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Die Bergbauheiligen Barbara und Daniel in komplementärer Funktion
Von Gerhard Heilfurth

Im formenreichen Geschichts- und Traditionsgefüge der bergbaulichen Arbeits- und Lebenswelt spielt die Verehrung besonderer Berufsheiliger eine große Rolle. Sie beruht, kultursoziologisch und -anthropologisch gesehen, auf der spezifischen Struktur der Religiosität, wie sie sich auf Grund der Eigenart des montanen Aufgabenfeldes und der soziokulturellen Prägung der in ihm tätigen Menschen herausgebildet hat. Entscheidende Ansätze für diese Entfaltung und Konfigurationen geben die bergmännischen Grundfunktionen des Suchens, Findens, Gewinnens und Förderns der Bodenschätze mit all den damit verbundenen Problemen ab, aber auch die exponierten Situationen der Bergbauarbeit besonders unter Tage mit ihren Belastungen und Gefährdungen.

Die herausragenden heiligen Gestalten im Bergbaubereich sind Barbara und Daniel. 1 – 5) Die beiden von den Bergleuten über Jahrhunderte hin verehrten Schutzpatrone erweisen sich in ihrer Typik und ihrer geschichtlichen Ausformung als außerordentlich verschieden. Sie erscheinen deshalb im Überlieferungsgewebe des Montanwesens im Allgemeinen getrennt, denn die Schwerpunkte ihrer Verehrungsansätze liegen weit auseinander. Aber gerade dadurch ergänzen sie sich auch gegenseitig. Erst das Gewinnen tieferer Einblicke in die hier vorliegenden Überlieferungsfaktoren ermöglicht, diesen komplementären Funktionen nachzugehen. Im Verlauf der Forschung konnte aufgedeckt werden, dass in einzelnen Fällen der Bergbauüberlieferung Barbara und Daniel auch gemeinsam, nebeneinander und miteinander, auftreten. Sie repräsentieren dann die volle Breite der Hilfs- und Schutzmöglichkeiten, die die Bergleute in Zeiten intensiven religiösen Lebens von den Heiligen erhofften und erbaten. Diese Stellen sind selten und interessant, und sie liegen alle, soweit wir bisher dieses Problem klären konnten, in alpinen Montangebieten. Ehe wir sie behandeln, wollen wir wenigstens in Umrissen die jeweiligen Besonderheiten der beiden Gestalten, die für die Ausformung der Bergbaukultur 6) bedeutsam waren, ins Bewusstsein rücken.

1) Heilfurth, Gerhard: St. Daniel im Bergbau. Wien 1955, mit 14 Abb. (= erweiterter Nachdruck aus Zs. f. Volkskunde 50 [1953], S. 247—260). Leobener Grüne Hefte 17.
2) Derselbe: St. Barbara als Berufspatronin des Bergbaus. Ein Streifzug durch ihren mitteleuropäischen Verehrungsbereich. In: Zs. f. Volkskunde 53 (1956/57), S. 1 - 64, mit 15 Abb.
3) Derselbe: Neue Daten zur bergmännischen Danielverehrung. In: Hess. Bll. f. Volkskunde 49/50 (1958) (Festschrift für Hugo Hepding), S. 58—82, 12 Abb.
4) Derselbe: Die Danielgestalt in der bergmännischen Bildüberlieferung. In: Der Anschnitt 10 (1958), Nr. 6, S. 12—19, 10 Abb.
5) Derselbe: Das Heilige und die Welt der Arbeit am Beispiel der Verehrung des Propheten Daniel im Montanwesen Mitteleuropas. Marburg 1965, 2. erg. Aufl., mit 20 Bildtafeln.
Diese Arbeiten enthalten (mit Ausnahme des in Anm. 4 zitierten Aufsatzes) detaillierte Angaben der Quellen und Literatur, die hier aus Raumgründen bis auf einzelne Ausnahmen nicht alle wiederholt werden können; auf sie muss insgesamt verwiesen werden.
6) Zur Einordnung und zum Programm dieses umfangreichen Forschungsprojektes, um das es dabei geht, vgl. Heilfurth, Gerhard: Das Montanwesen als Wegbereiter im sozialen und kulturellen Aufbau der Industriegesellschaft Mitteleuropas, Wien 1972.

