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Mineralien und Gesteine aus Österreich in Johann Wolfgang von Goethes Sammlungen zu Weimar Johann Wolfgang von Goethe hinterließ als verpflichtendes Erbe nicht nur seine literarischen Werke, sondern auch eine bedeutende geowissenschaftliche Sammlung. Sie umfasst 9035 Nummern mit rund 18.000 Einzelstücken und enthält sowohl Sammlungen zur Systematik der Mineralogie, Gesteinskunde und Versteinerungslehre, als auch 100 sogenannte Suiten. Diese Suiten — Goethe nannte sie gern „Folgesammlungen“ — sind Aufsammlungen verschiedenster Art. Es sind regionale Suiten — wie etwa die aus Thüringen, Sachsen, Böhmen oder Italien — ebenso vertreten wie solche, die ein bestimmtes Problem, das Goethe besonders interessierte, zum Inhalt haben. Weiterhin sind diese Suiten Zusammenstellungen, die Goethe aus den verschiedensten Gründen von Freunden, Verehrern oder Händlern erhielt oder erwarb. 1) Goethe kannte einen kleinen Teil des Gebietes der heutigen Republik Österreich durch seine Reisen nach Italien. Im September 1786 kam er von Mittenwald in Bayern nach Tirol, er reiste über Innsbruck zum Brenner, und im März 1790 auf seiner 2. italienischen Reise nach Venedig 2) betrat er wiederum österreichischen Boden. Betrachten wir zunächst die Systematische Mineralien-Sammlung. Sie umfasst 1599 Nummern und enthält die wichtigsten Minerale nachdem System von Abraham Gottlob Werner (1749 — 1817) und nach dessen Tode 1817 nach dem System des Jenenser Professors Johann Georg Lenz (1748 — 1832). Die Analyse der Minerale aus Österreich zeigt, dass zwei große Komplexe vorliegen, zum einen die hauptsächlichsten Minerale der Alpen, zum anderen die wichtigsten Erze Kärntens, Tirols und der Steiermark. In gebotener Kürze sollen hier diese Minerale vorgestellt werden: 3) 1) Prescher, Hans: Die Sammlungen zur Mineralogie, Geologie und Paläontologie Johann Wolfgang von Goethes in Weimar. (Geologie 19 (1970), S. 682 - 685. Berlin.)
Diese 24 Minerale stellen natürlich keinen vollständigen Überblick über die Mineralogie Österreichs dar, sondern bilden nur einen Ausschnitt aus der Vielfalt dieses Landes. Wollte man die erdgeschichtlichen oder mineralogischen Verhältnisse von diesem Gebiete näher kennenlernen, musste man Spezialsammlungen zu erwerben versuchen. Das geschah auch, allerdings wurden sie wohl nicht ganz konsequent, sondern zufällig erworben. Im folgenden sollen fünf Suiten vorgestellt werden, die Goethe in den Jahren 1816 bis 1829 erhalten hatte. Suite der Chromerze von dem Gulsengebirge 1816 Am 21. Mai 1816 erhielt Goethe vom österreichischen Erzherzog Johann (1782 — 1859), dem bekannten Förderer der mineralogisch-montanistischen Wissenschaften der Steiermark, Chromeisen-Mineralien. 5) Das dazu gehörende „Verzeichniß / Einiger Foßilien aus Chrom-Bauen seiner Kayserl. Hoheit dem Erzherzog Johann in dem Gulsengebirge bei Kraubath in Obersteyermark“ 6) befindet sich noch heute in Weimar. Die Belegstücke dazu tragen die Nummern 6239 — 6244. Am 22. Mai 1816 widmete sich Goethe nochmals diesen „Wiener Mineralien“.7 — Auf Anraten des Großherzogs Carl August (1757 — 1828) stellte Professor Lenz in Jena eine Sammlung der bei Dornburg entdeckten Coelestine zusammen. Am 22. Dezember 1816 schrieb Goethe an Lenz: „Ich wünschte eine recht genaue Nachricht von der Auffindung unseres Coelestins, dessen Vorkommen, Kennzeichen und Abänderung. Der Aufsatz soll auf Serenissimi [d. h. Carl Augusts] Befehl an den Erzherzog Johann gesandt werden, machen Ew. Wohlgeboren deshalb denselben recht stattlich und gelehrt“. 8) Am 31. Dezember 1816 meldete Goethe dem Großherzog: „Das Kästchen an Erzherzog Johann ist auf dem Weg, mit einem instructiven Blatt von Lenzens Weisheit“. 9) Gar zu servil, wie man oft Goethe nachsagte, ist diese Mitteilung nicht, man könnte diese Zeilen eher etwas spöttisch auffassen. 5) WA III 5 (1893), S. 233. Erzherzog Johann versuchte nach 1841 den Chromeisenbergbau in Kraubath aufzunehmen, obgleich noch wenig Verwendung dafür vorlag. 