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Der ehemalige Bergbau in Obernberg
Von Alois Plattner
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Ein Blick auf die geologische Karte des Wipptals zeigt uns eine Insel von Urtonschiefer (Quarzphyllit), die westlich von Gries beginnt und bis gegen den Tribulaun hinstreicht, nördlich zum Truner und Neßlacher Joch aufsteigt und im Süden über den Bergkamm bis ins Pflerscher Tal reicht. Nun lehrt die Gesteinskunde, dass Urtonschiefer stets mehr oder weniger erzführend ist, dass sich manche Erze, wie Fahlerz, Zinkblende und Kupferkies hauptsächlich in diesem Gestein finden und dass die Erze besonders an den Grenzlinien zutage treten, wo die verschiedenen Gesteinsarten zusammenstoßen und übereinander greifen, z. B. Schiefer und Dolomit. Tatsächlich bestanden sowohl in Pflersch als auch im Gebiet von Vinaders (Obernberg) im späteren Mittelalter zeitweilig recht ergiebige Bergwerke. Am Neßlacher Joch baute man auf Kupferkies und vielleicht auch auf Fahlerz und Spateisenstein, in Obernberg aber in zahlreichen Gruben auf silberhaltiges Fahlerz, auf Zinkblende, Baryt und Flußspat.

Es ist nun die Frage, wann etwa der Bergbau in Vinaders (Obernberg) seinen Anfang genommen hat. Prof. Alois Egger meint, die Anlage der Knappenlöcher am Kühberg in Obernberg sei verhältnismäßig jung und wohl erst zur Fuggerzeit (15. Jahrhundert) entstanden. Dagegen sprechen andere Forscher die Vermutung aus, dass in Vinaders (Obernberg) schon in vorgeschichtlicher Zeit Bergbau bestanden habe, dessen Erze man in die Gußstätte am Berg Isel gebracht hätte. Der Geologe Mich. Stotter schrieb in der Zeitschrift des Ferdinandeums 1859 (S. 81): „Der Sage nach soll dieser Bergbau (am Kühberg) einst sehr ergiebig und schon zur Römerzeit in Betrieb gewesen sein. Gewiss ist, dass der größte Teil der Arbeit mit Schlägel und Eisen geschah. Auch unter dem Tribulaun finden sich alte, längst verlassene Baue.“ Rob. v. Srbik („Bergbau in Tirol und Vorarlberg“, S. 129) gibt zu den Berggruben in Obernberg den Vermerk: „Angeblich schon römischer Bergbau“ und zu den Bauen in Ast im Pflerschtal schreibt er (S. 226): „Einst sehr ergiebig. Ausgedehnte Halden, vielleicht das älteste Bergwerk Tirols“.

