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Barbara.
Dr. A. Wrede

Barbara, Jungfrau und Märtyrerin aus Nikomedien, Tochter eines reichen Heiden, wegen ihrer Schönheit in einem Turme verborgen gehalten, nach der Überlieferung von Origenes im christlichen Glauben unterrichtet, deswegen vom eignen Vater dem Richter überliefert und hingerichtet, Fest am 4. Dezember, auch in der griechischen Kirche an diesem Tage gefeiert, zählt zu den vierzehn Nothelfern und ist überhaupt eine vielseitige Patronin 1).

1) Samson Die Heiligen als Kirchenpatrone 136–139; Korth Die Patrozinien im Erzbistum Köln 29; Künstle Ikonographie 112–115.

1. Aus ihrem reichen Legendenkranz sei wegen des Motivs jene Erzählung herausgegriffen, nach der sie durch einen Felsen hindurch der Verfolgung ihres Vaters entkam und den Hirten zu Stein verwünschte, der ihren Weg dem Verfolger verriet 2). Eine andere, nach der sie der Steinwand des Tempels drei Kreuze mit dem Finger eindrückte, wird von Seb. Brant, Leben der Heiligen 2, 83, mitgeteilt 3).

In der deutschen Sagengeschichte spielt sie eine gewisse Rolle. Sie trat an die Stelle der Gerpet-Borbet-Barbet (Werbet), die zu den Saligen Fräulein, den drei Schwestern Ainbet, Gerbet, Werbet gehört 4). In einer badischen Sage ist sie zur Weißen Frau geworden 5).

2) Laistner Nebelsagen 166. 239. 3) Wolf Beitr. 2, 31. 4) Höfler Waldkult 9. 59; Panzer Beitrag 64; Simrock Myth. 584, 86; Wolf Beitr. 2, 173. 5) Baader Sagen 161; ZfVk. 13 (1903), 436.

2. Der Barbaratag, bereits in den ältesten Kölner Festkalendern aufgeführt 6), gilt als besonderer Festtag, vorzüglich gefeiert von Bergleuten und Grubenarbeitern, Artilleristen und andern. In Hassel (Luxemburg), wo sie z.B. zu den besonderen Heiligen der Diözese gehört, lassen (oder ließen) die Frauen eine Messe lesen, legen beim Opfergang um den Altar ein Gebund feinsten Flachses oder Werges auf den Muttergottesaltar als Opfer bzw. Geschenk für den Geistlichen, der die Messe liest 7). Der Tag ist am Rhein, ähnlich dem unmittelbar folgenden Nikolaustag, ein Geschenktag für die Kinderwelt 8). Bei den Christen in Aleppo erhalten die Kinder einen Teller mit gekochten Weizenkörnern und Zuckerwerk, worin ein Kranz von kleinen Kerzen steckt 9). In Kroatien gehen die Knaben im Dorf Gaben heischen.

6) Zilliken Kölner Festkalender 120. 131. 7) Fontaine Luxemburg 2. 8) Wrede Rhein. Volksk2 227; Ethnol. Mitt. a. Ungarn 4, 173. 9) Sartori 3, 12.

3. Man soll am Barbaratag nicht nähen, sonst legen die Hühner das ganze Jahr hindurch nicht 10). Wer an ihm fastet, abends vor dem Schlafen einen Weiberrock unter das Kissen legt, kann im Traume seine zukünftige Lebensgefährtin sehen, wenigstens nach dem Glauben oder der Überlieferung der Südslawen 11). Den Magyaren gilt er als einer der Tage, an denen man versuchen soll, Schätze zu graben 12). Bei den Südslawen ist er vorzugsweise der Tag der Zauberei. Die altgläubige Bäuerin kocht an ihm „varice“ (Feldfrucht) zu Brei und prophezeit aus diesem vielerlei heraus 13). Er gilt auch als Lostag, wie der Spruch bezeugt: Kalt mit Schnee – Verspricht viel Korn auf jener (!) Höh 14).

10) Aus Ungarn: ZfVk. 4 (1894), 407. 11) Krauß Sitte u. Brauch 179. 12) Wlislocki Magyaren 98. 13) Krauß Volkforschungen 83. 14) Drechsler 1, 166.