10) Gesteine aus den Alpen 1818 Von Jena aus schrieb Goethe am 16. April 1818 an Dr. Karl Franz Anton von Schreibers (1775 — 1852) in Wien folgenden Brief: „Von dem grau und meist klein gesprenkelten Wiener Pflastersteine besitze ich wohl einige geschliffene wohlgearbeitete Gefäße“. — „Noch mehr aber interessiert mich ein rohes Stück zu besitzen mit vielseitigem frischen Bruch. Mögen Ew. Hochwohlgeboren mir sogleich Kenntniß geben, wo dieser Stein eigentlich vorkommt und in welcher geologischen Verbindung, so werden Sie mir etwas besonders Angenehmes erzeigen“. 11) Am 27. Juni 1818 schickte von Schreibers vermutlich sieben Stücke (Nr. 6483 — 6489), deren Fundorte er aber nicht genau angeben könne, weil sie in zu abgelegenen Gegenden gebrochen würden. 12) Es sind dies ein granatführender Granit aus den Alpen, Chloritschiefer mit Granat, Mandelstein u. a. m. Goethe bedankte sich am 8. Juli 1818 13 mit folgenden Worten: „Ich ergreife diese Gelegenheit, um von meiner Seite für die wohlbehalten angekommenen höchst interessanten Granitmuster auf das angelegentlichste zu danken. Ich werde dadurch über einen bedeutenden geologischen Punkt klar, über den in mich bisher immer im Dunkeln befand“. Tiroler Minerale 1822 Im Dezember 1822 beschäftigte sich Goethe mit einer ihm wahrscheinlich vom Großherzog Carl August geschenkten Sammlung Tiroler Minerale 14) und führte darüber mit Prof. Johann Wolfgang Döbereiner (1780 — 1849) und dem Großherzog mehrfach Gespräche. Diese 37 Exemplare umfassende Suite enthält Minerale aus dem Bereich des ganzen alten Tirol, also auch und vornehmlich aus Südtirol. Die Sammlung enthält schöne Diopside, viel Granate (meist Almandin), dazu Quarze, Bergkristall, Cyanit, Tremolit, Sahlit, Pyroxen, Eisenglanz, Apatit, Idocras usw. 15) Suite aus dem Gasteiner Tal 1824 Am 22. Oktober 1824 bekam Goethe ein Kästchen Gebirgs- und Gangarten von Gastein. Es ist durchaus bemerkenswert, wie Goethe sich der neuen Sendung annahm. Wir können aus seinen Tagebuchaufzeichnungen genau seine intensive Beschäftigung mit diesen Proben verfolgen. 16) So hat er am Vormittag des 22. Oktober 1824 nach Erhalt des Kästchens Vorbereitungen sie auszupacken und auszulegen getroffen. Nach Tisch wurde dann dieses Vorhaben durchgeführt und die Sendung überdacht. Am nächsten Tag wurden der Katalog 17) durchgesehen, Nummern geschrieben und über die „fernere Anordnung der Gasteiner Minerale“ nachgedacht. Am 24. Oktober wurden am Vormittag dem Hofrat Dr. Wilhelm Rehbein († 1825) die Minerale gezeigt, auch der Prinzenerzieher Fréderik Soret (1795 — 1865) sah sie sich an. „Nach Tisch weitere Ordnung und 10) Smola, Gertrud: Persönlichkeiten im Bereich des Berg- und Hüttenwesens in Innerösterreich. In: Der Bergmann — Der Hüttenmann — Gestalten der Steiermark. Graz 1968, S. 381 - 416. Betrachtung gedachter Minerale“. Schließlich wurde am 26. Oktober diese Sammlung noch der Großherzogin Luise Auguste (1757 — 1830) gezeigt. Am 18. Dezember 1824 schrieb er an den Absender Dr. Storch, der in Gastein Badearzt war, einen ausführlichen Brief: 18) „Ich hatte mich aus mehreren Heften bereits von der Natur jener merkwürdigen Gegend, welche so manchen Heilbedürftigen an sich zieht, ziemlich unterrichtet, und war dabey auf den Antheil den Ew. Wohlgeboren jener Gebirgsgegend als Forscher geschenkt besonders aufmerksam geworden, so dass ich ein entschiedenes Verlangen empfand, Fels und Gebirg, wo nicht an Ort und Stelle, doch wenigstens in Musterstücken vor mir zu sehen. Dieser Wunsch ist mir nun durch Ihre Geneigtheit vollkommen erfüllt und ich kann nicht genugsam aussprechen, wie die große Mannichfaltigkeit der Gebirgsarten und ihre methodische Ordnung mich vergnügte. Empfangen Sie also meinen wiederholten Dank und die Versicherung, dass unter den Gebirgsfolgen die ich besitze die Ihrige zu denjenigen gehört welche am meisten befriedigen. Dabey gewährt sie noch den besonderen Vortheil, dass die große Ähnlichkeit mit den Schweizer- und Savoyer-Gebirgen daraus hervorgeht und man also hiedurch auf die unwandelbare Consequenz der Natur abermals hingewiesen wird“. 18) WA IV, 39 (1906), S. 47 f. Da es heute noch vielfach unbekannt ist, wie man Sammlungen zur Goethezeit aufbaute, ist es angebracht, am Beispiel dieser in vielfacher Hinsicht meisterhaften Sammlung zu zeigen, was den Charakter einer solchen Sammlung ausmacht. Goethe hat diese Sammlung mit gelben quadratischen Etiketten signiert, dabei scheinen ein paar Verwechslungen vorgekommen zu sein.
