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Berggeister.
Dr. Lutz Mackensen

I. Bergwerksgeister:
1. Grundlagen.
2. Bergeister allgemein menschlicher Gestalt.
3. Bergmönch.
4. Bergmännchen.
5. Weibliche Berggeister

II. Berggeister bäuerlicher Art:
1. Bergmännchen.
2. Bergfräulein, Bergmütter.
3. Bergriesen.
4. Bergfeen, Weinbergsgeister.

I. 1. Die oft geheimnisvolle, seltsam belebte Welt des Berginnern von Geistern anthropomorpher Gestalt bevölkert zu glauben, dieser Gedanke lag für den nach einer Erklärung unverständlicher Geräusche suchenden Volksmenschen Von jeher nahe. Es muß eine Person sein, die in verlassenen Gängen, in denen niemand sonst weilt, klopft und hämmert, die zu Zeiten, in denen keine Menschenseele im Bergwerk ist, dort herumpoltert, deren Licht plötzlich am Ende des Ganges, wo bestimmt kein Gefährte arbeitet, aufblitzt, die Gruben verschüttet, schlagende Wetter schickt und ihren Lieblingen vergönnt, kostbare Metalladern im Gestein zu finden. Daß es sich dabei um Naturerscheinungen handeln könnte, diese nüchterne Erklärung genügt dem Bergarbeiter nicht; selbst beseelt, beseelt er auch seine Umwelt, und Klopf- und Poltergeräusche können für ihn, der aus seiner eigenen Arbeit weiß, wie solche Geräusche entstehen, nur von einer menschenähnlichen Hand erzeugt werden. Das Geheimnis, das diese Hand und die Person, der sie gehört, umgibt, befruchtet die ausschmückende Phantasie, die nun den Berggeister mit allen bunten und erstaunlichen Farben umkleidet, die ihr nur irgend zu Gebote stehen.

Damit sind die Grundlagen für den Glauben an die Berggeister kurz umrissen. Eine Entwicklung etwa dieses Glaubens aufzeigen zu wollen, wäre vergebliche Mühe: er ist nicht nur alt, sondern er ist ewig; er muß, wo immer ein Bergwerk neu entsteht, aufkeimen; daher gleichen sich auch die Berggeistsagen der verschiedenen Länder so weitgehend. Dabei ist es natürlich, daß an den verschiedenen Orten verschiedene andere Sagenkreise befruchtend und ausschmückend den Berggeistglauben beeinflußt haben: auch in dieser Hinsicht wird eine einheitliche fortlaufende Entwicklungslinie nicht festzustellen sein. So ist auch die Frage nach dem Alter der einzelnen Sagen geklärt: vor der Entstehung des Bergwerks kann es keine Berggeister geben, wie sie auch den Bewohnern der Ebene naturgemäß unbekannt sind. Aber in allen deutschen Gebirgen, in denen Bergbau getrieben wird oder wurde, sind sie zu Hause und treiben ihr gespenstiges Wesen.