Ohne Zweifel haben die Römer in den Alpen zahlreiche Erzlager erschlossen und an vielen Orten Bergwerke eröffnet. Sie gaben diese in der Regel einem zahlungsfähigen Bürger in Pacht, der den Abbau oder vielmehr Raubbau übernahm und zwar mit den billigsten Kräften, die es gibt, mit Kriegsgefangenen, Sklaven und Sträflingen. In den kaiserlichen Provinzen, wie auch Rätien eine war, blieben die Bergwerke aber doch meist in staatlicher Verwaltung und unterstanden dem kaiserlichen Statthalter, so dass manche Baue den Namen „Kaiser-Gruben“ erhielten. Überall, wo man einen Bergbaubetrieb aufnahm, entstand eine Siedlung mit Bauerngütern und zwar gewöhnlich am untern sonnigen Hang des Tales, während die Gruben häufig hoch oben auf den Bergen lagen. Aber gibt es denn keine Fundstücke, die unzweideutig beweisen, dass die Römer in Vinaders (Obernberg) wirklich Erze gebrochen haben? Funde in römischen Bergwerken sind ungemein selten und auch aus unserer Gegend sind keine bekannt. Man braucht sich darüber auch nicht zu verwundern, denn alle Gruben im Tonschiefer sind längst verfallen und in den andern, soweit sie noch zugänglich sind, hat man im Mittelalter Jahrhunderte lang weiter gearbeitet, so dass sich alle Spuren verwischt haben. Gewisse Findlinge haben wir aber doch bei der Hand; sie sind freilich nicht anderthalb Jahrtausende in der Erde gelegen, sondern waren ständig im Gebrauch und haben sich darum im Lauf der Zeit stark abgeschliffen und umgeformt, so dass sie nur schwer und unsicher zu erkennen sind: die Orts- und Flurnamen. Als einziges Beispiel hiefür sei der Ortsname Vinaders angeführt: Vinaders, urkundlich auch Venaders, von: ven ad ers, venad eris (ad venam aeris), bei der Erzader oder bei der Erzgrube. Solche Wortableitungen bleiben freilich immer fraglich und zweifelhaft, doch möglich ist es jedenfalls, dass die Römer oder vielmehr die Romanen eine Zeitlang in Obernberg (Vinaders) ein Bergwerk betrieben haben. Darauf mag sich die Sage beziehen, dass Obernberg durch Bergknappen entstanden sei.

Ungefähr um 800 kam die Talschaft Obernberg in Vinaders (in monte superiori Vinaders) als Ödland und siedlungsarmes Gebiet an den fränkischen Reichshof (Königshof) Matrei. Da solchen Höfen das Bergrecht zustand und die Königsmaier den Auftrag hatten, vorhandene Bodenschätze zu heben, so kann es sein, dass die Hofmaier von Matrei im 9. Jahrhundert in Obernberg Erze abbauen ließen. Einen urkundlichen Bericht hierüber gibt es allerdings nicht, doch scheint die St. Leonhardskirche in Vinaders darauf hinzuweisen. Sie ist das älteste Kirchlein der Gegend und man sagt, dass der Hl. Leonhard in alter Zeit nicht bloß als Patron der Pilger und der Gefangenen gegolten habe, sondern dass ihn besonders auch die Bergleute als ihren Schutzherrn verehrten.

Gegen Ende des 10. Jahrhunderts (etwa 960) ging der Reichshof Matrei mit Obernberg als königliches Geschenk über an das Hochstift Brixen und dieses nahm spätestens 1214 den wohl längere Zeit unterbrochenen Bergbau in Obernberg wieder auf. Etwas später (etwa 1250) wird Obernberg das St. Nikolauskirchlein erhalten haben. Urkundlich wird es erstmals genannt 1339 mit Friedhof. Der hl. Nikolaus galt seit alters als Patron in Wassergefahren, und da die Bergleute häufig von Wassereinbrüchen bedroht waren, so verehrten auch sie ihn als ihren Schutzherrn, zugleich jedoch als den Mehrer des Erz- und Metallsegens. Tatsächlich weiß die Ortssage zu erzählen, dass die St.Nikolauskirche in Obernberg fromme Bergknappen erbaut hätten, Kaiser Friedrich I (Barbarossa) verlieh im Jahr 1189 dem Hochstift Brixen die Bergrechte und Friedrich II. bestätigte sie mit einer Urkunde vom Jahr 1214 und darin heißt es: ,,Wir haben vernommen, dass in einigen Orten des Brixner Bistums Silbergruben entdeckt worden seien, wo man vermeint auf Silber bauen zu können.“ Man glaubt mit Grund annehmen zu dürfen, dass die erwähnten Silbergruben am Obernberg zu Vinaders entdeckt worden seien, weil das Hochstift Brixen ungefähr von dieser Zeit an in Obernberg wirklich fast 3 Jahrhunderte lang ein Silberbergwerk in Betrieb hatte. Anfangs mag das Bergbauunternehmen nur von geringem Umfang gewesen sein, aber bald erweiterte es sich auf mehrere Anlagen und auf verschiedene Gewerke. Im Jahr 1491 erwarb das Hochstift durch Kauf zu seinem bisherigen Besitzanteil noch zwei Neuntel (duas nonas partes fodinae in Vinaders, Sinn. 7,22) des Bergwerkes in Obernberg zu Vinaders. Als das Hochstift im Jahr 1497 den Markt Matrei mit Obernberg im Tausch gegen Feldthurns bei Brixen an Kaiser Maximilian I. abtrat, werden auch die Bergwerksanteile des Hochstiftes an den Kaiser übergegangen sein.

