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Das Ende des Silberbergbaues in Oberzeiring
Von Ferdinand Tremel

Wenige Bergmannssagen sind so bekannt und verbreitet wie die Sage vom Ersaufen der allen Gruben in Oberzeiring. In der Form, wie sie zuletzt von Franz Brauner erzählt wurde, besagt sie folgendes: 1)

Als die Knappen wieder einmal mit ihren silbernen Kugeln nach den silbernen Kegeln schoben, kam ein altes Weib mit seinem Enkel daher und sah ihnen staunend zu. Da sprang ein Knappe auf den Buben los, hieb ihm den Kopf ab und schob ihn nach den Kegeln. Die Großmutter aber, von Grauen über die Untat erfasst, verfluchte Knappen und Berg. Tatsächlich brach schon am nächsten Tag, als die Knappen in die Gruben eingefahren waren, das Unglück herein; gewaltige Wassermassen erfüllten plötzlich Schächte und Stollen, so dass niemand entrinnen konnte und 1400 Knappen an einem Tage ihr Leben lassen mussten. Seit dieser Zeit ist das Silberbergwerk zur Strafe für den Übermut der Knappen ersoffen und alle Bemühungen, es wieder in Betrieb zu setzen, waren bisher erfolglos.

1) F. Brauner, Die Raubritter von Ehrenfels und andere Sagen aus unseren Bergen. Graz. 2. Aufl., 1951.

Die Sage und mehr noch die Tatsache, dass der Bergbau in Zeiring spätestens im 7. Jahrzehnt des 14. Jahrhunderts zum Erliegen gekommen war. beschäftigte wiederholt die Forschung, 2) trotzdem ist nicht nur der Untergang, sondern auch die ältere Geschichte des Bergbaues in Dunkel gehüllt.

2) Vgl. zum Ganzen J. Schmut, Oberzeiring. Ein Beitrag zur Berg- und Münzgeschichte Steiermarks. Bergbaue Steiermarks, hg. v. K. A. Redlich. IV. Leoben 1904. — F. Mayreder, Ein Münzfund aus Pols bei Judenburg. Mitteilung d. österr. Numismat. Gesellschaft, Bd. V (XXIII a. F.), 1949, S. 38. — F. Mayreder, Zeiring. Wiener Numismat. Zeitschr., 56. Bd., 1933, S. 69 ff.— W. Neubauer, Geologie der Blei-, Zink-, Silber-, Eisen-Lagerstätte von Oberzeiring, Steiermark. Berg- und hüttenmännische Monatshefte der Montanistischen Hochschule in Leoben. 97. Jahrg., 1952, Heft 1 u. 2.

Die erste urkundliche Erwähnung des „mons Zyrich" finden wir im landesfürstlichen Urbar von ca. 1265, sie besagt außer dem Namen nur, dass der Landesfürst vom genannten „Berge" Einkünfte besaß; 3) das Wort „Berg" kann in dieser Gegend nur auf einen Bergbau bezogen werden. Kurze Zeit nach der ersten Nennung stand der Bergbau schon in voller Blüte, vor allem durch das Wirken des Abtes Heinrich II. von Admont, der als hervorragender Finanzmann in die Landesgeschichte der Steiermark eingegangen ist. Seine besondere Begabung schätzte auch König Rudolf von Habsburg, der ihn im Jahre 1279 zum Landschreiber ernannte, was etwa der Stellung des Landesfinanzreferenten von heute entspricht. Aller Wahrscheinlichkeit nach erfolgte diese Ernennung in Oberzeiring, als König Rudolf in Begleitung Heinrichs Oberzeiring und sein Bergwerk besuchte. 4)

3) Die landesfürstlichen Gesamturbare der Steiermark aus dem Mittelalter, hg. v. A. Dopsch. österr. Urbare, I. 2, Wien 1910, S. 127.

4) A. Luschin v. Ebengreuth, Materialien zur Geschichte des Behördenwesens und der Verwaltung in Steiermark. Beiträge zur Kunde steiermärk. Geschichtsquellen, 29. Jahrg., S. 197.

Der Landschreiber war nicht nur der oberste Finanzbeamte im Lande, dem alle landesfürstlichen Einkünfte, auch die Bergwerke, unterstanden, sondern er musste außerdem in dringenden Fällen, wenn die landesfürstliche Kasse leer war, mit Geldaushilfen einspringen und deshalb stets über ein gewisses Barvermögen verfügen. Das konnte er am ehesten aus dem Ertrage eines Silberbergwerkes gewinnen. Es ist also wahrscheinlich, dass Admont schon vor 1279 einen Anteil am Zeiringer Bergbau besaß; diese Annahme wird dadurch gestützt, dass das Kloster in der Umgebung des Ortes einen großen Güterkomplex sein Eigen nannte.