2. In den ostdeutschen Mittelgebirgen hat dieser Berggeist zumeist menschengleiche Gestalt; er sieht aus „wie ein richtiger Bergmann, nur hat er rote Augen“ 1), oder er nimmt die Gestalt des Steigers 2), eines Bergamtsobern 3), eines Markscheiders 4) an. Sein Licht brennt heller als das anderer Bergleute 5); zu gelben Lederhosen trägt er große Stulpstiefel und Blechhandschuhe, deren spitze Haken beim Ohrfeigengeben besonders schmerzhaft wirken 6), oder er trägt zwar dunkle Bergmannstracht, aber weiße Strümpfe, glänzend schwarze Schuhe und einen Napoleonshut; auch hat er einen langen weißen Bart 7). Im Erzgebirge stellt man sich ihn mit ungewöhnlich großem Kopf und herkulischem Oberleib, jedoch kurzen Beinen vor 8). Gestalt und Eigenschaften gehen oft ins Riesenhafte, Furchteinflößende 9); der Herr der Kohlen und Metalle (poln. Skarbnik = Schatzmeister) 10) hat, wenn er zürnt, ein „Maul wie ein Spaten“ 11). Man tut deshalb gut, ihn nicht zu reizen: man soll seinen Namen nicht unter Tage aussprechen und sagt statt dessen lieber nur „Er“ (poln. on) 12); wenn er um Feuer bittet, tut man gut, es ihm auf einer Schaufel 13) oder dem Stiel der Keilhaue 14) zu reichen, sonst reißt er dem Dienstbeflissenen die Hand ab oder ohrfeigt ihn, daß das Gesicht anschwillt. Wer sich weigert, weiter zu arbeiten, wenn er es befiehlt, den frißt er lebendig auf 15); wer ihn nicht grüßt, den züchtigt er 16). Andern Orts wiederum heißt es, daß man seinen Gruß nicht beantworten dürfe 17). Er hält strenge Zucht im Bergwerk: Eigennutz, Trunkenheit, Wortbruch, Untreue, Faulheit, ganz besonders aber Pfeifen und Fluchen bestraft er streng 18); trifft man ihn etwa in Steigers Gestalt bei der Arbeit, so darf man diese beileibe nicht tadeln 19); seinen Befehlen muß man unverzüglich Folge leisten 20). Zuweilen geht er auch geradezu darauf aus, die Bergleute zu töten, oder er setzt sie so kräftig auf einen Stein, daß alle Rippen krachen 21). Man kann jedoch, um sicher vor ihm zu sein, auch einen Vertrag mit ihm schließen: man bringt ihm täglich eine Semmel 22), wehe aber, wenn man dies einmal vergißt: der Tod ist dem Säumigen sicher, den seine Kameraden dann inmitten der vertrockneten Semmeln mit zerschmetterten Gliedern auffinden! Seine Begegnung bedeutet meist Unglück 23); schon Paracelsus weiß, daß er den Bergleuten den Tod ankündigt 24). Wen er um Feuer bittet, der muß sterben 25); andrerseits ist ein dreimaliges Klopfen an der Wand ein gutes Omen 26). So fehlen auch liebenswürdige Züge dem Bilde nicht: er singt mit hoher, schöner Stimme 27), zeigt seinen Lieblingen versteckte Metalladern: man braucht nur die Hacke in die Gesteinsöffnung, die sich auf sein Geheiß auftut, zu werfen, so bleibt sie offen 28); er schenkt auch Zauberschlägel und Zaubereisen armen Häuern als Patengabe 29), und wem er von seinem Öl abgibt, der braucht seine Lampe nie wieder aufzufüllen 30). Andere führt er stunden-, tage- oder gar jahrelang durch sein an Schätzen reiches unterirdisches Reich und erlaubt ihnen wohl gar, sich die Taschen mit Gold zu füllen 31). Zuweilen hält man ihn für den Geist eines alten Bergmannes, der sich – ähnlich wie Hackelbernd – im Tode selbst nicht von seiner geliebten Tätigkeit trennen mochte 32); so verschwindet er nach Geisterart wohl auch, wenn man an ihn herantritt 33). Nachts hört man ihn im Bergwerk rumoren 34), doch ist das Mundloch des Schachtes die Grenze seines Reiches 35).

Daß dieser ostmitteldeutsche Berggeist, dessen einzelne Wesenszüge ihre Herkunft leicht verraten, eine Mischung von Natur- und Seelengeist darstellt, zeigt auch der Umstand, daß er neben seiner menschlichen Gestalt sich zuweilen als Tier (Roß mit feurigen Augen, Fliege, Spinne, Maus) 36), oder gar als Metall (Gold) 37), als Flamme oder Feuerrad oder –kugel 38) zeigt.

