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Etwas über das Kirchlein am Bergbaubetrieb Schneeberg in Passeier (2371 m)
Von † Hans Wallnöfer
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Kirche Bergbau Schneeberg im Passeier

Federzeichnung von Hugo Atzwanger

Im Jahre 1720 wurde der alten „Herrenkaue“ (Herrenhaus) am Schneeberg ein Kirchlein zugebaut, das gut in die Landschaft paßt und unter dem Titel „Maria zum Schnee“ geweiht wurde. Es trägt Schindelbedachung. Presbyterium und Schiff sind flach überwölbt und tragen mäßigen Stuck; beide sind durch ein einfaches, aber schön gearbeitetes schmiedeisernes Gitter getrennt. Das Kirchlein enthält nur einen Altar barocken Stiles mit einem Ölbild, Maria mit dem Kinde thronend auf weißen Wolken, flankiert von zwei Statuen, der hl. Barbara mit Schwert und Kelch und dem hl. Daniel mit gekreuzten Hämmern und einer Erzstufe. Im Kirchenschiffe sind ein schön geschnitztes altes Vortragkreuz und zwei Zunftstangen der Schmiede und Zimmerleute und ein paar Ex-voto-Tafeln, die beim Auf- und Abgang von Bergleuten unter besonders schweren Umständen verlobt wurden. In reich geschnitztem und stark vergoldetem Rahmen ist auch eine Weihegabe in Öl angebracht, die den hl. Johannes von Nepomuk zeigt und den Anstieg zum Schneeberg von der Passeierseite her mit Sämern und ihren Lasttieren. Die Jahreszahl ist mir entschwunden. Ein Ex-voto-Bild bringt die Verschüttung der sogenannten „unteren Arbeiterkaue am Erbstollen“ zur Darstellung. Der Wortlaut der beigeschriebenen Legende ist folgender:

„Anno 1693 am Sonntag, 29. Marty, ist am Schneebergch aus göttlicher Zuelassung um 1 Uhr in der Nacht aus der Weißen die Windlän auf einmahl geprochen und so uhrplözlich mit völliger Gewalt über den Pach der Neien Khauen beim Erbstollen, in deren 70 Knappen gewondt, so erschröklich zuegangen, das es das Tach und den oberen Stüben-Boden, völig eingestoßen, auch das Huetmanns Kaemmerle verlänt, darinnen die Scheüfflen gewößt und also niemand schöpfen khinnen. Andurch ein solches Elend entstandten, das sodann 19 Berggesellen ihr Löben enden mießen, welche hernach bey Unser Liewen Frauen zu Mosß begraben worden.

Der Allmächtige Gott wolle deren Seelen gnedig und barmherzig sein und alles vor weiteren Unglikh behieten. Zu dem Gedächtnis hat der Edle Herr Joseph v. Leitner, Kaiserlicher Handls-Verwößer, diese Taffel alhier machen lassen.“ (Es folgen die Namen.)

Um ein Kreuz knien die verunglückten Bergknappen in der alten Tracht mit Hinterschurzleder und Kapuze, jeder mit einem roten Kreuzchen am Kopf bezeichnet. Maria sieht erbarmungsvoll aus den Wolken der Sprinzenwand und der Moarer Weißen auf die Stätte des Unglücks.

Das Gedenkbuch des Bergbaues Schneeberg enthält über die wichtigsten Ereignisse dieses Kirchleins folgende Eintragungen:

„Anno 1688, den 28. July, hab ich Endsunterschribner das erstemal mit meinen lieben Vatter seel. den loblichen Schneeberg betretten und der Befahrung beygewohnet, auch das gewöhnliche Compliment 1) empfangen. In nachfolgenden Jahren hab ich mermalen die Ehre gehabt, dises berühmte Kayserliche Bergwerch mit Consolation zu ersechen.

Endlich aber ist mir die ungemeine Gnad widerfahren, das ich von Ihro Hochfirstlich Gnaden Bischoffen zu Trient Herrn Herrn Johann Michel Grafen von Spaur etc. etc. als Ordinario Loci vermig Dekrets, geben zu Trient den 30. May Anno 1722, bin deputiret worden, die auf den Schneeberg neu erbaute Capellen unter den Titl Maria zum Schnee zu benediciren und das erste Ambt dar H. Meß darinnen zu halten. Bey welcher Verrichtung mir assistirten die wohlerwirdige geistliche Herrn:

Herr Joseph Verdroß, Cooperator bey St. Leonhard, und Herr Joseph Ladurner, mein Cooperator alda zu Mooß. Das Cruzifix hat bey solcher Verrichtung vorgetragen Herr Franz Söll, dermahliger Berckhmaister (Betriebsbeamter) auf den Schneeberg. Und den Mesnerdienst hat vertretten der ehrsambe Martin Pichler, Einfahrer (Kontrollbeamter) alda.