Den höchsten Stand der Blüte erreichte der Bergbau in Obernberg und Vinaders um die Mitte des 15. Jahrhunderts. Nach einem Ausweis des Berggerichtes Sterzing (Wolfstrigl-Erzbergbau, S. 280) gab es am Tribulaun, am Kühberg und am Neßlacher Joch in den Jahren 1481 bis 1514 285 Belehnungen an Schürfen, Neugruben, Gruben, Altgruben und Halden. Die Verhüttung der gewonnenen Erze geschah hauptsächlich in der Schmelzhütte zu Vinaders, westlich von St. Leonhard (Mulserhaus Nr. 23. h. Parigger Dav.), die bis 1560 in Betrieb stand. Eine Erzschmelze gab es auch im Dorf Gries (Schmelzhütte 1544) und eine andere in St. Jodok (Baurecht der Schmelzhütte 1480). Zum Teil kamen die Erze manchmal auch in das Schmelzwerk zu Gossensaß, das sonst für die Pflerscher Betriebe arbeitete. Um 1560 waren in Obernberg alle Betriebe aufgelassen und stillgelegt und kamen bis heute nicht wieder in Gang. Längst ist der letzte Hammerschlag verklungen und der letzte Bergmannsgruß verhallt, die Gruben sind verbrochen, die Stollen verfallen und die Halden übergrünt, nur am Kühberg, wo die Stolleneingänge durch Kalkstein führen, sind sie zum Teil noch erhalten oder doch erkennbar. Der Hauptgrund, weshalb in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts viele Tiroler Bergwerke ihren Betrieb schließen mussten, lag nicht etwa in dem Umstand, dass plötzlich jedes Erzvorkommnis erschöpft und aufgebraucht war, sondern vielmehr in der Tatsache, dass um diese Zeit große Mengen von Gold und Silber, von Zinn und Kupfer aus dem neuentdeckten Land Amerika zu Schiff herüberkamen. Diese Einfuhr verursachte einen starken Preissturz für alle Metalle, so dass sich die Tiroler Grubenarbeiter keinen hinreichenden Lohn mehr erwerben konnten. Dies war auch bei den Bergknappen in Obernberg der Fall. Manche Bergmannsfamilien und Einzelarbeiter wanderten aus, um sich anderswo Arbeit und Verdienst zu suchen, andere Familien aber blieben noch weiter im Ort, besonders solche, die ein Bauerngut innehatten. Die Pfarrbücher in Vinaders aus der Zeit um 1583 bis 1620 bringen in größerer Anzahl Familiennamen, die sicher mit dem Bergbau zusammenhängen und uns erzählen, welche Arbeit ihre einstigen Träger verrichtet haben.

Es finden sich folgende Namen:

1. Hammer, Schlögl, Saxer (sahs, eiserne Spitze, Spitzhaue), Nagele (Meißel, Bergeisen); sie waren die eigentlichen Erzknappen (Häuer) und erhielten ihren Namen vom Werkzeug, das sie handhabten.