1) Kühnau Sagen 2, 409 f. 2) Ebd. 2, 419. 420; MschlesVk. 18 (1907), 71; Endt Sagen 188 ff. u.ö. 3) Bechstein Thüringen 1, 248. 4) Kühnau Sagen 2, 422 f. 5) Ebd. 2, 420; Meiche Sagen 401. 6) Kuhn u. Schwartz 207. 7) Meiche Sagen 401. 8) Endt Sagen 188 ff. 9) Bechstein Thüringen 1, 248; Kühnau Sagen 2, 410. 10) Drechsler Schlesien 2, 169. 11) Kühnau Sagen 2, 415. 12) Ebd. 2, 408. 13) Ebd. 2, 412. 14) Ebd.; Drechsler Schlesien 2, 170. 15) Kühnau Sagen 2, 415. 16) Endt Sagen 188 ff. 17) Kühnau Sagen 2, 409 f. 18) MschlesVk. 18 (1907), 71; Bräuner Curiositäten (1737), 203 f.; Drechsler Schlesien 2, 170; Grimm Sagen Nr. 3; Kühnau Sagen 2, 413. 414 f. 415; Wuttke 47 § 51. 19) Kühnau Sagen 2, 415. 20) Meiche Sagen 400. 21) Ebd. 402. 22) Ebd. 401; Grimm Myth. 1, 370; Kühnau Sagen 2, 426. 427. 23) MschlesVk. 18 (1907), 71; Kühnau Sagen 2, 409 f. 422 f. 424. 416 f. 418 f.; Endt Sagen 188 ff.; Drechsler Schlesien 2, 170. 24) Vgl. Meyer Mythologie der Germanen (1903), 65. 25) MschlesVk. 18 (1907), 71. 26) Endt Sagen 188 ff. 27) Ebd. 28) Meiche Sagen 403; Kühnau Sagen 2, 415 f. 29) Meiche Sagen 317. 30) Drechsler Schlesien 2, 171; Kühnau Sagen 2, 419. 31) Ebd. 2, 442. 443. 419; MschlesVk. 13 (1905), 71. 32) Bechstein Thüringen 1, 248; Kühnau Sagen 2, 421 f. 408. 33) Drechsler Schlesien 2, 170. 34) Endt Sagen 188 ff. 35) MschlesVk. 18, 71. 36) Meiche Sagen 403; Drechsler Schlesien 2, 170; Kühnau Sagen 2, 409. 37) Kühnau Sagen 2, 411. 38) Ebd. 409.

3. Diesem Berggeist ist der Bergmönch nah verwandt, der im Harz 39), in Baden 40), Graubünden 41), Siebenbürgen 42) und Sachsen 43) sein Wesen treibt: auch er meist von übermenschlicher Größe, mit grauem oder weißem Haar, der Unrecht bestraft, besonders Pfeifen, Fluchen und Leuteschinden nicht duldet, dessen Hauch aber auch zuweilen grundlos Bergleute tötet. Seine Erscheinung bringt Unglück, sein Pochen kündigt ein Grubenunglück an. Am Freitag tollt er neckend in den Siebenbürger Bergwerken; verirrten Arbeitern gibt er neues Öl, doch verlangt er, daß sie über seine Hilfe strengstes Schweigen bewahren. Gespenstergleich haust er mit vielen Schicksalsgenossen auch in unterirdischen Klostergängen: mit Totengesichtern hocken da die Bergmönche an langer Tafel, die Wachskerzen schmücken; deutlich zeigt sich hier (Sachsen) vgl. 43) ältere Berggeistsage und jüngere Seelensage vermischt, und fast möchte man annehmen, daß diese Sagenform eine sozusagen volksetymologische Umbildung einer Zeit darstellt, die keine Beziehung mehr zum Bergbau hatte. Auch die Mönchsgestalt scheint aus der ursprünglichen Bergmannstracht, die die Kapuze gegen Feuchtigkeit und zum Schutz gegen herabschlagendes Gestein kennt, entstellt zu sein: aus dem kapuzentragenden Bergmann entwickelt sich, wiederum gleichsam in volksetymologischer Entstellung, der Bergmönch, der somit die sagengeschichtlich jüngere Erscheinungsform darstellen würde 44).

39) Grimm Sagen Nr. 3; Eckart Südhannover. Sagen 6. 31. 33. 40) Waibel u. Flamm 2, 250. 41) Grimm Sagen Nr. 3. 42) Müller Siebenbürgen 218. 43) Grimm Sagen Nr. 3; Meiche Sagen 307. 44) Vgl. ferner: Meyer Myth. d. Germanen (1903), 63; Simrock Mythologie 486; Meyer German. Mythologie 128; Böckel Volkssage 74.