Zunächst zu St. Barbara. Die Jungfrau und Märtyrerin gehört in die Reihe der 14 Nothelfer und bildet hier zusammen mit Margaretha und Katharina die weibliche Dreiergruppe. 7) Die historisch ungesicherte Legende über Barbaras Leben und Martyrium berichtet in den Hauptlinien folgendes: Ihr Vater, ein angesehener Heide in Syrien, hielt das außergewöhnlich schöne Mädchen in einem Turm verborgen, um sie von christlichen Einflüssen fernzuhalten. Es handelt sich dabei um das alte epische Thema des auf seine Tochter eifersüchtigen Vaters, das aber hier auf die Motivierung der Abwehr christlicher Mission hingewendet wird. Barbara wurde dennoch, trotz dieser Abschließung, Christin. Ihr Vater klagte sie deshalb an und ließ sie bestrafen. Doch sie konnte entfliehen und fand zunächst Zuflucht in einem Fels, der sich vor ihr bergend auftat (von da aus wurde das Schutzpatronat zum Bergbau begründet), wurde aber verraten und kam ins Gefängnis. Trotz blutiger Marterung ließ sie sich nicht einschüchtern und wurde schließlich im Zorn vom eigenen Vater enthauptet, den dafür zur Strafe ein Blitz erschlug.

Den bildlichen Darstellungen der Heiligen sind im Gedenken an ihr schreckliches Schicksal meist Turm und Schwert beigegeben, oft auch ein Kelch, weil sie nach Erweiterungen der Legende (Märtyrerakten über sie tauchen seit dem 7. Jahrhundert auf) in ihrer Todesstunde Gott gebeten habe, er möge allen Sterbenden, die sie anrufen, wie ihr die Gnade der Kommunion erweisen. Diese Attribute (zu denen u. a. noch gelegentlich der Blitz tritt, der ihren Vater tötete) kehren in der Begründung für die einzelnen Patronate der Heiligen wieder, denn sie wurde zur Schutzpatronin verschiedener Berufe, und zwar im Rahmen einer sehr verbreiteten allgemeinen Verehrung mit vielen Kultelementen im Volksglauben und -brauch.

In diesem weitgespannten Kreis der Barbaraverehrung nimmt die speziell bergmännische Ausformung eine ganz besondere Stellung ein. Die schöpferische Ausdruckskraft der traditionsreichen Berufsgemeinschaft der Bergleute hat die Heilige mit eigenen Zügen ausgestattet und ihre Gestalt von verschiedenen Seiten her mit der Arbeitswelt des Bergbaus verknüpft. Diese bergmännische Ausschmückung hat vielfältigen Niederschlag gefunden, vor allem im Zusammenhang mit ihrem Gedenktag am 4. Dezember: in Brauch, Fest und Feier, in Lied und Gebet, in Gedicht, Erzählgut und Schauspiel, in Bau- und Bildwerk aller Art, in Kirchen und Kapellen, auf Altären, Fahnen und Wappen. Zu dieser liebevollen Ausgestaltung der schönen jungfräulichen Heiligen mag die Polarität zu der gefahrvollen, dunklen, betont männlichen Berufssphäre der Bergleute beigetragen haben. Hier und da erscheint sie geradezu in die Nähe der Jungfrau Maria gerückt, so etwa auf zwei zusammengehörigen Bildern in der Bergmannskirche zu Kallwang (Steiermark), die das gleiche Schutzmantelmotiv sowohl bei der Muttergottes als auch bei St. Barbara verwenden. 8)

Die Nothelferin, die auf Grund der dargestellten Legendenentfaltung als Bewahrerin vor jähem und unversehenem Tod und damit in Verbindung als Spenderin des letzten Sakraments verehrt wird, schien gerade für die Bergleute in ihrer gefahrenreichen Arbeit besonders als Schutzpatronin geeignet. Sie sahen darüber hinaus in ihr die Retterin aus Not und Bedrängnis, vor allem aus schwierigen Lagen in der Berufsarbeit. Da Barbara zudem weithin als Behüterin vor Blitzschlag, überhaupt vor Brand und Feuer, bekannt ist, wird unter den Bergleuten ihre Funktion als Abwehrheilige gegen Verletzungen bei der Sprengarbeit besonders betont. In gesteigertem Maße wurde

7) U. a. Schreiber, Georg unter Mitwirkung von Balthasar Gritsch , Hans Hochenegg, Helmut Lahrkamp: Die Vierzehn Nothelfer in Volksfrömmigkeit und Sakralkultur. Innsbruck 1959 = Schlern-Schriften Nr. 168.
8) Vgl. Heilfurth, wie Anm. 2, S. 4 f., S. 10 u. Abb. 1. Das Schutzmantelmotiv ist, was alpine Montangebiete anlangt, auch im bergmännischen Barbaralied angesprochen.

im Steinkohlenbergbau die vor Einführung der Sicherheitslampen so große Gefahr der schlagenden Wetter spezieller Anlass, die Heilige anzurufen.

