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Bergwerksleben in den Alpen.
1913
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„Glück auf!“ sagt der Obersteiger, und damit sind wir zur Einfahrt fertig. Über den Tagesanzug hat man die kleidsame Knappentracht gezogen, eine Hose, in deren jedem Bein zwei Beine eines normalen Menschen Platz finden, die schwarze Bergmannsbluse mit den gekreuzten Schlägeln und die runde Kappe mit dem Hacken vorn zum Befestigen der Bergmannslampe. Die aber nehmen wir heute nicht mit, denn der mich führende Erzknappe trägt eine große moderne Azetylenlaterne, welche die Unterwelt taghell aufschließt.

Krachend fliegt die schwere Eisentüre des Stollenmundes zu, und wir schreiten zu Berg. Das mutet am Anfang ganz behaglich an. Es ist ein weiter, vollkommen wagrechter Stollen, auf das sauberste mit schönen rotbraunen Fichtenpfählen ausgezimmert, darin ein Geleise läuft, zwischen dessen Schienen ein Bretterpfad gelegt ist. Und der ist auch notwendig, da ein Bächlein bergaus rinnt; Wasser sickert auch an den Wänden, und ab und zu rauscht ein ganzer Sturzbach in einer senkrechten Verschalung, die von einem höheren Horizont herunter kommt. Nur eine Unbequemlichkeit macht zu schaffen: der Gang ist so niedrig, dass ein erwachsener Mann nur gebückt darin gehen kann. Vom „Berge“ selbst ist kaum etwas zu sehen, wie eine Palisade stehen die dicken Fichtenbohlen Stamm neben Stamm, und hinter ihnen liegt noch eine Querwand von Brettern; auch die Decke ist mit Brettern verschalt, von denen lange weiße Watteflocken herabhängen. Das ist das „Holzgift“, die Schimmelpilze, welche die Bölzung heimlich zersetzen, so dass sie alle paar Monate ausgewechselt werden muss. Ein aufmerksamerer Blick zeigt auch noch andere Vegetationen; jene, die einst Alexander v. Humboldt, als er noch Bergassessor im Fichtelgebirge war, so aufmerksam beschrieb. Große schwammige Gebilde wuchern an den „Donhölzern“, und mit eklen, braunschimmernden Tropfen sind sie besetzt. Das ist der Hausschwamm, und ein Pfahl, den er einmal befallen hat, ist schon in vier Wochen reif zum Auswechseln. Auch schneeweiße Löcherschwämme bilden ganze unterirdische Wiesen, und an feuchteren Stellen hängen die langen Pilzbärte so tief herab, dass ihre Fäden das Gesicht verkleben, so wie der Altweibersommer ober der Erde.

Die Feuchtigkeit nimmt zu; der Gang wird enger, auch scheint er nun ein wenig zu steigen, und bedenklich sind die Pfähle auf beiden Seiten geneigt. Auf alle Viere lässt sich der Führer nieder, und im Hundegang humpeln wir in die rabenschwarze Nacht hinein, in der nun auch die Luft ihre erquickende Frische verliert. Auf einmal gehen wir auf Trümmerwerk. Der Steiger gibt die beruhigende Versicherung, das bedeute nichts, es sei nur ein wenig von der Decke herabgefallen. Ich kann hierbei allerdings den Wunsch nicht unterdrücken, dass sich solches erst wieder in einer entfernten Zukunft ereignen möge. Gedankenvoll stimmt auch der Anblick von geborstenen Pfählen; sie sind in der Mitte entzwei gebrochen wie ein Zündholz, aber in dem Augenblick, da ich sie näher betrachten will, erschallt das Kommando des Führers: „Ducken's eahna!"

Ansicht von Schwaz in Tirol

Abb. 264. Ansicht von Schwaz in Tirol

Der Rat war gut gemeint und notwendig, denn der Mann mit der Laterne vor mir ist auf einmal verschwunden, verschluckt von der rabenschwarzen Nacht, von der man sich ober der Erde keinen Begriff machen kann. Das kommt daher, dass er mit seinem Körper die Laterne verdeckt; er füllt nämlich den Gang vollständig aus, als er auf dem Bauche liegend sich mit geschickten Stößen und Windungen wie eine Blindschleiche darin vorwärts schiebt. Nachdem er sich auf diese Weise sehr rasch entfernt, bleibt keine Zeit zum Besinnen und es heißt ihm nachkriechen. Das Gestein berührt die Schultern, zu beiden Seiten ist kaum soviel Raum, dass man die Ellenbogen spreizen kann, und auf der Unterseite schiebt man sich auf einem Brett, unter dem zäher, schwarzer Schlamm gluckst. Ab und zu tappt man mit der Nase an die feuchten Tropfen der Hausschwämme. Als wir einen Augenblick ruhen, erhalte ich eine höchst anschauliche Vorstellung von dem Gefühl der lebendig Begrabenen. Auch der Führer fühlt sich gedrängt, einige Erläuterungen zu geben: „’S dauert net lang,“ meint er, „es ist nur schwimmendes Gebirge.“ Und auf meine neugierigen Fragen erhalte ich die Auskunft, dass wir unter einer Schwemmsandlinse liegen, einer Einlagerung von beweglichem Meeressand, der gegenüber keine Pölzung lange hält. Fast jede Woche muss sie da und dort aufgerichtet werden, und es hat sich auch ereignet, dass mit einer jähen kleinen Senkung der schmale Schlauch auch ganz zusammen gedrückt wurde 1).

Mich erfasst heftige Reue ob meiner Bergwerksstudien, und ich kann die Bemerkung nicht unterdrücken, dass ich es für wahrscheinlich halte, sintemalen verschiedene der Pfähle schon eingeknickt sind, dass das schwimmende Gebirge soeben im Begriffe stehe, sich wieder einmal rapid zu senken.

In diesem Fall ist keine Gefahr, belehrt mich der Steiger, es sind genug Verbindungsgänge zu höheren Horizonten, in dem Berg ist ein ganzes Labyrinth von Stollen eingehauen, so dass wir mehrere Ausgänge zur Verfügung hätten, auch wenn dieser eine verschüttet wäre. Und wirklich weitet sich nach kurzem der Gang, und jetzt nimmt auf einmal auch der „Berg“ gefangen, denn man blickt in sein aufgeschlossenes Eingeweide selbst. Es kommt eine Strecke, die der Bergmann „offen“ nennt, in der der Schacht frei, ohne alle Stützen in das Gestein eingehauen ist. Das gewährt einen feenhaften Anblick; die grauschwarzen Wände glitzern und funkeln im Schein der Laternen, als ob sie mit Atlas bespannt wären. Das ist der Phyllit, aus dem die Hauptmasse des Berges besteht. An anderen Stellen erscheint er etwas heller: dort tritt Grauwacke zutage, und nun schreiten wir auch durch eine Quarzader, die wie eine Schatzkammer des Bergkönigs anmutet. Die weißen Quarzkristalle glitzern gleich Diamanten, wenn die Strahlen über sie hinwegspielen, und man erwartet jeden Augenblick aus diesem oder jenem Seitengang, die sich nun rasch hintereinander öffnen, einen Gnomen hervortreten zu sehen, mit langem, schneeweißen Pilzfädenbart, der Schätze schleppt im Dienste Alberichs. Doch nichts regt sich, totenstill ist es hier unten, etwa 1500 m unter dem schönen Hochgebirgswald, da der Berg in den der Stollen wagerecht getrieben ist, darüber rapid ansteigt zum Kellerjoch. Wir sind hier in Schwaz im Inntal, an jener bergmännisch und geologisch so interessanten Stelle, wo das Urgebirge unter den neueren Kalkablagerungen zum ersten Mal hervortritt. Dieses Schiefergebirge ist nichts anderes als eine der ältesten Meeresablagerungen, deren Schlamm durch den ungeheueren Gebirgsdruck und vielfach auch durch den Einfluss von Magmen sich zu diesem harten Stein gewandelt hat. Dieser Urtonschiefer, wie man den Phyllit, in dem sich die Schwazer Bergwerke befinden, zu deutsch nennen kann, steht dem Glimmerschiefer sehr nahe; sein feiner Seidenglanz wird von Glimmerschüppchen erzeugt, zwischen die sich Quarz lagert. Darum finden sich in ihm sowie auch in der Grauwacke, die sich mit ihm vergesellschaftet, so reichlich Quarzadern eingesprengt. Diese Grauwacke, deren Zone wir nun durchschreiten, ist der älteste Sandstein und durch den ungeheueren Gebirgsdruck der über ihm lagernden Lasten ebenfalls geschichtet wie die anderen Urschiefer. Als Wacke bezeichnet ihn der Bergmann wegen seiner dickschichtigcn klotzigen Beschaffenheit. Ich hebe ein Stück vom Boden auf, und schon der erste Blick zeigt mir, dass auch die Grauwacke Meeresboden ist; die eckigen Quarzkörnchen darin sind nichts anderes als einstiger Meeressand, und der Ton, der sie verkittet und das Gestein verhindert, zu Sand auseinander zu fallen, war einst der feine Schlamm des Meeresgrundes. Ich verstehe sehr wohl, dass es in diesem Gestein Stellen geben muss, die noch heute reinen Schwemmsand darstellen, wenn ihnen das Bindemittel des Tones fehlt.