Abt Heinrich II. benützte seine Stellung und seinen Einfluss, um den Besitz seines Klosters nach allen Richtungen zu mehren. So kaufte er weitere Anteile am Zeiringer Bergbau und aus einer solchen Kaufurkunde erfahren wir, dass in jener Zeit mindestens acht Gruben in Betrieb waren: die Lage dieser Gruben ist uns genau bekannt, sie lagen alle in nächster Nähe von Oberzeiring und reichten unter den Markt. Ihre Ausdehnung und Tiefe ist nicht bekannt. Und noch etwas erfahren wir aus dieser Urkunde: wenn Admont zum Beispiel an drei verschiedenen Gruben je einen achtzehntel Anteil erwarb, so können wir daraus schließen, dass die Zahl der Gewerken ziemlich groß war. Einige davon werden uns in anderen Urkunden genannt, so 1284 ein Berthold Suevus, das heißt der „Schwab", ein Gewerke also, der aus Schwaben zugewandert war. Überhaupt scheint Zeiring damals eine bedeutende Anziehungskraft ausgeübt zu haben; von 18 in einer Urkunde aus dem Jahre 1294 genannten Bürgern stammten zwei aus Aussee, einer aus dem Ennstal, einer aus Knittelfeld. 5) Das „Silberfieber", das die Leute ergriffen hatte, zeigte sich auch auf anderen Gebieten, die Gründe stiegen im Preise und Besitzstreitigkeiten waren an der Tagesordnung.

5) J. Wichner, Geschichte des Benediktiner-Stiftes Admont, II. Bd., 1876, S. 451.

Oberzeiring war inzwischen Markt geworden; 1284 werden die ersten Bürger genannt, zwei Jahre später erscheint der Ort als Markt. Der genaue Zeitpunkt der Markterhebung ist nicht bekannt, es ist aber sehr wahrscheinlich, dass König Rudolf bei seiner Anwesenheit in Zeiring im Jahre 1279 den Ort zum Markt erhob oder doch ein Versprechen darüber abgab. 6)

6) H. Pirchegger, Geschichte der Steiermark bis 1282. 2. Aufl. Graz, 1936, S. 451.

Ein weiterer Beweis des raschen Aufschwungs und des zunehmenden Reichtums unter den Gewerken und Bürgern war die Ernennung eines Zeiringer Bürgers. Albrecht, zum Landschreiber nach dem Tode Heinrichs. Zweifellos war Albrecht ein reicher Mann, und wo anders soll er seinen Reichtum gewonnen haben als im Bergbau?

Eine Folge des Silberbergbaues war auch die Errichtung einer Münzstätte in Zeiring; sie war freilich nicht gar lange in Betrieb, denn die Pfennige, die in Zeiring geschlagen wurden, zählen heute zu den größten Seltenheiten.

Noch 1336 bzw. 1339, als die zwei Bergordnungen erlassen wurden, muss der Bergbau geblüht haben, 7) dann aber setzte der Niedergang ein.

7) Datierung der ersten Bergordnung nach E. v. Schwind und A. Dopsch. Ausgewählte Urkunden zur Verfassungs-Geschichte der Deutsch-Österreichischen Erblande im Mittelalter. Wien 1895, S. 170.

Von den Gründen, die zur Katastrophe geführt haben, erzählt nur die Sage. Tatsache ist, dass Wasser in die Gruben eingedrungen war, das ergibt sich aus den späteren Erhebungsarbeiten, aber die Ursachen für den Wassereinbruch müssen wir wohl nicht in der Frevelhaftigkeit der Knappen, sondern in der technischen Unzulänglichkeit der Anlagen und im Raubbau suchen, der mit der Verminderung des Haltes der Erze einsetzte. Dafür sprechen zwei Urkunden aus dem Jahre 1361, die uns gleichzeitig auch einen Fingerzeig für den Zeitpunkt des Erliegens geben, wenn auch in ganz anderer Weise, als Schmut, der übrigens sehr verdienstvolle Erforscher der Geschichte Zeirings, vermutete.

Die Urkunden selbst sind uns nur in Abschriften aus dem 17. Jahrhundert erhalten, sie sind aber in dem für uns wesentlichen Teil des Inhaltes unverdächtig. In der ersten Urkunde befreit Herzog Rudolf IV. die Bürger von Zeiring um ihrer „frombkheit" willen von der Steuer, die sie ihm alle Jahre zu reichen hatten, 8) in der zweiten verspricht er wegen der „bösserung" des Bergwerkes, dass die Münze wie bisher in Oberzeiring verbleiben und nicht nach Judenburg verlegt werden solle. 9)

8) Cop. 2791 d. Steierm. Landesarchiv. Schmu t irrt, wenn er „frombkheit" mit Frömmigkeit gleichsetzt. Es bedeutet tapferes Aushalten, Treue.

9) Cop. 2791 c, w. o.

Eine dritte Urkunde endlich verbot allen fremden Kaufleuten, die Straße über die Zeiring zu nehmen, da diese Straße den Bürgern der oberösterreichischen Städte und Märkte vorbehalten sei. 10) Sie hat weder mit dem Markte Zeiring noch mit dem Bergbau etwas zu tun.