4. Gleichen oder doch ähnlichen Geistes, aber in der Gestalt an die Zwerge angelehnt und vielfach von deren Wesen beeinflußt, sind die Bergmännchen (Bergteufelchen, Stollen-, Schacht-, Gruben-, Kêwesmännlein). Schwenkfeld schildert sie, die Bewohner der Abendburg, als „kleine graue männdel“, kaum drei Spannen lang 45), und die Beschreibung des Georg Agricola 46) trifft in ihren Hauptzügen auch heute noch zu: „daemon subterraneus truculentus bergteufel, mitis bergmenlein, kobel, güttel. Oder daemon metallicus bergmenlein, dessentwegen man eine fundige zech liegen läßt“ 47). Auch sie tragen Bergmannstracht mit spitzer Kapuze 48), auch sie verrichten polternd bergmännische Arbeit 49), oft freilich nur zum Schein 50), auch sie töten Knappen, die unziemlich lärmen 51) und bestrafen eitle Verschwendung streng 52), warnen vor Gefahr 53) und zeigen den Tod des Bergknappen durch Pochen oder Erscheinen an 54), empfangen Opfer, über deren genaue Einhaltung sie eifersüchtig wachen 55); auch sie werden zuweilen als Totengeister angesehen 56), und durch das Zeichen des Kreuzes schützt man sich gegen sie 57). Eine Reihe liebenswürdiger Züge haben sie von den Zwergen übernommen: sie zeigen bereitwilliger als jene zuvor besprochenen Berggeister die Schätze des Berges 58), besonders gern armen oder kranken, frommen Bergleuten 59), die ihnen dann wohl gelegentlich ein Ständchen bringen, um belohnt zu werden 60). Durch den Klang einer Schafglocke können sie herbeigerufen werden 61); auch Zauberbücher verschenken sie ihren Lieblingen 62) und weissagen ihnen 63). Verirrten zeigen sie den rechten Weg 64); Holz, das zu Gold wird, ist manchmal ihr Geschenk 65), und ihr Erscheinen bringt Glück 66). Wie die Zwerge werden sie vom Glockenklang oder durch die Täppischkeit der Menschen vertrieben 67), vom Kobold haben sie die Vorliebe für Neckerei und Schabernack 68), vom Schatzzwerg die Sucht nach Edelmetall, das sie auch wohl stehlen 69), und mit den Wasserzwergen stehen sie in freundnachbarlichen Beziehungen 70): es ist deutlich, woher diese Wesenszüge stammen. Zu ihnen gehören auch z.T. die Venedigermännlein (s.d.). Daß sie gelegentlich in Roßgestalt erscheinen 71), erinnert uns an früher besprochene Berggeister: so zeigt sich auf Schritt und Tritt die Mischung von Bergwerksgeist und Zwerg, und wir werden vom sagengeschichtlichen Standpunkt aus die Bergmännlein für die jüngere Gestaltungsform halten müssen: Berggeist + Zwerg = Bergmännchen. – In der Schweiz soll neuerdings der Glaube an sie schwinden 72).

45) Weinhold Festschrift 145. 46) De re metallica libri XII (1657), 704b. 47) Vgl. Grimm Sagen Nr. 37; DWb. 1, 1515; Schell Sagen 527; Heyl Tirol 390; Meiche Sagen 120. 195 ff. 404; Lütolf Sagen 495; Alpenburg Tirol 91 f.; ZfVk. 1, 216; Vernaleken Mythen 232; Kühnau Sagen 2, 430 f. 444. 425 (Gestalt eines kleinen Kindes); Drechsler Schlesien 2, 169; Schönwerth Oberpfalz 2, 328 f. 48) Alpenburg Tirol 91 f.; Witzschel Thür. 1, 192; Meiche Sagen 120. 195 ff.; Grimm Sagen Nr. 37. 49) Schönwerth Oberpfalz 2, 324. 328 f.; Alpenburg Tirol 91 f. 50) Meiche Sagen 120; Grimm Sagen Nr. 37. 51) Lütolf Sagen 495. 52) ZfdMyth. 1, 267 f.; Vernaleken Alpensagen 40. 53) Vernaleken Alpensagen 40; Alpenburg Tirol 91 f.; Kuoni St. Galler Sagen 83; Walliser Sagen 2, 50; 1, 225; Gempeler 5, 104; Kohlrusch Sagen 21. 28. 29 f.; Jegerlehner Sagen 2, 16. 54) Wuttke 47 § 51; Grimm Sagen Nr. 37. 55) ZfVk. 14, 258 f.; Grimm Sagen Nr. 37; Meiche Sagen 404; Jecklin Volkstümliches (1916), 188. 56) Meiche Sagen 195 ff. 404; Kuoni St. Galler Sagen 83 f.; Kühnau Sagen 3, 746 f. 57) Kohlrusch Sagen 321. 58) Meiche Sagen 195 ff. 855 ff. 59) ebd. 195 ff. 404; Jecklin Volkstümliches (1916) 188; ZfdMyth. 1, 266; Kühnau Sagen 2, 444. 430 f. 60) Witzschel Thüringen 2, 78. 61) Alpenburg Tirol 123 f. 62) Meiche Sagen 195 ff. 63) Sepp Religion 314 f. 64) Meiche Sagen 326; Alpenburg Tirol 91 f. 65) Meiche Sagen 326. 66) Schönwerth Oberpfalz 2, 328 f.; Meiche Sagen 120. 67) Alpenburg Tirol 125; Bechstein Thüringen 1, 264 ff. 68) Grimm Sagen Nr. 37; Graber Kärnten 24; Meiche Sagen 143 f. 69) Schönwerth Oberpfalz 2, 324. 70) Ebd. 2, 180. 71) Kühnau Sagen 2, 425. 72) SAVk. 21 (1917), 52 f.