4. Als Schutzheilige der Sterbenden, vorzüglich Schwerverwundeter, wird sie in der Todesstunde angerufen 15). Wer Barbara verehrte, wird vor einem jähen und unbußfertigen Tode, d.i. Tod ohne Sterbesakramente, bewahrt 16). Sie soll Schildwacht halten, wenn das letzte (!) Sterbestündlein nachts zwischen fünf und sechs fällt. Auf ihre Hilfe in Todesnöten weisen bereits ältere Sprüche und noch in jüngerer Zeit lebendige Gebete hin 17). Nach der Legenda aurea wurde sie auch von (gebärenden) Frauen in unmittelbarer Lebensgefahr angerufen 18).

15) ZfVk. 1 (1891), 304; 8 (1898), 396. 399; Drechsler 2, 274. 16) Hörmann Volksleben 205; E. Schmidt Volksk. 126; Drechsler 2, 274. 17) Geistl. Schild 126. 128 f. 18) Franz Benediktionen 2, 202. 204.

5. Von den Artilleristen wird die Heilige zum Schutz gegen feindliche Geschosse angerufen und ihr Tag in außerordentlicher Weise gefeiert 19). Auf Arsenalen brachte oder bringt man ihr Bild an, und auf französischen und spanischen Kriegsschiffen heißt nach ihr die Pulverkammer „Ste Barbe“. Auch tragen wohl Kanoniere ihr Bild wie ein Amulett, mit einem Spruch versehen, etwa mit der Bitte: „Heilige Barbara, hilf in der Not, Schenk uns den Sieg, den Feinden den Tod“ 20). Anlaß zu diesem Patronat mag der Turm gegeben haben, den sie auf Abbildungen in der einen Hand oder in den Armen oder neben sich hat. Weiter wurde sie Schutzheilige aller, die mit Pulver arbeiten oder Feuer zu bekämpfen haben.

19) ZfVk. 1 (1891), 304; Hoffmann-Krayer 97; Wolf Beiträge 2, 90 (mit Hinweis auf Lasicz 144). 20) Kronfeld Krieg 73. 141 f. Die an letzterer Stelle ausgesprochene Vermutung (Barbara als Nachfolgerin weiblicher Schlachtgottheiten aus heidnischer Zeit) ist abzulehnen.

6. Sie wurde auch Patronin der Berg- und Grubenarbeiter 21), die an ihrem Tage die Arbeit ruhen lassen, in festtäglicher Tracht und feierlichem Kirchgang ihr Fest begehen und in manchen Gegenden von den Grubenbesitzern bewirtet werden 22). Das Barbarabrot genannte Gebäck, das die Knappen des Rauriser Goldbergwerks von der Bergwerksköchin auf Grund des Knappenrechts erhalten, ist eine sogenannte Strutz aus Lebzeltenteig. Die Knappen selbst stellen in der Barbaranacht Speise und Trank für die Bergmannl auf den Tisch der großen Stube des Berghauses, wie man sonst z.B. am Allerseelentag tut, Seelenopfer am Hausaltar. Die Bergleute empfehlen sich ihrem Schutze gegen plötzlichen Tod. Ein Bergmann, der ihr zu Ehren an ihrem Tage in der Grube ein Licht brennen läßt, stirbt eines natürlichen Todes 23). Bei der Einfahrt ins Bergwerk stimmen Bergknappen des Gonzenbergwerks im Kanton St. Gallen ein Lied an, in dem am Schluß ihr Beistand erfleht wird: „Und wenn's wir aus- und einfahren, St. Barbara steh' uns bei“ 24).

21) Waibel u. Flamm 2, 247; ZfVk. 1 (1891), 304. 22) MschlesVk. 13 (1905), 81; Klapper Schles. Volksk. 151. 23) ZföVk. 4 (1898), 146. 24) Baumberger St. Galler Land (1903), 165; Albers Das Jahr 305.

7. Auch gegen Blitzgefahr mußte und muß sie helfen und wird deshalb in Formeln (Wettersegen) des 15. und 16. Jahrhunderts wiederholt genannt 25), auch in Gewittersprüchen 26) oder Bannsprüchen, z.B. bei den Südslawen (Hl. Barbara, schiebe die Wolken auseinander) 27), und in Liedern, die die Kinder bei einem Gewitter singen, besonders nachts 28).

