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Vom Bergbau in den Tiroler Zentralalpen
Von Dr. Franz Niederwolfsgruber
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In diesem Beitrag über den Tiroler Bergbau soll jenes Gebiet behandelt werden, das im Norden vom Inntal und im Süden von der Landesgrenze gegen Südtirol begrenzt wird. Geologisch handelt es sich hier nicht um ein so einheitlich geformtes Gebiet, wie wir es in den Nördlichen Kalkalpen vorfinden. Der gesteinsmäßige Hauptunterschied besteht darin, daß wir es in erster Linie mit granitischen Gesteinen bzw. mit Schiefergesteinen zu tun haben. Nur untergeordnet treten auch mesozoische Kalke auf.

Die wichtigste vererzte Gesteinszone ist die sogenannte Grauwackenzone. Es ist jene erzführende Zone, die sich von Schwaz über Kitzbühel gegen Mitterberg am Fuße des Hochkönigs und weiter durch das Ennstal erstreckt, den Erzberg aufbaut und schließlich am Semmering ausläuft. — Auf Tiroler Boden gliedert sie sich in zwei Hauptzonen, und zwar in die Grauwackenzone im engeren Sinn, welche zur Hauptsache die Kitzbüheler Alpen aufbaut und im Westen bei Schwaz endet. Gesteinsmäßig setzt sie sich aus den sogenannten Wildschönauer Schiefern und dem Schwazer Dolomit zusammen. Die zweite Teilzone ist die sogenannte Quarzphyllitzone, welche die Tuxer Voralpen aufbaut und im Westen von der Sill begrenzt wird; sie setzt sich dann in einem schmalen Saum an der Südseite des Inntales mit Unterbrechungen bis über Landeck hinaus gegen den Arlberg fort.

Die wichtigsten und zugleich ältesten Nordtiroler Bergbaue liegen im Bereich der Grauwackenzone e. S. In der näheren und weiteren Umgebung von Kitzbühel und Fieberbrunn bestanden schon in vorgeschichtlicher Zeit Kupferbergwerke. Bereits damals wurde das Erz durch Anlage von Schächten und Stollen unter Tag gewonnen. Der Transport und die Aufbereitung erfolgten auf äußerst primitive und daher auch mühsame Weise. Trotzdem dürfte die Ausbeute die Mühe gelohnt haben. Dann aber schwiegen lange Zeit hindurch die Hämmer. Aus historischer Zeit weisen älteste Angaben auf Bergbau um das Jahr 1000 hin. Aber vor allem im 15. und 16. Jahrhundert, also zur Zeit der allgemeinen Hochblüte des Tiroler Bergbaues, erlebten die Gruben im Revier von Kitzbühel einen ungeheuren Aufschwung. In vielen hundert Schächten und Stollen wurde nach dem Kupfererz geschürft. Ein Schacht am Bergbau Röhrerbühel im Norden Kitzbühels zählte damals mit einer Tiefe von 570 Metern zu den tiefsten Schächten der Erde. Neben den Kupfererzen wurde besonders in der Nähe von Fieberbrunn, am Gebra, Eisenerz abgebaut.

Im Inntal folgen, immer noch im Bereich der eigentlichen Grauwackenzone, die Bergbaue der Reviere Schwaz und Brixlegg. Der Schwazer Bergbau wurde zu Beginn des 15. Jahrhunderts zur Hauptsache wegen des stark silberhaltigen Fahlerzes, das im Dolomit der Wildschönauer Schiefer eingelagert ist, begonnen. Auf dem Silbergehalt dieses Erzes beruhte durch lange Zeit hindurch der Reichtum der Fugger, die hier die Ausbeute des Gesteins und der Knappen gründlich besorgten.

Das Fahlerz tritt meist derb und nur sehr selten in schöner Kristallform auf. Aus einer Analyse des Fahlerzes ersieht man, daß eine ganze Reihe von Bestandteilen den großen Wert des Erzes ausmachen: In erster Linie tritt mit nahezu 40 Prozent Anteil Kupfer auf. Es folgen, dem Wert nach gereiht, Silber, Quecksilber, Zink, Eisen, Mangan, Antimon, Arsen und Schwefel. — An der Oxydationszone, also wo Luft und Wasser in Kontakt mit dem Erz kommen — sei es an der Oberfläche oder in Klüften —, treten zwei häufige Minerale auf; es sind dies der grüne Malachit und der blaue Azurit. Seltener findet man — ebenfalls als Oxydationsprodukt — den sogenannten Tirolit, eine Kupfer-Arsen-Verbindung.

Der erzführende Dolomitzug erstreckt sich von Schwaz rund 8 km ostwärts bis über die Zillertalmündung hinaus. Bei einer Fahrt durch das Unterinntal kann man heute noch weithin die nur spärlich begrünten Schutthalden des ehemaligen Bergbaugebietes erblicken. Sie geben Zeugnis von dem großen Ausmaß des einst blühenden Bergbaues. Die erzreichsten Gebiete liegen direkt bei Schwaz im Gebiet des Falkensteins. Fast im Talniveau beginnen die Mundlöcher der einzelnen, viele hundert Meter langen Stollen. Ein Schacht reicht hier mehr als 200 m tief unter die Talsohle hinab!