Aber wie sind die Quarzadern entstanden, die den Berg so reichlich durchziehen? Und die, wie ich soeben als ich an der Wand hinleuchte, sehe, aus schönen großen Kristallen bestehen, in deren regelmäßigen Flächen sich das Licht spiegelt. Sie haben offenbar die Stellen von einstigen Spalten ausgefüllt, in die Dämpfe aus dem Erdinneren oder Sickerwasser von der Erdoberfläche gedrungen sind.

Die Feuchtigkeit hat auf ihrem Wege durch den Berg sich mit Kieselsäure beladen, sie hat die Kieselsäure aufgelöst und in Kristallform niedergeschlagen, als sie auf das langsamste austrocknete. Es war derselbe Vorgang, wie wenn ich in einem Glase eine übersättigte Salzlösung verdunsten lasse und dann an ihrem Grunde die schönen Kristallwürfel finde.

Erzgang in einer Verwerfungsspalte, schematisch

Abb. 265. Schematische Darstellung eines Erzganges (oben) in einer
Verwerfungsspalte, deren Entstehung das untere Bild erläutert.

(Nach Haase)

Doch der rasch vorwärtsschreitende Führer unterbricht weiteres Nachsinnen über die merkwürdigen Naturerscheinungen die dem Wanderer im Bergwerk so zahlreich entgegentreten. Wieder wird der Gang so schmal, dass man nur kriechend sich vorwärts bewegen kann; hie und da schlüpft man durch einen so engen Kamin, dass auch ein nur wenig korpulenter Mann fürchten muss, darin stecken zu bleiben. Seitengänge kommen und kreuzen sich, dann geht es steil aufwärts auf rauhen in das Gestein eingehauenen Treppenstufen, dann wieder gleitet man eine Trümmerhalde steil abwärts im Geschiebe des mitrollenden Gesteins, da und dort durchschreitet man eine Traufe, eine unterirdische Quelle, wie der Steiger erläuternd bemerkt, und endlich sind wir am Ziel, „vor Ort“, wie es in der Bergmannssprache heißt. Dieser Ort, wo die Häuer arbeiten, ist eine kleine Kammer, so hoch, dass man zur Not aufrecht sitzen kann, erfüllt von dumpfer, heißer Stickluft, die dem ungewohnten Besucher kaum atembar erscheint. Durch ein besonderes Pumpwerk wird hier auch künstlich Luft zugeführt, doppelt nötig bei der schweren Arbeit, oft in liegender Stellung mit der Spitzhaue Stücke von der schweren Decke abzuhacken.

Erzader zu Schwaz in Tirol (Fahlerz)

Abb. 266. Ein Stück der Erzader zu Schwaz in Tirol (Fahlerz)
Original

Hier ist die Erzader, der zuliebe soviel Mühsal und Arbeit aufgeboten ist. Wie Gold schimmert sie in dem hellen Gestein als ein etwa 2 dm breites, quer verlaufendes Band, von dem schon viele abgehackte Stücke — Stufen nennt sie der Bergmann — am Boden liegen. Ihr zuliebe dringt man immer tiefer in das Bergesinnere, durchwühlt das Gebirge in zahllosen Gängen, die dann wieder mit dem tauben Gestein „versetzt“ werden. Auf Schritt und Tritt begegnen wir solchen „versetzten Bergen“, d. h. Gängen, die mit unbrauchbarem Gesteinsmaterial wieder zugefüllt werden. Die edlen Erzstufen dagegen werden auf den Schienen mittels Hunden hinausgeführt zu den Pochwerken und Schmelzöfen vor den Stollen.

Unabweisbar erwacht die Frage, wie sich dieses Fahlerz, das mir nun der Steiger voll Stolz weist, im einstigen Meeresschlamme gebildet haben kann. Es ist ein Kupfererz, das sich da und dort mit Zink oder Silber vergesellschaftet. Aus der chemischen Mineralogie weiß ich, dass Fahlerz ein Schwefelantimonsalz des Kupfers sei, und das gibt mir den Schlüssel für seine Entstehung in einem einstigen Meeresboden. Im Meerwasser sind alle Metalle und Elemente gelöst vorhanden; nur in so ausnehmend feiner Verdünnung, dass unsere Technik noch kein Mittel gefunden hat, sie nutzbar zu verwerten. Die Pflanze war da ein größerer Künstler. Als Meerestang kann sie aus dem Wasser Jod und Brom in solcher Menge ausscheiden, dass es für unsere Technik lohnend ist, Meeresalgen daraufhin zu verarbeiten. Ein noch größerer Chemiker aber ist die Naturkraft selbst durch die Summation kleinster Wirkungen im Abrollen von Jahrmillionen. Das kohlensäurereiche Sickerwasser, das alle Gebirge durchdringt, wusste auch in den Urtonschiefern da und dort ein Molekül Silber, Zink, Kupfer oder Blei auf seinem Wege mitzunehmen und sich langsam so mit Metallen zu beladen, dass es dort, wo es zur Ruhe kam, die kostbaren Erze aus sich ausscheiden musste.

Als sich das Gebirge durch Faltungen bildete, mussten naturgemäß zahlreiche unterirdische Spalten und Klüfte dadurch entstehen, in denen Platz war für diese soeben geschilderten Auswitterungen. So entstanden die Erzadern und dies ist die Ursache, warum sie wirklich, so wie die Blutadern den Körper eines lebendigen Wesens, das Erdinnere nur als unregelmäßige, schmale und mannigfaltig verzweigte Bänder durchsetzen.

Eine besondere Erscheinung der Erzvorkommen in den Alpen und auch anderswo bedarf jedoch noch der Erklärung. Die meisten Erze finden sich in Schwefelverbindung, so z. B. das Silber, auch Kupfer und Eisen als Kupferkies, den man seiner messinggelben Farbe halber auch als Schwefelkupfer bezeichnet; Blei verbindet sich mit Schwefel zu dem grauen Bleiglanz, der nichts anderes als ein Schwefelblei ist, Zink bildet eine Schwefelverbindung in Form der schön glänzenden, braunen Zinkblende oder Galmei. Diese Tatsache beruht nicht auf einem Zufall, sondern auf dem Umstand, dass als Sendboten der glühenden Herde im Erdinnern sehr häufig schwefelige Säure und Schwefelwasserstoff darin aufsteigen, welche die Klüfte durchstreichen und mit den dort angesammelten Stoffen bei der überaus großen Affinität des Schwefels nur zu leicht Verbindungen eingehen.

Mein Führer bekundet übrigens über dieses Fahlerz nicht zuviel Wertschätzung, sondern erzählt mir von vergangenen Zeiten, wo man solche Kupfererze nur gering wertete, angesichts des Überflusses an Rotgülden, das heute fast gar nicht mehr in Schwaz zu finden sei. Und damit reißt er den Vorhang von einer großen und tragischen Vergangenheit dieses Ortes, die heute völlig vergessen ist und begraben in Archiven und fast verschollenen Büchern, einst aber ein weltgeschichtliches Ereignis und die Quelle unsäglichen menschlichen Jammers war.

Das „rotgiltig“ Erz, wie das im Volksmunde benannte Rotgülden wohl richtig zu benennen ist, schimmerte nicht messinggelb, sondern kupferrot und dort, wo es im Stollen im Strahl der Berglampe aufleuchtete, bedeutete es schweren Reichtum, denn es war ein Fahlerz, bei dem ein Teil des Kupfers nicht nur durch Zink, sondern auch durch Silber ersetzt war. Rotgültig war das beste Silbererz von Schwaz, das aus Silber, Schwefel, Antimon oder Arsen bestand. Als man es einst von hier auf den Hunden zur Bergehalde hinauszog, waren die Menschen so übermütig, dass, wie mir mein Führer erzählte, man auch das Fahlerz nur als taube Berge erachtete und mit ihm den Berg versetzte. Aus der eigentümlichen Fachsprache der Bergleute in gemeinverständliches Deutsch übersetzt, bedeutet dies, dass man in Schwaz einst die Kupfererze neben dem vielen gefundenen Silber so gering geachtet haben soll, dass man mit ihnen die verlassenen und unfruchtbaren Gänge ausfüllte. Sicherlich hat man diese Verschwendung bald bereut und wieder gut gemacht, denn der Silberreichtum von Schwaz währte nicht allzu lange. Er ist untrennbar verknüpft mit dem Namen der Fuggers, die einen großen Teil ihres Reichtums aus dem Falkenstein und dem erzreichen Kellerjoch zogen, seitdem etwa im Jahre 1490 die ersten Silber- und Kupferlager entdeckt wurden.