5. All diese Berggeister tragen männlichen Charakter, Weibliche Stollengeister sind sehr selten; als feenhafte Mädchen tanzten sie z.B., durch ihr Erscheinen reiche Ausbeute verheißend, vor den Stollen der Chemnitzer Bergwerke 73). Das märchenhafte Kolorit und die Vereinzeltheit des Auftretens läßt Zweifel an der Echtheit des Zeugnisses nicht unberechtigt erscheinen.

73) ZfdMyth. 1, 266 f.

II. 1. Von diesen unter I besprochenen Berggeistern, die den Bergwerken und Bergarbeitern ihre Entstehung und Ausschmückung verdanken, unterscheiden sich sehr deutlich andere, die offensichtlich bäurischer, dörflicher Kultur entstammen. Man darf sich nicht durch manche wesensverwandte Züge irre machen lassen; freilich gehen Beziehungen hinüber und herüber, aber die Unterschiede sind deutlich und schwerwiegend: während jene nur im Berginnern hausen und mit der Ausfahrt des Stollens ihre Macht verlieren, wirken diese hauptsächlich außerhalb der Berge, treten mit Menschen in mannigfachen Wechselverkehr, und nur ihre Wohnung, in die sie höchst selten einmal ein Glückskind mitnehmen, ist im oder am Berge gelegen. So zeigen diese Bergmännchen schon meist durch ihre Tracht, daß sie nicht im Kreise der Bergleute, sondern der Bauern entstanden sind. Eine einheitliche Gattung bilden sie – wieder im Gegensatz zu jenen – nicht; meist kennzeichnen sie sich durch Gewandung und Gesittung als bloße Zwerge, Kobolde oder Hausgeister, und in diesen Artikeln wird also des Näheren von ihnen zu reden sein. Einzig die Almgeisterlein der Alpen haben eine individuellere Ausprägung erhalten: kleine, gesellige und gefällige Gesellen, die verstiegene Kühe retten und aus Dank von den Sennleuten verpflegt werden, die sich auch wohl einmal Almvieh zu Arbeit ausleihen und diesen Dienst reich lohnen durch Geld oder unerschöpfliche Wundergaben, die auch wohl selbst Kuh- oder Gemsenzucht treiben und dann, wie sie überhaupt leicht erregbar und reizbar sind, die Verfolgung ihres Viehs streng und grausam bestrafen. Sie locken wohl auch Wanderer an Abgründe und spielen Menschen und Vieh mancherlei Schabernack, doch zeigt ihr Erscheinen (Tanzen) im allgemeinen ein fruchtbares Jahr an, daher man ihnen denn auch Korn und Verpflegung beim Abzug von der Alm bereitstellt. Andere wieder werden durch Geschenke nach Zwergenart beleidigt und vertrieben. Sie singen gern, aber nicht immer schön; mitten im Heu können sie (wie die Zigeuner) Feuer entzünden, ohne Brandschaden zu stiften. Armen Kindern und Sennen, auch Verirrten, zeigen sie sich oft hilfreich 74). Die anderen Berggeister sind nur Spielarten anderer Geister, von denen sie meist nur der Name unterscheidet; es genüge hier, die Fülle der Motive und ihre Herkunft anzudeuten:

a) Zwerge: tragen Tarnkappe 75), Name: „Rotmännlein“ 76), leben in Familien 77), können keinen Lärm vertragen 78), daher oft Auswanderung, schenken unscheinbare Kostbarkeiten 79), helfen Armen durch Geschenke oder Hilfeleistung 80), entleihen auf Wunsch und gegen strikte zu bezahlenden Lohn kostbare alte Geräte (Braupfanne) 81), schrecken Kinder 82), bringen Wanderer zum Verirren 83), lassen sich nicht schlecht behandeln 84).