Der Bergbau wurde 1827 eingestellt, nach 30-jähriger Unterbrechung jedoch wieder aufgenommen. Während der letzten 50 Jahre hatte er ein sehr wechselvolles Schicksal. Zuletzt wurde noch während der Kriegsjahre intensiv an der weiteren Erschließung des Reviers Falkenstein gearbeitet. 1944 mußte jedoch der Bergbau eingestellt werden, da in den ausgedehnten unterirdischen Hallen eine Niederlage der Messerschmittwerke untergebracht werden sollte; dazu kam es jedoch nicht mehr.

Neben dem Fahlerz im Schwazer Dolomit tritt als weiteres abbauwürdiges Erz Eisenspat in den Wildschönauer Schiefern und in Augengneis auf. Der wichtigste Bau dieser Art bei Schwaz war am sogenannten „Schwader".

Östlich des Zillertales, im Bereich der Grubenreviere von Brixlegg — am Großkogel und Kleinkogel — tritt das Fahlerz in den Hintergrund; statt dessen stellt sich jedoch in großer Menge Baryt, auch Schwerspat genannt, ein. Hier ist der Bergbau auch heute noch in Betrieb.

Im Quarzphyllit sind an zahlreichen Stellen des Unter- und Oberinntales kleine und kleinste Bergbaue auf Spateisenstein, Kupferkies, Bleiglanz und verschiedene andere Erze für kurze Zeit in Betrieb genommen worden. Nur ein Bergbau mit einem seinerzeit besonders abbauwürdigen Produkt hat sich durch Jahrhunderte hindurch bis zum Beginn unseres Jahrhunderts halten können. Es ist dies der Goldbergbau im Zillertal. Hier waren besonders in der Umgebung von Zell einzelne erfolgreiche Baue. Der Ertrag war jedoch, im Vergleich zu anderen Goldbergbauen der Welt, gering: nur 60 Gramm Gold konnten im Durchschnitt aus einer Tonne Gestein herausgeholt werden. Neben dem Goldbergbau war die Goldwäscherei in mehreren Bächen der Tuxer Voralpen und auch an der Sill durch längere Zeit hindurch betrieben worden.

Im Bereich der südlich an die Grauwackenzone anschließenden sogenannten Oberen Schieferhülle finden wir bei Lanersbach im Zillertal wiederum einen heute noch in vollem Umfang arbeitenden Bergbaubetrieb. Das seit rund drei Jahrzehnten betriebene Werk liegt in 2000 m Höhe, wo im Tagbau, aber auch durch mehrere Stollen, Magnesit abgebaut wird. Es dient u. a. zur Herstellung feuerfester Ziegel für die Auskleidung von Hochöfen, weiters für die Herstellung von Hochspannungsisolatoren und für die Heraklitherzeugung. In jüngster Zeit hat der Bergbau Lanersbach stark an Bedeutung gewonnen, da nun auch ein überaus wertvolles Wolframerz, nämlich Scheelit, abgebaut wird. Erst seit ganz kurzem ist auch bei Hochfilzen, knapp an der Landesgrenze Tirols gegen Salzburg, ein neuer Bergbau auf Magnesit errichtet worden. Die großen Aufbereitungsanlagen erstrecken sich über weites Gelände neben dem Bahnhof.

Wenn auch einzelne Lagerstätten unter normalen Umständen den Abbau nicht lohnen, da ihre Ergiebigkeit zu gering und die Konkurrenz auf dem Weltmarkt zu groß ist, so können doch außergewöhnliche Umstände die Anlage von Bergbauen begünstigen. Im Gebiet der Alpeiner Scharte in den Zillertaler Alpen wurde schon vor längerem im Granitgneis Molybdänglanz entdeckt. Molybdän wird notwendig für die Stahlveredelung gebraucht. So kam es auch, daß während des zweiten Weltkrieges hier ein Bergbau eröffnet wurde, der aber nach dem Kriege wieder eingestellt wurde.

Im Gebiet der westlichen Tiroler Zentralalpen, also der Ötztaler und Stubaier Alpen, sind ebenfalls zahlreiche kleinere Bergbaue zu nennen. Als geologische Besonderheit im Raume südwestlich von Innsbruck fällt das Kalkmassiv der Nockspitze und der Kalkkögel auf. Auf zentralalpinem Grund, über den kristallinen Gesteinen der Stubaier Alpen, lagern hier und noch weiter südlich — im Gebiet des Serleskammes und der Tribulaune — gleiche mesozoische Kalke, wie wir sie im Bereich der Nördlichen Kalkalpen vorfinden. Jedoch sind hier an der Basis der kalkigen Ablagerungen noch ältere, der Perm-Formation angehörende quarzreiche Gesteine, die als „Verrucano" bezeichnet werden. In diesen Schichten findet sich jenes Eisenerz, auf das einst blühender Bergbau begründet wurde. Besonders auf der gegen das Stubaital abfallenden Seite der Kalkkögel, am Hohen Burgstall und im Schlickertal, wurde eifrig geschürft. Die Verhüttung erfolgte mehr oder weniger an Ort und Stelle. Auf dieses Vorkommen des Eisenerzes geht auch die heute weltbekannte Stubaier Eisenindustrie zurück, die den Bergbau selbst überlebt hat.