Kellerjoch bei Schwaz (Tirol)

Abb. 267. Am Fuße des Kellerjoches bei Schwaz (Tirol)
(Nach Lendenfeld)

Schwaz war damals ein kleiner unbedeutender Ort, aber bald strömte auf diese Nachricht im stillen Inntal eine solche Menge von Abenteurern zusammen, wie in unseren Zeiten etwa in den Goldfeldern von Kalifornien oder am Klondike oder noch jetzt an den Diamantenpfannen Südafrikas. Die Phantasie kann es sich nicht genug farbenreich ausmalen, welch wildes und ungezügeltes Leben hier einst aus- und einging. Erworben hatten die Fuggers die Bergwerksgerechtsame vom Erzherzog Sigismund als Pfand gegen ein Darlehen, das sich sicherlich schon im ersten Jahre mehrfach bezahlt machte, da in den glänzendsten Zeiten, die etwa mit denen des letzten Ritters zusammenfallen, in Schwaz an 30 000 Erzknappen arbeiteten. Man sagt, dass von 1536 bis 1542 von dem Hause „Jakob Fugger & Gebr. Söhne“ in Schwaz allein 13 Millionen Gulden verdient wurden, was kein übler Zins für das gewährte Bardarlehen von 150 000 Gulden war. Das Volk erzählte freilich anders; 600 Millionen Gulden sollen die Fuggers von Schwaz gezogen haben, so flüsterten sich die Erzknappen am Falkenstein zu und dem Kaiser Maximilian hätten sie sich erbötig gemacht, ihm mit ihrem Gelde die päpstliche Tiara zu erkaufen. Die Welt erfuhr nie, was daran Wahres sei, dagegen verbürgt sich der Archivar des später fürstlich gewordenen Hauses Fugger mit stolzem Selbstgefühl dafür, dass die Wahl Karl V. zum römischen Kaiser deutscher Nation im Fahre 1519 nur durch Fuggersches Geld ermöglicht war (57). Mit seltener Herzhaftigkeit erzählt er, dass die deutschen Kurfürsten von Karl, der bekanntlich als Gegenkandidat den französischen König Franz I. zu besiegen hatte, für ihre Stimmen 700 000 Gulden forderten, Karl konnte aber nur aus eigenem an 163 000 Gulden aufbringen und wandte sich in seiner Not an den Freund Fugger, der ihm auch wirklich 543 000 Gulden hierzu lieh. Zurückbekommen hat er sie niemals, wohl aber hat Karl V. dann als Kaiser gedroht, die Vaterstadt des Fuggers, Augsburg, dem Erdboden gleich zu machen, weil sie sich den Evangelischen angeschlossen hatte und nur durch kniefälliges Bitten der Fuggers wurde dieses Unheil abgewendet.

Getäfelte Stube in Schwaz (Tirol)

Abb. 268. Getäfelte Stube in Schwaz (Tirol)

Es sind also gar eigene Gedanken, die den Wanderer beschleichen, wenn er von dem reichen Gebirgskranz ringsum, etwa von der Terrasse des Vomperberges hinabblickt ins gesegnete Silberland, in dem jedoch heute nichts mehr silbern ist, als nur der Strom, der in raschem Lauf ein Tal durcheilt, in dem süßer Friede und Wohlstand von jeher zu Hause schien.

Auch die Knappen haben sich ganz andere Gedanken über Schwaz gemacht als die Mächtigen ihrer Zeit, und noch in einer anderen Hinsicht war dieses idyllische und scheinbar von den großen Weltereignissen so abgeschlossene Alpental einst der lebende Mittelpunkt vorwärtsdrängender Weltgeschichte.

Was heute als Sozialismus so ungestüm und unwiderstehlich an die Pforten der bürgerlichen Gesellschaft pocht, hat hier in Schwaz vor rund 400 Jahren in den mittelalterlichen Lebensformen nicht minder kräftig und herrisch nach Daseinsberechtigung verlangt. Der äußere Glanz von Schwaz war nur eine täuschende Hülle über ein unsägliches inneres Elend; die 20 000 Bergknappen, die da mit Weib und Kind hausten, lernten alle Not, die von einer modernen Großindustrie unzertrennlich ist, am eigenen Leibe kennen. Sie, die ihren Herren jährlich an die Millionen erwarben, deren Geschicklichkeit und Tüchtigkeit in ganz Europa sprichwörtlich war, so dass sie z. B. in Eilmärschen nach Wien beordert wurden, als anno 1529 der Türke dessen Mauern verarmte, was sie, wie jedermann weiß, durch ihre Minenkünste auch glücklich abwendeten, sie waren an ihrer eigenen Arbeitsstätte ärmer daran als Bettler. Und in dieser Not erhob sich die neue Lehre, dass auch die Armen und Unterdrückten mächtig sein können, wenn sie nur zusammenhalten. Natürlich war das dem Geiste der Zeit gemäß in ein religiöses Gewand gekleidet und was sich heute Sozialismus nennt, hieß damals „Geschwistrigkeit“ und „Wiedertauf“ und suchte seine Gläubigen mit der Predigt, dass Christus für alle Menschen am Kreuze gestorben sei, nicht nur für die Herren und dass Adam der Stammvater aller Menschen ist, nicht nur der Reichen, der Fuggers, nach denen in der ungarischen Sprache noch heute ein Geizhals „Fukar“ heißt.

Fuggerhaus in Schwaz (Tirol)

Abb. 269. Das Fuggerhaus in Schwaz (Tirol)
Original von Prof. Dr. A. Wagner, Innsbruck

Aber die Herren dieser Erde ließen mit sich nicht spaßen; besonders dann nicht, wenn sich ihre Knechte mit ihnen an den gleichen Tisch setzen wollten. Jene alte Geschichte ist nur schwer mehr wieder herzustellen; ich habe es versucht in einer historischen Erzählung [„Die silbernen Berge“ 2)] und als ich im Interesse der für sie nötigen Angaben in Urkunden und Fachschriften tiefer schürfte, da trat mir eine gar seltsam modern lebendige Welt sozialer Kämpfe entgegen. Die Wiedertäuferpredigt erhielt in Schwaz ihr besonderes Gepräge; sie war eine sozialistische Agitationsrede, wie man sie jeden Sonntag in einem Vorstadtgasthaus unserer Großstädte hören kann. Das modernste Mittel der Selbsthilfe der Arbeiterschaft, der Streik, war den Erzknappen von Schwaz nicht weniger geläufig, wie den Metall- oder Bauarbeitern der Neuzeit. Im Jahre 1626 waren die Gruben verödet, die Knappen zogen in Mengen nach Innsbruck, um ihre Beschwerden dem Landesfürsten vorzubringen. Aber auch die Arbeitgeber waren mit der Taktik sozialer Kriegsführung vertraut. Es fehlte nicht an schwarzen Listen und an Aussperrungen und die Gesetzgebung ihrer Zeit kam ihnen in einer Weise zu Hilfe, deren man nur mit Entsetzen gedenken kann.

Rattenberg am Inn

Abb. 270. Rattenberg am Inn, einer der Hauptsitze der Wiedertäufer in Tirol
(Nach Lendenfels)

An diesem Punkte werden die Chroniken merkwürdig einsilbig, sie behelfen sich mit kurzen Andeutungen allgemeiner Redensarten, sie werden widerspruchsvoll, befehden einander und verraten so noch Jahrhunderte später den Kampf zweier Parteien, von denen das Kapital die Arbeit mit unerhörter Brutalität zu Boden warf. In trockener Kürze sagt die Chronik: „Aller Orten loderten Scheiterhaufen, baumelten menschliche Körper an Bäumen oder an Pfählen oder wogten in den Fluten, blitzte das Richtbeil.“

Um etwa 1538 war ein großer Teil der Bergknappen teils hingerichtet, teils ausgewandert. And nun folgt ein merkwürdiger Vorgang, in dem Soziologen vielleicht eine unheimliche Prophezeiung für den Ausgang der sozialen Kämpfe unserer Zeit erblicken werden. Der Erzreichtum von Schwaz sank von Jahr zu Jahr, sprunghaft ging die Silberproduktion der Berge zurück und gegen Ende des 16. Jahrhunderts waren alle Gruben bis auf zwei eingegangen und diese konnten nur durch bedeutende von ihren Besitzern gebrachte Opfer in Betrieb gehalten werden.

Dieser eigentümliche Zusammenhang legt es nahe, anzunehmen, dass auch das allermodernste Kampfmittel der Arbeiterschaft, die Sabotage, den Schwazer Erzknappen nicht unbekannt war, und ich habe in meiner vorhin erwähnten Novelle die Frage nach der Ursache des plötzlichen Niederganges von Schwaz allerdings ohne besondere historische Anhaltspunkte zu haben, auch in diesem Sinne beantwortet. Das Volk erzählte es zwar anders; nach seinem romantischen Sinn war der Niedergang von Schwaz die Erfüllung eines Fluches und es kommt ihm allerdings hierbei zu Hilfe, dass jener Fluch in allen seinen Teilen an Schwaz buchstäblich bewahrheitet wurde.

Robert von Lendenfeld erzählt dies in seinem anziehenden Werke „Aus den Alpen“ in folgender Weise: „Einer der protestantischen Märtyrer, welcher nach entsetzlichen Qualen in Schwaz verbrannt wurde, rief, als die Flammen aus dem Scheiterhaufen zu ihm emporzüngelten, einen schrecklichen Fluch herab auf seine Peiniger. Schwinden sollten die Erze in den Bergen und in Flammen aufgehen die Häuser, welche jetzt von dem Brande des Scheiter-Haufens, auf dem er stand, erleuchtet waren. Lachend verhöhnten ihn die Henkersknechte.

Aber den ersten Teil dieses Fluches erfüllten die ewigen Mächte sogleich, denn bald nach seinem Tode begann jener Rückgang in der Erzausbeute, welcher Schwaz jähling von seinem Reichtum herabstürzte. Doch auch der zweite Teil des Fluches sollte in furchtbarer Weise erfüllt werden.