Nach einen vornemben Mittagmal in der sogenannten Herrn-Kaune seynt mir nachfolgende lateinische Reimzeilen auf gegenwertiges Jahr eingefallen den 2. July:

Per nIVeos Montes ConCVrrant VnDIqVe fontes (1722)
aer Is! Vena fLVat! DIVa MetaLLa pLVat! (1722)
Caesar  DItetVr! qVI  proCVrator, aMetVr! (1722)
Praes IDIVM soLVs Contegat Vsqe poLVs! (1722)
AngeLe tV CVstos noLI pessVMDare IVstos! (1722)
PraefeCtlsque faVe! qVaeqVe tIMenDa CaVe! (1722)
pLVs SoCIIqVe orent!  nVMen  VeneranDo Laborent! (1722)
sIC, VbI ConstabVnt, MVnera et astra DabVnt! (1722)

Im Teutschen könte diser Glickhswunsch beyleiffig also lauten:

Nun geb der große Gott dem Schneeberg reichen Segen,
Die Hoche Gewerekhen halt er stäts in seinen Schutz,
Die göttlich Muetter bringt diß alles leicht zuwegen,
Dann bietet man dem Feind zu schaden köckh den Trutz.
Ich wünsche yber das den g'sammten Officiren 2),
Die mit sehr großen Ruhm dem Bergwercn vorgestellt,
Das sie auf Weg und Steg der Engel wolle fihren,
Biß sie der Engelschaar einst werden zuegesellt.
Die ganze G'sellschafft soll selbst in der That erweisen,
Wan sie beym grossen Gott erscheinet vor Gericht,
Das sie zu seiner Ehr gebraucht hab Schlögl und Eisen,
So bleibt der Himmel ihr fir die gemachte Schicht.

Dlses VVI InsChet MIt seIn aVfr IChtIgen Herz (1722)
Der Vorgesezte geIstlLICIhe SeeLsorger bey Vnserer fraVen zV Mooß (1722)
Michael Winepacher, Protonotarius Apostolious.“

Ferner: „Anno 1727 den 1. May hab ich Endsunterschribner auf gnädigste Bewilligung Ihre Hochfirstlich Gnaden Herrn Herrn Antonii Dominici gebornen Grafen von Wolckhenstain etc. als Bischoffen zu Triendt allhir auf den Schneeberg das H. Sacrament des Altares in dem neuen Tabernäcl eingesezt: welche Aufbehaltnus jährlich von den Monat May inclusive biß in September auch inclusive sich erstreckht und lenger nit. NB! Nach diser Zeit mueß der Tabernacul von den Altar abgenommen und in einen saubern Zimmer bedöckhter aufbehalten werden.“
Dises zu nothwendigen Bericht.
(Unterschrift wie vorher)

Weiter: „Den 6. Augusti Anno 1731 hab ich Endsunterschribner mit gnädigster Erlaubnus von Ihro Hochgräfllich Excellenz und Hochwirden Herrn Weichbischoff zu Trient etc. auf den loblichen Schneeberg zway neue Glöggln geweicht (sed sine sacris oleis), welche an selbigen Tag in den neuen Turn aufgehengt worden.“

Ferner: „Einsetzung der Stationen am Schneeberg, so den 17. Juny 1738 beschechen ist.

HIC VIa saCra CrVCIs sanCte CeLebretVr In aeVVM, flat Ita a popVLo saepe ea trIta plo! (1738)
SaepIVs hanC sIqVIs (DeVotVs et Ipse) freqVentat, hIC post fata tenDIt aD astra Via. (1738)
Der CreIJz-VVeg Ist aLLhler In Schneeberg zVe Verehren,
Das Gott DIe Knappschafft hür stäts Ihrer BItt geVVehren. (1738)
So eIner DIsen VVeg fort schLeInIg, elferIg geht,
Der VVeg zVr SeLIgkeIt soDann aVCh offen steht. (1738)
Fr. Germanus Seeger, Franciscanus ex Conventu Oenipontamo S. Crucis, erexit socio Fr.: Emerico Egger, Franciscano; Mathias Hofer, Supernumerarius in Mareith.