10) F. Kurz, Österreichs Handel in älteren Zeiten. Linz 1822, S. 34.

Die beiden erstgenannten Urkunden deuten darauf hin, dass Oberzeiring in Not geraten war und deshalb die Hilfe des Landesfürsten brauchte, keine der beiden erwähnt auch nur mit einem Worte die Katastrophe. Wäre diese vor der Anwesenheit des Herzogs im Markte eingetreten, so wäre sie ohne Zweifel in den Urkunden erwähnt worden; da dies nicht geschah, müssen die Ursachen der Not anderswo gesucht werden. Es ist nicht schwer, sie ausfindig zu machen; wahrscheinlich war der Halt der Erze zurückgegangen und die dadurch verminderte Silbererzeugung rechtfertigte die Münze an so abgelegener Stelle nicht mehr, daher wurde daran gedacht, sie an einen Ort zu verlegen, der als Brennpunkt des Handels und des Verkehrs zum Sitz der Münze besser geeignet war. Auch die Steuerbefreiung findet in dem Rückgang des Ertrages aus dem Bergbau eine bessere Erklärung als in der angeblichen „Frömmigkeit" der Bürger. Die „Besserungen" am Bergwerk dürfen demnach als ein letzter Versuch gedeutet werden, das Bergwerksglück noch einmal zu wenden. Jedenfalls aber war der Bergbau im Sommer 1361 noch in Betrieb, wenn auch die Lager nahezu erschöpft und die Stollen in Tiefen vorgetrieben waren, in denen mit Wassereinbrüchen zu rechnen war. 11) Als solche Wässer wurden von Neubauer Karstwässer angenommen, deren Reservoir im Bereich des Kalvarienberges lag. 12)

11) Die gegenteiligen Ansichten Schmuts, S. 32 ff., scheinen mir in keiner Weise überzeugend. Die Inschrift im Schloss Hahnfelden zu Unterzeiring ist eine romantisch-schaurige und kitschige Dichtung ohne jeden historischen Wert.

12) Neuhauer, a. a. O., S. 24.

Wir werden daher eine Ehrenrettung der Zeiringer Knappen versuchen dürfen. Wenn unsere Annahme richtig ist, dass der Bergbau schon vor der Katastrophe nahe am Erliegen war und dass gefährliche Tiefen angefahren wurden, so büßten die Opfer der Katastrophe nicht für ihre eigenen Frevel, sondern sie gaben ihr Leben im ewigen Kampf ums Brot, um ihre und ihrer Arbeitgeber Existenz.

In das Gebiet der Fabel ist auch die Zahl von 1400 ertrunkenen Knappen zu verweisen. Wenn man annimmt, dass etwa ein Drittel aller Arbeiter am Berg untertags beschäftigt war, so ergäbe dies eine Zahl von 4200 Bergarbeitern oder mit ihren Familien von rund 10.000 Menschen. Das ist weit übertrieben, eine solche Zahl von Menschen wäre in Oberzeiring weder zu beherbergen noch zu ernähren gewesen. Aber auch wenn man gehörige Abstriche macht und annimmt, dass die Gesamtzahl aller Arbeiter 1400 betrug, so blieben immerhin 400 bis 500 Todesopfer. Auch diese Zahl scheint mir zu hoch gegriffen. Nimmt man als Maximum 12 Gruben an — wahrscheinlich waren es nur 8 oder 9 — so ergäbe dies rund 40 Arbeiter in einem Stollen. Das ist unwahrscheinlich. In den Stollen am Erzberg arbeiteten oft nur zwei Häuer und ein Truhenläufer, das waren allerdings kurze Stollen und die Stollen in Oberzeiring waren lang, aber es wurde nicht mehr in der ganzen Länge der Stollen gearbeitet. Auch die Zahl der Wasserheber kann nicht so groß gewesen sein, sie wären sich ja nur im Wege gestanden und hätten sich gegenseitig die Luft weggeatmet. Es ist auch fraglich, ob alle Gruben zur selben Zeit ersoffen sind. Doch wie hoch immer man die Zahl der Opfer annimmt, ist die Katastrophe erschreckend genug.

Offen bleibt die Frage, wann die Katastrophe anzusetzen ist. Da der Bergbau 1361 noch in Betrieb, 1366 aber nach allgemeiner Annahme schon ersoffen war, bleibt nur die Zwischenzeit. Nichts hindert, das Jahr 1365, das die Überlieferung nennt, als das wahrscheinlichste Jahr der Katastrophe und damit der Einstellung des Bergbaues anzunehmen. Damit ist natürlich auch der 16. August als der Tag des Schreckens hinfällig. So wenig uns die Ursachen der Katastrophe im einzelnen überliefert sind, so wenig kennen wir den genauen Zeitpunkt.

Quelle: Ferdinand Tremel, Das Ende des Silberbergbaues in Oberzeiring, in: Blätter für Heimatkunde, Herausgegeben vom Historischen Verein für Steiermark, 27. Jahrgang, Graz 1953, Heft 1, S. 1 - 5.
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