Nun zu Daniel, dessen Patronat ganz andere Voraussetzungen und Zielvorstellungen hat. Die Heiligengestalt, deren große Bedeutung in der geschichtlichen Dimension bergmännischer Religiosität erst neuerdings aufgehellt werden konnte, geht auf die Überlieferung der Bibel zurück, auf den Bericht über einen der sog. vier großen Propheten des Alten Testaments. Das Buch Daniel, im Jahre 166/165 v. Chr. entstanden, schildert die wunderbaren Schicksale seines Helden während der Exilzeit des Volkes Israel unter den Königen Nebukadnezar und Belsazar von Babylon und unter Darius und Cyrus von Persien. Von diesen Erzählungen her ist das Bild Daniels in der bergmännischen Überlieferung geprägt. Aus vornehmem Geschlecht stammend, wurde er mit einigen Gefährten unter den israelitischen Gefangenen zum Dienst am Königshof ausgewählt. Seine Klugheit ließ ihn alle überragen. Vor allem gab ihm Gott „Verstand zu allen Gesichten und Träumen“ (Kap. 1). Durch diese Sehergabe gelangte er zu Ruhm und Ehre und gewann hohe Stellungen. Er wurde zum ,,Obersten aller Weisen“ erhoben. Auf seinem wechselvollen Leidensweg, zu dem auch die bekannte Geschichte von der Rettung aus der Löwengrube gehört, blieb er trotz aller äußeren Ehrungen fromm, und in dieser Haltung gründete die Vollmacht, mit der Hilfe Gottes und seiner Engel Gabriel und Michael, die hier in der Bibel zum ersten Mal auftreten, „Träume zu deuten, dunkle Sprüche zu erraten und verborgene Sachen zu offenbaren“ (Kap. 5).

In unserem Zusammenhang sind zwei Erlebnisse von besonderer Wichtigkeit. Zum ersten ist es der Traum Nebukadnezars von einer Statue aus vier Metallen, aus Gold, Silber, Kupfer und Eisen, die durch einen Stein zu Fall kommt — Daniel erklärt ihn dem König mit der Abfolge von vier Weltreichen, deren Glanz und Wert, analog den vier Metallen, von Stufe zu Stufe absinkt (Kap. 2). Zum andern ist es eine Vision, die Daniel unter dem König Cyrus hatte, die Vision einer himmlischen Erscheinung, deren „Arme und Füße wie helles, glattes Erz“ waren und die auf das Kommen des Messias hindeutete (Kap. 10). Johann Mathesius bezeugt uns in seinen Predigten, die er als Bergmannspfarrer in St. Joachimsthal während der Jahre 1553 bis 1562 gehalten hat, dass auf die Weise Daniel den Ruf eines „Metallkundigen“ gewann und die Fundgrübner und Schlägelgesellen ihn als einen der ihren ansahen: „Bergleut halten ihn für einen Bergmann, weil er die vier Kaisertum in vier Metallen abmalet und des Sohnes Gottes Arme und Füße in einem gluwen (= glühenden) Erz oder Kupfer oder glänzenden Kies oder Markasit gesehen und gehört habe“. 9)

In diesem Überlieferungszusammenhang wurzelt die Volkslegende, die sich die Bergleute von Daniel erzählt haben. Sie wirft Licht auf das vertraute Verhältnis, in dem die Erzknappen zu dieser sakralen Gestalt standen. Der Inhalt ist, auf seine wesentlichen Züge zusammengedrängt, folgender: Daniel wurde in einem Traum verheißen, er werde im Gezweig eines Baumes ein Nest mit goldenen oder silbernen Eiern finden. Er macht sich auf die Suche, entdeckt den Baum und klettert hinauf in die Krone, aber er findet nichts. Da erscheint ein Engel und verweist ihn auf das „Gezweig“ unter der Erde, das Wurzelwerk. Beim Nachgraben findet sich ein Erzlager, wobei darauf hinzuweisen ist, dass seit alters das Wort „Nest“ eine Bezeichnung für die bestimmte Form einer mineralischen Lagerstätte in der Fachsprache des Bergbaus ist. 10) Auf Grund dieser Fundgeschichte verehrten die Bergleute ihn als Entdecker des Bergbaus und als Lehrmeister beim Suchen und Finden.

9) Mathesius, Johann: Sarepta, Nürnberg 1571 (1. Aufl. 1562) gegen Ende der 3. Predigt, Bl. 40 a und b.
10) Veith, Heinrich: Deutsches Bergwörterbuch mit Belegen. Breslau 1870/71, S. 350; Göpfert, Ernst: Die Bergmannssprache in der Sarepta des Johann Mathesius. Straßburg 1902, S. 64 f.