Epigramma peccatoris ad Christum coram Cruce Missionis in monte niveo die 17. Juny anno 1738 a me Michaele Winepacher, protonotario apostolico, animarum pastore in Mooß, benedicta:

Te Deponebat Metanoea sat aspera Vere, antea, serVator! qVI In CrVCe fIXVs enas. (1738)
nVnC, preCor, Vt nostro post haC In CorDe qVIesCas:
VtqVe tVo Constans arDeat Igne foCVs. (1738)
Da! ne forte CrVCI rVrsVs te affIgere tenteM.
testor ego VIVens, antea fVnVs ero. (1738)

Die Bueß hat endlich Dich von Creüz herabgenommen,
O Gott! an welches Dich die Sünd gehöfftet hat.
Ach! wirdige nun Dich, in unser Herz zu kommen!
Laß dises Deiner Lieb seyn eine Feuers-Statt!
Gib! das ich an das Creüz Dich nimmermehr anschlag,
ja ehnder sterbe — diß von Herzen ich Dir sag.“

Glockenweihe, Einsetzung des Altarsakraments und Weihe des Missionskreuzes wurden ebenfalls vom Pfarrer von Moos, Michael Winepacher, durchgeführt. — Nach den Eintragungen war von der Gemeinde Rabenstein in Passeier im Monat Juli eines jeden Jahres ein Kreuzgang zum Schneeberg verlobt, ein Brauch, der in den späteren Jahren, wie es scheint, nicht mehr eingehalten wurde. Bedingt durch die Rauheit des Gebirges, durch die stille Abgeschlossenheit der Gegend und wohl auch durch die Sorgen der Lebensnotdurft, hat der Berg seine Härten. Bis zum Jahre 1920 wurden am Schneeberg — auch untertags — Schichten mit l0stündiger Arbeitsdauer verfahren. Bergleute und den Sommer über Hirten aus der Umgebung besuchten daher gerne das Kirchlein. Die meisten Wallfahrer bringt wohl die Feier des Patroziniums, das an dem auf den 5. August (Maria Schnee) folgenden Sonntag gefeiert wird. Ein feierliches Amt mit folgender Prozession und den vier gesungenen Evangelien — das erste an der Stätte des Unheils vom „29. Marty Anno 1693“ — wird gehalten. Die gesamte Belegschaft des Betriebes nimmt daran teil im Bergkittel, Berghut und Leder, desgleichen die Musikkapelle. Viel Volk aus den Tälern von Ridnaun und Passeier strömt herzu. Am Abend ist Bergbeleuchtung bis zu 30 Höhenfeuern, ein Bild von seltenem Reiz.

Wenige Wochen später ist bereits Winter geworden. Nebel ziehen, kalte Winde brausen, Jochdohlen kreischen, der Schneefink sucht am Haldensturz sein kärgliches Futter.

Nur einmal des Monats kommt der Hilfspriester (der „Schneeberger Kaplan“) von Rabenstein herauf, um das hl. Opfer darzubringen oder aber einem Verunglückten oder Schwerkranken das Viatikum zu reichen und ihm den letzten Trost zu spenden, mitunter schon in banger Erwartung. Man geht ja von Rabenstein zum Schneeberg je nach den Wegverhältnissen zwei und mehr Stunden. Der Oberhutmann (Betriebsbeamter, abgeleitet von „auf der Hut sein“) und Leute der Belegschaft geben dem Herrn über Leben und Tod mit brennenden Grubenlichtern vom Eingang der Siedlung an das Geleite.

1) Über das Schneeberger „Compliment“ und die sogenannte „schwarze Mintz“ folgt ein eigener Artikel.

2) „Bergoffiziere“ ist ein Kumulativausdruck für die technischen Betriebsbeamten beim Bergbau, der sich in Tirol bei den ärarischen Werken bis in die neue Zeit erhalten hat.

Quelle: Hans Wallnöfer, Etwas über das Kirchlein am Bergbaubetrieb Schneeberg in Passeier (2371 m), in: Der Schlern, Illustrierte Monatsschrift für Heimatkunde und Volkskunde, 23. Jahrgang, 12. Heft, Dezember 1949, S. 480 - 482.
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