25) Franz Benediktionen 2, 98. 104. 26) Schneller Wälschtirol 247. 27) Krauß Volkforschungen 82. 28) Liebrecht Zur Volksk. 391; Sébillot Folk-Lore 1, 106.

8. Nach ihr und den heiligen Jungfrauen Margareta und Katharina werden häufig Kirchenglocken benannt, besonders Wetterglocken, die bei schweren Gewittern geläutet werden 29). Daher wird sie auch von den Glöcknern als Patronin verehrt. An ihrem Tage stattet man z.B. in der Schweiz den Glocken der Dorfkirche einen Besuch ab 30).

29) Albers Das Jahr 301. 303. 30) SchwVk. 12, 3.

9. Seltsamerweise wurde sie (oder wird sie) in Nennig gegen Blattern angerufen, die selbst Barbarablattern heißen 31). Der Besitz der Barbarawurzel (Allium victoriale, Siegwurz, Kraftwurz) verleiht Unverletzbarkeit (Allermannsharnisch) 32).

31) Fontaine Luxemburg 107. 32) ZfVk. 1 (1891), 304.

10. Der mit mannigfaltigen Meinungen verknüpfte Brauch, am Barbaratage Zweige von Obst-, vorzüglich von Kirschbäumen (Weichsel), oder von einer Birke, oder von anderen Bäumen zu brechen, in einen Wassernapf oder in eine Flasche zu stellen und an den oder auf den warmen Ofen zu setzen oder in die Zimmerecke zu bergen, wird noch in sehr vielen Gegenden gehegt 33). In einigen gibt es noch bestimmte Vorschriften, wann man die Zweige holen soll, z.B. beim Vesperläuten 34) oder ehe die Sonne anschlägt, d.i. voll drauf scheint 35). Man erwartet, daß diese Barbarazweige am Christtage grünen und blühen. Bauer und Bäuerin orakeln aus dem Blühen das Gedeihen des kommenden Jahres, z.B. eine gute Obst- und vorzüglich Kirschenernte, oder allgemein, ein fruchtbares Jahr 36). In manchen Familien wird für jedes Mitglied ein besonderer Zweig aufgestellt. Wessen Zweig zuerst oder am schönsten blüht, hat Glück zu erwarten 37). Mädchen schreiben den Namen des Geliebten auf den Zweig, um aus dessen Grünen und Blühen auf Erfüllung ihrer Hoffnungen und Sehnsüchte zu schließen 38). In Dellingen (Oberamt Ellwangen) glaubt man, daß jemand aus dem Haus im kommenden Jahr stirbt, wenn der Zweig nicht blüht 39). Man mißt ihm auch sonst magische Kraft zu und glaubt, man könne verborgene Dinge sehen, wenn man ihn zur Christmette mit in die Kirche nimmt 40). Vereinzelt wird er auch als Weihnachtsbaum aufgestellt 41), aber mehr noch, ähnlich wie Zweige bei andern Gelegenheiten, als Lebensrute benutzt, in der die Triebkraft der Natur in den kommenden Frühling hineingetragen wird und mit der die weiblichen Mitglieder der Familie, das weibliche Gesinde und die Mädchen im Dorf an den Weihnachtstagen oder am Neujahrstage gepeitscht oder „gefitzelt“ werden 42). Martin Greif hat den Brauch in seinem Gedicht „Barbarazweige“ verherrlicht.

33) Germania 21 (1876), 412; Baumgarten Jahr u. s. Tage (1860), 31; Vernaleken Mythen 340. 34) Meyer Baden 385. 35) ZfVk. 4 (1894), 109. 36) Hoffmann-Krayer 97; ZrwVk. 4 (1907), 8; Meyer Baden 385; Meier Schwaben 2, 462. 37) Niederösterreich: Vernaleken Mythen 340. 38) John Westböhmen 5; ZfVk. 4 (1894), 109. 39)  Höhn Tod 309. 40) Schramek Böhmerwald 113. 41) Kapff Festgebräuche 8. 42) Leoprechting 202; ZfdMyth. 2, 335; Reichenberger Deutsche Volkszeitung (Böhmen) vom 4. 12. 19; Sartori Westfalen 134.

Wrede.

Quelle: Dr. A. Wrede, Barbara, in: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Band 1, Berlin und Leipzig 1927, Sp. 905 - 910.
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