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  Meine Schreibmaschine
  Plauderei von S. Eib.
Innsbrucker Nachrichten, 55. Jahrgang, Dienstag, 11. Februar 1908
   
 

Ich habe die persönliche Bekanntschaft einer Schreibmaschine in ziemlich vorgerücktem Alter gemacht, fast lächerlich spät für einen aus dem 19. ins 20. Jahrhundert hineinlebenden Menschen. Wenn ich ehrlich sein will - und ich will es -, muß ich bekennen, daß ich lange eine Art Scheu vor diesem Mechanismus hatte, der, wie mir schien, eine ganze Umwälzung im geistigen Schaffen der Menschheit hervorrufen mußte, von der ich annahm, daß sie sich in demselben Unterschiede ausdrücken würde, der sich etwa zwischen feinen Handstickerei und mittels einer Maschine hergestellten Stickerei dartut. Also: Ausschaltung jeder Individualität. Wie bei allem, was die Maschine herstellt, eine gewisse Uniformität. Alle Briefe, alle Schriftstücke überhaupt, von erschrecklicher Gleichheit des Aussehens. Und mir wollte scheinen, daß durch das Maschinschreiben nach und nach eine große Gleichheit des Ausdruckes, des Gefühles, sich herausbilden müsse. Das mag übrigens in unserem alten Erbteil eine ziemlich verbreitete Ansicht gewesen sein, insbesondere aber bei den Deutschen, die ja immer bestrebt waren, nichts preiszugeben, was mit ihrer Individualität zusammenhängt. Also vielleicht auch ihre Handschrift, in der, wie vielfach behauptet wird, sich gleichfalls der persönliche Wesenszug ausdrücke. Jedenfalls hatte die Schreibmaschine sich in Amerika und England längst durchgesetzt, ehe sie auf dem Kontinente hie und da erschien, ein Wunderding, das man um seiner Seltsamkeit willen bestaunte, an dessen Einführung in den täglichen Gebrauch Tausender und Abertausender keinesfalls gedacht wurde. Dabei spielte der auch heute noch ziemlich hohe Preis einer guten Schreibmaschine gewiß nicht in erster Linie mit, sondern die Scheu, oder sagen wir ruhig: das Schamgefühl, die intimste Tätigkeit, das Schreiben, fortan durch eine Maschine zu besorgen. Und es hatte lange gebraucht, bevor diese Scheu überwunden wurde. Daß sie unbegründet war, soll später noch ausgeführt werden.

Von einer Einbürgerung der Schreibmaschine bei uns kann eigentlich erst seit zwanzig Jahren die Rede sein; vorher fand man sie nur in großen Bureaus und ab und zu bei einem, der sich die neue Art des Schreibens zum Broterwerb gewählt hatte und mit den Schriftenkopisten alten Systems in Konkurrenz trat. Und doch liegt die Geburt der Schreibmaschine schon fast zweihundert Jahre zurück. Freilich war die vom Mill in England erfundene Maschine ebenso unvollkommen, wie die Halbkugel des Dänen Malling-Hansen. Wenn letztere, mit ihren an beweglichen Stiften angebrachten Typen, die durch den Anschlag auf Indigopapier, das über die eigentliche Schreibmaschine gebreitet war, das Buchstabenbild hervorrief, auch schon das System andeutete, das nur weiter auszubauen war. Aber auch die bald nachher auftauchenden verschiedenen Typen stellen nur ebensoviele Versuche dar, bis es dem Mechaniker Glidden (mit den Buchdruckern Sholes und Soule) im Jahre 1867 gelang, eine Maschine herzustellen, die als die erste wirklich brauchbare bezeichnet werden darf. Die große amerikanische Waffenfabrik von Remington and Sons (im Staate New York) übernahm die Erfindung, und nun dauerte es allerdings nicht lange, und das Maschinschreiben war in Amerika nichts Ungewöhnliches mehr. Seither traten neue Erfinder und Verbesserer auf, die kaum mehr zu übersehen sind, aber im Grunde sind die Unterschiede zwischen den einzelnen Systemen wenig einschneidend und im Prinzip sind sie alle ziemlich ähnlich, wenn hiebei von den eintastigen Schreibmaschinen abgesehn wird, die aber kaum eine Zukunft haben werden. Und heute, vierzig Jahre nachdem die ersten "alten Remingtons" als kleine Wunder der Mechanik bestaunt wurden, darf man wohl sagen, daß Millionen Maschinen der verschiedensten Systeme in aller Welt verbreitet sind und daß auch unser alter Kontinent, wenigstens, wie schon angedeutet wurde, seit etwa zwanzig Jahren, in der Ausnutzung der neuen Erfindung nicht zurückbleiben darf.

