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Über Bergmannsbrauchtum: Der „Ledersprung“
Von Hans Wallnöfer
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Im Jahre 1938 hatte ich schon die Absicht, über bergmännisches Brauchtum im „Schlern“ zu schreiben, wurde aber durch verschiedene Umstände daran gehindert.

Weiland Oberbergrat, Professor und Dipl.-Ing. August Feuchter und der Gefertigte waren durch Jahre an dem der Bergverwaltung Klausen unterstehenden Bergbau am Schneeberg in Passeier (2371 m) in dienstlicher Eigenschaft beschäftigt. In unserer Freizeit sprachen wir wiederholt über bergmännische Bräuche, im besonderen auch über den an der Leobner Bergakademie herrschenden Brauch des „Ledersprunges“. Im Jahre 1914 trennten sich unsere Wege. Herr Feuchter wurde bald darauf an die Bergverwaltung Kitzbühel-Jochberg versetzt, ich rückte zu den Waffen des ersten Weltkrieges ein. Wir trafen uns mehr als zwei Jahrzehnte nicht mehr und die Einzelheiten des Ledersprunges entschwanden meinem Gedächtnis. lch wandte mich daher an Herrn Feuchter in dieser Sache um Auskunft und erhielt das Gewünschte wie unten ausgeführt.

OBR. Feuchter ist inzwischen zu seiner letzten Schicht angefahren; Mutter Erde deckt ihren Sohn. Es war mir vergönnt, ihm das letzte „Glück auf!“ nachzurufen und ihm die letzten dankbaren Grüße der alten Belegschaft des Schneebergs zu überbringen.

„Und somit zum Ledersprunge, der die jungen Bergbaubeflissenen, welche ihren Fleiß an der Hohen Schule zu erweisen im Begriffe stehen, in den Kreis der Bergleute, Bergknappen, Berggeister und -kobolde einführt, sie in den Bann ihres mühevollen, gefahrvollen und geheimnisvollen Wirkens und Werkens im Schoße der Erde zieht. Er ist neben der Einordnung in die Zahl werdender Bergingenieure, die durch die Einschrift in die Listen der Hochschule vollzogen ist, die sinnvolle Einordnung in das ernste, schaffende und webende, sagen- und brauchtumumwobene, ringende, raunende, rauchende, rußquellende, qualmende, odemverlähmende, scheinende, schätzeverheißende Leben der Leute vom Leder.

Sie vollzieht sich auf einer Festkneipe, zu der die Professoren der Schule geladen sind und alles im Zunftkleide, dem Bergkittel, erscheint. Je nach der wirtschaftlichen und den auf die Verfolgung der Ziele im Staatsleben abgestimmten Verhältnisse, je nach der stärkeren oder weniger starken Einmütigkeit und Eintracht zwischen den einzelnen studentischen Körperschaften lädt und ruft zur Festkneipe die einzelne Körperschaft, Korps, Verein, oder sie wird von den Körperschaften derselben Volksgemeinschaft als eine gemeinsame Festkneipe, als „allgemeiner Ledersprung“ abgehalten. Bei getrennten Veranstaltungen folgt zum mindesten einer der Herren Professoren dem Rufe.

Ein größerer Saal eines Gasthofes ist der Ort, die beginnende Nacht die Zeit der Eröffnung. Da die Veranstaltung in den ersten Wintermonat (November) fällt, ist dies spätestens halb 9 Uhr abends. Die angehenden Bergleute, die „Füchse“, werden in die entsprechende geistbeschwingte Verfassung durch ein wohlgemessenes Maß von „Bieren“ versetzt. Dafür sorgt der Fuchsmajor, ein ausgepichter Haudegen auf dem Felde der Biervertilgung, dessen „Gurgel von Stahl“ und „Herze von Gold“ durch eine Reihe von Semestern erprobt sind. Die Füchse — gar mancher keineswegs so ausgepicht — mühen sich redlich, den in angemessenen Zeitabständen wiederkehrenden Aufforderungen, ein Glas zur Einstandsfeier zu leeren, nachzukommen. Das Kneipmaß ist ein „kleines Bier“, ein 0,7 l fassendes Glas, das, wie es der rasche Verschleiß nicht beanständet, eine breite, weißschäumende Borte randet.

Mit dem zwölften Schlage der mitternächtlichen Stunde beginnt der Ledersprung. Er wird vom Sprecher, dem Vorsitzer der Kneipe, mit Schlägerschlägen auf den Tisch eingeleitet und durch ein Bergmannslied eröffnet. Der anwesende Professor der Hochschule, bei einem „allgemeinen Ledersprunge“ die Magnifizenz, und der Sprecher nehmen ein Bergleder, halten es an den Enden des Schnürriemens vor einem Stuhl, auf den der in die Gilde Aufzunehmende gestiegen ist und jeweils steigt. Ihn fordert der Sprecher auf, Name und Volkstumszugehörigkeit zu bekennen, den selbsteigenen Wahlspruch zu sprechen und ein Wahllied zu singen. Ist der Sang verklungen, wird das Becherglas in der Hand geleert, der Sprung übers Leder getan. Eine größere Anzahl schon vergildeter Kameraden, „ältere Semester“, bilden auf dem Rückwege das Neuvergildeten zu seinem Platze eine Doppelreihe mit einer offen gelassenen Gasse, tragen in der Rechten die brennende Grubenlampe — der Saal ist mäßig verdunkelt — und verräuchern den die Gasse Durchschreitenden.

So war es zu meiner Zeit, als noch die ehrwürdige Öllampe, „Tegel“, uns die Stollen und Schächte, Fahrten und Bühnen erleuchtete.

Sind alle Füchse gesprungen, beendet ein Bergmannslied, als Scharlied gesungen, die offizielle Feier, deren Nachklänge in den frühen Morgenstunden für manchen mit dem neuerwachten Tage verstummen.“

Quelle: Hans Wallnöfer, Über Bergmannsbrauchtum: Der "Ledersprung", in: Der Schlern, Illustrierte Monatsschrift für Heimat- und Volkskunde, 22. Jahrgang, 2. Heft, Februar 1948, S. 52 -53.
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