Die Attribute, die den Propheten in der ikonographischen Überlieferung als zum Bergbau gehörig kennzeichnen, sind vor allem eine Erzstufe und/oder die bergmännischen Grundwerkzeuge („-gezähe“) Schlägel und/oder Eisen. Dazu können als biblische Bezugspunkte eine Prophetenrolle bzw. ein Buch oder ein Löwe kommen. Auch das Baummotiv (im Zusammenhang mit einem Traumgesicht), wie es in den Bildzeugnissen der bergmännischen Daniellegende aufscheint, hat eine biblische Wurzel (Dan. Kap. 4) und ist zugleich im Themenschatz der bergmännischen Fundsage präsent. 11)

Wo nun treffen die beiden Heiligengestalten mit ihren, idealtypisch gesehen, jeweils ganz andersartigen Voraussetzungen und Aufgabenstellung im Strom der Überlieferung zusammen?

Zunächst sei auf den eindrucksvollen Beleg vom Anfang des 16. Jhs. in dem alten Südtiroler Bergbauort Villanders, hoch über Klausen gelegen, hingewiesen. Dort finden sich Bergbaupatron und -patronin in gleichrangiger Anordnung auf dem schönen Glasgemälde eines Fensters in der Kirche St. Stephan. Die Gesamtdarstellung ist in sechs Felder eingeteilt. Die Mitte der oberen Reihe nimmt ein Madonnenbild ein; links davon steht Daniel, mit einem Hermelinmantel fürstlich gekleidet, in einer Hand einen Schlägel, in der anderen eine Erzstufe haltend und gegenüber St. Barbara, gekennzeichnet durch Turm und Kelch. Die untere Hälfte des Glasgemäldes ist wiederum dreigeteilt. Das mittlere Feld zeigt das Bergmannswappen mit dem gekreuzten Gezähe, darunter drei Würfel als Sinnbild des unsteten Glücks, dem der Bergmann sich in seiner Arbeit stellen muss. Flankiert wird dieses Symbolisierung durch Szenen aus dem bergbaulichen Arbeitsleben der Zeit um 1500. So standen hier die beiden Sakralgestalten, gleichsam vom beruflich-betrieblichen Milieu der Montanwelt mit ihren besonderen Bedingungen und Kennzeichen getragen, der Bergbaubevölkerung in allen Gottesdiensten über die Zeiten hin anschaulich vor Augen. Dieses Nebeneinander von Daniel und Barbara ist in Villanders auch durch eine der dortigen Knappenfahnen aus dem 18. Jahrhundert bezeugt, die noch heute bei hohen Feiertagen benutzt wird; sie zeigt den Propheten in der Löwengrube und die standhafte Jungfrau bei der Enthauptung.

Ein weiteres Südtiroler Dokument für die gemeinsame Verehrung Barbaras und Daniels an Bergbauorten liegt in einer bemerkenswerten Votivtafel in der Pfarrkirche Moos zum Gedächtnis an 29 Bergleute vor, die 1693 bei einem schweren Lawinenunglück auf dem Schneeberg jählings umgekommen sind. Sie knien auf dem Erinnerungsbild in Knappentracht zu Füßen der beiden Heiligen und heben, als vom Tod Gezeichnete durch Kreuze signiert, im Gebet die Hände zu ihnen empor. Die Komposition der Gedenktafel ist dem Aufbau des Glasgemäldes von Villanders ähnlich: Wieder erscheinen Daniel und Barbara, dieses Mal in den Wolken stehend, der Muttergottes als der Zentralgestalt zugeordnet. Daniel hält Schlägel und Eisen in der Linken und ein Erzstück in der Rechten, neben ihm liegt als weitere Beigabe ein Buch und unter dem Umhang des Bergbaupatrons schaut ein Löwe hervor, so dass hier bergmännische und biblische Attribute den Heiligen unverwechselbar identifizieren. Barbara hat wieder in der Rechten den Kelch, während sie diesmal in der Linken einen Palmzweig hält, das Symbol der Märtyrer als Zeichen des Sieges über den Tod und des Einzugs in das Paradies. Auch in unmittelbarer Nachbarschaft des Bergbaubetriebes selber, und zwar