Als im Jahre 1809 der bayerische General Wrede die Österreicher bei Wörgl geschlagen hatte, rückte er nicht gleich gegen Innsbruck vor, sondern blieb einige Zeit hinter Ziller stehen, so dass der österreichische General Buol mit seinem kleinen Korps verstärkt durch zahlreiche Tiroler Bauern Zeit gewann, sich zu rangieren und von Volders, wo er sich aufgestellt hatte, nach Schwaz vorzurücken, um hier den Feind zu erwarten. Inzwischen war Marschall Lefebvre, der Oberkommandant der bayerisch-französischen Armee, mit zwei Divisionen herangekommen, hatte die österreichischen Vorposten auf Stans und Straß vertrieben und rückte am 18. Mai 1809 um Mittag gegen Schwaz vor. Nachdem ein Reiterangriff zurückgeschlagen war, fuhren die französischen Geschütze auf und brachten die wenigen österreichischen Kanonen bald zum Schweigen. Die Franzosen bemächtigten sich der Vorstadt St. Martin und rückten in Schwaz selbst ein, wurden aber hier von einem solchen Feuer aus allen Fenstern und von den am Ende der Straße aufgestellten Soldaten empfangen, dass sie zurück mussten. Auch zwei weitere von größeren Truppenmassen unternommene Stürme wurden zurückgeschlagen, erst der vierte, von einer Reiterattacke unterstützte Angriff gelang und die österreichischen Soldaten, sowie die Tiroler, die im Freien gekämpft hatten, zogen sich, viele Tote und Verwundete zurücklassend, auf die Höhen hinter Vomp zurück.

Erbittert über den heftigen Widerstand der Nichtsoldaten sprengten die bayerischen, den Stürmern nachrückenden Regimentern die Türen der Häuser und machten zunächst alles nieder, was ihnen in den Weg trat. Später begnügten sie sich mit Plünderung, wobei aber zahlreiche Misshandlungen vorfielen; namentlich wurden einige Geistliche hart gequält. Einer davon starb unter den Fäusten der Soldaten. Die Kirchen wurden ausgeraubt und alle Wirtshäuser geplündert. Gewiss hatten die Bayern nach dem Sturm einen gehörigen Durst und so wird denn mancher des Guten zuviel getan haben.

Da mag es denn wohl etwas wüst zugegangen sein. Am Abend wurde der Markt an mehreren Orten in Brand gesteckt und brannte im Laufe der Nacht und des folgenden Tages größtenteils nieder, während die Bewohner, welche die Katastrophe überlebt hatten, klagend über den Verlust von Verwandten und Freunden, ihrer Habe und ihrer Heimat beraubt, von den umliegenden Höhen auf das Feuermeer herabblickten, das sich über ihre Stadt ausbreitete.

Wohl sind später neue Häuser auf der Brandstätte entstanden, wohl arbeitet man heute noch hie und da in den Bergen, aber der Glanz ist von Schwaz gewichen und der Fluch des Märtyrers hat sich furchtbar erfüllt.“

Galmeihalden auf dem Suntiger in Tirol (Karwendel)

Abb. 271. Galmeihalden auf dem Suntiger in Tirol (Karwendel)

Von diesem Verhängnis merkt der flüchtige Wanderer freilich ebenso wenig wie von dem einstigen Reichtum der Stadt, wenngleich ihn das Fuggerhaus und der für vergangene Zeiten und für ein kleines Städtchen unerhörte Luxus, das ganze Dach der Kirche mit (zusammen 15 000) Kupferplatten zu decken darauf aufmerksam machen könnte. Aber in der Umgebung gibt es noch zahlreiche Merkmale, die auf den einstigen ausgedehnten Bergbau hinweisen. Nicht nur die Namen von Ortschaften, wie Zinnberg, Außerknapp, am Erbstollen usw., sondern auch verschiedentliche Knappensteige und noch häufiger die schwarzgähnenden Mundlöcher mehr oder minder eingestürzter verlassener Stollen verraten ihm dies. Einer davon erfreut sich in Touristenkreisen einer gewissen Volkstümlichkeit und bietet noch heute einen sehenswerten Anblick. Dies ist der im Volksmunde als „silberner Hansl“ bezeichnete, mit Wasser gefüllte Stollen nicht weit vom Hallerangerbaus im Karwendel, wo auch auf dem als prächtiges Aussichtsgerüst auf die Umrahmung des Roßlochs viel besuchten Suntiger eine ganze Anzahl Silber- und Galmeigruben zu sehen sind und die Zinkblende stellenweise noch immer in solcher Menge umher liegt, dass man in einer Viertelstunde leicht ein ganzes Quantum finden kann. Das der silberne Hansl versoffen, wissenschaftlich gesprochen, durch einen Wassereinbruch zerstört ist, mag gleich als Symbol der Ursachen des Unterganges der Schwazer Herrlichkeit gelten; nach dortigen Erzählungen sollen nämlich auch die berühmten Silbergruben in Schwaz selbst auf diese Weise zugrunde gegangen sein, die bei der Ausdeutung der Möglichkeit von Racheakten der Phantasie besonders weiten Spielraum lässt. Ein ähnliches Schicksal wie Schwaz war im Laufe der Zeiten noch einem anderen hochberühmten Bergwerksgebiet der Alpen beschieden. Das sind die Goldberge in der Rauris; wohlbekannt jedem Besucher des Gasteiner Tals, wenigstens von Lend-Gastein her, wo allerdings Aluminium- und Karbidfabriken heute die Stelle der poetischen Goldbergwerke einnehmen. In der Bergumwallung von Bad Gastein selbst deuten jedoch noch viele Berg- und Ortsnamen auf jene untergegangene bergmännische Welt, vor allem die Goldbergspitze selbst, dann der Silberpfennig, der Goldzechtopf, der Goldberggletscher, und manche andere, von denen einer der Klassiker der Alpenkunde, der leider viel zu wenig gelesene A. Schaubach, in seinem Werke über die deutschen Alpen eine gemütvolle Beschreibung gegeben hat, die ich deswegen gerne übernehme, weil ich mir von ihr erhoffe, dass sie auch unter den neueren Alpenfreunden jenem besten Schilderer der Berge wieder neue Leser zuführt, um so mehr als dies durch eine vor kurzem erschienene Neuauflage der schönsten Teile seines Werkes nur zu leicht ermöglicht wird. Schaubach erzählt:

Knappenrosse aus den Hohen Tauern

Abb. 272. Knappenrosse aus den Hohen Tauern
(Vorläufer der Rodelschlitten, mit denen die Knappen zu Tal fuhren.)
Aus den Sammlungen des Alpinen Museums in München.

„In der Gemäldeausstellung der Goldberggruppe stehen die berühmtesten, soviel bekannten und beschriebenen Bilder neben den unbekanntesten so gut sie neben jenen zu stehen verdienen. Fast alle Reisenden kennen die Gastein und ihre Wasserfälle, Heiligenblut und das Mölltal, ja zum Teil auch das Rauriser Tal vom Embach herein bis Gaisbach und Rauris und dem öden Seidenwinkel, durch welchen der Weg durch Heiligenblut und über seinen Tauern führt, aber gerade das innerste Heiligtum der Gruppe, der Goldberg und seine Umgebungen sind unbekannte Oasen und verdienen durch ihre ganz eigentümlich wilde Großartigkeit von jedem Freund des Grotesken besucht zu werden.

Du magst das Gebiet unserer Gruppe betreten von welcher Seite du willst, so wirst du an den Namen erinnert, den wir der Gruppe geben. Während wir dort den Beherrscher des Gebirges, den Glöckner auf hohem silbernen Thron herabschauen sahen auf seine Untergebenen, so wird hier der Herrscher unter-irdisch; es ist der Gott der Unterwelt und seine Diener sind Gnomen. Hier wirbelt der Rauch auf aus den Hüttenwerken, seinen Altären, dort dampfen aus dem inneren Schoß der Erde siedende Quellen auf, deren perlender Geist sich neuerer Zeit in den Händen der Anwohner in Gold verwandelt. Dort oben aber, in den öden Felsenbergen hämmert und pocht es und unter dem blauen Eisdache der Gletscher, wo du eben einen Eisbach hervorbrechen zu sehen erwartest, öffnet sich plötzlich das Innere der Erde und eine Gnomenschar begrüßt dich einsam Geglaubten mit „Glück auf“.

Wenn die Sonne sich dem Untergange naht, wenn sie in die Dunstschichten des Horizonts gesunken ist, leuchtet sie noch, wenn auch ihrer Strahlen und Wärme beraubt; sie durchglüht noch die Landschaft schöner, als die heißen Strahlen der Mittagsonne. So ist auch die Sonne dieser Goldberge dem Untergang nahe; ihre Strahlen geben keinen Reichtum, keinen Überfluss, wie einst am heißen Mittag, aber noch durchglüht sie im Abendrot die Phantasie mit ihren zum Teil lehrreichen Sagen, die jener Zeit entstammen, wo zwar Reichtum, aber auch Übermut herrschte.

Die ganze Gruppe gleicht einem Biedermann, dessen Vorfahren in Reichtum und Ansehen standen; noch trägt er das goldverbrämte Kleid seiner Ahnen, doch nur wenige Überreste verraten den ehemaligen Glanz; das Innere aber, das Herz, hat sich nicht verschlimmert, vielleicht sogar verbessert durch die Erfahrung: Hochmut kommt vor den Fall, die sich in den meisten Sagen hier ausspricht.