Es muß festgestellt werden, daß mit der Einführung der Schreibmaschine vielen Menschen sich ein neuer Broterwerb erschloß, daß insbesondere Mädchen, die sich ja für manuelle Fertigkeiten besser eignen als Männer, ein neues Arbeitsfeld gefunden haben. Telegraph, Telephon und Schreibmaschine gehören gewiß zu jenen Erfindungen, die dem weiblichen Geschlechte in hervorragendem Maße Erwerbsmöglichkeiten bieten. Und es ist anzunehmen, daß die Schreibmaschine sich weitere Kreise erobern wird, daß insbesondere auch die Staatskanzleien sich ihrer bemächtigen werden, was heute - fast möchte man sagen seltsamerweise - nur in einem geringen Maße der Fall ist. Und wie beim Telegaphen, der jetzt vorwiegend von weiblichen Kräften bedient wird, würde sich durch die Schreibmaschine die Unterbringung von Frauen und Mädchen im Staatsdienste von selbst vollziehen.

Bisher war von dem Schreibmechanismus im Sinne des Abschreibens und etwa des Vervielfältigens die Rede und im Allgemeinen dient er ja in erster Reihe der Reinschrift eines zumeist stenographischen Konzepts. Ich möchte jetzt aber eine Weile von der ganz intimen, persönlichen Verwendung der Schreibmaschine reden. Nachdem ich ein Paulus bin, der vordem ein Saulus war, darf ich mir ein gewisses Urteil zutrauen.

Wie ist es nun mit dem direkten Arbeiten in die Maschine, mit dem Konzipieren? Ich weiß, es gibt noch viele, die der Meinung sind, das ginge nicht oder sei doch im Interesse des geistigen Inhalts und der Sprache zu vermeiden. Ich wage es, anderer Meinung zu sein. Gewiß, hier werde ich nur mit meinen eigenen Erfahrungen dienen können, und jederdarf sagen: das ist wohl auch individuell. Aber ich glaube nicht, das Recht zu besitzen, mich für so etwas besonderes zu halten, daß nicht tausend andere zu der gleichen Erfahrung an sich selbst kommen könnten, wenn sies versuchen wollten.

Ich habe mir, wie schon betont wurde, erst in vorgeschrittenen Jahren eine Schreibmaschine zugelegt. Jetzt sinds genau siebzehn Monate her. Es machte sich zufällig in einer Zeit, in der ich gar nicht die Absicht hatte, mich in Unkosten zu stürzen. Der Mann, von dem ich die Maschine kaufte, zeigte mir die allernötigsten Handgriffe, und eine Stunde später klopfte ich meinen ersten Brief ab. Und seiher schreibe ich alles auf der Maschine, alles, jeden Brief, jede schriftliche Arbeit überhaupt, und zwar in Konzept. Also - dichte ich auch in die Maschine. Ich bitte, mich ob dieses freimütigen Bekenntnisses nicht zu verachten. Eine Erfahrung möchte ich, ehe ich weiter von mir und meinem innigen Verhältnis zu meiner Schreibmaschine spreche, zu Nutz und Frommen aller, die sich belehren lassen wollen, preisgeben: Zum Abschreiben eignen sich am besten Maschinen mit verdeckter Schrift, zum Konzipieren jedoch ist die sichtbare Schrift dringendes Erfordernis. Man muß jeden Augenblick, auch während des Schreibens, in der Lage sein, das Geschriebene zu überblicken und überprüfen zu können. Es tut mir leid, nicht jene Schreibmaschinen hier aufzählen zu können, die ich für ganz besonders geeignet halte, leid vor allem, daß ich meine eigene prachtvolle Freundin nicht nennen kann - aber ich darf mich nicht der Gefahr aussetzen, für den bezahlten Reklameschreiber einzelner Fabriken gehalten zu werden, und die Gefahr liegt nahe in einer Zeit, die gerade in der Richtung argwöhnisch sein darf.

