter Bertolf ein Münzwerk herstellen, nach Segovia überführen und in den Jahren 1585 und 1586 durch Haller Münzer dort aufstellen. Die letzten Haller Münzen waren die bekannten Sandwirtszwanziger, die Andreas Hofer im Jahre 1809 schlagen ließ.

Holzlieferung.

Der Betrieb der Berg- und Hüttenwerke und der Saline erforderte außerordentlich große Mengen von Gruben-, Kohl- und Brennholz, deren Beschaffung den Forstleuten schon vor Jahrhunderten manches Kopfzerbrechen verursacht haben mag. Namentlich das Pfannhaus in Hall verbrauchte riesige Mengen, zu deren Beschaffung die Wälder des Oberinntales bis nach Engadin, ja sogar das Gebiet von Außerfern herangezogen werden mussten. Die Zulieferung geschah durch Triftung bis zum Haller Innrechen, der schon im Jahre 1307 erbaut wurde. Um die Trift auf den wasserarmen Seitenbächen zu ermöglichen, mussten Wasserzuleitungen und Klausen hergestellt werden. So diente ein 4.5 Kilometer langer Kanal der Wasserzuleitung aus dem Nauderer Tschei ins Radurscheltal, und schon im Jahre 1296 wurde eine Triftklause im Paznauntale erbaut. Besonders umständlich war die Lieferung aus dem Lechtale und dem Ammermalde. Aus dem letzteren wurde das Holz durch eine Wasserriese, die mittelst eines Pumpwerkes gespeist wurde, in den Plansee gebracht und aus diesem in den Heiterwanger See, hier wurde es ausgeländet und dann auf den Fernpaß geführt. Hierher kam auch das Lechtaler Holz, das bis Rieden getriftet und dann auf einem eigens gebauten Wege durch den Klauswald zugeführt wurde. Vom Fernboden führte dann eine ständige Holzriese gegen Nassereith herab, von wo das Holz auf dem Piger- oder Prügelbache in den Inn getriftet wurde. Diese Holzlieferung war in Betrieb, bis um 1860 die Holzfeuerung in der Saline aufgegeben wurde. Nach den Holzmeistern aus der Familie Hirn, die diese Holzlieferungen meist besorgte, hieß das so gebrachte Holz „Hirnholz“.

Triftrechen in Kramsach

Triftrechen in Kramsach

Der Brennholzversorgung von Innsbruck diente ein 520 Meter langer Innrechen nächst dem Prügelbau, der bis zum Jahre 1885 in Verwendung stand, nach der Erbauung der Arlbergbahn aber aufgelassen wurde.

Erzherzog-Johann-Triftklause in Brandenberg

Erzherzog-Johann-Triftklause in Brandenberg

Auch heute noch bestehen in mehreren Tälern Rechen und Klausen zur Holztrift. Die größte der letzteren ist die Erzherzog-Johann-Klause in Brandenberg, woselbst auch Nutzholz getriftet wird. Ihr Klaushof fasst 225.000 Kubikmeter Wasser.

Viele oft kühn angelegte Trocken- und Wasserriesen, Rieswege, Draht- und Drahtseilriesen dienen zur Ablieferung des Holzes von den Berghängen.

Es zeugt für den guten Ruf unserer Werkmeister, dass schon im 16. Jahrhundert der Tiroler Hans Gasteiger nach Steiermark berufen wurde, wo er die großen Holzrechen an der Enns in Großreifling, Hieflau und Palfau erbaute. Im Jahre 1525 waren auch schon Tiroler berufen worden, um die großen landesfürstlichen Köhlereien im steirischen Ennstale einzurichten.

Neuweid-Trockenriese im Wirtschaftsbezirk Reutte der Österr. Bundesforste

Neuweid-Trockenriese im Wirtschaftsbezirk Reutte der Österr. Bundesforste

Auch der Flößerei auf dem Inn und der Etsch, d. i. der Lieferung längeren, zu Flößen gebundenen Holzes, ist als anerkennenswerter Leistung zu gedenken. Sie reicht bis in die römische Zeit zurück und verlor erst durch die Bahnen ihre Bedeutung.

In jüngster Zeit erfolgte die Aufschließung vieler Wälder durch Zugwege, die, in entsprechendem Gefälle erbaut, die Holzablieferung mittelst Schlitten ermöglichen; auf ihnen werden Brenn- und Nutzholz — und zwar, wenn sie sorgfältig angelegt und die Verhältnisse günstig sind, mitunter viele Kubikmeter in einem Zuge durch einen einzigen Mann — zu Tal gebracht.

Auch diese Holzlieferung auf Wegen hatte schon im Mittelalter ihre Vorläufer: so wurden schon im 14. Jahrhundert durch den bekannten Straßenbauer Heinrich Kunter Wege erbaut, auf denen Grubenhölzer aus dem Lafatsch- und Gleierschtale und Bretter von der Amtssäge über das 2085 Meter hohe Lafatscher- und das 2218 Meter hohe Stempeljoch zum Haller Salzberge teils mit Ochsen geführt, teils gesäumt wurden. Im 16. Jahrhundert trieb der Bischof von Brixen einen ansehnlichen Holzhandel aus dem Abteital über den Campolungopaß (1879 Meter) ins Venetianische, und aus den Waldungen von Welschnofen und Paneveggio wurde Holz über den Karerpaß (1742 Meter) und über die Pässe von S. Pellegrino (1910 Meter) und Valleß (2032 Meter) zur Kupferhütte nach Agordo gebracht.

Quelle: Georg Strele, Streiflichter zur Geschichte der Technik in Tirol, in: Tiroler Heimatblätter, 13. Jahrgang, Heft 9, September 1935, S. 283 - 290.
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