b) Zwergschmiede: in Bergen wohnend, erledigen für menschliche Kunden Reparaturen, die auf einen bestimmten Platz gelegt werden müssen, von wo sie am nächsten Tage gegen Bezahlung abgeholt werden können. Besonders ausgeprägt: der westfälische Grinkenschmied 85).

c) Schatzzwerge: hüten in Bergen oder Ruinen Schätze 86), feurige Gestalt 87), wohnen in prächtigen Palästen oder Sälen 88), hindern 89) oder unterstützen 90) Schatzgräber, können beschworen oder gefangen werden 91), geben 3 Wünsche auf 92), haben Zauberbücher 93), sind verwunschen 94).

d) Schrat, Alp: Kinderstehlen 95), Rumpelstilzchenmotiv 96), Pferdefüße 97).

e) Hausgeister: nächtliche Hilfe 98) gegen Lohn 99); verbunden mit dem Gehöft, mit dessen Vernichtung sie verschwinden 100); Opfer 101); besonders ausgeprägt: Napfhans 102). Zuweilen Annäherung an Teufel: Hilfe gegen Verschreibung der Seele, Überlistung 103).

74) Vgl. Alpenburg Tirol 109. 112; Graber Kärnten 29 f.; Vernaleken Alpensagen 204. 198. 223; Wyß Reise 2, 406; Alpenrosen 1826, 15; Kohlrusch Sagen 27 f.; Tissot La Suisse inconnue; Sartori 2, 83. 154; Herzog Schweizersagen 1, 107 ff. 150 f. 70. 71; Kuoni St. Galler Sagen 276; Niderberger Unterwalden 1, 27 f. 29 ff.; Mannhardt German. Mythen 54. 472; Jecklin Volkstümliches (1916), 155 f.; SAVk. 2, 2; 8, 297; Vernaleken Mythen 310; Grimm Sagen Nr. 299. 75) Kuhn u. Schwartz 297 f.; Kühnau Sagen 2, 126 f.; Reiser Allgäu 1, 147; mißverstanden: Graber Kärnten 28. 76) Drechsler Schlesien 2, 171 (Szarlin). 77) MschlesVk. 18 (1907), 73; Reiser Allgäu 1, 47. 78) Ebd. 79) Ebd.; Rochholz Schweizersagen 1, 2; Vernaleken Alpensagen 179 ff. u.ö. 80) Kühnau Sagen 2, 123. 142 f.; 3, 745 f.; Reiser Allgäu 1, 146; Lütolf Sagen 54; Graber Kärnten 23 ff.; Meyer German. Mythol. 127 f. 81) Meiche Sagen 209 ff.; Witzschel Thüringen 2, 87. 82) Rochholz Sagen 1, 284. 83) Birlinger Volksth. 1, 293; Kühnau Sagen 2, 142 f. 84) Knoop Hinterpommern 33; Meyer Mythol. d. Germanen (1903), 81; Graber Kärnten 40. 85) Kuhn Westfalen 1, 84; Mannhardt 2, 110; vgl. ferner Simrock Mythologie 486; Meyer German. Mythol. 131; Grimm Myth. 1, 379 1; Golther Myth. 149. 86) ZfVk. 1, 216; Herzog Schweizersagen 1, 194; Grimm Myth. 2, 818 3; Meiche Sagen 133. 209 ff. 87) Ebd. 133; Birlinger Volksth. 1, 287; Wuttke 47 § 51. 88) Müller Siebenbürgen 52; Meiche Sagen 41 f. 89) Graber Kärnten 36 f.; Vernaleken Mythen 123. 90) Graber Kärnten 23. 91) Grimm Sagen Nr. 38; Vonbun Beiträge 40; Graber Kärnten 27 f. 25 f. 92) Graber Kärnten 23. 93) Grimm Sagen Nr. 38; Endt Sagen 177. 94) Vernaleken Mythen 123; Meiche Sagen 41 f. 95) SAVk. 24, 192; Heyl Tirol 500; Kühnau Sagen 2, 126 f. 96) Lütolf Sagen 475 f. 97) Kühnau Sagen 2, 411 f. 98) SAVk. 23, 206; 21, 197; Kuhn u. Schwartz 312; Rochholz Sagen 1, 277; Alpenburg Tirol 111 f. 99) Alpenburg Tirol 111 f.; ZfVk. 8, 137. 100) Alpenburg Tirol 111 f. 101) Liebrecht Zur Volksk. 276 f. 102) Kohlrusch Sagen 144; »Hauri«: ebd. 27; »Die frommen Leute«: Rochholz Sagen 1, 335. 103) Graber Kärnten 27. 28 f.