Aus diesen hier angeführten Gebirgsarten Granit, Gneus Glimmerschiefer, Urkalk, Bittererde und Thonschiefer bestehen die ungeheuren Urgebirge; auf manchem dieser Berge findet man alle hier genannten Arten, bei anderen findet keine Bedeckung der ersteren durch letztere statt, zwar [sie] scheint gleichsam herabgeflossen zu sein, da die Massen noch weich waren. — Man findet in diesen Gebirgen noch andere Foßilien, welche nun ebenfalls aufgezählt werden sollen.
Diese eingehende Beschäftigung widerlegt doch die Behauptung Max Sempers, 20) „daß vieles kaum besichtigt als ,Material' beiseite gestellt wurde, wie z. B. die mit offenkundiger Fahrlässigkeit signierte und sicher von Goethe niemals kontrollierte geognostische Suite von Gastein". Minerale aus dem Zillerthal in Tirol 1829 Im März 1829 besuchte ein dem Namen nach unbekannter Mineralienhändler aus dem Zillerthal Weimar, der hübsche Sachen brachte. Goethe schrieb deshalb am 21. März an F. Soret, dass er ihn am nächsten Tage besuchen möge und die Stufen mit ihm durchgehen möchte. „So wird es beiden angenehm und belehrend sein, auch mich bestimmen, dieses oder jenes mir zuzueignen“. 21) Am nächsten Tag kam F. Soret und sah sich die Mineralien an. Um 12 Uhr brachte Soret den Prinzen — wahrscheinlich Prinz Carl Alexander (1818 — 1901) — mit. Man besah die Zillerthaler Minerale und kaufte einiges. Abends sah sich diese Sachen auch noch Goethes Sohn August von Goethe (1789 — 1830) an. Am 23. März wurden die Sachen bezahlt. Die Stücke stehen alle beisammen. 22) Goethe kaufte ca. 300 Minerale. Es waren dies Magneteisenerze, Adular, Talkspat, Amphibol, Granat, Asbest, Diopsid und Almandine. Einige Mineralarten konnte Goethe nicht bestimmen, so schrieb er am 25. März 1829 an J. G. Lenz nach Jena und bat, einiges ihm zu bestimmen. Auch der Schlossvogt in Jena, Johann Michael Christoph Färber (1778 — 1844), wurde gebeten, bei Herrn Zenker in Jena ein „Tiroler Mineral in Säulenform, inwendig derb, auswendig durchaus kriystallisiert“ bestimmen zu lassen. 24) 19) Die Nummern 62 — 64 sind im Katalog gestrichen, auch sind die Stücke dazu nicht mitgeliefert worden. Bei einer vergleichenden Betrachtung der in Goethes Sammlung vorhandenen österreichischen Minerale und Gesteine fällt auf, dass die Zahl der aus Tirol stammenden Stücke bei weitem an der Spitze liegt. Jedoch ist das Tiroler Material sehr zerstreutes Gut, hier finden sich keine Anhaltspunkte für genetische Gesichtspunkte. Das Hauptfundgebiet ist das Zillerthal, von wo sich Almandin, Asbest, Cyanit, Adular, Talkspat, Amphibol, Diopsid u. a. m. in den Sammlungen finden. Untergeordnet sind Schwaz mit Fahlerz, Hall mit Bitterkalk, das Sellrainer Tal mit Fibrolith und Titanit vertreten. Daneben gibt es noch zahlreiche Minerale, deren Fundort nur „Tirol“ ist. Aus dem Land Salzburg ist die sehr beachtliche Suite aus der Gegend von Gastein vorhanden. Die hier vorliegenden Gneise und anderen Metamorphite der Zentralalpen führen eine ganze Reihe von schmalen Gängen, die Quarze und eine Reihe von Erzen enthalten, die man zu den plutonisch-katathermalen Goldquarzgängen zählte. 