11) S. dazu Heilfurth, wie Anm. 5 S. 8 und vor allem die dazugehörigen ausführlichen Anmerkungen. Das Baummotiv ist neuerdings von seiten der Kunst- und Symbolgeschichte im Blick auf die Gestaltung der spätgotischen Hallenkirchen mit der bergmännischen Daniellegende in Verbindung gebracht worden; vgl. Möbius, Friedrich und Helga: Ecclesia ornata. Ornament am mittelalterlichen Kirchenbau. Berlin 1972, insbes. S. 237 ff. Zu dem Motiv vgl. auch Heilfurth, Gerhard unter Mitarbeit von Ina-Maria Greverius: Bergbau und Bergmann in der deutschsprachigen Sagenüberlieferung Mitteleuropas. Marburg 1967, u. a. S. 82 ff. und die Nummern 50, 52, 53.

auf dem Altar in dem Knappenkirchlein „Maria zum Schnee" auf der Höhe des Schneebergs ist das Heiligenpaar mit einer Darstellung vertreten, erneut in der gleichen Anordnung. Beiderseits von Maria mit dem Jesuskind auf einem Ölgemälde sind die Sakralgestalten als Statuen aufgestellt, Barbara mit Kelch und Schwert, Daniel mit Schlägel und Eisen.

Nicht in dieser offensichtlich traditionsgebundenen Konstellation, aber doch unter dem gleichen Dach eines Gotteshauses lassen sich die beiden Heiligenfiguren in der frühgotischen Kapelle St. Daniel auf dem Kiechelberg bei Auer unterhalb Bozen im Etschtal nachweisen. Um die Mitte des 15. Jahrhunderts wurde dieses Kirchlein von Peter von Katzbeck erneuert, dem Inhaber des Hofes „St. Daniel“, auf dessen Grund und Boden die Kapelle errichtet ist. Katzbeck gehört zu einer alten alpenländischen Gewerkenfamilie, so dass auf die Weise die Verbundenheit zum Bergbau bezeugt ist. Dem Propheten Daniel hat man hier als Kirchenpatron eine Anzahl von bildlichen Darstellungen gewidmet, darunter eine auf dem geschnitzten Flügelaltar von 1525, die als Bergmannspatron durch das beigegebene Eisen ausgewiesen ist. Eine Barbarafigur steht links vom Altar; wenn sie auch nicht unmittelbar als Pendant zu Daniel fungiert, so ist sie doch in dem Sakralzusammenhang zu sehen.

In Gossensaß gibt es ein entsprechendes Zeugnis mit umgekehrter Zuordnung: In einer St. Barbara geweihten Kapelle aus dem Jahr 1510, die durch ein Wappenschild mit dem Emblem des gekreuzten Schlägels und Eisens am Portal bergmännisch signiert ist, erscheint unter einer Reihe von Bildern der heiligen Märtyrerin auch ein Altargemälde von Daniel, und zwar ist er auf der Innenseite des rechten Predellaflügels in seiner Funktion als bergbaukundiger Lehrmeister, der einem Knappen bei der Arbeit im Gestein Rat erteilt, dargestellt.

Als ein weiteres Überlieferungszeugnis für das Nebeneinander der beiden Montanheiligen konnte kürzlich der Anna- oder Knappenaltar in Bartholomäberg (Vorarlberg) ermittelt werden. Auf diesem spätgotischen Flügelaltar, der in der Blütezeit des dortigen Bergbaus entstanden ist, findet sich die Gestalt Daniels im unteren Feld der Innenseite des linken Flügels, und an der korrespondierenden Stelle des rechten Flügels steht als Gegenstück die Schutzpatronin der Bergleute.

Wiederholt erscheinen Barbara und Daniel auch als Partner auf Bergwerksfahnen, wie uns schon eine in Villanders begegnet ist. Andere alpenländische Beispiele finden sich in Brixlegg, in Schladming und in Eisenerz. Die verschiedenen Funktionen, die für die beiden Heiligen in der bergmännischen Glaubenswelt Gültigkeit hatten, kommen in variierenden Anrufen auf der Eisenerzer Fahne zum Ausdruck. Da heißt es zum einen „Heilige Barbara, beschütze uns“ und zum ändern „Heiliger Daniel, bitte für uns“.