Abb. 273. Aus der montanen Heimindustrie
Ländliche Schmiede im Ammergebirge (Bayern)
Original von Dr. Alfons Lohrer, München

Großartigere Gebäude, als es die jetzigen Umstände erwarten lassen, in den Hauptorten der Gruppe oder auch Ruinen ehemaliger großer Hüttenwerke oder verfallene, von Gletschern fast überwachsene Stollen und Grubengebäude erinnern an die jüngste Vergangenheit, Überreste ehemaliger Straßen wo jetzt kaum ein schmaler Fußsteg führt, von Gletschern ausgeworfene Werkzeuge und jene Sagen, die sich an nichts Bestimmtes mehr anknüpfen, sind Töne aus einer fernen, sehr fernen Vergangenheit. Und wie die weißen Schneehäupter noch spät in der Abenddämmerung hereinleuchten als Zeugen der untergegangenen Sonne, so erzählen uns ihre Namen noch die Geschichte ihrer Vorzeit. Die Goldlake, das Silberkar, die Erzwiese, die silberne Gans, die Goldzeche zeigen dorthin, wo die Sonne unterging.

Während du am Venediger oder Glockner, Hirten, besonders Schafhirten aufsuchtest, um dich am sichersten über die Eisklüfte der Gletscher und die Felsenhänge führen zu lassen, so wird dir hier der Bergknappe, der hier ebenso bewandert ist in den unterirdischen Gängen seines Gebirges, wie auf den überirdischen seiner Eisfelder die besten Dienste leisten. Denn die Gefahren, denen der gewöhnliche Bergmann ausgesetzt ist, gehören hier zu den geringsten; dort ist es ein Kampf mit unterirdischen Geistern, hier auch mit denen der Oberwelt, den Gletschern und Lawinen; die ersteren dringen wie ein allmählich fortwanderndes Volk unaufhaltsam vor, die anderen erobern stürmend und verwüstend und geben ihre Eroberung bald wieder auf. Das Leben des Goldberger Knappen, zumal im Frühjahr und Herbst, gehört daher unstreitig zu den beschwerlichsten, gefährlichsten und abenteuerlichsten Gewerben, die man sich denken kann.“ Diese malerischcn und begeisterten Worte schildern eine untergegangene Vergangenheit, von der nur noch mehr Ruinen vorhanden sind (58). Noch steht zwar das Knappenhaus am Goldberg auf der Moräne des Goldberggletschers, der einen Teil der alten Gruben bedeckt hat. Noch geht das Telefon zum Zittelhaus auf dem Sonnblick von einem Gewerksgasthaus aus, auch steht noch das Goldbergwerk zu Kolm-Saigurn, aber es ist außer Betrieb, die Goldquelle fließt nicht mehr, das Maschinenhaus ist verfallen, ebenso wie der abenteuerliche Aufzug, der einst zu den größten technischen Sehenswürdigkeiten der Alpen gehörte. Schaubach hat ihn noch gekannt und benützt und gibt von dieser Reliquie eines vergangenen technischen Fahrhunderts eine sehr merkwürdige Beschreibung: „Sowohl die Hochwelt dieser Alpen,“ sagt er, „als auch die Art ihrer Besteigung ist wenigstens teilweise ganz eigentümlich, eben siehst du bei deiner Ankunft das Fahrzeug, dessen du dich bedienen willst, vielleicht aus den Wolken herabrollen, auf steiler, jäher Eisenbahn des Gebirgsabhanges. Nachdem es seiner Ladung entledigt ist, und du mit einigen Verhaltungsmaßregeln bekannt gemacht bist, streckst du dich der Länge nach auf den niedrigen Wagen, trittst unten gegen die Haltstäbe und rollst mit dem Glückwunsch „Glück auf!“ die steile Wand hinan, gezogen von unsichtbarer Hand. Sehr furchtsam oder schwindelig darfst du aber nicht sein und dann dich auch nicht auf deinem Lager, das keinen Bord hat und keinen Haltepunkt als die vier Stäbe, zwischen welche gewöhnlich die Ladung gelegt wird, umdrehen und umsehen wollen; bisweilen wird die Bahn so steil, dass du zu stehen wähnst und frei in die schwindelnde Tiefe blickst, über welche du hinanschwebst. Die Baumregion siehst du unter dir schwinden, und die jenseitigen Wände wachsen mit jedem Augenblick, bis sie durch höhere Bergriesen, die dahinter auftauchen, besiegt, wieder ebenso in die Tiefe zu sinken scheinen. Nachdem du ungefähr in einer halben Stunde Brockenhöhe erschwungen hast, hörst du endlich ein Geräusch, dem eines Wasserfalles ähnlich, der Rollwagen hält, und du kannst dich nun aufrichten. Da erblickst du ein riesiges Rad, dessen Wellbaum dich heraufgezogen hat. Statt der Senner und Hirten umgeben dich neugierige Bergknappen, deren Residenz, das Bergbaus, du nun besuchst. Da stehst du wieder in der Mitte einer ganz originellen Welt. Das solid aufgemauerte Haus inmitten einer kleinen, hochgelegenen Talmulde, wird rings umlagert von wilden Gletschermassen, die fast allseitig von den nahen Zinnen amphitheatralisch herabsteigen in den abenteuerlichsten, wild zerrissensten Formen der Eiswelt. Von hier führen allseitig Steige auf die Hochgipfel der Gruppe. Doch deines Bleibens ist nicht hier, wenn du nicht vielleicht eine Mondnacht hier zuzubringen gedenkst, die auch ihre großen Reize hat. Du betrittst bald darauf den Eisboden, wanderst vorsichtig über das Geklüft des Gletschers bis zum Tauernjoch. Jenseits brechen die Gletscher bald ab. War aber schon vorher die Welt des Bergbaues abenteuerlich, so ist hier die Natur noch sonderbarer in ihren Schöpfungen, zu denen der Mensch das Seinige auch noch hinzutut. Hohe, zwischen den Felsen vordringende und sie überragende blaugrüne Eiswände suchen die ihnen anvertrauten Goldschätze zu bewachen, der Mensch strebt aber nach ihrem Besitz, und hieraus entsteht hier ein Kampf der Menschen und der Eiswelt wie wohl nirgends.

Römische Stollenmündung in Eisenerz (Steiermark)

Abb. 274. Römische Stollenmündung in Eisenerz (Steiermark)

Den Gletschern kommen oft Lawinen zu Hilfe, die den Feind schon auf halbem Wege vernichten, der sich aber doch nicht abschrecken lässt. Nur das eiserne Vordringen der Gletscher selbst in manchen Jahren nötigt den Menschen endlich zum Rückzüge. Besonders belebt wird aber dieser einsame unbekannte Bergwinkel durch die blauen Seespiegel, welche die obersten Talmulden dicht unter den blauen Brüchen der Gletscher bedecken. Auf dem Wege hinab in das hier düstere und vielfach zertrümmerte Mölltal leuchtet die prächtige Eispyramide des Glockners, und von jenseits reicht die Gruppe des Schobers den Goldbergen die Hände, über welche die Moll in großartigen Wasserfällen und wilden Katarakten herabstürzt ins tiefere Tal. Ein grauer alter Markt mit verfallenen Mauern nimmt dich unter sein wirtliches Obdach auf, nach der angreifenden Wanderung. Alte Leute, Überreste einer goldreicheren Zeit, bringen auf die Kunde deiner Ankunft Stufen, an denen sich vielleicht noch hie und da ein Goldflimmerchen zeigt, oft nur ihrem Wahne nach; ihr Alter lässt sie über die jetzige Zeit hinwegsehen, und sie sind stolz darauf, in dem Goldlande geboren zu sein.“

Dieser Bergbau war nächst den Gruben am Monte Rosa der höchstgelegene in Europa, und das so hübsch beschriebene Knappenhaus gehörte mit 2810 m Höhe zu den höchsten Stätten in den Alpen, welche von Menschen ständig bewohnt werden. Der Bergbau auf Gold und Silber hatte hier seine Blütezeit im 15. und 16. Jahrhundert; er wurde aber noch immer bis 1875 von der Regierung, später auch von Privatleuten betrieben, bis auch diese vor einigen Jahren der mangelnden Ausbeute halber das Werk schlossen. Seitdem zerfällt auch der hölzerne Aufzug, und bald werden die Goldgruben am Tauern nur mehr der Sage angehören (59).

Unsere bisherigen Beschreibungen konnten leicht den Eindruck erwecken, als sei das ehedem so blühende Bergwerksleben in den Alpen überhaupt erloschen. Dies ist jedoch keineswegs der Fall, wenn wir uns von den edlen Metallen den nützlichsten, nämlich dem Eisen zuwenden. Daran sind die soviel ausgebeuteten Alpen noch immer unermesslich reich, und wenn die spanischen und nordamerikanischcn Kupfergruben den Ruhm in Anspruch nehmen, seit vorgeschichtlichen Zeiten ununterbrochen im Betriebe gewesen zu sein, so kann ihnen darin der östliche Teil der Alpen sehr wohl ein Paroli bieten. Hätte man einen römischen Jüngling nach den Naturschätzen der Alpen befragt, hätte er zweifelsohne zur Antwort gegeben, ihre wertvollste Gabe sei das Eisen von Noricum, denn aus dieser Provinz allein stammten die gefürchteten römischen Schwerter, die allerdings keineswegs so stahlhart waren, wie der Charakter jener, die sie so blutig zu benutzen verstanden. Die Römer kannten die Herstellung des Stahles noch nicht, und noch von der Schlacht unter Brennus wird uns berichtet, dass sich die Schwerter unter den mächtigen Hieben verbogen. Die einstige Provinz Noricum umfasst den nördlichen Teil der österreichischen Alpen, und sie hat ihren alten Ruhm bewahrt in der noch umlaufenden traulich mittelalterlichen Bezeichnung eines ganzen Landesteiles als die „Eisenwurzen“.