25) Diese ca. 300 Einzelstücke umfassende Suite erhielt Goethe von dem Gasteiner Badearzt Dr. Storch. Leider war es nicht möglich festzustellen, ob Storch auch als Sammler dieser geognostisch bemerkenswerten Sammlung anzusehen ist. Meixner stellte fest, 26) dass Friedrich Mohs (1783 — 1839) und Wilhelm Haidinger (1795 — 1871) um 1817 — 1823 viel Material aus den Bergbaugebieten der Umgebung von Gastein sammelten. Vielleicht waren sie auch die Lieferanten dieser Suite? Es wäre lohnend für die Lokalforschung, das Verhältnis Storchs zu Goethe näher zu erforschen. Die Steiermark ist mit einer Suite aus dem Serpentinvorkommen von Kraubath vertreten, die kein Geringerer als Erzherzog Johann von Österreich dem Dichter schenkte. Daneben findet sich noch Eisenblüte von Eisenberg 27) in der systematischen Sammlung und der bekannte Blauspath von Krieglach, den Abraham Gottlob Werner 1808 beschrieb. Minerale und Gesteine aus Kärnten sind am wenigsten vertreten. Jedoch sind die Stücke aus diesem Bundesland doch recht bedeutungsvoll. Von der Saualpe rührt die grasgrüne Hornblendeabart Smaragdit her und vom Hüttenberger Erzberg die schöne, kugelig-traubige Chalcedon-Ausscheidung Kascholong. Vom Bleiberg — Kreuth stammt das Gelbbleierz, der Wulfenit (aus den Oxydationszonen dieser Lagerstätte stammt das Originalmaterial, das zur ersten Beschreibung dieses Minerals führte). Es führt seinen Namen nach dem Kärntner Sammler F. X. von Wulfen (1728 — 1805). Magnetitkristalle, die in der Sammlung vorhanden sind, können von zahlreichen Lagerstätten stammen. 28) Interessant ist auch das Vorkommen des sog. Bleiberger Muschelmarmors. Es ist dies ein schwarzer, bituminöser, fossilreicher Kalkstein. Die Fossilien sind Schalen einer Ammonitenart, die ihre Perlmutterfarbe erhalten haben und vor allem im geschliffenem Zustand einen Farbschimmer entwickeln. Im 18. Jahrhundert war dieses Gestein sehr beliebt und fand Verwendung bei kunstgewerblichen Arbeiten. 29) J. W. v. Goethe hatte in seinen geowissenschaftlichen Sammlungen Material, welches ihm erlaubte, sich von diesen Gebieten einen ungefähren Überblick zu verschaffen. Er durfte nicht erwarten, dass ihm überall eine so ausgereifte geologischmineralogische Landeskunde geboten wurde, wie er sie in den Arbeiten v. Charpentiers von 1778 30) und J. W. Voigts 31) für Sachsen und Thüringen vorfand, dafür waren andere Gebiete entweder zu groß oder auch wirtschaftlich, d. h. in diesem Falle lagerstättenkundlich, noch zu unerschlossen. Die Geowissenschaften standen ja im Zeitalter Goethes am Anfang einer umfassenden Erforschung; so wurde zwar 1809/10 von Anker einer Mineralogie der Steiermark, im Jahre 1821 die Mineralien Tirols, aber erst im Jahre 1853 von Rosthorn und Canaval eine Landesmineralogie von Kärnten publiziert. Somit erfüllten die in Weimar sich befindenden Minerale und Gesteine die Aufgabe, Goethes Idee von der Vielfalt der Natur zu dokumentieren: „Was ist das Allgemeine? Der einzelne Fall. Was ist das Besondere? Millionen Fälle“. 32) 25) Schneiderhöhn, Hans: Erzlagerstätten (1944, S. 64). Quelle: Hans Prescher, Mineralien und Gesteine aus Österreich in Johann Wolfgang von Goethes Sammlungen zu Weimar, in: Bergbauüberlieferungen und Bergbauprobleme in Österreich und seinem Umkreis, Festschrift für Franz Kirnbauer zum 75. Geburtstag, Herausgegeben von Gerhard Heilfurth und Leopold Schmidt, Wien 1975, S. 151 - 157.
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