Diese Funktionsvarianten, die selbstverständlich in einem breiten und bunten Spektrum der Heiligenverehrung überhaupt gesehen werden müssen und bei getrenntem Auftreten leicht wechselseitig austauschbar erscheinen, zeigen sich immer wieder expressis verbis in Formeln und Gebeten, in Lied- und Erzählgut, aber auch in der attributiven Ausstattung und in bildhaften Gebärden, aus denen sich in diesem Überlieferungsbereich die Formenwelt bergmännischer Religiosität vor allem auf der Basis von Erfahrungen in der Untertagearbeit erschließen lässt. Dabei handelt es sich um spezifische Äußerungen aus einem sonst schwer fassbaren Komplex christlicher Frömmigkeit 12) in der Grundschicht unserer mitteleuropäischen Kulturzusammenhänge. Es erweist

12) Vgl. dazu Heilfurth, Gerhard: Notizen zum Phänomen der Frömmigkeit. In: Strukturwandel der Frömmigkeit. Hg. von Eberhard Amelung u. a. (Festschrift für Dietrich von Oppen). Stuttgart u. Berlin 1972 S. 167 ff; derselbe: Gottesdienstliche Formen im beruflichen und betrieblichen Leben des Bergbaus. In: Verantwortung für den Menschen. Beiträge zur gesellschaftlichen Problematik der Gegenwart. Hg. von Friedrich Karrenberg u. Joachim Beckmann. Stuttgart 1957, S. 264 ff.

sich, dass Daniel und Barbara die beiden wesentlichen Kultgestalten der Bergleute neben zahlreichen anderen Heiligen in den einzelnen Bergbaurevieren und -zweigen 13) sich im Sinngefüge des Volksglaubens über Jahrhunderte hin ergänzen, wenn man die Überlieferungen innerhalb der bergbaulichen Lebens- und Arbeitswelt daraufhin überprüft.

Auf Daniel, den „Bergverständigen“, wie er in der ältesten gedruckten Bergbaukunde, dem „Bergbüchlein“ des Ulrich Rülein von Calw, genannt wird, richtete sich vorwiegend die Bitte um Hilfe bei der Aufschließung und Gewinnung der im Schoß der Erde verborgenen Mineralien, auf Barbara, die Märtyrerin, dagegen der Anruf um Beistand in Bedrohung, Not und Gefahr. Der Prophet Daniel nahm im Berufsleben der Fundgrübner und Schlägelgesellen, der Steiger und Knappen seit alten Zeiten eine durch Kenntnis und Erfahrung verbürgte Führüngsrolle ein, während St. Barbara in der dunklen Tiefe der Gruben, der Schächte, Strecken und Stollen, im Bereich einer rauhen Männerwelt das Element der Liebe und Barmherzigkeit verkörpert, wie es eindrucksvoll im Schutzmantelmotiv anschaulich wird. Natürlich überschneiden sich die Bedürfnisse nach Hilfe und Schutz im religiösen Alltag. Wer in wirklicher Bedrängnis oder gar Verzweiflung war, der fragte nicht nach Funktionsteilung der Mittler zwischen Gott und Mensch, sondern griff nach jeder Möglichkeit rettender Kraft, wie sie sich von Fall zu Fall im tradierten Glaubensreservoir gerade anbot.

Innerhalb der gesamten bergmännischen Danielüberlieferung überwiegt aber die Funktion des Ratgebers und Helfers bei der Arbeit, der insbesondere für den richtigen Anbruch sorgt, in jeder Hinsicht die des Beschützers, die nur vereinzelt bezeugt wird; so lässt sich in der Schwazer Bergchronik unter dem Jahr 1534 z. B. nachlesen, daß ,,aff dy vürpytt sand Danyellen“ bedrängten Knappen bei Grubenunfällen aus der Not geholfen wurde. 14)

Bewahrung in Leben und Arbeit bis hin zum Tod — das ist dagegen in erster Linie, was die Heilige Barbara den Bergleuten vermittelt, so wie es in einer Bittstrophe der steirischen Fassung des gesamtdeutschen Bergmannsliedes „Gott sei allein die Ehre“ 15) als Anliegen ausgedrückt ist:

Wann wir in die Gruben fahren,
St. Barbara, steh uns bei,
Du wollst uns stets bewahren,
Wann wir fahren aus und ein,
Und wann es kommt zum Sterben
An unserm letzten End,
Hilf, dass wir würdig empfangen
Das heilige Sakrament.

In einzelnen Fällen jedoch sieht man in der Märtyrerin auch diejenige, die suchen und finden hilft; folgende Verse eines anderen Bergmannsliedes, eines Barbaraliedes, aus der Steiermark „Glückauf ihr Bergleut jung und alt, erhebet eure Stimmen all“ verlautbaren diese zusätzliche Leistung:

13) Heilfurth, Gerhard: Die Bergmannsheiligen. In: Kristall. Ein Buch für den Bergmann. Hg. von Ludwig Niemann, Essen 1956, S. 107 - 110, hier 109 f.
14) Heilfurth, Sagenüberlieferung wie Anm. 11, Nr. 459.
15) Zu den Barbara-Varianten dieses weitverbreiteten Liedes vgl. Heilfurth, Gerhard: Das Bergmannslied. Wesen, Leben, Funktion. Ein Beitrag zur Erhellung von Bestand und Wandlung der sozialkulturellen Elemente im Aufbau der industriellen Gesellschaft. Kassel und Basel 1954, S. 290 ff. u. 637 f.