Ansicht von Eisenerz in Steiermark

Abb. 275. Ansicht von Eisenerz in Steiermark

Wirklich sind dort die Wurzeln der österreichischen Eisenindustrie, die im hochberühmten Zentrum in der alten Bergstadt Eisenerz im Sommer noch immer 2000 bis 3000 Arbeiter am Erzberge beschäftigt, der mindestens 10 000 Jahre hindurch, also weit in die vorgeschichtliche Zeit hinein, ununterbrochen als Tagbau seine köstlichen Erze liefert. Südöstlich von Eisenerz erhebt sich dieser Erzberg, der zum größten Teil aus Spateisenstein besteht und jährlich etwa an 6 Millionen Zentner Erz liefert, aus dem in den riesigen und durchaus modernen Hochöfen der alpinen Montangesellschaft an 800 000 Tonnen reines Eisen gewonnen werden.

Tagbau auf Eisen am Eisenerzer Erzberg (Steiermark)

Abb. 277. Tagbau auf Eisen am Eisenerzer Erzberg (Steiermark)

Nichts kann das tiefe Absinken der europäischen Kultur zur Zeit des Zusammenbruches der römischen Weltherrschaft besser illustrieren, als dass dieser wichtigste Eisenberg von Europa, der eine ganze Welt mit Schwertern und Geräten versorgte, um die Zeit der Völkerwanderung in Vergessenheit geriet. Erst im Fahre 712 wurde er wieder entdeckt, und seitdem wurde dort immer gearbeitet, und zwar stets ohne weitere bergmännische Vorrichtungen, da sich das Eisenerz wie in einem Steinbruch von den Terrassen, in die der ganze Berg zerlegt ist, herabbrechen lässt. Der Naturfreund erhält auf seine Frage, wie sich denn diese ungeheuere Masse von Eisen bilden könnte, nur höchst unbefriedigende Auskunft, da die geologischen Verhältnisse der Gegend sehr verwickelt sind. Sie liegt gerade an der Grenze zwischen den uns schon als Salzlagerstätten bekannten Werfener Schichten der Triasperiode und einem Gneiszuge, der bis Aflenz reicht. Die Griesmauer dagegen, die das Städtchen so mächtig umgürtet, besteht wieder aus triassischem Kalk; zwischen sie und dem Gneisgebirge ist eine kleine Scholle silurischer Gesteine, namentlich von Phylliten eingeklemmt, und in diesen befindet sich der Erzberg.

Vordernberger Erzhaus bei Eisenerz (Steiermark)

Abb. 276. Das Vordernberger Erzhaus bei Eisenerz (Steiermark)

Die ganze Umgebung von Eisenerz ist in ein Freilichtmuseum der Eisenverhüttung umgewandelt. Durch kühnste Anlage und großartige Landschaftsbilder sehenswert ist die Erzbergbahn genannte Zahnradbahn, von der man auch den besten Ausblick auf den Etagenbau des Eisenberges selbst hat, und die nach Vordernberg, dem Mittelpunkt der steirischen Holzkohleneisenerzeugung führt. Fast eine halbe Stunde dehnen sich die Hochöfen, in denen man das Eisen in der Weise gewinnt, die bereits aus dem Schulbuche als Typus des Hochofens in Erinnerung ist.

Das Prinzip hierbei ist, dass man den Spateisenstein, den der Fachmann Siderit nennt und dessen chemische Formel FeCO3 ist, entkohlt, d. h. mit Holzkohle vermischt und einer heftigen Oxydation aussetzt. Die Kohle wird sich dann mit dem Oxygen, das vorher an das Eisen gebunden war, verbinden, und das Metall selbst wird frei. Am es aber vor neuer Oxydation zu schützen, setzt man „Zuschlag“, d. h. Schlacke und verschiedene Substanzen hinzu und um den Prozess gleichmäßig zu gestalten, füllt man den Hochofen von oben abwechselnd mit einer Lage Holzkohle, Zuschlag und Eisenerz. Die rasche Oxydation besorgt man durch Zufuhr von Luft durch ein Gebläse von unten.

Aus einem solchen Hochofen fließt also unten reines, flüssiges Eisen heraus (60).

Überall im ganzen nordwestlichen Steiermark ragen die hohen Effen und plumpen Hochöfen, in Leoben wirkt die Bergakademie, bei Trofaiach und Donawitz sind große Gewerke, ebenso bei Hieflau und dort, wo die uralte „Eisenstraße“ entlang der Enns aus dem Land hinausführt, beginnen wieder Messing- und Eisenwerke bei Reichraming und die Dörfer der Nagelschmiede (Losenstein); ganz draußen aber, wo sich die Berge schon gegen das behäbige Land der Oberöstcrreicher abdachen, hat sich noch ein großes Industriezentrum von der Eisenerze Gnaden gebildet: das Land der Waffenfabriken und Sensenschmiede, das Steyrtal mit Steyr und Letten und Agonitz als Mittelpunkten. Hier im Herzen des gemütlichen Oberösterreichertums fraß die Industrie noch nicht alle Kleinbetriebe, noch verwandelte sie nicht alles grüne Land in ihre raucherfüllte Hölle, sondern friedlich schmiegen sich noch Idyllen zwischen modernste Fabriksanlagen, und uraltes Handwerk lebt neben raffiniertem technischem Fortschritt.

Auch dieses Industriezentrum ist wieder ein besonderes Bild in den Alpen, das einen Augenblick der sinnenden Betrachtungen verdiente.

Wiederholt es sich doch sonst im ganzen langen Zuge dieser Bergketten nicht mehr. Es ist eigentümlich, dass die Westalpen so arm an nutzbaren Mineralien sind, dass ihr Herz, die Schweiz, nicht ein einziges nennenswertes Bergwerk aufweist, außer den Fundstätten von Salz, die alle um den Rhein liegen (Rheinfelden, Schweizer Halle) und insgesamt im Jahr nicht viel mehr als eine halbe Million Meterzentner Salz liefern. Etwas Bohnerz liefert der Jura, doch zählen diese 7000 Tonnen Eisen im Jahr neben der Weltproduktion von 32 Millionen im Wert von 2 Milliarden soviel wie ein Dorfteich neben dem Meer. Ähnlich verhält es sich mit den Steinkohlebergwerken des Wallis. Nur eines Bergproduktes halber wendet sich der Blick des Montanisten gegen die Schweiz. Das ist die eigentümliche Asphaltindustrie von Neuchâtel, jedermann bekannt durch die Firma, unter deren Firmenschild jeden Sommer in den Großstadtstraßen die lieblichen Rauchwolken der Asphaltöfen aufsteigen.

Als ihr Gegenstück bergen auch die Ostalpen noch eine montanistische Spezialität von größtem Werte, mit der allerdings nur wenige Orte des Erdballs konkurrieren können. Das ist das Quecksilberbergwerk von Idria.

Dobratsch in Kärnten

Abb. 278. Der Dobratsch in Kärnten
Original von A. Gaßner, Villach

Nahe dem lieblichen Kärtnerlande liegt es, dort, wo die Alpen zum letztenmal einen mächtigen Bergstock, den Triglav und Mangart emporrecken. Nicht weit davon sind noch andere denkwürdige Bergwerke, die jetzt aufgelassenen Galmeigruben am Tauken und das noch blühende große Bleibergwerk von Bleiberg am berühmten Aussichtsberg des Dobratsch. Längst hat schon die deutsche Sprache den Wanderer in diesen unbesuchtesten Tälern der Alpen verlassen; das wenig wohlklingende, dafür von um so unfreundlicheren Leuten gesprochene slovenische Idiom begrüßt ihn, wenn er von Loitsch, der letzten Bahnstation, den 42 km langen und meist einförmigen Weg durch Hoterciçe und Godoviçe nach Idria einschlägt, das allerdings dann wieder eine deutsche Sprachinsel darstellt.

Man durchzieht dabei ein niedriges, nur 1000 m erreichendes Waldland mit Schieferboden und hat in seiner Stille reichlich Zeit, den merkwürdigen geologischen Verhältnissen nachzuhängen, die in diesen Bergen Quecksilber in den Klüften abgelagert haben.

Lange war es eine strittige Frage der Geologie, wie man sich solches denken könne, bis am Uncle Sam in Kalifornien das große Thermen- und Solfatarengebiet des Rätsels Lösung brachte. Dort durchziehen Ausströmungen von Schwefelwasserstoff, Kohlensäure und Wasserdampf eine Trachytbank und schlagen daraus in den Klüften nicht nur Opale und Chalzedone, sondern auch Schwefel und Zinnober nieder. Die Bildung des Quecksilbers, das sich bekanntlich aus Zinnober durch Rösten gewinnen lässt, bildet sich im Wesen also auch nicht anders als die Schwefelverbindungen anderer Metalle.

Die Bergwerksstadt Idria in Krain

Abb. 279. Die Bergwerksstadt Idria in Krain

Hier in Idria hat die Natur diese Bildungen dadurch vorbereitet, dass die Erdkruste gewaltige Bruchlinien aufweist (man denke an die nicht weit entfernte Gailtallinie, vgl. Bd. I Seite 333), an denen die Schiefer der Steinkohlenzeit über die jüngeren Sedimente hinwegglitten. Diese, vornehmlich Triasgesteine, sind dadurch durchaus verworfen und vielgestaltet, so dass die geologische Karte von Idria wahrlich ein buntes Bild bietet.

