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Der Schneeberg im Passeier (altes Bergwerk), 2370 m
Von Albuin Thaler.
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Unter den in Herders Lexikon aufgezählten Schneebergen ist der Tiroler Schneeberg, zu hinterst in Passeier, nicht erwähnt, obwohl er, was Höhenlage anbelangt, alle anderen übertrifft. Das einstens hier hinterlegte Gedenkbuch, das uns von dem seit dem Anfange des 15. Jahrhunderts betriebenen Bergwerke erzählen könnte, ist leider verschwunden. Und so geben uns die wenigen mühsam gesammelten Notizen nur eine sehr dürftige Andeutung vom regen Leben, das hier zur Zeit der höchsten Blüte des Bergbaues geherrscht, wie z. B. im Jahre 1486, wo noch mehr als 1000 Knappen beschäftigt waren. Vom gleichzeitigen Bergsegen haben wir gar keine Ahnung, da wir erst ein Jahrhundert später, als bereits über die Abnahme des Erträgnisses geklagt wurde, in Erfahrung bringen, daß im Jahre 1581 immerhin noch über 21.000 Taler unter die Gewerke verteilt wurden. Von da an ging es schnell bergab; während im Jahre 1582 noch über 11.000 Taler gewonnen wurden, sank die Ausbeute von 531 Mark Silber im Jahre 1593 auf 306 Mark im Jahre 1594, auf 140 Mk. Im Jahre 1598 und im nächsten Jahre auf 83 Mark.

Wie überall, wo Bergwerke sich öffneten, das Ausland die baulustigen Unternehmer und die nötigen Arbeitskräfte stellte, so mag auch der Hauptanteil am Erträgnisse ins Ausland zurückgekehrt sein.

Diesem Umstande ist es auch zuzuschreiben, wenn das Bergwerkwesen wie anderswo in Tirol so auch in dieser Gegend seine Licht- und Schattenseiten gehabt haben mag. Trotz der Tatsache, daß zur Zeit der Reformation ungezählte, glaubensfeindliche Schriften unter den Arbeitern verteilt wurden, behielt doch der alte Väterglaube die Oberhand, wie er sich in der vorreformatorischen Zeit durch die Beteiligung am Baue der Kirche zu Moos in Passeier und der St. Magdalenakirche in Ridnaun würdige Denkmäler erstellt hatte. Als es im Jahre 1546, beim Einfalle der Einfall der Schmalkalden in Tirol, galt, den glaubenslosen Feind am ferneren Vorrücken zu hindern, waren die Bergknappen von Schneeberg und Gossensaß die ersten, welche die Mannschaft des Gerichtes von Sterzing verstärkten, so daß diese schon anfangs Juli in einer Gesamtstärke von 1000 Mann dem Feinde entgegenziehen konnten.

Leider fehlen uns die weiteren Notizen, um über die damaligen Zeitläufe einen richtigen Überblick zu bekommen. Dafür meldet uns die Chronik verschiedene Unglücksfälle, ohne die ein derartiges Unternehmen nicht leicht abgeht, was aber allenfalls auch zur Bewahrung eines gewissen religiösen Geistes beigetragen haben mag.

Im Jahre 1580 war ein Knappe von einer Lawine begraben worden. Nun eilten die Kameraden hinauf zur Unglücksstelle, um den Leichnam zu suchen und dem geweihten Erdreich zu übergeben. Da sie aber der Arbeit sich nicht gewachsen fühlten, requirierten sie noch 38 andere; wie eben alle mit der Entfernung der Schneemassen beschäftigt waren, brach eine neue Lawine los und verschüttete rettungslos 29 der Wackeren. Erzherzug Ferdinand übernahm die Versorgung von 63 Familienmitgliedern, die durch diese Katastrophe ihre Ernährer verloren hatten, und ein Bergbeamter begab sich sofort nach Sterzing, um zu augenblicklicher Tröstung der Hinterbliebenen Geld unter sie zu verteilen.

Ein ähnliches Unglück ereignete sich am 29. März 1693, bei dem wieder 20 Bergwerker verschüttet wurden. Beide Unglücksfälle fanden an der südlichen Abdachung des Schneeberges statt. Um nun der in dieser Gegend drohenden Lawinengefahr vorzubeugen, unternahmen die Bau-Interessenten im Jahre 1720 den über 1000 Meter langen Bergdurchschlag, Kaindl genannt, der nach 7 Jahren vollendet wurde. Gleichzeitig wurde in der Nähe des St. Martin-Stollens das Kirchlein Maria Schnee gebaut und vom delegierten Kuraten von Moos, Michael Winebacher, 1722 geweiht.

Im nämlichen Jahrhunderte kam das Bergwerk zusehends in Abbau und Grube für Grube mußte aufgelassen werden, bis im Jahre 1792 dem nur noch 106 Köpfe starken Bergvolke die baldige gänzliche Einstellung des Grubenbaues angekündigt wurde, die dann auch im Jahre 1798 wirklich erfolgte.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts bestand auf dem Schneeberge nur noch ein schwach betriebenes Pochwerk. Eine kleine Knappenschaft von 48 Köpfen beutete die früher als nicht bauwürdig verlassenen Erzgänge aus und fand dabei noch einen, freilich nur geringen Gewinn. Dieses Erzeugnis betrug im Durchschnitte jährlich 938 Zentner Pocherschliche mit 117 Mark Silber und 400 Zentner Blei.

Die Zahl der Arbeiter ist seitdem wiederum gestiegen und sie bekommen alljährlich am Sonntage nach dem 15. August, dem Schneeberger Kirchtag, zahlreichen Besuch, aber die allerwenigsten dieser Ausflügler erhalten einen Einblick in die Einrichtung des Bergwerkes. Viel dankbarer ist ein Aufstieg auf den Schneeberg zur Winterszeit, wo man Gelegenheit hat, die Stollen zu betreten, die Arbeiten zu besehen, die noch vor der Erfindung des Pulvers hergestellt worden sind, zu beobachten, wie weit in die Erzgänge hinein die Außentemperatur fühlbar ist, und die Vorrichtungen zu betrachten, die zum Schutze der Seitenwände und der Decke erstellt worden sind: 25 — 30 Zentimeter dicke Balken, welche die Decke tragen, sind an der Stelle, wo sie auf den Säulen aufliegen, zu einer Masse von 3 — 4 Zentimeter Dicke zusammengequetscht, während das darüber hinausragende Ende des Balkens wie geknickt herabhängt — und der Bergmann sagt: „So drückt der Berg.“ — Nur der persönliche Einblick läßt ahnen, was im Laufe der Jahrhunderte im Innern des Berges gearbeitet worden sein mag; das Äußere repräsentiert sich mit seinen riesigen Schneemassen ohne jeden befriedigenden Ruhepunkt für das Auge als ein richtiger Schneeberg.

Pater Album Thaler.

Quelle: Albuin Thaler, Der Schneeberg im Passeier, 2370 m, in: Der Schlern, Südtiroler Monatsschrift für Heimatkunde und Heimatpflege, Zeitschrift des Vereins für Heimatschutz in Südtirol, 3. Jahrgang, 8. Heft, 15 August 1922, S. 277 - 278.
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