Im Bereich der Gneise und Glimmerschiefer der Ötztaler bzw. Stubaier Alpen tritt an zahlreichen Stellen Fahlerz, Zinkblende, Bleiglanz auf, die u. a. im Obernbergtal, bei Gries am Brenner, im Bereich der Tribulaune sowie im Gschnitztal abgebaut wurden. Aber auch am Westende des Ötztaler Massivs, dort, wo dieses gegen die Bündnerschiefer des Unterengadiner Fensters grenzt, ist in zahlreichen Schürfen neben den genannten Erzen Kupferkies und Pyrit abgebaut worden. Zahlreiche alte, aufgelassene Gruben liegen am Kaunerberg, im Radurschltal und in der Gegend von Nauders. Der wichtigste und auch am längsten in Betrieb gestandene Bergbau dieser Gruppe war bei Tösens.

Noch zwei Bergbaue müssen kurz erwähnt werden. Es sind dies jene von Häring und vom NößlacherJoch bei Steinach. Während des Tertiärs, also im Laufe jüngster geologischer Vergangenheit, erstreckte sich nochmals eine Meeresbucht vom Alpenvorland im Unterinntal bis in die Gegend von Wörgl. Über mergeligen Ablagerungen liegt das rund 1 bis 10 m mächtige Braunkohlenflöz. Der Bergbau reicht hier schon lange Zeit zurück. An einer Stelle brennt jedoch das Flöz seit über 400 Jahren! Dadurch ist die darüberliegende Oberfläche auch während der Wintermonate stark erwärmt. Diesen Umstand machte man sich zunutze und züchtete hier Gemüse für den Innsbrucker Hof. — Die Kohle hat nicht allzu großen Heizwert, sie enthält weniger als 60 Prozent Kohlenstoff; unangenehm wirkt sich der hohe Aschen- und Schwefelgehalt aus. Seit einigen Jahren steht der Bergbau still.

Für kurze Zeit wurde nach dem zweiten Weltkrieg am Nößlacher Joch bei Steinach am Brenner Anthrazitkohle abgebaut.

Die Anzahl der heute noch in Betrieb stehenden Bergbaue ist gering. Nur mehr wenige Knappen schürfen in unseren Bergen nach jenen Schätzen der Tiefe, die einst den Reichtum des Landes begründeten.

Was mögen wohl die Ursachen für den allgemeinen Rückgang der Bergbautätigkeit in Tirol gewesen sein? Nach der Hochblüte im 15. und 16. Jahrhundert sind schon bald Verfallserscheinungen zu erkennen; ein allmählicher, ja z. T. sogar ziemlich plötzlicher Rückgang setzte ein. Kleinere Baue sind freilich an sich schon leichter zum Untergang verurteilt als große Gruben. Aber auch diese blieben nicht verschont. — Sicherlich wirkten sich die allgemeine Wirtschaftslage, die Belieferung des europäischen Marktes mit billigerem Erz aus den Überseeländern, die Verteuerung der Arbeitskräfte und die häufig langen Transportwege von der Grube zur Verhüttungsstätte ungünstig aus. Diese Gründe allein waren jedoch nicht ausschlaggebend, sie hätten z. T. wenigstens im Laufe der Zeit durch Rationalisierungsmaßnahmen und durch Modernisierung der Betriebe ausgeglichen werden können. Ausschlaggebender war wohl, daß die Ergiebigkeit der Baue infolge des allzu großen Raubbaues, den man durch zwei Jahrhunderte hindurch betrieben hat, zurückgegangen ist. Nur das beste Erz wurde mit unzureichenden Mitteln abgebaut und zur Verhüttung gebracht, alles andere wurde, auch mangels geeigneter Aufbereitungsmöglichkeiten, achtlos auf die Halde geworfen. — Mit zunehmender Tiefe der Stollen wurde verschiedentlich auch der Wasserandrang zu einem Problem, das mit den damaligen technischen Mitteln kaum zu bewältigen war.

Aber auch Naturkatastrophen dürften, wenigstens in einzelnen Gebieten, eine Stillegung der Gruben bewirkt haben. So verschütteten z. B. in der Schlick Bergstürze die Stollen; Muren, Wildbäche und Lawinen setzten höher gelegenen Bergbauen arg zu. Ja, so unwahrscheinlich es auch klingen mag, durch den Vorstoß der Gletscher während des 18. und 19. Jahrhunderts wurden besonders hochgelegene Stollen unzugänglich bzw. vom vorstoßenden Gletscher überfahren.

Zuletzt seien noch als Ursachen für den Rückgang der Bergbautätigkeit die Protestantenverfolgung und Knappenaufstände genannt.

Quelle: Dr. Franz Niederwolfsgruber, Vom Bergbau in den Tiroler Zentralalpen, in: Tiroler Heimatblätter, 35. Jahrgang, Heft 1-3, Jänner - März 1960, S. 1 - 5.
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