Profil durch die Bergwerke in Idria

Abb. 280. Profil durch die Bergwerke in Idria
Aus den Sammlungen des Alpinen Museums in München

Entlang dieser Störungslinien hat sich um Idria aus irgendwelchen aus der Tiefe emporgestiegenen Dämpfen der kostbare Zinnober niedergeschlagen, der in Form feiner Überzüge die Klüftungsflächen der Schiefer überzieht oder aber massiger die Spalten und Klüfte in den Kalken und Dolomiten ausfüllt, am häufigsten allerdings die Zertrümmerungsgesteine, die Breccien und Konglomerate so imprägniert, dass sie im Durchschnitt 1 Proz. Quecksilber enthalten. Dies erscheint sehr wenig, da die besten Fundstätten bis zu 75 Proz. des kostbaren Metalles in sich bergen, ist aber doch genug, um das Bergwerk von Idria zu einem sehr ertragreichen Unternehmen zu gestalten. Es sind übrigens nicht alle Erze so arm wie das Korallenerz, in dem es mehr Versteinerungen als Quecksilber gibt, da es nur im Durchschnitt 0,5 bis 0,8 Proz. davon enthält. Reicher ist das Ziegelerz, in dessen Namen bereits seine Farbe ausgesprochen ist, ebenso wie das Lebererz, für das reichste gilt das Stahlerz, nicht weniger kostbar wie der Rotgülden zu Schwaz, aber leider ebenso selten. Die gesamte Jahreserzeugung von Idria betrug in letzter Zeit 636 Tonnen Quecksilber und dazu etwa 47 Tonnen Zinnober. Dies erscheint verschwindend wenig, stellt aber Idria dennoch an die dritte Stelle unter allen Quecksilberfundorten der Erde, von denen nur Kalifornien und Almaden in Spanien sich einer größeren Ausbeute erfreuen.

Inneres der Hütten zu Idria (Krain)

Abb. 281. Inneres der Hütten zu Idria (Krain)

Über die Art des Bergwerkbetriebes finden sich verlässliche und das Wesentliche hervorhebende Angaben in einem Aufsatz von Dr. A. Aigner (61), denen hier folgendes entnommen sei: „Das ganze Bergbaugebiet ist in zwei Gruben, die miteinander in Verbindung stehen, erschlossen. Fünf Schächte, davon einer 308 m tief, führen in die Teufe. Der Abbau geschieht in zwölf Haupthorizonten, deren Höhenunterschiede 10 bis 60 m betragen. Sie sind unmittelbar in Verbindung mit einem der Schächte und untereinander verbunden durch schiefe und senkrechte Gesenke. In jedem solchen Horizont beginnt der Abbau mit der Anlage einer Strecke, die dem Streichen des Lagers folgt. Von dieser Hauptstrecke werden dann unter einem rechten Winkel nach beiden Seiten Querstrecken, Querungen getrieben, und zwar so weit, bis sicher nicht mehr erzführende Gesteine, das ist hier der Kreidekalk, angefahren werden; so ist die Größe der Lagerstätte bekannt. Die Querungen sind dann wieder durch Strecken in Verbindung, die zu den Hauptstrecken parallel getrieben werden. So wird ein Horizont in rechtwinkelige Felder von verschiedener Größe geteilt, die dann in Abbau genommen werden; es geschieht dies durch Sprengung mit Dynamit.

Zinnobererz aus Idria

Abb. 282. Zinnobererz aus Idria (Krain)
Aus den Sammlungen des Alpinen Museums in München

Zu jedem Haupthorizont gehören mehrere Etagen, die übereinander in Angriff genommen werden und durch senkrechte Gesenke, sogenannte Schütten, in Verbindung stehen. Das abgebaute Material, das erbaute Gefälle, wird von den Arbeitern, den Häuern, sogleich einer Sonderung durchzogen, indem nur die Erze weiter befördert werden, während das taube Gestein, die Berge, gleich zum Grubenversatz verwendet werden. Die Erze werden in den Schütten zu den Haupt-Horizonten abgestürzt und hier auf Hunden zu den Schächten gebracht, wo sie mittels Schalen zutage gefördert werden. Die Schächte sind durchaus ausgemauert oder betoniert. Die Ventilation der Grube ist in allen Teilen sehr gut und bedingt durch die gute Verbindung der einzelnen Horizonte durch Schächte und Gesenke.“ Besonderes Interesse beansprucht die Verarbeitung der Quecksilbererze, von denen sich gemeinhin der Naturfreund keinen klaren Begriff machen kann. Die Aufbereitung geschieht nicht mehr durch Sieben und Schlemmen allein wie früher, sondern zwischen die Siebe sind jetzt auch Walzen und Quetschen eingestellt, um eine gleichmäßige Verkleinerung des Erzes zu erreichen. Die Verhüttung selbst beruht darauf, dass, wenn man Zinnober an der Luft erhitzt, sich sein Schwefel mit dem Sauerstoff der Luft zu schwefeliger Säure verbindet, während das Quecksilber frei wird. Wenn man hierbei solche Temperaturen verwendet, die über dem Siedepunkt des Quecksilbers liegen, kann man dieses in Dampf verwandeln und in reinem Zustand weiterleiten und in Kühlgefäßen auffangen. Schwierigkeit bereitet hier nur der Umstand, dass den gebrannten Erzen auch noch andere Gase entsteigen. Man führt sie daher in ein System von in Wasser tauchenden Steingutröhren, in denen sich das rasch kondensierende Quecksilber in flüssigem Zustand niederschlagen soll. Da sich jedoch auf diese Weise nicht alles Metall auffangen lässt, behandelt man die Gase auch nach dieser Prozedur noch weiter und führt sie durch hölzerne Kammern, in denen man noch immer eine ziemliche Menge Quecksilber gewinnt. Sogar die der Esse entströmenden Gase sind noch nicht völlig quecksilberfrei, und da sie außerdem schwefelige Säure enthalten, ist dieser „Hüttenrauch“ von besonderer Schädlichkeit. An sich ist die Verhüttung des Quecksilbers, wie jeder Umgang mit diesem merkwürdigsten aller Metalle, gesundheitsschädlich und erzeugt unter den Arbeitern den schrecklichen Merkurialismus, die Quecksilbervergiftung, deren Erscheinungen sich merkwürdigerweise mit der Krankheit berühren, gegen die das Quecksilber solange als Spezifikum galt. Die Hüttenarbeiter leiden so wie die Spiegelbeleger, Thermometermacher, Feuervergolder und Glasbläser nur zu häufig an den bekannten Nebenerscheinungen der Quecksilberkur, am Speichelfluß, den Schleimhautgeschwüren; es stellen sich jedoch in argen Fällen auch die ärgsten Nierenentzündungen ein, die bis zum völligen Versagen der Nierentätigkeit führen können; neben großer Abmagerung leidet der Quecksilberkranke an übermäßiger Reizbarkeit und Aufregungszuständen, der durch Quecksilber Vergiftete leidet an Schlaflosigkeit, einem unaufhörlichen Zittern der Glieder, Neuralgien befallen ihn, und nach qualvollem Leiden tritt schließlich der Tod ein. Zum Glück gibt es gegen die Quecksilbervergiftung ein Spezifikum und dies ist das — Jodkalium. Um diese schädlichen Wirkungen des Metalles abzuschwächen, hat das Gesetz eine große Anzahl Sicherheitsmaßregeln vorgeschrieben, trotz denen immerhin der Merkurialismus nicht ganz ausgerottet ist, um so mehr, als das Quecksilber auch bei gewöhnlicher Temperatur verdampft, so dass bereits aus einem zerbrochenen Thermometer ein gewisses Unheil entstehen kann.

Deshalb wird das Quecksilber von Idria aus seit einiger Zeit auch nicht mehr in Beuteln aus Schaffell transportiert, sondern in Mannesmannflaschen die vollkommen hermetisch schließen. Ein kleiner Teil des Metalls wird übrigens in einer an die Grube angeschlossenen Fabrik zu Zinnober verarbeitet. Der Witz der Zusammenhänge spielt eben gar wunderlich mit den Dingen und lässt niemanden erraten, dass das blühende Wangenrot und das herrliche Fleischkolorit auf dem Bilde einer schönen Frau todbringenden Tiefen der Erde entstammt und auch mit gar unheimlichen Tiefen des menschlichen Lebens verbunden ist.

l) Hat sich am Erbstollen zu Schwaz im Sommer 1912 ereignet.
2) Stuttgart 1913. Verlag Levy & Müller.) 8°. Illustriert.


57) Zu S. 533. Nach A. Stauber, Das Haus Fugger. Augsburg 1900. Die Familie Fugger besaß im 16. und 17. Jahrhundert auch sonst noch in den Alpen und Karpaten sowie in Spanien reichen Bergwerksbesitz, so z. B. auch Anteile an dem Bergbetrieb in der Goldberggruppe. Sein Niedergang scheint daher eng verknüpft mit dem Erlöschen der alpinen, namentlich der Schweizer Erzadern. Als unmittelbarer Anstoß hierzu gilt nach Stauber die Beschlagnahme von zwei Silbersendungen aus den spanischen Bergwerken im Werte von 570 000 Dukaten, die im Jahre 1559 Philipp II. von Spanien, nachdem die Fuggers seiner Familie aus zahllosen Verlegenheiten geholfen hatten, wider alle Rechte ausführen ließ.