2. Zu dieser höchst uneinheitlichen, mannigfach beeinflußten und durchaus unselbständigen Gruppe von Berggeistern gehören auch die Bergfräulein (wilden Frauen, Bergwibli), die in Ruinen oder Bergen wohnen, nächtliche Wanderer irreführen, Schätze hüten, Kinder versorgen, aber auch Kinder stehlen, fleißige Spinnerinnen mit unerschöpflichen Wunderknäueln beschenken 104). Hier wie dort mischen sich die Züge verschiedenster Herkunft. Sie sind völlig verschieden von den Bergmüttern, reinen Naturgeistern, die durch Brauen, Schießen, Wasserkochen 105) und lärmendes Umherlaufen 106) Nebel in Wald und Gebirge erzeugen: dies ihre einzige Betätigung, von der man zu erzählen weiß. Sie sind also lediglich zur Erklärung eines besonderen Naturvorgangs geschaffen und spielen im übrigen keine Rolle im Volksglauben.

104) Heer Altglarner Heidentum 20; Meier Schwaben 1, 14; Vernaleken Alpensagen 224; Waschnitius Perht 166; Singer Schweizer Märchen 1, 23. 105) Kuhn Westfalen 2, 88 = Grohmann 32; Maaß Mistral 8, 11. 106) Reiser Allgäu 1, 139 f.

3. Wie die Bergarbeiter sich im Bergmönch, im gespenstigen Steiger, im Bergmännchen Personifikationen des Berginnern zur Erklärung der dortigen geheimnisvollen Geräusche und Vorgänge gebildet haben, so mußte das Äußere der (hohen) Berge, ihre vielfach zerklüftete Gestalt, in die man menschliche Figuren hineinsah, der sie umgebende Nebel, die von ihnen herabpolternden Steinschläge und Lawinen und die schauerlich-geheimnisvolle Einsamkeit ihrer Gipfel die Alm- und Talbewohner zu parallelem Tun anregen. Die letzte Klasse der Berggeister, zu der wir somit gelangen, umfaßt die Personifikationen ganzer Berge oder Bergzüge, auch dies Gestalten des Aberglaubens, die überzeitlich sind und überall auftauchen, wo ragende Gipfel der ewigen Primitivität des Volksmenschen eine Beseelung der Natur aufdrängen. So stellen sich die Zeugnisse des lebenden deutschen Volksglaubens neben die altnordischen Bergriesen (bergrisar, bergbúar, bergjarlar, bergdanir, bergmæri, bergstjórar, bjarga gætir usw.); schon der heilige Gallus soll in Bregenz ein Zwiegespräch des dortigen „daemo de culmine montis“ mit dem Wasserdämon des Bodensees belauscht haben 107). Wenn wir in den Alpen den Watzmann, Frau Hütt, den Serles 108), im Voigtland den Katzenveit, im Harz den Gübich, im Riesengebirge den Rübezahl, im Böhmer Bergland Hans Heiling 109), in den Pyrenäen den „Geist der Pyrenäen“ 110), in Skandinavien den Dovrealten 111) als Personifikationen von Bergspitzen oder -zügen antreffen – die Aufzählung ließe sich leicht vermehren –, so wissen wir, daß zwischen diesen allen keine andere direkte Beziehung besteht als eben jener eben angedeutete, ewig-menschliche Gestaltungs- und Beseelungstrieb. Diese riesenhaften B. sind unverwundbar, Kugeln gehen durch sie hindurch, und wer sie vernichten will, den stoßen sie in den Abgrund 112). Sie bewirken Steinschläge und werden Kräutersammlern gefährlich 113); sie machen das Wetter: wenn sie backen, brauen oder rauchen, nebelt es, und erhalten sie von den Almleuten nicht die gewohnten Opfergaben (Käse, Brot, Schnaps), so stopfen sie sich ihre Tabakspfeifen, und es gibt ein Unwetter 114). Die Gemsen sind ihre Herde; wer sie jagt, wird verwarnt oder streng bestraft 115). Sie sind die Obersten aller Geister und Bergschätze 116), helfen wohl gelegentlich in veränderter, vermenschlichter Gestalt Bedürftigen 117), bestrafen aber Vorwitzige streng 118).

