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LUDWIG STEUB - ALPENREISEN


HEIZPROBLEME


Der Herr Kurat ließ nun zwar zum Willkomm sofort die Becher füllen, und wir setzten uns zu viert-denn auch Herr Pertmer war noch unter uns - an den gastlichen Tisch; aber es wollte sich doch der rechte Humor nicht einstellen. Es fehlte ein gewisses Etwas, während ein anderes Etwas sich ungebührlich vordrängte. Jenes möchte ich behagliche Wärme, dieses fröstelnde Kälte nennen. Ja, wir saßen alle mit blauen Nasen da, und der vereinigte Dampf unseres Atems wälzte sich über den Tisch hin wie Pulverwolken über ein Schlachtfeld. Der Herr Kurat schien auch zu bemerken, daß mir nicht ganz wohl zumute sei.

"Sind wohl etwas warm geworden da über den Berg herauf?"

"Allerdings, aber um so kälter find' ich's hier."

"Ojerum, will gleich eine Wildschur bringen."

"Nein, bitte, lassen Sie lieber einheizen!" (Es steht nämlich ein sehr achtbarer Ofen in dem Zimmer.)

Der Gedanke schien an und für sich schon rebellisch - doch wurde die Häuserin gerufen.

"Was", sagte diese, "übermorgen ist erst St.-Markus-Tag, und hier heizt man nicht vor Galli!"

Im Gebirge hat nämlich jedes Dorf nach seiner warmen oder kalten Lage seinen eigenen Ofenheiligen, welcher es, wie man glaubt, übelnimmt, wenn die Ortsangehörigen einheizen, ehe er seinen Namenstag gefeiert.

"Den Herrn Kuraten", setzte sie hinzu, "friert's auch erst am Galli-Tag."

"Aber den Hochwürdigen von Laurein hat's gestern abend schon gefroren und liegt doch nicht so hoch wie ihr. Dort gibt's eine warme Stube."

"Der Herr Kurat da unten", entgegnete sie schnippisch, "kann sich über den alten Brauch hinaussetzen, wann er will, aber wir da oben halten ihn."

"Und derweilen erfrieren wir mitten im Urwald."

Aber mit einer Häuserin, welche von so festen Prinzipien ausgeht, ist es schwer zu streiten. Die Vertreterin des guten alten Brauchs stand da dem Neuerer, der sich nur auf seine blaue Nase stützen konnte, in überlegener Höhe gegenüber. Ich zog meinen Antrag beschämt zurück und schlüpfte in die freundlich dargebotene Wildschur. Bald schien auch der Wein seine wohltätige Wirkung zu bewähren, und unsere Gespräche über die armen, aber ehrlichen Proveiser wurden bald so warm, daß sie auch die Stube zu erwärmen schienen, so daß in einer halben Stunde die reinste Behaglichkeit zu herrschen begann.

Das gesamte Heizungswesen der Deutschtiroler - von den Welschtirolern ganz zu schweigen - liegt noch in der Kindheit, oder vielmehr: es ist uralt, aber vor Alter wieder kindisch geworden. Da steht noch allenthalben der Ofen aus Kaiser Maximilians Tagen wie eine feste Burg in der Stube - vier Mann können ihn kaum umspannen, und keiner reicht mit der Hand an seine Zinnen. Vulkane von solcher Mächtigkeit waren erlaubt, als das Holz noch wertlos; jetzt, da es teuer geworden, verstoßen sie gegen die Vernunft. Mit weniger als einem halben Klafter sind jene Gebäude überhaupt nicht zu erwärmen, wenn sie aber einmal in Hitze geraten sind, läßt man sie wochenlang fortbrennen wie die Hochöfen. Eine warme Stube vergönnt man sich also nur im tiefen Winter; in kalten Lenz- und Herbsttagen hüllt man sich lediglich in die eigene Entsagung oder in die Erinnerung an den heißen Sommer ein. Die erlaubte Behaglichkeit, mittels kleiner Öfen sich, so oft es wünschenswert, auf kurze Zeit das Kämmerlein zu wärmen, diese kennen nur etliche Fortschrittler, Freimaurer und andre problematische Naturen in den größeren Städten. Als vor ein paar Jahren zu Meran einmal im September ganz eisige Winde eintraten und das Thermometer fast auf den Gefrierpunkt fiel und die nordischen Traubengäste ganz "griechenblau" herumliefen, erschien den Meranern eine Anspielung auf den Ofen gleichwohl als eine Versündigung an ihrem herrlichen Klima und ihren tausendjährigen Überlieferungen. "Einheizen tun wir nur im Winter", sagten sie, "jetzt ist erst Herbst." So wird es auch auf der Post in Höllenstein gehalten, obgleich sie 4500 Fuß über dem Meere liegt und daher die kalte Jahreszeit hier viel früher anfängt als zu Meran. Zudem zählten wir an diesem Tage schon den 19. September.