Seitdem ich mir die Feder abgewöhnt habe, und das ist buchstäblich zu nehmen, schreibe ich ruhiger, bedachter, überstürze mich nicht und peitsche meine Nerven nicht. Die Schreibmaschine hat mich aber auch dahin gebracht - meine Worte vorsichtiger zu wählen. Die Maschine ist ein Mittel gegen die Trivialität des Ausdrucks. Und das ist zu erklären. Wenn ich die Feder zum Schreiben angesetzt habe, bin ich über ein Wort im nächsten Augenblick hinweg und schreibe schon das nächste. An der Schreibmaschine aber weil mein Auge mehr auf dem Geschriebenen als auf den Tasten, die ich blind finde. Ich sehe also das Bild meiner Gedanken unausgesetzt vor mir auf dem Papier, und zwar - und das ist wohl das Wichtigste - in scharf umrissenen deutlichen Buchstaben, die Druck sind. Im Druck erscheint jede Unebenheit, jede Trivialität, jede Geschmacklosigkeit doppelt so groß als in der hingewischten undeutlichen Handschrift. Sie ist das Hausgewand, der Druck der Salonanzug. Ich bin jetzt, also nach einer verhältnismäßig kurzen Zeit, mit meiner Schreibmaschine verwachsen. Eine größere Fertigkeit im Klopfen, als ich sie mir bis jetzt angeeignet habe, werde ich kaum erlangen, ich dürfte es nie dazu bringen, mit mehr als vier Fingern zu arbeiten, aber ich bin auf der Maschine - ich selbst. Und ich kenne jede ihrer Launen, denn sie hat Launen wie eine schöne Frau, verstehe es aber auch, ihre Launen zu vertreiben, weil ich heute schon imstande bin, ziemlich rasch die Ursachen ihrer Launen zu finden und zur Behebung eventuell ihre Bestandteile zu zerlegen, wenns nötig ist.

Seitdem ich nicht mehr mit der Feder schreibe, strengt mich das Arbeiten nicht mehr an, vielleicht, weil ich an der Schreibmaschine zu einer natürlichen, aufrechten Körperhaltung gezwungen bin, während ich früher durch eine schlechte Haltung schon nach einer am Schreibtisch verbrachten Stunde ermüdet und kreuzlahm war.

Und so, denke ich, wird in absehbarer Zeit jeder, der viel zu schreiben hat, sich zur Schreibmaschine bekehren, wie ich mich zu meiner Freude bekehrt habe. Die Ausgabe ist nur eine scheinbar große, sie ist bald hereingebracht, schon durch den geringen Verbrauch an Arbeitsenergie. Insbesondere sollte dafür gesorgt werden, daß in allen Bureaus im Interesse der dort arbeitenden Menschen, überall, wo die Schreibmaschine in Anwendung kommen kann, nicht die Feder gebraucht werde. Vielleicht kämen wir dann mit der Zeit auch noch zu einem aufrechten Beamtengeschlechte, weil ich die gebückte Haltung an der Schreibmaschine für unmöglich halte.

Also, Verehrtester, schaffen Sie sich eine Schreibmaschine an, Sie werden sie bald lieben, aber sparen Sie dabei nicht. Die teure Geliebte ist - in diesem Falle wenigstens - die bessere Geliebte.

Quelle: S. Eib, Meine Schreibmaschine, Feuilleton "Innsbrucker Nachrichten", 55. Jahrgang, Nr. 34, Dienstag, 11. Februar 1908.

Anmerkung: Es handelt sich bei dem vorliegenden Text um ein Feuilleton der Tageszeitung "Innsbrucker Nachrichten" 1908 in essayistischer Form. Aus technikgeschichtlichen Gründen erscheint der Artikel beachtenswert.

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