58) Zu S. 542. Die Goldschätze der Hohen Tauern wurden ebenfalls bereits in prähistorischer Zeit ausgenutzt, denn schon zur Römerzeit waren „metalla norica“ als norisches Gold wegen der besonderen Reinheit und Eignung zum Prägen von Münzen hochberühmt. Der eigentliche neue Aufschwung der Bergwerke begann jedoch im 15. Jahrhundert durch venezianische Kaufleute und die Fuggers, die sächsische und fränkische Knappen anwarben. Als Maximalproduktion wird in den Jahren 1460 bis 1560 eine jährliche Ausbeute von 14 000 Mark Gold, d. i. nach heutigem Werte 12 bis 15 Millionen Mark, angegeben.

Auch diese höchst wertvollen Betriebe erloschen plötzlich nach dem Einsetzen der Religionsverfolgungen im 16. Jahrhundert. Und wir dürfen mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit hier ganz analoge Zustände wie in Schwaz annehmen. Die verschiedentlichen Versuche, teils des Ärars, teils von Privaten, wurden stets mit zu kleinen Mitteln ausgeführt, um ein dauerndes Wiederaufblühen dieser berühmten Goldstätten zu ermöglichen.

59) Zu S. 543. Nach den Aussagen von Sachverständigen würde sich eine Wiederaufnahme der Arbeiten mit gehörigen Mitteln sehr wohl belohnen. Der k.k. Grubenhutmann R. SpitaIer schreibt hierüber (Der Stein der Weisen. Bd. II): „Der Hauptfehler, warum es im Goldberggebiet nie zu einem rechten Aufblühen kam, tritt uns bei einem Überblick des geschichtlichen Entwicklungsganges des dortigen Bergwerkbetriebes deutlich vor Augen. Man begann nämlich stets wieder nur dort weiterzuforschen, wo die Alten aufgehört hatten, zumeist in den höheren Regionen, wo jedoch die Erze nur sehr spärlich sind und auch der Betrieb wegen der hohen Lage der Gruben, die im Winter in den meisten Fällen aufgelassen werden mussten, gegenüber der Ausbeute unverhältnismäßig hohe Summen verschlang.

Um diese Goldbergbaue zu erschließen, gibt es nur einen Weg, nämlich den Aufschlag von Unterbaustollen in tiefer gelegenen Gegenden, welche in die Tiefe einfallende Erzlager durchqueren. Dazu reichen aber freilich die Zeit und die Mittel nicht aus, die ein einzelner ins Spiel setzen will und kann, dazu gehört eine große Unternehmung mit einem ansehnlichen Dispositionsfonds.

Der Gneis der Tauernkette ist in Abständen von 50 bis 150 m von einigen Zentimetern bis mehrere Meter breiten Gängen durchzogen, welche steil in die Tiefe einsetzen und mit Quarz ausgefüllt sind, der nicht nur sehr viel Freigold, sondern reiche Mengen von gold- und silberhaltigen Schwefelkiesen sowie Kupfer- und Bleierze enthält. Vom Goldreichtum der Tauern sprechen schon die Bäche, die in denselben entspringen, indem man im Schlamme sehr häufig feine Flimmerchen von Freigold findet.

Die oben erwähnten Baue sind bei genauerer Betrachtung der geologischen Verhältnisse, die Rochata durch längeren Aufenthalt im Tauerngebiete genauer studiert hat, nichts weiter als klotze Berührung einiger in der .Höhe ausbeißender Gänge und nur winzige Schürfarbeiten. Um diese gewaltigen Erzlager auszunützen, müssen dieselben in der Tiefe unterfahren werden und zwar durch Anlegung eines Stollens, der möglichst viele Gänge durchquert. Die geeignetste Stelle hierzu wäre im Großzirknitztale, wo der alte Pocher stand, in einer Meereshöhe von 2100 m, sozusagen im Mittelpunkte der gesamten erzführenden (Länge des Tauerngebietes, in nächster Nähe der bis jetzt als am reichhaltigsten bekannten Moderegger-Gänge und derer am Trömmern, in bequemer Lage, leichter Zugänglichkeit und sicherem Schutze vor Elementarschäden. Dazu kommen noch viele andere günstige Bedingungen, wie das Vorhandensein einer großen Wasserkraft für Bohr- und Aufbereitungsmaschinen, Baumateriale in nächster Nähe im Überflusse, billige Arbeitskraft in der dortigen Gegend usw.

In kürzester Zeit würde man mit diesem Unterbaue südöstlich die reichen Moderegger Gänge, in welchen um kaum 200 m höher die in der Tiefe der alten Schächte wegen Wasserzudrang verlassenen Erzanbrüche der Freudentaler Gruben anstehen, und nordwestlich die reichen Gänge der Grasleiten und Trömmern erreichen. Schon nach Erreichung dieser Erzlager wäre mehr- und hundertjähriger Betrieb und Abbau in großem Maßstabe gesichert. Die Kosten bis zur Erreichung der ersten abbauwürdigen Gänge mit Inbegriff der Aufstellung der nötigen Gebäude und Maschinen dürften sich höchstens auf 130 000 bis 150 000 fl. belaufen. Der weitere Fortbetrieb wäre dann schon aus den Erträgnissen gesichert.

Um sich einen Begriff zu machen, welche großartigen Schätze an Erdmetallen dieser Teil des Tauerngebietes enthalten muss, führt Rochata einige Ziffern an. Nimmt man nur jenen Teil der Gänge, welcher oberhalb des gesamten projektierten Unterbaues im Großzirknitztale liegt, so ergibt sich die Fläche eines Dreieckes, welches als durchschnittliche Basis 4000 m und als durchschnittliche Höhe 700 m hat, mit 1 400 000 qm und setzt man voraus, dass bloß 5 Proz. dieser ganzen Gangfläche edel (erzführend) sind, und zwar in einer Mächtigkeit (Breite des Erzlagers) von ½ m, so ergeben sich bei 80 Gängen ungefähr 2 800 000 cbm oder nahe 170 000 000 Zollzentner Erze. Wenn nun ein Zollzentner sehr niedrig mit 4 fl. veranschlagt wird, so erhält man bei dieser äußerst geringen Annahme schon die Riesensumme von 680 Millionen Gulden.

Schon diese oberflächliche äußerst gering angenommene Schätzung spricht von dem großen Reichtum, welcher in den Tauern aufgespeichert ist. Es wird sicher noch die Zeit kommen, wo diese reichen Schatzkammern von einem unternehmenden Geiste geöffnet werden; vielleicht kommt derselbe aus dem fernen Westen, aus dem Goldlande zu uns herüber, und lässt uns zusehen, wie er unsere verborgenen Schätze zutage zu fördern weiß.

60) Zu S. 546. In dem alpinen Eisengebiet sind in interessanter Weise alle Entwicklungsstadien der Eisenhütten von den alten Frischherden und Puddelöfen bis zum modernsten Bessemer- und Thomaswerk vertreten gewesen. Ursprünglich stellte man nämlich schmiedbares Eisen ohne Hochofenprozeß dar. Man tat die Erze in einem niedrigen Ofen oder gar in einer Erdgrube auf einen Rost und schmolz sie in einem durch Blasebälge unterstützten Feuer. Die Hälfte des Eisens ging hierbei in Schlacke über, und zur Erzeugung einer Tonne Eisen waren 2 ½ Tonnen Holzkohle nötig. Eine Massenproduktion war ausgeschlossen, da man immer nur ganz kleine Klumpen Eisen erhielt. Erst im 15. Jahrhundert begann man, die Gebläse mit Wasserkraft zu betreiben und musste deshalb die Hütten von den Bergen in die Täler verlegen. Hier kam dann zum Prozess der Roheisenerzeugung bald der der Schmiedeeisenerzeugung durch die im Text geschilderte Entkohlung auf Frischherden. Eine weitere Verbesserung war 1784 der Puddelprozeß, der heute noch angewendet wird (so hat Rheinland-Westfalen noch 593 Puddelöfen), und darauf beruht, das Eisen nicht mehr mit dem Brennstoff, sondern nur noch mehr mit der Flamme in Berührung zu bringen. Man konnte dadurch mit gleicher Arbeiterzahl etwa das zehnfache Quantum Schmiedeeisen herstellen. 1855 verfiel Bessemer auf den Gedanken, das spröde Roheisen dadurch in Schmiedeeisen zu verwandeln, dass er durch bloßes Einblasen von Luft entkohlte.
(Thomas erfand 1878 sein Verfahren, um auch die bis dahin unbrauchbaren phosphorhältigen Roheisen verwerten zu können.) Erst seitdem war eine Massenproduktion von Eisen möglich, und daher setzt erst mit diesem Zeitpunkt die noch nicht völlig vollzogene Umwandlung der patriarchalischen Verhältnisse des Steierischen Eisengebietes in einen Industriebezirk ein. Näheres über Eisenindustrie s. A. Ledebur, Handbuch der Eisenhüttenkunde. 8°.

61) Zu S. 550. Vgl. A. Aigner, Das Quecksilberbergwerk von Idria. (Natur, Bd. III. 1911.)

Quelle: Raoul Heinrich Francé, Die Alpen. Gemeinverständlich dargestellt, Leipzig: Thomas Verlag, o.J. (ca. 1913), S. 527 - 554.
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