Du segnest stets die Möglichkeit,
Die sich in diesem Berge zeigt,
Nicht minder First und Sohle,
Den Kompass weiset Deine Hand,
Uns hin zu führen zur rechten Wand,
Glückauf, Glückauf, Glückauf! 16)

Immer wieder wird offenbar, dass der Mensch auch in der technischen Welt mit ihren von Rationalität geprägten Tatbeständen und Sachverhalten nach dem „ganz Anderen“ Ausschau hält, nach dem Transzendenten, auf das er sein Vertrauen richten kann. So waren durch die Zeiten Barbara und Daniel den Bergleuten inmitten ihres Arbeits- und Berufsgefüges konkrete Gestalten der Vermittlung zwischen Mensch und Gott, an die sie sich wenden konnten, wenn es ihnen danach ums Herz war. Das fortschreitende Vordringen des kritischen Geistes im geschichtlichen Phasenwechsel der Neuzeit hat freilich Schritt für Schritt auf vielen Wegen die religiöse Substanz, den „Glauben“, zugunsten wissenschaftlicher Erkenntnis, des „Wissens“, abgebaut, in jenen großen Prozessen, die Max Weber „Entzauberung der Welt“ genannt hat oder die Rudolf Bultmann unter dem Stichwort „Entmythologisierung“ interpretiert. Diese Prozesse vollziehen sich auf allen Ebenen, und damit ist auch die Einschränkung der sakralen Dimension verbunden.

Zunächst verlor durch diese gesamtgeschichtliche Entwicklung die Danielverehrung im Zuge des permanenten Ausbaus der Bergbaukunde in Verbindung mit der naturwissenschaftlich-geologischen Forschung und der darauf beruhenden bergmännischen Fachbildung an Boden. Mit der Entwicklung der exakten Prospektions- und Produktionsplanung in der Gewinnung der Bodenschätze büßte die Vorstellung der Abhängigkeit von den höheren Mächten beim Suchen und Finden der Lagerstätten mehr und mehr ihre Tragkraft ein, und damit schwand die religiöse Bedeutung des Bergmannsheiligen. An die Stelle von „prophetischer Anweisung“ und „Fundglück“ 17) trat die methodische Kalkulation und Disposition beim Erschließen der Flöze und Gänge. Das Vorrücken der wissenschaftlichen Bewältigung und der kritischen Reflexion ging Hand in Hand mit dem umfassenden Prozess der Säkularisierung. So geriet der Danielkult im Gefolge der Aufklärung nach und nach fast ganz in Vergessenheit.

Anders die Barbaraverehrung. Sie hielt sich bis zur Gegenwart, ja in ihre Aura ging die Funktion des abtretenden Bergbauheiligen z. T. mit ein, wie es z. B. das eben erwähnte steirische Barbaralied zum Ausdruck bringt, das um 1800 aufgezeichnet worden ist. 18) Denn die menschlich-seelischen Leerräume, die sich inmitten der angedeuteten

16) Ebenda, S. 446 f. u. S. 647.
17) In dem Zusammenhang ist aufschlussreich, dass auch der Bergmannsgruß „Glückauf“, der um 1680 in Brauch kam — schon im Spannungsfeld von Religiosität und Rationalität, aber noch gefüllt mit religiöser Substanz — 'etwa 150 Jahre später von Goethe (der ja nicht nur montanistisch interessiert, sondern auch als Staatsminister in Weimar für den Bergbau beruflich tätig war und die bergmännische Formel selber gern gebrauchte) dem Fluidum des gewandelten Zeitgeistes ausgesetzt wurde. Die kennzeichnende Stelle findet sich in „Wilhelm Meisters Wanderjahren“, die durch die Gestalt des Jarno Montanus Bezüge zur bergbaulichen Welt aufweisen. Darin heißt es: „Montan geleitete seinen Freund ... in dem Bergrevier methodisch umher, überall begrüßt von einem derben Glück auf!, welches sie heiter zurückgaben. Ich möchte wohl, sagte Montan, ihnen manchmal zurufen: Sinn auf!, denn Sinn ist mehr als Glück . . . Das Glück thut's nicht allein, sondern der Sinn, der das Glück herbeiruft, um es zu regeln“ (Weimarer Ausgabe I Bd. 25, l, S. 202).Goethe deutet hier an, dass im Zuge des geistesgeschichtlichen Prozesses ein wissenschaftlich orientiertes Welt- und Bergbauverständnis entstanden ist und damit die überlieferten Formen in ein neues Licht gerückt werden. Zur Einordnung dieser Passage in den Gesamtkomplex der Glückauf-Überlieferung vgl. Heilfurth, Gerhard: Glückauf! Geschichte, Bedeutung und Sozialkraft des Bergmannsgrußes. Essen 1958.
18) Wie Anm. 16. Quellenangabe: Aus dem Steiermärkischen Landesarchiv um 1800.