2. Hartler und Hörtnagl, die als Schmiede die Werkzeuge instand zu halten, zu spitzen, zu Härten und zu stählen hatten.

3. Scheiber und Radl, die am Scheibenrad des Förderkorbes oder bei andern Winden und Haspeln ihren Dienst versahen.

4. Strickner, die für feste Seile und Stricke sorgen und sie allzeit in gutem Zustand halten mussten.

5. Gratl und Troger, die das gewonnene Erzgestein zutage oder zum Förderkorb brachten mit Schubgratten oder Bergtruhe.

6. Zimmerer und Holzmann, die die Stollen und Gänge da und dort mit Pfosten und Balken zu verschalen, die Schächte auszuzimmern und allerlei Hebewerke mit Winden einzurichten hatten.

7. Schmölzer, die in der Erzschmelze arbeiteten.

8. Schleiffer, die mancherlei Werkzeuge mit dem Schleifstein schärfen und

9. Schießer, die alle notwendigen Sprengschüsse vorbereiten und durchführen mussten.

Alle angeführten Namen sind deutsch und dürften zurückreichen in die Zeit von 1200 bis 1250, wo das Hochstift mit dem Bergbau begonnen hat. Die meisten aufgezählten Familien stehen heute noch in Obernberg oder in Vinaders und Gries in Blüte, einige sind abgewandert und einzelne mögen ausgestorben sein.

Im Jahr 1885 und dann noch einmal im Jahr 1886 ist Kurat Albert Hörmann von Vinaders, der früher Professor der Naturgeschichte gewesen war und daher die Gesteinsarten gut kannte, mit einigen Begleitern in einen Schacht am untern Kühberg eingestiegen; er drang in guter Ausrüstung mit Seil, Hammer, Laterne und Fackel in eine Tiefe von 32 Meter, untersuchte mehrere Seitengänge und einen Nebenschacht von 14 Meter Tiefe. Weiterhin waren Schächte und Gänge so verfallen, dass er sich nicht mehr durchzwängen konnte. Solche Baue aber gab es mehrere. Ein fachmännischer Bericht aus dem Jahre 1789 zählt bei 25 damals noch offene oder doch deutlich erkennbare Stolleneingänge und 10 oder 12 größere Halden am Kühberg auf. Bis heute ist der Verfall selbstverständlich noch weiter fortgeschritten.

Kurat Hörmann hat über seine Untersuchung des alten Bergwerkes einen schriftlichen Bericht hinterlassen und fasst das Ergebnis also zusammen: „Von Erzgestein war im ganzen alten Grubenbau wenig zu sehen und man begreift jetzt nicht mehr, wie sich vormals diese ausgedehnten Bauanlagen nutzbringend erweisen konnten.“ Zum Schluss zählt er die wichtigeren Mineralien auf, die sich in diesem Erzgebiet finden. Er bemerkt hiezu auch, dass schöne Kristallformen nur selten anzutreffen seien.

Man findet hier: 1. Flussspat, derb und kristallisiert als Würfel und Rhombendodekaeder, in blassrötlicher, grünlicher, bläulicher bis dunkelvioletter Farbe. 2. Zinkblende in rhomboedrischen Kristallen von schöner brauner oder gelbrötlicher Farbe. 3. Bleiglanz, kristallisiert in oktoedrischen Formen. 4. Fahlerz mit geringem Silbergehalt. 5. Baryt (Schwerspat), weißlich, meist blätterig. 6. Ankerit (Eisenspat) und kohlensaures Eisenoxyd. 7. Blaue Kupferlasur. All dies liegt im dolomitischen Alpenkalk (an der Bruchlinie mit dem Urtonschiefer).

In den Jahren 1920 bis 1930 untersuchten einzelne Ingenieure den alten Grubenbau, das Ergebnis war völlig gleich dem des Kuraten Hörmann.

Quelle: Alois Plattner, Der ehemalige Bergbau in Obernberg, in: Tiroler Heimatblätter, Monatshefte für Geschichte, Natur- und Volkskunde, 22. Jahrgang, Heft 3 / 4, März - April 1947, S. 46 - 49.
Rechtschreibung angepasst.
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