Diesen Berggeistern verwandt ist zweifellos der Alber, eine seltsame Mischung von Bergriese und Gelddrache, bald als feuriger Schatzdrache, der sich nur von Gold nährt, bald als täppisch-riesenhafter Almgeist geschildert, dessen schmalzige Füße den Almwiesen Fruchtbarkeit spenden. Er ist sehr häßlich, halb Mensch, halb Pferd; jede Nacht läßt er sich vom Almknecht den Rücken kraulen. Manchmal heißt es auch, daß er hinten hohl sei 119).

Die Bergkönige Skandinaviens und der mittelhochdeutschen Epik sind wohl als verhöfischte Bergriesen dieser Gattung aufzufassen 120).

107) Wetti Vita S. Galli 7 = MG. Scrip. Mer. 4, 261. 108) Golther Mythol. 185 u.ö. 109) Wuttke 47 § 51; MschlesVk. 18 (1917), 219 ff; Meyer Relig.gesch. 101; Kühnau Sagen 2, 404 ff. 110) Sébillot Folk- Lore 1, 223 ff. 111) Meyer Mythol. d. Germanen (1903) 240. 112) So der »Schwarzbart«: Vernaleken Alpensagen 195. 113) So der »graue Mann« an der Gonzenwand: SAVk. 25, 230. 114) Jahn Opfergebrauche 321 (Tirol); Laistner Nebelsagen 133 f. 307 f.; Meyer German. Mythol. 158 f.; vgl. den Artikel »Alte, der«. 115) K. V. v. Bonstetten Schriften (1793), 118 f.; Grimm Sagen Nr. 301; Die Schweiz 3, 142; Herzog Schweizersagen 1, 73 ff.; vgl. Schillers Gedicht »Der Alpenjäger«. 116) Graber Kärnten 31. 117) Ebd. 24; Kühnau Sagen 2, 405 f. 118) Kühnau Sagen 2, 404 f. 119) Vgl. Waschnitius Perht 175. 176; Alpenburg Tirol 283 f.; Mannhardt 2, 104; Rochholz Naturmythen 27; Hörmann Tiroler Volksleben 199 ff.; Quitzmann Baiwaren 167. 175; Graber Kärnten 31; Grimm Myth. 3, 124; Heyl Tirol 36. 817; Amersbach Lichtgeister 8 f.; Höfler Waldkult 27. 134. 120) Meyer Mythol. d. Germanen (1904), 155; Urquell 2, 193; Sepp Altbair. Sagenschatz 16; Grimm Myth. 1, 386.

4. Kein Heimatrecht auf deutschem Boden haben anscheinend die in Frankreich 121) und bei den Magyaren 122) so beliebten Bergfeen, zu deren Geschlecht auch die Bergkönigin Virginal der mittelhochdeutschen Dietrichepen gehört 123). In einer Kärntner Sage lehrt eine solche Bergfee die Bauern, in deren Dienst sie tritt, das Singen; als sie's gelernt haben, verschwindet sie wieder 124). Auch diese Sage scheint fremden Ursprungs.

Weinbergsgeister, wie das schweiz. Trubamannli 125), sind keine vollwertigen mythologischen Gestalten; sie dienen als Kinderschreck und sind nur zu diesem Zweck erfunden worden.

121) Sébillot Folk-Lore 1, 224. 122) Wlislocki Magyaren 175; Ders. Volksglauben 25 ff. 123) Lütjens Zwerg 41. 124) Graber Kärnten 33 f. 125) SAVk. 25, 238.

Mackensen.

Quelle: Dr. Lutz Mackensen, Berggeister, in: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Band 1, Berlin und Leipzig 1927, Sp. 1071 - 1083.
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