gesamtkulturellen Veränderungen noch dazu durch die ständige Zunahme der betrieblichen Funktionalisierung notwendigerweise auch im Bergbau ergaben, ließen die Sehnsucht nach Geborgenheit, nach Trost und Bewahrung in Not und Bedrängnis offen. Es nimmt nicht wunder, dass in einer so gelagerten Konstellation und in einer so exponierten Arbeitswelt wie der des Bergbaus bei der ansteigenden religiösen Verunsicherung sich die irrationalen Bedürfnisse nach Zuflucht ins Transzendente auch auf die schutz- und gnadenverheißende Gestalt der heiligen Jungfrau mit ihren Zügen der Güte, Freundlichkeit, Menschenliebe und Anmut richteten. So ist es auch verständlich, dass die bergmännische Verehrung der Schutzpatronin als ein Element des Widerstandes gegen die Verarmung der Frömmigkeit gerade nach dem Zweiten Weltkrieg im Ansturm der Entwurzelung und im Rückgriff auf unverbrauchte Tradition noch einmal große Lebendigkeit gewann, 19) wobei zugleich die seit langem in Brauch gekommene fröhlichgesellige Form der Barbarafeiern im männerbündischen Bereich des Bergbaus ihre Geltung behielt und noch immer besitzt. 20) Gottvertrauen und Heiterkeit schließen sich ja nicht aus, sie bedingen vielmehr einander wie Ernst und Spiel überall in humanen Lebensordnungen.

Der Beitrag beruht auf umfangreichen Forschungen zu diesem speziellen Themenkreis, die ich bereits vor dem Zweiten Weltkrieg im Rahmen meiner Untersuchungen zur Bergbau- und Industriekultur begonnen habe. In den ersten Nachkriegsjahren habe ich auf die Bitte von Prälat Prof. Dr. Georg Schreiber meine einschlägigen Forschungsergebnisse für einen geplanten Sammelband zum religiösen Leben der Bergleute niedergeschrieben, der 1952 erscheinen sollte, aber dann nicht zustande kam. Ich hatte darin insbesondere das Danielproblem auf Grund meiner Untersuchungsresultate in neue Zusammenhänge gestellt. Georg Schreiber hat sie der Öffentlichkeit übergeben (in: Der Anschnitt, Jg. 5/1953, Nr. 3, S. 12 - 13), ohne auf meine Forschungen hinzuweisen bzw. das Erscheinen meiner ausführlichen Darlegungen über den Bergmannsheiligen Daniel in der Zeitschrift für Volkskunde abzuwarten, die nach rund zehnjähriger Unterbrechung durch den Krieg und seine Folgen das erste Mal 1953 wieder herausgekommen ist.

19) Heilfurth, wie Anm. 2 an verschiedenen Stellen. Vgl. auch Krins, Franz: Die neue Barbara-Verehrung in Nordrhein-Westfalen. In: Jb. f. Volkskunde d. Heimatvertriebenen II (1956), S. 154 - 166.
20) Im neuen liturgischen Kalender, der im Anschluss an das Zweite Vatikanische Konzil entstanden ist, fehlt übrigens Barbara, weil sie zu den Heiligen gehört, die nicht auf historisch verlässliche Quellen zurückgeführt werden können. Vgl. dazu Grünwald, Johannes: Vatikan entthront Heilige. In: Der Anschnitt 1969, Nr. 5, S. 13 - 21, und Mutschlechner, Georg: Die entthronten Heiligen, ebenda 1971 Nr. 3, S. 28 - 29. Mutschlechner weist darauf hin, dass durch diese Maßnahme des Vatikans die Barbara-Bräuche der Bergleute keineswegs beseitigt werden sollen, auch nicht, was das Patronat anlangt.

Quelle: Gerhard Heilfurth, Die Bergbauheiligen Barbara und Daniel in komplementärer Funktion, in: Bergbauüberlieferungen und Bergbauprobleme in Österreich und seinem Umkreis, Festschrift für Franz Kirnbauer zum 75. Geburtstag, Herausgegeben von Gerhard Heilfurth und Leopold Schmidt, Wien 1975, S. 107 - 114.
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